Freitag, 11. November 2011

Endhaltestellenwanderungen Teil IV: Gorbitz

Am Donnerstag haben wir endlich den nächsten Teil unserer Wanderungen geschafft. Heute war der westliche Endpunkt der Linie 2 dran, nämlich Gorbitz. Gorbitz ist eines der beiden großen Plattenbaugebiete im Dresdner Stadtgebiet und wird von den Linien 2, 6 und 7 direkt angefahren. Die 2 macht dabei vorher einen Schlenker durch Cotta und erreicht das Viertel von Westen her. Der Endpunkt liegt am großen Straßenbahnhof in Gorbitz, nur die Linie 7 fährt seit Dezember 2008 an den südlichen Stadtrand nach Pennrich weiter.


An der Endhaltestelle

Unsere Spazierroute führt uns allerdings nicht mitten durchs Wohngebiet, sondern eher am südlichen Rand entlang, wir laufen die Forsythienstraße hindurch und sehen links die letzten, teilweise aufregend auch von außen sanierten Plattenbauten, während rechts noch der Straße noch ein älteres Wohnviertel am Hang liegt, ebenfalls noch zu Gorbitz gehörig. Wir kommen am Obergorbitzer Friedhof vorbei und an der "Lebenshilfe" und erreichen die Kesselsdorfer Str., die wir überqueren, um in den "alten" Teil von Gorbitz zu kommen. Hier wird Gorbitz fast dörflich, allerdings steht an der "Pforte" zu diesen Nebenstraßen eine unansehnliche Ruine.



Wir lassen das Wohngebiet links liegen und folgen der Straße, die in einer Sackgasse an Wiesen, Feldern und einem Wasserschutzbereich endet. Die Freude über die Landschaft währt - an diesem ohnehin sehr grau-nebligen Tag - nicht lang, denn die A17 quert bald den Hang, an der Pesterwitzer Str. queren wir sie und gelangen an den Rand der zu Freital gehörenden Gemeinde Pesterwitz, die eigentlich einen eigenen Besuch wert wäre, aber das schaffen wir heute nicht.


Luft holen zwischen großen Straßen...

Wir folgen nun der Autobahn durch ein wildwucherndes Gebiet nach Osten. Dort stoßen wir auf die Saalhausener Straße, die uns zurück nach Dresden und in das Viertel von Naußlitz führt. An der Straße Beerenhut findet man noch viele kleine, alte und verwinkelte Häuser vor. Ein Stück weiter den Hang hinab erreichen wir unsere Verpflegungsstation, das Café Grießbach an der Neunimptscher Straße, laut Eigenwerbung der "Balkon Dresdens", und das stimmt auch denn das Café hat eine hübsche Terrasse mit Blick über die Stadt, allerdings heben wir uns diese für einen Sommerbesuch auf, denn bei dem Hochnebel waren nicht einmal die Türme der Innenstadt zu erkennen. Dafür sind wir - o Freude - genau zum Seniorentanztee am Donnerstagnachmittag eingetrudelt. Während wir uns also mit wirklich köstlicher, gutbürgerlicher Küche stärkten, trudelten die älteren Semester zu Schwatz und Tanz ein.


Schmecken lassen! In Naußlitz wird man satt!

Da die Musik nicht so ganz unser Fall war, verzichteten wir aufs Dessert (das hätten wir nach der Portion ohnehin nicht geschafft) und traten den Heimweg hangabwärts an. Durch ein paar Kleingärten hindurch und die Saalhausener Straße hinunter erreichten wir die Haltestelle Malterstr. und tauchten mit der 6 wieder in die Stadt ein. Diese Linie endet übrigens am Südrand von Gorbitz, wir werden also wiederkehren!


Die südöstliche "Ecke" von Gorbitz im Novembernebel...

Ganz ohne Winnetou

3. Zykluskonzert der Dresdner Philharmonie mit Weill, Korngold und Bartók

Na endlich! - Der Ausruf lag einem auf den Lippen, als man im Saisonprogramm der Dresdner Philharmonie auf den Namen Carolin Widmann stieß. Sie gehört zu den wohl charismatischsten Geigerinnen der jüngeren Generation in Deutschland und brilliert nicht nur mit ihrem technischen Können, sondern auch mit einer alles Neue in der Violinliteratur aufsaugenden Neugier, die sich kurz darauf in atemberaubenden Interpretationen niederschlägt. Ihre große Offenheit und nunmehr jahrelange Erfahrung mit zeitgenössischer Musik erweitert auch die Perspektive für die Klassiker.

Für ihr Dresden-Debut wählte sie das spätromantische Violinkonzert D-Dur von Erich Wolfgang Korngold aus. Das süffige Stück ist normalerweise prädestiniert dazu, das Publikum zwischen aus der eigenen Schublade geklauten Filmmusik, mindestens acht Dutzend unaufgelösten Vorhalten in den Hauptthemen und rasantem Sport auf vier Saiten hart an die Grenze des Ertragbaren zu führen. Doch Carolin Widmanns Interpretation geriet zur Lehrstunde und berührte den Hörer durch eine unbändige Kraftentfaltung, deren Tiefe erreicht wurde durch die mit jedem Ton ausgedrückte Überzeugung, die dahinterstand. Vergeblich suchte man im 3. Satz Winnetou samt Pferd auf sonnendurchflutetem Hang erscheinen, dafür gibt es genügend Geiger auf dieser Welt, die für das Anwerfen solch imaginärer Kitschmaschinerien zuständig sind. Widmanns Augenmerk galt vor allem der hochentwickelten technischen Seite des Werkes, das ja für Jascha Heifetz geschrieben wurde. Neben ordentlich Feuer in den Ecksätzen war ihre Deutung des 2. Satzes als permanente, von großem Ton durchdrungene Beruhigung eine Glanzleistung. Die Dresdner Philharmonie hatte einige Schwierigkeiten, den rasanten Tempi der Solistin zu folgen, das gelang selbst mit konzentrierter Hilfe des - auch hier ein Debut bei der Philharmonie - amerikanischen Gastdirigenten James Gaffigan nicht immer reibungslos. Trotzdem war man sehr erfreut über einen vor allem durchlässigen, manchmal indes aufgrund der durchgehaltenen Konzentration zu spannungsarmen Orchesterklang.

Dabei hatte man sich ja locker eingespielt: Kurt Weills Suite aus der "Dreigroschenoper" war ein schöner Ausflug in einen heutzutage kaum mehr auf der Orchesterbühne gepflegten Musikstil. Und zweifelsohne kann das Ergebnis nur sein: Philharmoniker spielen Weill, dies gelingt mit ganzem Können und Anspruch, aber eben auch in diesem Arrangement von Max Schönherr mit einer gewissen Trockenheit, die Weills Komposition eben genau mittig zwischen Broadway und Konzertsaal verortet.

Hatte das Zykluskonzert mit Liebe und Verbrechen (Weill) sowie Leidenschaft und Tod (Carolin Widmann hatte Korngolds hingebungsvollen Melodielinien eine packende Ysaye-Zugabe inklusive "Dies Irae" folgen lassen) schon den thematischen Faden treffend aufgenommen, war nach der Pause die Geschichte des "Wunderbaren Mandarins" als Märchen von der Erlösung durch Liebe fast folgerichtig. Wenngleich Béla Bartóks Musik denkbar weit entfernt von Korngold und Weill ist, stellt sie doch gerade in diesem Kontext ein wichtiges Dokument der Musiklandschaft des ersten Drittel des 20. Jahrhunderts dar. Zur Zeit der Uraufführung 1926 Skandale im Publikum erzeugend, hat sich der "Mandarin" schon lange zum Bravourstück großer Orchester gemausert und ist in seiner bestechenden Farbigkeit der Instrumentation unwiderstehlich.

James Gaffigan setzte auf eine pointierte Klarheit der Interpretation. Das tat dem Stück sehr gut, denn so erhielt es eine rhythmische Struktur; die Harmonik wurde offengelegt und Zielpunkte deutlich definiert. Da die Tanzpantomime gleichzeitig auch ein ineinander verschränktes Klarinetten- und Posaunenkonzert darstellt, gebührte den beiden fabelhaft aufspielenden Instrumentengruppen großer Sonderapplaus. Mit der stets spannend gehaltenen Ausführung der reich ornamentierten Partitur gelang den Philharmonikern hier eine bestechend gute Interpretation eines sehr anspruchsvollen Werkes.

Jugend und Reife

Kammerabend der Sächsischen Staatskapelle mit Schostakowitsch, Janáček und Dvořák

Werke dreier großer Komponisten standen auf dem Programm des 3. Kammerabends der Sächsischen Staatskapelle, dennoch blieb der Kammermusik-Vereins des Orchesters seinem Credo treu, vor allem unentdeckte Perlen der Musikliteratur zu heben. Unverhoffter Glanz kann ebenso durch eine besondere Interpretation eines bekannten Werkes entstehen und so freute man sich vor allem auf das "Dumky"-Trio von Antonín Dvořák im zweiten Teil des Konzertes. Zuvor machten die Zuhörer Bekanntschaft mit dem frühen Klaviertrio Opus 8 von Dmitri Schostakowitsch. Allen Konzertmeistern der Staatskapelle ist die Vorliebe zum solistischen wie zum Kammermusikspiel sehr zu eigen, so musizierte Geiger Matthias Wollong diesmal mit seinen Leipziger Kollegen Matthias Moosdorf (Cello) und Gerald Fauth (Klavier) - bekannt als "Trio Ex Aequo".

Das Frühwerk des 17jährigen Schostakowitsch gingen die drei mit dem Mut zum Widersprüchlichen an, denn die Komposition kippt beständig zwischen rührig verfolgter romantischer Tradition und einer besonders von Fauth herausmodellierten abstrakten Sachlichkeit. An einigen Übergängen stockte der musikalische Fluss jedoch etwas und die wenigen herausbrechenden Höhepunkte hätten mehr Kontrolle verdient.

Während Schostakowitsch seine musikalische Sprache im Trio gerade zur frühen Reifung formt, blickt Leoš Janáčeks Bläsersextett "Mládi" (Jugend) in der Handschrift des 70jährigen Meisters zurück - in diesem Fall sind es versöhnliche Gedanken, die Janáček formuliert, und dankbar ist man für die natürliche Einbindung der vom Komponisten immer geliebten Volksmusik seines Landes. Andreas Kißling, Albrecht Krauß, Jan Seifert, Robert Langbein, Hannes Schirlitz und Christian Dollfuß interpretierten packend und mit einer rhythmischen Verve, die staunenswert war. Das kleine Ensemble schuf eine charakteristische Klangwelt, in der die zahlreichen Verästelungen und virtuosen Einwürfe perfekt eingebettet waren.

Das abschließende, wiederum vom "Ex Aequo"-Trio dargebotene "Dumky"-Trio von Antonín Dvořák zeigt ebenfalls die reife Komponistenhandschrift, doch dem positiven Glanz der beiden letzten Sinfonien Dvořáks steht hier eine durchgehende Melancholie gegenüber, die erst vom letzten Satz zögernd aufgelöst wird. Diese Wellen und Kontraste arbeiteten Wollong, Moosdorf und Fauth mit klanglicher Flexibilität sehr überzeugend heraus. Sie ließen sich auf jedes noch so kleine Motiv oder eine Begleitfigur immer wieder neu ein und schufen so eine spannungsgeladene Interpretation, die die inneren Geschichten des Werkes erlebbar machte.

Dienstag, 1. November 2011

Pettersson-Aufführung in Leipzig

1. Violinkonzert erklang im Gewandhaus

Das letzte Oktoberwochenende widmete das Leipziger Streichquartett in gleich mehreren Aufführungen an wechselnden Orten in Leipzig bedeutenden Kammermusikwerken. Am Sonntag beendete das Ensemble seinen Zyklus im Mendelssohn-Saal des Gewandhauses. Unter dem Titel “Tiefe Einsichten” gab es zum Abschluss zwei außergewöhnliche Kompositionen von Allan Pettersson und Anton Bruckner.

Handelt es sich bei dem großen Sinfoniker des 19. Jahrhunderts um – von einem frühen Streichquartett abgesehen – dessen einziges Kammermusikwerk, so ist der andere als großer Sinfoniker des 20. Jahrhunderts immer noch nicht recht in der Aufmerksamkeit angekommen. Dass seine – ebenfalls nicht sehr umfangreiche, doch wichtige – Kammermusik einen wertvollen Einstieg zum OEuvre des Schweden, dessen 100. Geburtstag in diesem Jahr fast unbemerkt von der Öffentlichkeit begangen wurde. Um so wertvoller scheint die Würdigung durch das Leipziger Streichquartett, das in diesem Jahr bereits eine Aufnahme mit Kammermusikwerken Petterssons beim Label Dabringhaus & Grimm vorlegte. Darauf ist auch das Konzert für Violine und Streichquartett (1. Violinkonzert) aus dem Jahr 1949 vertreten, dessen verspätetes “Record Release” man nun in Leipzig erleben konnte.

Fast hatte man den Eindruck, es mit der Handschrift eines “jungen Wilden” zu tun; zwar stellt das Violinkonzert Petterssons Debut als Komponist in der Konzertöffentlichkeit dar, aber der zum Zeitpunkt der Uraufführung 40jährige Komponist hatte schon ein erstes “Leben” als Bratscher im Stockholmer Orchester hinter sich, bevor er zu dieser Zeit beschloss, fortan nur noch zu komponieren. Was aber ist dies für ein ungestümes, dramatisches und den Zuhörer mit jeder Note packendes Werk. Die Tonsprache ist schroff, in – Pettersson-Hörern von der später entstandenen Sinfonik her vertrauten – vielen Wellen rollen immer neue Höhepunkte heran, die versiegen, abbrechen, neue Wellen erzeugen. Die chinesische Solistin Yamei Yu tritt nur zu wenigen Kadenzen hervor, alle fünf Musiker haben oft gleichberechtigte, hochvirtuose Parts zu bewältigen. Selten beruhigt sich das Werk, um dann, noch im Adrenalin des vorausgegangenen Höllenrittes, zauberhafte, plötzlich tonal gefärbte melodische Abschnitte hervorzubringen. Dem Leipziger Streichquartett gelang eine überlegte und zupackende Interpretation; das Ensemble schaffte es sogar, den ersten Satz auf eine fast leichtfüßige rhythmische Basis zu stellen und so Kontraste zum Folgenden aufzubauen. Großer Applaus für diese musikalische Entdeckung war die Folge, und vielleicht für manchen im Publikum der Anlass, sich mit dem interessanten Werk des Komponisten näher zu beschäftigen.

Die Partnerschaft mit Anton Bruckner im selben Konzert gerät ungewöhnlich, wenngleich man Parallelen gerade in der Großbögigkeit der Anlage versucht ist zu ziehen, die sich aber erst später in Petterssons sinfonischem Werk offenbaren. So wirkte Bruckners “kleine” Sinfonie für fünf Streicher vor allem in den ersten beiden Sätzen seltsam unbekümmert und das Quintett (mit Barbara Buntrock als Gast an der zweiten Bratsche) brauchte eine Weile, um sich in diese neue Klangwelt einzufinden. Sehr stark war dann das Adagio als Zentrum des Werkes ausgestaltet und genaues Zuhören führte zu einer überzeugenden, in der zelebrierten Langsamkeit niemals den Fluss verleugnenden Interpretation. Mit einer Fuge von Bach als Zugabe verabschiedete sich das Leipziger Streichquartett von diesem intensiven, Horizonte öffnenden Kammermusikwochende.

Montag, 31. Oktober 2011

Endhaltestellenwanderungen Teil III: Prohlis

Am Sonntag nun ging es endlich nach Prohlis. Nach 17 Jahren in Dresden musste ich feststellen, dass ich nur ein einziges Mal wissentlich in diesem Viertel zu tun hatte, als ich den Exilort des Kreuzgymnasiums besucht habe. Vermutlich ist Dresden aber einfach auch groß genug, dass man als "West"-Viertelbewohner schlicht wenig im "Osten" zu tun hat, wenn man nicht gerade Verwandtschaft dort hat oder einen Beruf mit lokaler Mobilität sein eigen nennt. Mobil ist man aber mit der DVB in einer guten halben Stunde aus dem Zentrum vor Ort - die Endhaltestelle Prohlis deckt gleich dreifach unsere Wanderkapitel ab: die 1, 9 und die 13 enden hier.

Möglicherweise widme ich dem Viertel selbst noch ein eigenes Kapitel, wenn mir mitgeteilt wird, was es dort alles zu entdecken gäbe. Wir aber waren am Sonntag natürlich auf Wanderung und Natur eingestellt, und deswegen haben wir uns von der Haltestelle aus gleich südwärts gewandt. Die B172 kreuzend, lassen wir schnell den Kaufpark Nickern an der Seite liegen und tauchen in ein kleines Wohnviertel ein, das idyllisch von Gartensparten begrenzt wird.



Wir sind in Nickern und stellen fest, dass auch hier, wie auch in Leutewitz am Hang zu beobachten, viele neue Ecken mit Einfamilienhäusern entstanden sind. Trotzdem gibt es noch einen alten Dorfkern, den man erlaufen kann und man bestaunt alte Bäume und manch altes Gehöft, das liebevoll restauriert wurde. Der Geberbach windet sich mitten durchs Viertel, und bachaufwärts treffen wir auf das Schloss Nickern, dass fast schon romantisch an diesem Sonntagmittag einen Herbstlaubschlaf schläft.



Wir folgen dem Bachlauf weiter südwärts über Streuobstwiesen und gelangen nach Kauscha. Hier gibt es einen Jugendbauernhof und im Dorf eine imposant auf einer Anhöhe stehende zu Ehren von König Albert 1898 gepflanzte Stieleiche, die wir bewundern.





Weiter den Bach entlang stoßen wir auf zwei Stauseen, die kaum gefüllt sind und als Rückhaltebecken dienen. Die Brücke der A17 über diesen Taleinschnitt finden wir sehr praktisch, da wir genau bei der Passage dieser Brücke Schutz vor dem einsetzenden Regen finden. Der obere See scheint in einem schlechten Zustand zu sein, das Gemäuer bröckelt, von alten Schildern, die den Ort oder möglicherweise die Gefahr beschrieben haben, stehen nur noch die Sockel.



Der Weg, der mit einem grünen Zeichen sogar als Wanderweg ausgewiesen ist, zeigt weiter südwärts, und so erreichen wir nach einer Pferdekoppel und einem Hundesportplatz Goppeln. Der Weg hinauf zur Babisnauer Pappel wäre die Krönung, aber wir sind hungrig und suchen daher nach einem Ort zur Stärkung.

Der Gasthof in Goppeln sieht trotz großformatiger Beschilderung leider verwaist aus, doch finden wir ein Altenheim und Kloster, dass von den Nazareth-Schwestern (ein 1923 von Mutter Maria Augustina gegründeter Orden mit dem Mutterhaus in Goppeln) unterhalten wird: Sonntags 14 Uhr Klostercafé! Unser Ziel ist erreicht und so mischen wir uns in das muntere Publikum, das mit der 75 aus Leubnitz zum Kaffeeklatsch hier rausgefahren ist - der Altersunterschied wird marginal, denn wir verköstigen ebenfalls Käffchen und Kuchen und schwatzen - die selbstgemachten Waffeln nehmen wir uns für den nächsten Besuch vor. Praktischerweise kommt aller halbe Stunde eine 75 den Berg aus Leubnitz hochgekrochen und wendet an der wohl urigsten Endhaltestelle mit steinernem Wartehäuschen und einem weiteren Häusel für das dringende Bedürfnis des Busfahrers. Nachdem die 75 noch eine Ehrenrunde durch Leubnitz dreht, gelangen wir rasch wieder in die Innenstadt und haben auch heute wieder Dresden neu kennengelernt.


Blick von Goppeln Richtung Osten, im Tal der Gebergrund

Weitere Informationen bei Lockwitz-Intern.de

Lebendige Versöhnung durch Musik

Benjamin Brittens "War Requiem" in der Frauenkirche

Ein sonniger Herbsttag neigte sich, als die Besucher am Sonnabend der Frauenkirche zuströmten - Benjamin Brittens monumentales "War Requiem" stand auf dem Programm, veranstaltet von der Stiftung Frauenkirche und musiziert von der Dresdner Philharmonie. Ein wenig sucht man da schon nach dem Anlass einer solchen Aufführung - rechtfertigt ein "normales" Samstagabend-Konzert den Aufwand dieses Werkes, das mehrfach bereits zum Gedenktag am 13. Februar aufgeführt wurde? Diese Frage ist im Falle Britten zu bejahen - denn dieses Stück gehört als musikalisches Versöhnungszeichen ohnehin in die beiden Städte, das Nagelkreuz am Altar der Frauenkirche zeugt von der Verbindung, die im Gedenken, aber auch in Kunst und Kultur lebendig erscheint.

Die Frauenkirche darf gerne zukünftig einigen Mehraufwand betreiben, um dieses 1965, drei Jahre nach der Uraufführung in Coventry erstmals in Dresden erklungene, so wichtige Oratorium dem Dresdner Publikum nahezubringen. Dazu gehört eine gemäßigte Preisgestaltung ebenso wie Werkeinführungen und der Mut, auch einmal von der touristischen Vermarktung abzusehen, die doch allzusehr von der Absicht einer nachwirkenden Aufführung mit Aussage ablenkt.

Musikalisch befand man sich bei der Aufführung am Sonnabend auf allerhöchstem Niveau. Es war die zweite Aufführung des Oratoriums in der Frauenkirche überhaupt; die erste fand dort 2008 ebenfalls mit der Dresdner Philharmonie statt. Die Hamburgische Generalmusikdirektorin und Intendantin Simone Young, profunde Kennerin von Brittens Werk, verstand es exzellent, zwischen exakter, zugreifender Impulsivität und flüssiger Liniengestaltung (etwa im Agnus Dei) zu vermitteln. So erhielt das War Requiem eine Kontrastbreite, die im feinfühlig musizierenden Orchester zwischen innigstem Solo und herausbrechender Masse alle musikalischen Schattierungen zu zeigen vermochte.

Ein von Emotionen freier Nachvollzug des Werkes ist ohnehin schon unmöglich, läßt man sich nur einmal in die von Young gut gezeichneten a-cappella-Schlüsse der Sätze fallen. Mit enormer Weichheit und tragendem Ton wurden diese vom Philharmonischen Chor Brünn geformt, der für das Werk optimal vorbereitet war. Ausgezeichnete Deklamation, gute Intonation und jederzeit in großen Bögen und Linien fließende Stimmen waren die Kennzeichen dieses Spitzenchores. Dem stand der Philharmonische Kinderchor kaum nach, war aber - räumliche Grenzen waren erreicht - auf der seitlichen Chorempore akustisch nur diffus wahrnehmbar. Überragend gestalteten Andrew Staples (Tenor) und William Shimell (Bariton) die exorbitanten Solopartien aus den in den lateinischen Messetext eingefügten Gedichten von Wilfred Owen, die oft zu knapp intonierende Sopranistin Miriam Gordon-Stewart konnte mit dieser Qualität nicht mithalten. Am Ende schien selbst das Orchester ergriffen von der soeben gestalteten, unglaublichen Musik; fast zu kurz erschien die Stille im Rund der Kirche nach dem letzten - versöhnlichen - Chorakkord.

Sinnspiel von Leben und Tod

Karl Amadeus Hartmanns "Simplicius Simplicissimus" in Semper2

"Wir sind ja nun mehr ganz verheeret" - ein Zitat aus Andreas Gryphius ergreifendem Gedicht "Tränen des Vaterlandes" (1636), das mitten in Karl Amadeus Hartmanns Oper "Simplicius Simplicissimus" erscheint und die ganze Befindlichkeit des gebeutelten Volkes im Dreißigjährigen Krieg spiegelt, legt sich von diesem Mittelpunkt aus wie ein Schleier über die ganze Oper: Auch Hartmann (1905-1963) befand sich zum Zeitpunkt der Komposition des Werkes zwischen den Verheerungen der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts. Reflektion und ahnungsvolle Vision gehen hier eine bedrückende Gemeinschaft ein und am Ende der Oper ist klar, dass auch die in vielen Weltgegenden gewaltreiche Gegenwart kaum Anlass zum Zurücklehnen bietet.

Insofern bot die Premiere von Karl Amadeus Hartmanns bewegendem Werk an der Dresdner Semperoper nicht nur einen zeitlos wichtigen Kommentar zum Zeitgeschehen, sondern in knappestmöglicher, konzentrierter Form reichlich Anlass zum Nachdenken. Dass dies ermöglicht wurde, garantierte die stimmige Einheit von Regie (Manfred Weiß), Bühne (Timo Dentler) und Kostümen (Okarina Peter). Für die frühe Kammerorchesterfassung mit 15 Instrumenten schien der intime Raum von Semper2 prädestiniert. Statt in einer Probebühne wähnte man sich durch die Quader-Bühnengestaltung um das Publikum herum in einem derart abgeschlossenen Raum, dass die Übertragung von Szene und Musik auf den Zuhörer in einer selten so direkt zu erlebenden Weise geschah. Konventionelles Frontaltheater wäre bei dieser Thematik ohnehin unangebracht: an jeder Stelle des Werkes, das "seine formale Konsistenz aus der Erregung nicht verleugnen kann" (Hartmann) sind wir unmittelbar angesprochen.

Regisseur Weiß versuchte (von einigen Schneeflocken abgesehen) daher auch gar nicht, die Kraft des Wortes, die ohnehin auch in zeitgenössischen Texten überwiegt, durch Theaterdonner oder Chiffrierung zu mildern. Auf einfachen Hockern folgt das Publikum-Volk der Geschichte des Bauernjungen Simplici, der in den Kriegswirren seine Authentizität behält, die ihm am Ende sogar das Leben rettet und kurzzeitig vermag, anderen die Augen zu öffnen. Wie stark wirkt in dieser minimalistischen Umgebung die 2. Szene in der Natur, wie selbstverständlich und unverrückbar steht der schon von Hartmann mitkonzipierte Lebensbaum als Gleichnis und einziges Bühnenutensil im Raum.

Auch den Protagonisten des Werkes ist anzumerken, dass sowohl die Intensität des Momentes als auch der dramatische Zug hin zur dritten Szene nachvollzogen wird. Die Australierin Valda Wilson in der Hauptrolle bleibt natürlich, sowohl stimmlich als auch darstellerisch; damit folgt man ihr bereitwillig durch Freude und Leid der Handlung. Timothy Oliver als Einsiedel überzeugt ebenfalls mit souveräner Gestaltung, genauso Matthias Henneberg als Hauptmann. In weiteren Rollen fügen sich Allen Boxer und Tom Martinsen, sowie Lina Lindheimer (Tanz) und ein kleines Ensemble des Staatsopernchors in dieses Sinnspiel von Leben und Tod, von Arm und Reich, Frieden und Gewalt. Der Hartmann-erfahrene Dirigent Erik Nielsen leitet straff und gleichzeitig flexibel durch die schillernde Partitur, die zwischen barockem Choral, Strophenlied und derbem Gassenhauer alles auffährt, was in den Zwischenkriegsjahren des vergangenen Jahrhunderts en vogue war - niemals aber verliert Hartmann den ihm eigenen, oft zweifelnden, abwartenden Ton, den Nielsen mit dem Ensemble vor allem in vielen Instrumentalsoli überzeugend herausmodelliert.

Potenzial besteht dennoch, die letzte Konsequenz einer zwingenden Übereinstimmung aller Musiker und Darsteller könnte diese Inszenierung zu einem geheimen Höhepunkt der Saison machen. Dank einer Vielzahl von Ansetzungen sollte jedem Interessierten der Besuch einer Aufführung anempfohlen sein - die fehlenden Kronleuchter vergisst man gleich in den ersten Takten, in denen man - Theater sei Dank - mitten in die Handlung geschleudert wird.

weitere Termine: 24., 25., 27, 30. Oktober & 1., 3., 8., 10., 11. November

Dienstag, 25. Oktober 2011

Endhaltestellenwanderungen, Teil II

Heute gab es schon die nächste Wanderung - zukünftig auch bebildert und immer mit Links zu interessanten Wegpunkten, Verschnaufstätten oder Bemerkenswertem am Straßenrand. Die Wanderungen werden hier in loser Folge erscheinen, aber wir versuchen natürlich, die 19 Endpunkte straff nacheinander in Angriff zu nehmen. Über den Menüpunkt "Dresden" links sind alle Berichte schnell aufrufbar.

In Ermangelung eines großen Zeitfensters, das uns heute eigentlich zum anderen Endpunkt der Linie 1, nach Prohlis, hätte führen müssen, entschieden wir uns für die Linie 3 zum Wilden Mann - Künftig versuchen wir allerdings die Abfolge der Linien einzuhalten, der nächste Bericht kommt also wirklich aus Prohlis.
Man sollte auch keinesfalls denken, ich käme aus der touristischen Branche - es war einfach eine Idee, die Stadt besser kennenzulernen und die Hunderunde vom berühmten "um-den-Block-Gang" zu erweitern, schließlich ist die DVB ja fix und befördert einen schnell an die Ränder der Stadt. Die Touren selbst entstehen meist spontan - wir lassen uns überraschen, wen oder was wir vorfinden.

Wilder Mann also, eingebettet in die Viertel Trachau und Trachenberge, der Name entstammt wohl dem Volksgebrauch und dem Namen eines Ausflugslokals, das aber nicht mehr existiert. Wir verlassen den gelben Zug an der Schleife und wenden uns bergwärts. Geräusche und Abgase verfolgen uns zunächst bis hinter die Autobahn. Dahinter beginnt die sogenannte "Junge Heide", ein Fortsatz der Dresdner Heide, heute vom gerodeten Heller und der Autobahn getrennt, aber immer noch ein imposantes Waldgebiet, das im Norden nach Boxdorf und westlich bis nach Radebeul reicht. Bis zum Heidefriedhof wandern wir nicht, sondern halten uns parallel zur Autobahn, womit sich nicht unbedingt romantische Waldesstille einstellt.


Funktionaler Bau in Trachau: die Sparkasse

Eine Unterführung führt uns zurück nach Trachau in das Gebiet um die Schützenhofstraße, hier ist das Wohnviertel der Großsiedlung Trachau architektonisch besonders interessant und viele Grundstücke am Hang weisen sehr individuelle Gärten und Häuser auf.



Eine namenlose Treppe führt hinauf in Richtung Galileistraße, etwas oberhalb an der Neuländer Straße residiert das Landeskriminalamt. Von oben hat man einen guten Blick über die Westseite der Stadt bis hinüber nach Gorbitz, 600 tief ziehende Kraniche waren bei diesem Termin nicht geplant, verschönern uns aber mit ihren Rufen den Spaziergang. Die Runde muss dann leider wieder beendet werden, allerdings nicht ohne Einkehr. Diese findet noch am Bergzipfel in der passenderweise "Bergziege" benannten Eisdiele statt, in der man kurz einmal Ruhe und dampfenden Kaffee samt "Gedeck" (sogar der Hund bekommt ein Leckerli!) findet, bevor wir noch einem etwas orientierungslosen älteren Herrn wieder zurück in die Stadt verhelfen und mit der 3 daselbst wieder eintauchen.

Erneuerung und Kontinuität

20 Jahre "Sächsische Gesellschaft für Neue Musik"

Die ersten Jahre nach der Wende bedeuteten für viele Menschen intensive Phasen der Neuorientierung. Neben der Suche und Behauptung der Identität stand im kulturellen Bereich im Vordergrund, sich nicht nur in der neuen Gesellschaft wiederzufinden, sondern auch gestaltender Teil dieses Neuen zu sein. So wuchsen und verblühten verschiedene Pflanzen des Aufbruchs, doch manche hatten Bestand und nach wechselvoller Geschichte gilt es heute Jubiläum zu feiern.

Im März 1991 gründeten Dresdner Komponisten, Musiker, Musikwissenschaftler und Dramaturgen die "Sächsische Gesellschaft für Neue Musik". Nicht nur das Wissen um ähnliche, bereits bestehende Einrichtungen im Westen stand im Focus, sondern vor allem der Willen zur Pflege und Aufführung der in Sachsen entstehenden zeitgenössischen Musik. Impulsgebend waren sicherlich damals die noch jungen "Tage der zeitgenössischen Musik", anstelle eines Festivals sollte die Gesellschaft aber vor allem gemeinsame Interessen, kreative Ideen und künstlerisch wirkende Persönlichkeiten bündeln. Als eingetragener Verein konnte die SGNM sich fortan im Dresdner Kulturleben verorten.

Ihre Aktivitäten sind dabei so vielgestaltig wie die neue Musik selbst; die Unabhängigkeit der kleinen Gesellschaft in der Kulturszene wurde bewahrt, wenngleich Kooperationspartner wie die Hochschule für Musik oder das Europäische Zentrum der Künste in den heutigen Zeiten nicht nur unabdingbar, sondern auch sehr nützlich erscheinen. So gab es je nach Veranstalter und Konzertkonzept wechselnde Aufführungsorte, auch die Gesellschaft selbst erneuerte sich in den zwanzig Jahren mehrfach. Natürlich ist der Landesname im Titel der Gesellschaft Programm, denn im Freistaat arbeiten schließlich unzählige Komponisten an der künstlerischen Gestaltung unserer Gegenwart, an tönendem Material herrscht also kein Mangel. In der letzten Dekade ist eine Kontinuität zu beobachten: seit 2004 leitet der Komponist Prof. Günter Schwarze die Geschicke; ab 2007 wurde die Konzertreihe "modus vivendi" entwickelt, in der die Orgel im Blickpunkt neuer Werke steht.

Daneben bildet Kammermusik in gemischten Besetzungen einen Schwerpunkt, jüngst wurde auch ein eigenes Ensemble gegründet. Trotzdem gab und gibt es auch immer wieder Einladungen versierter Instrumentalisten der zeitgenössischen Musik zu Porträt-Konzerten. Das 20jährige Jubiläum der Gesellschaft wird mit einem Orgelkonzert im Rahmen des Tonlagen-Festivals gefeiert. In der Martin-Luther-Kirche, deren frisch restaurierte Jehmlich-Orgel dann exemplarisch für Zeitgenössisches eingeweiht wird, musizieren am 10. Oktober Lydia Weißgerber und Reimund Böhmig (Orgel). Fünf Uraufführungen stehen auf dem Programm, darunter zwei neue Stücke aus dem großen Orgelzyklus "Namen Gottes" von Jörg Herchet, einem der Gründungsmitglieder der SGNM.

(8.10.11)

Die Leichtigkeit der Anstrengung

Jubiläumskonzert des elole-Klaviertrios beim "Tonlagen"-Festival Hellerau

Die Zeitbestimmung bei Jubiläen ist selten aussagekräftig: was bedeuten überhaupt zehn Jahre? Angesichts der atemberaubenden musikalischen Präsenz des Dresdner elole-Klaviertrios, das in diesem Jahr genau diese Zeitmarke erreicht, überlegt man erstaunt - gab es elole nicht schon immer? Diese zeitlose Eleganz der Interpretation, der Respekt vor den Komponisten, der Musik, der überaus sympathische handwerkliche Aspekt, der sich auch noch in der dem Konzert anschließenden Feier offenbart, wenn die musikalische Arbeit als das eigentliche Fest postuliert wird? -

Man gratuliert einem Klaviertrio, dass es geschafft hat, in zehn Jahren nicht nur eine Perlenkette von Uraufführungen aneinanderzureihen, sondern das Genre selbst kraftvoll im 21. Jahrhundert ankommen zu lassen. Bewundernswert, dass der Weg des immer Neuen konsequent beschritten wurde; zu hoffen ist, dass das freie Ensemble zukünftig seine Qualität und Strahlkraft weiterhin innerhalb der Stadt als auch - und das ist längst überfällig - international entfalten kann. Das Jubiläumskonzert fand - mit Selbstverständlichkeit und Freude vom Veranstalter getragen - am Mitwoch während des Tonlagen-Festivals im Festspielhaus Hellerau statt.

Im Nancy-Spero-Saal gelang eine reizvolle musikalische Gegenüberstellung, die an die Anfänge des Trios zurückführte, denn zwei Werken aus dem ersten Konzert 2001 wurden zwei Uraufführungen derselben Komponisten zur Seite gestellt. Das Alte erklingt neu, das Neue wirkt plötzlich bekannt - so verblüffend einfach kann eine Konzertdramaturgie sein und so spannend gerät sie, wenn man um den Ernst und den gleichzeitigen Genuss in der Erarbeitung weiß, den Uta-Maria Lempert (Violine), Matthias Lorenz (Cello) und Stefan Eder (Klavier) den Werken angedeihen lassen. Ein gewisses Lustprinzip war bei der Auswahl der Stücke natürlich spürbar: mit allen drei Komponisten verbindet das Trio eine langjährige Beziehung und es teilt sich unmittelbar der Wille mit, die Besonderheiten der Stücke in klingende Botschaft umzusetzen.

Friedemann Schmidt-Mechau ("Sieben kleine Sätze" / "Nähe und Krümmung") etwa komponiert in klar abgestecktem Rahmen, um aber genau dessen Ränder zu erkunden, das Werk sogar kurz zu verlassen, um das Bewusstsein zu schärfen. Irritiert folgt der faszinierte Zuhörer dieser Trio-Achterbahn, die am Ende sogar noch einen fein ironischen Zug trägt. Michael Maierhofs ("Sugar 1" / "Exit E") Focus liegt im Gegensatz dazu völlig auf einer sprachbildenden Klangerzeugung, die jeglichen Bezug, jeglichen Verweis auf Bestehendes ausschaltet. Wiederum angenehm irritiert, dankt man für den Einstieg in eine Musikhöhle, in der es rattert und knarzt, und in der eine möglicherweise unerträgliche Gegenwart plötzlich in Geräuschen wieder einen Rückzugsort findet und Anstrengung eine überraschende Leichtigkeit erfährt.

Charlotte Seithers "Equal ways of difference" war hingegen ein vor allem formal sehr ansprechendes Stück, in dem ein zunächst ziellos wirkendes Materialkarussell nach und nach immer mehr Linearität und Beruhigung erfuhr. Diese ganzen Hörerfahrungen gründen einzig auf einer nur famos zu nennenden Interpretation. Einhelliger Jubel des Publikums war der Dank nicht nur für dieses Konzert, sondern für sehr viel Musik in zehn Jahren, denen hoffentlich weiterhin solch intensive, erhellende Jahre folgen werden.

Mehr elole: Homepage von elole
(6.10.11)

Ein Berg Arbeit

"Les Fleurs du Mal" von Klaus Schedl bei den Tonlagen Hellerau

Nach der festlichen Eröffnung des "Tonlagen"-Festivals im Festspielhaus Hellerau war der zweite Konzertabend augenscheinlich einem "leisen" Genre gewidmet - ein Liedzyklus war angekündigt. Doch weder huldigte man dem klassischen Genre des Klavierliedes noch war mit Charles Baudelaires "Les Fleurs du Mal" (1857-1868) eine sinnlich-romantische Vorlage gegeben. Wer den etwas lobhudelnden Programmtext im Voraus gelesen hatte, war auf "beherzte Musiker" und "fragile Apokalypsen" vorbereitet. Der in München lebende Komponist Klaus Schedl (geb. 1966) hat insgesamt sieben Gedichte Baudelaires vertont und diese Musik in die Hände des von ihm 1993 gegründeten Münchner Ensembles "piano possibile" gegeben.

Damit standen ihm kundige Instrumentalisten zur Verfügung, die weder Komplexität noch Innovation scheuen und in den sieben Liedern eine Interpretation formten, die für die Zuhörer vor allem nach einem Berg Arbeit aussah. Denn so eifrig sich die fünf Musiker und zwei Vokalisten auch mühten, der Anspruch, dass "der Gehalt, nicht die Worte" vertont würden, teilte sich in den 70minütigen Tiraden aus dichter zeitgenössischer Musik vermischt mit Live-Elektronik, Noise- und Punkelementen kaum mit. Baudelaire wurde so im Gesamteindrück wirklich auf das Böse, auf Schmutz, Schmerz und Ennui reduziert. Damit tut man aber dem Dichter keinen Gefallen und dem Publikum auch nicht, zumal die Darbietung von piano possibile in der klassischen Frontalanordnung mit hübschen blauen und roten Scheinwerfern in krassem Gegensatz zum bruitistischen Ansatz des Komponisten stand.

Auch die Interpretation ließ an einigen Stellen Wünsche offen: die beiden Vokalisten Sascha Friedl und Mafalda de Lemos konnten die erforderliche Bandbreite und Intensität des Ausdrucks stimmlich nicht befriedigend umsetzen; Schedls Schnitte und Zerstückelungen der Gedichte führten auch mehrfach zur Auslöschung von lyrischen Momenten, die als Chance in Rezitation oder Wortvertonung bestanden hätten. Daher blieben wenige kreative Augenblicke des Staunens als positiver Eindruck, dann nämlich, wenn Hass, Wut und Tränen eben keine musikalische Entsprechung als Gewaltausdruck im Lärmen fanden, sondern sich einzelne Töne und Geräusche verästelten oder verebbten.

Dass schließlich auch der bewusste Umgang mit musikalischer Zeit eine andere Ebene hervorgebracht hätte als das vertikale Vernieten von Geräuschphasen wäre der letzte Wunsch an diesen Liederzyklus gewesen, dann wäre auch Baudelaire in seiner ganzen Pracht des Höllengesangs wieder zum Vorschein gekommen.

(3.10.)

Entspannung und Leidenschaft

1. Kammerkonzert der Dresdner Philharmonie mit dem "Freien Ensemble Dresden"

Im elften Jahr seines Bestehens eröffnete das "Freie Ensemble Dresden" den Reigen der Kammerkonzerte der Dresdner Philharmonie auf Schloss Albrechtsberg. Das vom Cellisten Daniel Thiele geleitete Ensemble ist nicht nur "frei" in seiner oft außergewöhnlichen Werkauswahl, es läßt auch interessante, gemischte Kammermusikbesetzungen zu. Da die meisten Musiker der Dresdner Philharmonie angehören und das Ensemble schon auf eine reiche Konzerttätigkeit zurückblickt, dürfen sich die Zuhörer immer auf kompetente Darbietungen freuen. So war es auch am Mittwoch, als das Ensemble Klarinettentrios von der Klassik bis zur Gegenwart vorstellte.

Mit Werken von Beethoven, Bruch, Lischka und Zemlinsky war hier ein üppiges Programm angekündigt, doch die drei Musiker Fabian Dirr (Klarinette), Daniel Thiele (Cello) und Christoph Berner (Klavier) bewältigten die anspruchsvollen Stücke nicht mit äußerlicher Anstrengung, sondern mit auf gegenseitigem Verständnis beruhender Leichtigkeit. Den Beinamen "Gassenhauer" des Trios B-Dur Opus 11 von Ludwig van Beethoven strafte das Ensemble gleich Lügen, indem es vor allem die Schönheiten der ersten beiden Sätze bloßlegte: einem harmonisch bemerkenswerten Auftakt folgt einer der schönsten langsamen Sätze für diese Besetzung überhaupt, das machte die innige Interpretation klar. Der "Gassenhauer" selbst im Finale entpuppt sich als ökonomisch komponierter Variationssatz, der beim Freien Ensemble Klarheit und Musizierwitz vereinigte.

In den folgenden Stücken für Klarinettentrio aus Opus 83 von Max Bruch kam es hingegen auf große Bögen und die zu schaffenden Bilderwelten der Romantik an, hier beeindruckte vor allem die geschmackvolle "Rumänische Melodie", während der abschließende "Nachtgesang" wirklich zur reinsten Entspannung geriet. Der Dresdner Komponist Rainer Lischka hat für das Ensemble 2010 ein "Tritonus-Trio" komponiert, das im April dieses Jahres uraufgeführt wurde. Unabhängig vom sachlich formulierten Titel des Werkes bewegt sich das vorsichtig beginnende Stück schnell in Sphären von Jazz und Blues und formt dabei virtuos-dichte Höhepunkte, die an Bernsteins übermütigste Jahre erinnern. Faszinierend gerät, wie Lischka auf intelligente Weise Konzertmusik und improvisatorisch anmutende Lockerheit eines Jazz-Satzes verbindet; die Darbietung des Werkes gelang auf höchstem Niveau.

Nach der Pause war das Trio d-Moll von Alexander Zemlinsky eine Entdeckung, die Hörer und Spieler gleichermaßen forderte: allen drei Sätzen war eine immer wieder mal emphatisch, mal tragisch herausbrechende Leidenschaft zu eigen, die Dirr, Thiele und Berner jedoch stets mit ruhig atmendem Puls zu formen wussten. Solch kundige Interpretation wurde vom Publikum beglückwünscht und fand ihren Abschluss in einer Zugabe, einem weiteren, sehr kantablen Stück von Max Bruch.

(2.10.11)

Ein Kino im Westjordanland

Dresdner Sinfoniker eröffnen mit "Cinema Jenin" das Tonlagen-Festival

Wenn Markus Rindt, Intendant der Dresdner Sinfoniker, auf der Suche nach neuen Klängen durch die Welt reist, bleibt er selten lange allein. Zu sehr interessiert er sich für die Kultur, das Leben und vor allem die Musik in den betreffenden Ländern, sei es Tadschikistan, Ost-Anatolien oder Palästina. Aus den vielfältigen Kontakten entstehen Ideen und Visionen; manche müssen über Jahre wachsen und reifen, um Weltkulturen, Meinungen und auch die Finanzierung zusammenzubringen und Hindernisse à la "Markus, das ist doch völlig unmöglich" im Handstreich aus dem Weg zu räumen. Wer im letzten Jahr die anatolische Reise "Hasretim" der Dresdner Sinfoniker bei den Tonlagen Hellerau besuchen konnte, hat ein tiefgehendes Musikerlebnis, Musikverständnis aus Anatolien mitnehmen können.

In diesem Jahr wird das Tonlagen Festival mit einem neuen Projekt des experimentierfreudigen Ensembles eröffnet. Diesmal wenden sich die Sinfoniker Palästina zu, genauer: der Stadt Jenin im Westjordanland. Der persische Komponist und Kamancheh- (ein iranisches Streichinstrument) Virtuose Kayhan Kalhor schrieb als Auftragswerk für die Sinfoniker und den Dirigenten Andrea Molino "Cinema Jenin - A Symphony" - eine konzertante Hommage an das weltweit bekannt gewordene Kino in Palästina. Das neue Werk wird er mit dem Orchester und mit vier weiteren Solisten aus dem Iran, Ägypten, Israel und den USA zur Uraufführung bringen.

Weltbekannt wurde die Stadt Jenin durch das Schicksal Ismael Khatibs, der 2005 die Organe seines von israelischen Soldaten getöteten 11jährigen Sohnes Ahmed an israelische Kinder spendete. Diese großartige Geste der Versöhnung bildete nur drei Jahre später den Ursprung für den Wiederaufbau des Kinos in Jenin, das seit der ersten Intifada 1987 geschlossen und dem Verfall preisgegeben war. Rindt lernte den Dokumentarfilmer Marcus Vetter in Jenin kennen, der Khatibs Geschichte preisgekrönt verfilmt hatte und mit ihm das Kino wieder zum Leben erweckte. Gemeinsam mit Vetter und dem Produzenten Ben Deiß wurde die Idee geboren, die Geschichte des Kinos auch musikalisch zu begleiten und Musiker aus der Region dafür zu begeistern - zu Kayhan Kalhors Musik werden nun Szenen aus Marcus Vetters gerade entstehenden Dokumentarfilm „Cinema Jenin“ gezeigt.

Ein weiteres Werk Kalhors, "Silent City" wird darüber hinaus in einer speziell für die Sinfoniker entstandenen Version uraufgeführt - besonders spannend wird zu erleben sein, wie sich die Musiker hier mit der traditionellen persischen Musik, die ganz eigene Regeln und Skalen kennt, auseinandersetzen werden. Bereits um 18 Uhr können die Konzertbesucher im Festspielhaus den preisgekrönten Dokumentarfilm „Das Herz von Jenin“ von Marcus Vetter sehen.

-- Rezension des Konzertes: --

Heimkommen in der Musik
"Cinema Jenin - A Symphony" zur Eröffnung des "Tonlagen"-Festivals in Hellerau uraufgeführt

Der dritte Jahrgang des "Tonlagen"-Festivals in Hellerau wurde am Sonnabend mit einem Konzert der Dresdner Sinfoniker eröffnet. Zuvor wiesen Intendant Dieter Jaenicke und Bürgermeister Ralf Lunau in ihren Reden auf mehrere feierwürdige Jubiläen hin, die mit dem diesjährigen Festival verbunden sind: der 100. Geburtstag des Festspielhauses etwa, dessen Fassade zwei Tage vor der Festivaleröffnung fertiggestellt wurde. Neben der behutsamen denkmalpflegerischen Restaurierung ist nun auch wieder das Yin-und-Yang-Symbol im Giebel zu bestaunen. Außerdem finden - nach alter Zählung - die nunmehr 25. Tage der zeitgenössischen Musik statt, die 1987 von Prof. Udo Zimmermann begründet wurden und fundamental zur Entwicklung des Kunstortes Hellerau beigetragen haben. Schließlich werden die "Tonlagen" in diesem Jahr den Minimal-Komponisten Steve Reich ehren, der dieser Tage seinen 75. Geburtstag feiert.

Viele freudige Anlässe also, doch der musikalische Eröffnungsbeitrag geriet ernst, bewegend und auch politisch. Damit wurde ein Gegenzeichen gesetzt zur Unbekümmernis, in der die Musik der letzten Jahre sich zwar oft parallel, aber selten Position beziehend zu gesellschaftlichen und politischen Realitäten verhält. Die Sinfoniker lassen es selten dabei bewenden, die Welt lediglich musikalisch abzubilden, immer auch verbinden sich Botschaften, Visionen oder Experimente damit. In Zusammenarbeit mit dem Dokumentarfilmer Marcus Vetter, dem arabischen Kamancheh-Spieler und Komponisten Kayhan Kalhor und dem Produzenten Ben Deiß wurde die Musik zum Film "Cinema Jenin" entwickelt. Das seit der Intifada 1987 verwaiste Kino im Westjordanland wurde von Vetter und Ismael Khatib unter großen Mühen wiederaufgebaut und 2010 eröffnet. Der Film zeigt nicht nur den Wiederaufbau und den komplexen Hintergrund dieses Projekts, sondern macht die besondere Position des Kinos in der von Krieg und Attentaten gebeutelten Stadt im Westjordanland deutlich. Keinesfalls geriet die Kino-Eröffnung zum Triumph, denn bei Vorführungen wurde über das Tragen von Waffen und die Bedeutung von Frieden und Freiheit intensiv debattiert. Doch damit manifestierte sich gleichzeitig der humanistische Akt des Wiederaufbaus: wo Menschen wieder miteinander reden, ist auch Frieden, ist Kultur möglich. Insofern geriet die Präsentation des Films gemeinsam mit der faszinierenden Musik von Kalhor zu einem tief bewegenden Erlebnis. Fast schon symbolisch wirkte da, dass der noch nicht ganz fertiggestellte Film von Vetter nur in Ausschnitten zu sehen war - das Unfertige, Unruhige der Region wurde so gleich noch einmal gespiegelt.

Wahre Beruhigung, eine Art Heimkommen im Klang strahlte indes Kalhors Musik aus. Mit Shane Shanahan (Percussion), Kamil Shajrawi (Oud), Sa'ad Mohamed Hassan (arabische Violine) und Ali Bahrami (Bass-Santour) war ein internationales Solistenensemble beteiligt. Die in Streicherbesetzung spielenden Sinfoniker agierten in dieser Partitur mehr als Background für die Stimmungen, die die Solisten mit virtuosen Arabesken auslösten. Dirigent Andrea Molino hatte zuvor schon "Silent City" von Kayhan Kalhor geleitet, ein Werk, dass im Gedenken an ein Kurdenmassaker an der iranisch-irakischen Grenze geschrieben wurde und eindrücklich Trauer und Hoffnung in einem Stück verband. Dabei waren die Sinfoniker auch in ihrem Improvisationstalent gefragt, denn zwei Drittel des Stückes wurden "live" in den Proben ohne Noten erarbeitet. Mit dem letzten Akkord des beschwingten Schlusstanzes dieses Werks versagte Molino, der ohnehin mit ganzem Körpereinsatz dirigierte, das linke Bein seinen Dienst - doch er konnte "Cinema Jenin" nach der Pause sitzend, doch gleichwertig beseelt, interpretieren. Dafür dankte ihm das Publikum besonders herzlich, wie überhaupt der ganze Abend zu einem nachdrücklichen Erlebnis geriet.

(2.10.11)

Körperarbeit und Koch-Kanons

Zwei Uraufführungen bei "Rhythmik 100 Hellerau"

Es gibt Grund zum Feiern: genau 100 Jahre sind seit der Grundsteinlegung im Festspielhaus Hellerau vergangen, seitdem hat das Haus eine wechselvolle Geschichte erfahren. Seit dem Ende der DDR, der Restaurierung des Hauses selbst und dem Einzug des Europäischen Zentrums der Künste lebt der schöpferische Geist der Anfangsjahre im Haus wieder auf: Tanz, Musik und Bühne haben in vielfältigen Formen Einzug gehalten - Hellerau gilt heute international als Spielort und Labor der Moderne. Indes weist das seit zehn Jahren aktive Institut für Rhythmik Hellerau e. V. auf die revolutionäre Bewegung der ersten Jahre zurück: der Schweizer Komponist und Musikpädagoge Émile Jaques-Dalcroze installierte 1911 schon auf der Baustelle in Hellerau sein rhythmisch-gymnastisches Bildungsinstitut und leistete Pionierarbeit mit über 500 Schülern.

Grund genug, nach 100 Jahren mit der Internationalen Werkstatt "Rhythmik 100 Hellerau" zurückzublicken, aber auch einen Einblick in die Gegenwart zu geben und in Symposien, Workshops und Aufführungen Rhythmik lebendig erlebbar zu machen. Am Donnerstagabend erlebten unter großer Beteiligung der Teilnehmer gleich zwei neue Werke ihre Uraufführung, die in einem sehr straffen Probenprozess zuvor in Hellerau erarbeitet wurden:

Der Berliner Komponist Dieter Schnebel (*1930) scheint für ein Rhythmik-Projekt an diesem Ort geradezu prädestiniert, setzt er sich doch seit Jahrzehnten mit den Klang-Möglichkeiten von Stimme und Körper schöpferisch auseinander. So erschien "Sprechende Körper. Körper-Sprache" eben nicht als musikalisches Werk, sondern vor allem als optische, offene Partitur. Der Interpret mit allen seinen Möglichkeiten der Bewegung und Klangerzeugung wirkt als Instrument, als "Äußerer" von zu schaffender Sprache. In der Fassung mit acht Darstellern, behutsam von Annette Jahns und Christian Kesten (Regie) geführt, gelang hier ein fast meditativ bewegtes Bild, in welchem auch Steigerungen und Exzesse kontrolliert und spielerisch, aber eben nicht verspielt wirkten.

Dem gegenüber bildete Manos Tsangaris (*1956) "Vivarium - Reisen, Kochen, Zoo..." für Bewegung im Raum, Stimmen, Instrumente und Licht den denkbar größten Kontrast zu Schnebels Laboratorium. Tsangaris rhythmische Wirklichkeit ist eine gegenwärtige, von Umwelt, Menschen, Natur und Zeitfluss stark beeinflusste Welt, die bisweilen chaotisch wirkt und offenbar auch sozialkritische Fragen stellen möchte. Vieles bleibt hier als plötzliche Szene im Raum stehen, und es stellt sich angesichts von Kochutensilien-Kanons schneller die Sinnfrage als bei Schnebels von vornherein in der Abstraktion verbleibenden Körper-Arbeit. Manchmal kippt so bei Tsangaris komponierter Kitsch und Performance in eine bedenkliche Extrovertiertheit, seltsam unscharf bleibt der musikalische Anteil aus wenigen Solostimmen und Instrumenten. Unbestritten ist die hervorragende Leistung der zahlreichen Teilnehmer zu würdigen: den Rhythmikern (mit Gruppen aus der Schweiz und Taiwan), dem Ensemble "El Perro Andaluz" unter Leitung von Lennart Dohms sowie Goldfisch, Hunden und echten und falschen Paparazzi aus dem Publikum.

Als Auftakt für die 11. Rhythmikwerkstatt waren diese beiden Uraufführungen gut dazu geeignet, auch für ungeübte Zuhörer einen frischen Zugang zur Rhythmik zu bekommen, gleichzeitig den Umgang von Komponisten und Darstellern mit Sprache, Körper und Raum zu erfahren und vielleicht auch, wieder etwas vom künstlerischen Geist zu atmen, der bereits 1911 das Festspielhaus durchwehte und von dort in alle Welt getragen wurde.

Pergolesi aufgehübscht

1. Aufführungsabend der Staatskapelle mit Werken von Auerbach und Beethoven

Frische Klänge dringen dieser Tage aus dem Semperbau, denn die Musiker der Sächsischen Staatskapelle Dresden starten ebenso wie das Gesangsensemble und das Ballett in die neue Konzertsaison. Das Orchester war zum ersten Mal am Mittwoch im 1. Aufführungsabend zu erleben. Die Aufführungsabende gehören zur vom Orchester selbst veranstalteten Kammermusik und ergänzen die großen Sinfoniekonzerte um spannende, kleiner besetzte Entdeckungen des Repertoires, musiziert unter Beteiligung von Solisten aus dem Orchester und jungen Dirigiertalenten. So war auch es auch in diesem Konzert. Der erst 22jährige usbekische Dirigent Aziz Shokhakimov hatte zunächst die besondere Aufgabe, dem Publikum ein Werk der neuen Capell-Compositrice Lera Auerbach vorzustellen: Die 37jährige russisch-amerikanische Komponistin weist eine rasante Biographie auf, schrieb im Alter von 12 Jahren ihre erste Oper und man nimmt wahr, oft die Worte "Karriere" oder "Erfolg" mit ihr in Verbindung zu lesen, was für Komponisten allerdings selten als Erklärung für Meisterschaft herhalten sollte.

Auerbach, die bald drei neue Auftragswerke in Kapell-Konzerten vorstellen wird, führte sich mit den 2005 entstandenen "Dialogues on Stabat Mater" ein. Das Werk ist eine instrumentale Übertragung des berühmten geistlichen Werkes von Giovanni Battista Pergolesi zu einer Art Concerto Grosso. Leider blieb der Eindruck blass, zuweilen sogar verstörend. Das Original hätte mehr fasziniert, denn Auerbach verwischte und bearbeitete lediglich einige Kadenzen und Sequenzen, fügte hier und da dramatisch scheinende Cluster und ein solistisches Stimmungs-Vibraphon hinzu, während Solo-Violine und Viola mal die Gesangspartien ersetzten, mal die Sequenzen dramatisierten. Diese instrumentale Aufhübschung traf sicher den Publikumsgeschmack, war aber von einer intensiven, zeitgenössischen Äußerung einer im Stil auch wahrzunehmenden Komponistenstimme (wie es unlängst Isabel Mundry mit den eindrucksvollen "Scandello-Verwehungen" gelang) meilenweit entfernt. Eine Neukomposition eines "Stabat Mater" hätte vermutlich andere Ergebnisse hervorgebracht als diese simplen Schmerzbilder, die die Komponistin hier unter Hinzufügung einiger Dissonanzen einarbeitete.

Shokhakimov, die Solisten Jörg Faßmann, Sebastian Herberg und Christian Langer und das Orchester setzten sich sehr engagiert für das Stück ein, allerdings stellte die oft romantisiert aufgeladene Interpretation ein weiteres Problem zwischen den Zeiten dar. Es wäre schade, wenn die Partnerschaft mit dem KlangNetz Dresden, die die Einrichtung des Capell-Compositeurs begründete, nun mit dem Schielen nach der bequemen Quote ausliefe, anstelle mit Mut zur Auseinandersetzung gewichtigen Komponistenstimmen der Gegenwart ein Podium zu bieten.

Nach der Pause leitete Aziz Shokhakimov die 1. Sinfonie C-Dur von Ludwig van Beethoven und unterstrich mit selbstbewusster und gewitzter Interpretation sein Talent. Der 1. Satz war nach schöner Einleitung transparent und munter musiziert, das Andante gelang sorgfältig. Scherzo und Finale waren von rasanter Lesart, doch Shokhakimov konnte sich der jederzeit auf den Punkt musizierenden Kapelle gewiss sein. So entstand ein feuriges Spiel mit zahlreichen nach Mannheim grüßenden "Raketen" im letzten Satz - Shokhakimov wurde dafür mit Recht vom Publikum gefeiert.

(27.8.11)

Sonntag, 23. Oktober 2011

Endhaltestellenwanderungen Teil I

Wohin am Sonntag? Dresden hat ja wahrlich genug zu bieten, gerade auch fürs Ausflugsvolk. Vergnügt man sich nicht in der Stadt, fährt man raus aufs Land. Doch immer Pillnitz oder Moritzburg wird auch langweilig, und daher setzen wir nun eine neue Idee um, die uns heute früh beim Kaffee kam: Die Endhaltestellenwanderung!! Meist kennt man die Endhaltestelle ja nur ab 2 Promille aufwärts, wenn man nachts den Ausstieg verpasst hat. Wir haben nun beschlossen, Dresden von seinen runden Ecken her zu erkunden. Dafür stehen uns 12 Straßenbahnlinien zur Verfügung, Dopplungen abgezogen sind es also 19 Ziele, die wir anfahren werden (-> Liniennetzplan)***. Heute ging es los mit der Linie 1 nach Leutewitz. Das ist allerdings schon gleich ein Highlight, denn wenn die 1 in Cotta die Meißner Landstraße verläßt, geht es gleich bergan und nah an der alten Schule an der Warthaer Straße endet die Linie. Ein Stück die Straße hoch und links halten, dann betritt man den Omsewitzer Grund, einen Fußweg durch Gärten und Streuobstwiesen, der sogar einen auch für Kinder spannenden Naturlehrpfad aufweist. Am Ende des Lehrpfades ist man im alten Dorf Omsewitz angekommen, die Straße "Altomsewitz" verläuft mitten durch den Kern, an welchem alte Seithöfe stehen. Hier gibt es viele kleine Handwerksbetriebe und als kulturellen Mittelpunkt die Kümmelschänke, in der die Einkehr zu Kaffee und Kuchen oder leckeren Mittagsgerichten lohnt. Wir laufen weiter gen Osten und stoßen bald auf die Gompitzer Straße, die in Nord-Süd-Richtung die an das Plattenbauviertel Gorbitz grenzenden Örtlichkeiten verbindet. Wieder stadteinwärts laufend, kommen wir bald zur Leutewitzer Windmühle, einer Restauration mt viel Erholungswert drumherum: neben einem Außenbereich mit Volleyballfeld lohnt auch der Besuch im Leutewitzer Park, oft hat man einen herrlichen Ausblick auf die Stadt. Vom nahegelegenen Hebbelplatz fahren wir mit der 2 zurück in die Stadt.
Die nächste Tour geht ans andere Ende der 1, nach Prohlis. Wer nicht glaubt, dass es dort etwas zu entdecken gibt, lese den nächsten Bericht :-)

*** Ich hoffe ja nicht, dass das so süchtig macht, dass wir dann noch die Buslinien abklappern...dann brauche ich neue Trekkingschuhe ;)

Montag, 5. September 2011

CD-Tipp September

Im Sommer gab es eine kleine Pause - auch mangels Neuerscheinungen, die aber nun gleich stapelweise kommen. Und voilá, une pianiste superbe:



2010 war sie schon für mich sozusagen die "Überraschung des Tages", als sie bei einem Konzert des Moritzburg Festivals im Schumann Klavierquartett gastierte, und man will ständig mehr hören von dieser gerade einma 23jährigen Künstlerin. Allerdings tourt sie auch ordentlich herum und hat ein beängstigend breites Repertoire, gerade gastiert sie mit Beethovens 4. Klavierkonzert in Ludwigshafen. Leider ist ihre Website derzeit eine Baustelle. Aber auch auf facebook und twitter ist sie fleißig unterwegs und versorgt ihre Fangemeinde mit Neuigkeiten.

Nachdem sie 2009 noch mit Luisi das (in dieser Lesart ungewohnt breitwandige) 2. Chopin-Konzert und Balladen veröffentlichte, haben wir nun Liszt vor uns - was auch sonst. Bevor ich aber nun sinniere, ob der Wert des Komponisten relativ gesehen zur Anzahl der auf den Markt geworfenen Scheiben mit seiner Musik sinkt, lobe ich lieber diese CD. Lise legt die Platte auf Kontrast an, wagt es gar, die intimsten Liedbearbeitungen neben Dante-Sonate und Mazeppa zu legen - man muss ja schließlich auch einmal durchatmen, nachdem Frau de la Salle den Steinway offenbar mit einem Donnerspeer bearbeitet hat. Sicher: die sportlichen Zuhörer greifen lieber zu Volodos und Kissin, aber darum geht es auch gar nicht. Möchten wir nicht die Stücke erzählt bekommen, wollen wir nicht das spezifische Temperament der Pianistin erfassen können? Wollen wir gar überrascht und gepackt werden? Dann sind wir bei Lise de la Salle perfekt aufgehoben.

Wenn in "Nuages gris" dann noch dieser Schuß französischer Sanftmut hineingerät, sind wir vollkommen glücklich... Ach, Liszt, ein schlechter, langweiliger Komponist? Das steht und fällt, sieht man hier wieder deutlich, mit dem, der sich seiner Musik nähert. Und nähern will.
* Lise de la Salle bei facebook

Außerdem hörenswert:
* Björk - Biophilia -- ein bißchen Geduld brauchen wir noch, bis die CD am 7.10. erscheint. Trotzdem heute schon die Vorfreude, denn dann könnte die Geschichte der Sicht auf unsere Welt zumindest um ein kleines musikalisches Meisterwerk bereichert sein...
* Ich erwähnte schon oben das Moritzburg Festival. So frisch wie her Jahr für Jahr Kammermusik zelebriert wird, könnte Kult daraus entstehen. Noch nicht überzeugt? Forelle hören! -> Jan Vogler - Sony - Forellenquintett
* ein "neuer" Rattle bei EMI? nunja, zumindest eine Schönberg-Platte, wenngleich die Hälfte von der Orchestration des Brahms-Klavierquartettes eingenommen wird. Trotzdem ein tolles Stück, ebenso wie die hier (leider) in großer Besetzung umgesetzte 1. Kammermusik und die Lichtspielszene. Nach dem zweiten Hören bin ich aber dennoch etwas entsetzt von einem durchweg aufrechterhaltenen sämigen Gesamtklang, der die CD leider höhepunktsarm erscheinen läßt.
* Bon Iver - Bon Iver: Hoppla, die Alternative (ich hasse Genres...) - Entdeckung des Monats. Beim Einsortieren in den Laden wird es hier wirklich schwierig. Folk trifft Einsamkeit, satter Bandsound trifft Ohrwurmkunst... Anhören. Überraschen lassen.

Sonntag, 28. August 2011

Wie am Schnürchen

Gustav-Mahler-Jugendorchester gastierte unter Sir Colin Davis in der Semperoper

Es ist schon eine ganz kleine, feine Tradition geworden: bereits zum dritten Mal eröffnete das Gustav-Mahler-Jugendorchester mit einem spätsommerlichen Gastspiel in der Semperoper die neue Konzertsaison der Sächsischen Staatskapelle. Wohl müssen wir uns noch zwei Wochen bis zum 1. Sinfoniekonzert unter Leitung von Christian Thielemann gedulden, doch der Auftritt des Gustav-Mahler-Jugendorchesters war weit mehr als ein Appetithappen.

Schließlich stand mit Sir Colin Davis kein Geringerer als der Ehrendirigent der Staatskapelle am Pult, der das Jugendorchester nun zum zweiten Mal nach 2008 während seiner Sommertournee leitete. Die Zuhörer konnten sich bei dem Genuss eines abwechslungsreichen Programmes, das einen Bogen von Tschaikowsky über Ravel zu Strawinsky spannte, von der hohen Qualität des europäischen Instrumentalistennachwuchses überzeugen - viele ehemalige Mitglieder des Jugendorchesters spielen heute in den großen Orchestern in aller Welt, einige auch in Dresdner Orchestern.

Doch auch wenn in diesem, zweifellos einem der besten Jugendorchester Europas ein atemberaubend hohes technisches Niveau zu beobachten ist, die halbjährlichen Projektphasen dienen eben nicht nur dem professionellen Erarbeiten großer Konzertliteratur, sondern bieten auch das Erlebnis, in den Konzertzentren Europas unvergessliche musikalische Augenblicke mitzugestalten.

Ein solcher wurde den Zuhörern beim Dresdner Konzert ausgerechnet im leisesten, intimsten Stück des Abends geschenkt, nämlich in Maurice Ravels Liederzyklus "Shéhérazade". Was Sir Colin hier vor allem im zweiten und dritten Satz in enger Partnerschaft mit der herausragenden amerikanischen Mezzosopranistin Susan Graham an seidigem Klang aus dem Orchester hervorzauberte, war einzigartig. Man hatte das Gefühl, der Entstehung eines pastellenen Gemäldes beizuwohnen, und das auch noch in völlig entschleunigter Zeit. Grahams tolle Stimmführung kannte daher auch keine Grenzen in der poetischen Ausdeutung des Textes, und das Orchester folgte mit hervorragendem Piano und feinster Klanggestaltung.

Dass ausgerechnet diesem Werk nach der Pause eine der offenherzig lautesten Sinfonien der russischen Spätromatik folgte, war der Farbigkeit des Programms geschuldet und stellte kein Problem dar. Die jungen Musiker zeigten sich bei der 4. Sinfonie f-Moll von Peter Tschaikowsky hoch-, aber niemals übermotiviert und konnten auch in der thematischen Gestaltung brillieren. Im Pizzicato-Scherzo ließ Davis den mächtigen Streicherapparat ganz allein musizieren - das muntere Räderwerk der 74 Saiteninstrumente lief wie am Schnürchen. Im Andantino wurde flüssig und ohne Leidenspathos musiziert, in den Ecksätzen war ordentlich Pomp, aber auch staunenswerte Präzision aufgefahren - das führte zu großem Beifall am Konzertende.

Allerdings hatte das offenbar noch halb im Urlaub befindliche Publikum damit ohnehin nicht gespart und damit sowohl die Spannung im Liederzyklus zerstört als auch den Fluss der eingangs aufgeführten "Sinfonie in drei Sätzen" von Igor Strawinsky unterbrochen. Hier war dem Gustav-Mahler-Jugendorchester unter Davis kompromisslos klarer Führung bereits eine prägnante Interpretation gelungen, die Kraft und Leichtigkeit dieses manchmal fahl-rhythmischen, manchmal augenzwinkernd liebreizenden Werkes völlig selbstverständlich vereinte.

[24.8.2011]

Äußerst kreativer Jahrgang

Moritzburg Festival ging erfolgreich zu Ende

Mit zwei umjubelten Konzerten ist am Sonntag das diesjährige Moritzburg Festival zu Ende gegangen. Sowohl am Sonnabend als auch zum Abschlusskonzert am Sonntagvormittag war die Evangelische Kirche Moritzburg ausverkauft und die Zuhörer hatten noch einmal Gelegenheit, hochkarätigen Instrumentalisten im gemeinsamen Spiel zu lauschen.

Am Sonnabend stellte sich zunächst die Pianistin Alice Sara Ott im Porträtkonzert dem Publikum vor. Die junge deutsch-japanische Musikerin wählte dafür die Sonate Opus 3 Nr. 2 in C-Dur von Ludwig van Beethoven aus. Temperamentvoll und geschwind war ihr Ansatz; ein wenig zu nervös gerieten ihr die ersten beiden Sätze, in denen Atmung und Artikulation zu wenig ausgeprägt waren. Erst im Scherzo und Finale leuchtete luftigeres Spiel auf. In den beiden Zugaben von Liszt und Chopin war sie ungleich sicherer und konnte das Publikum begeistern.

Im darauf folgenden Konzert konnte man das auf den Musikpodien schon renommierte "Trio Zimmermann" kennenlernen, das bestehend aus dem Geiger Frank Peter Zimmermann, dem Bratscher Antoine Tamestit und dem Cellisten Christian Poltéra drei außerordentliche Solisten vereint. Dem D-Dur-Streichtrio von Ludwig van Beethoven wurde höchste Wertschätzung verliehen. Mit knackigen Impulsen komplett auf den Punkt musiziert und dabei dennoch flexibel und farbenreich gestaltet, war dies "früher Beethoven" par excellence.

Der britische Schwerpunkt des Festivals brachte diesmal Arnold Bax (1883-1953) ins Programm, dessen schwermütig-spätromantisches "Elegisches Trio" von Astrid von Brück, Max Mandel und Marina Piccinini mit schöner Ausgestaltung und toller Balance zwischen Harfe, Bratsche und Flöte erklang. Höhepunkt dieses Konzertes war das Streichsextett B-Dur, Opus 18 von Johannes Brahms. Frank Peter Zimmermann als Primarius gab die Richtung vor und doch entstand mit Serge Zimmermann, Antoine Tamestit, Nils Mönkemeyer, Christian Poltéra und Jan Vogler eine einzigartiges Miteinander in dieser Kammermusik, die oft sinfonische Dimensionen aufwies. Diese Brahms-Interpretation klang selbstverständlich, federleicht und vor allem in rhythmischer Hinsicht spannend. Wiegen, Insistieren, Drängen und Innehalten - alle Sätze bekamen in der Einmaligkeit der Live-Darbietung ihre hier sehr musikantische, höchst treffende Gestalt.

Dem staunenswerten Abend folgte das Abschlusskonzert, das noch einmal Perlen der Kammermusik hob: neben einem Gruß an die englische Consort-Musik des 17. Jahrhunderts in Form von Henry Purcells Chaconne g-Moll war dies vor allem das Klavierquartett g-Moll von Wolfgang Amadeus Mozart (mit Chun-Wen Huang, Lise Berthaud, Danjulo Ishikaza und Alice Sara Ott), in dem besonders das nachdenkliche Andante gefiel. Nach einem "männlichen" ersten Satz setzten die Musiker das Stück leicht und flüssig fort; nicht immer befriedigend gelang der Klavierpart von Alice Sara Ott.

Der Abschluss gehörte traditionell dem Oktett Es-Dur von Felix Mendelssohn Bartholdy, in hervorragender Besetzung und so frisch musiziert, als wäre es das erste Mal - besonders das in leichtem piano zelebrierte Scherzo überzeugte sehr. Indes forderten die Zuhörer kräftig eine Wiederholung, und sie bekamen das Finale erneut geboten. Intendant Jan Vogler konnte am Sonntag zufrieden auf einen "diesmal äußerst kreativen Jahrgang" zurückblicken. Neben dem sehr abwechslungsreichen Programm der 13 Konzerte, Porträts und öffentlichen Proben durfte sich der Vogler über insgesamt 6600 Besucher und eine Auslastung von 97% freuen. Zudem war auch die Moritzburg Festival Akademie mit 38 Musikstudenten aus 13 Nationen mit mehreren Konzerten in Dresden und Moritzburg ein Besuchermagnet.

2012 findet das Moritzburg Festival vom 5. bis 19. August statt.

[Nachtrag vom 22.8.2011]

Mozart auf See

Familienkonzert des Moritzburg Festivals

Zum sechsten Mal lud die VW-Manufaktur die Musiker der Moritzburg Festival Akademie zum Familienkonzert in ihre gläsernen Hallen am Straßburger Platz ein. Viele Zuhörer fanden sich samt großem und kleinem Nachwuchs ein, die einmal Jonathan Swifts Abenteuerroman "Gullivers Reisen" anders erleben wollten. Dass nämlich die Liliputaner ein äußerst musikliebendes Völkchen sind, war so bisher nicht bekannt.

Schauspieler Tom Quaas, der aufgrund riesiger Gestalt die Geschichte glaubwürdig verkörperte, konnte etliche musikalische Gelegenheiten aus der Abenteuergeschichte herauslesen. So wurde Mozarts Oboenquartett in Gullivers musikalischer Analyse kurzerhand zum Seemannsstück. Der Liliputaner Kaiserhymne wurde natürlich von keinem anderen als Joseph Haydn komponiert - Ähnlichkeiten mit der deutschen Nationalhymne im "Kaiserquartett" waren rein zufällig. So spann sich der Bogen über zahlreiche Abenteuer Gullivers bis hin zur Abreise heim nach England - wo der Weitgereiste auch gleich von einem Divertimento von Franz Anton Hoffmeister begrüßt wurde. Das ist musikgeschichtlich gar nicht einmal weit hergeholt, denn Hoffmeisters Kammermusik erfreute sich europaweit großer Beliebtheit.

So ergänzten sich Geschichte und Musik im Familienkonzert vortrefflich, wurde statt Holzhammerpädagogik lieber kräftig an einer echten Windmaschine gerührt, und es war gerade bei den Bläserstücken von Martinu und Francaix deutlich zu beobachten, dass die muntere Spielkultur der jungen Akademisten des Moritzburg Festivals die Kinder rund um die Bühne in den Bann zog. Es blieb ein kleines, in der Manufaktur altbekanntes Manko: die mangelhafte Akustik, gegen die die Musiker, Trompeten ausgenommen, auch am Sonnabend tapfer anspielten.

Hier hatten jüngste Zuhörer im Schneidersitz direkt vor der ersten Geige hockend einen gewissen Vorteil. Großes Lob gebührt auch den jederzeit frisch aufspielenden Musikern der Akademie, die beim Festival keinesfalls unter Beschäftigungsarmut leiden - gleich nach dem Familienkonzert ging es - nach gemeinsamer Stärkung mit dem Publikum - in der Frauenkirche mit einem Orchesterprogramm weiter.

[Nachtrag vom 14.8.2011]

Freundschaftlicher Wettstreit

"Lange Nacht der Kammermusik" beim Moritzburg Festival

Ein bißchen irreführend ist der Titel ja schon: Die "Lange Nacht der Kammermusik" beim Moritzburg Festival war schon um kurz vor 23 Uhr beendet, nach nicht einmal vier Stunden Dauer. Doch das Konzert mit den jungen Akademisten ist ohnehin bei den Zuhörern fester und beliebter Bestandteil des Festivals und dank ausreichender Weingabe und Pausen gerät der Abend so gesellig wie es die Griechen einst im Symposion vorexerzierten.

Dazu gehört natürlich musikalischer Diskurs, und hier sind es schon die nüchternen Daten, die faszinieren: Studenten aus 15 Ländern spielten 15 verschiedene Werke von Komponisten aus vier Jahrhunderten in Besetzungen vom Duo bis zum Tentett. Eine Bewertung dieser Leistung kann nicht die eines normalen Konzertes sein, denn hier trafen Talente aufeinander, die gerade mal nach einer Woche "Beschnuppern" gestandene Kammermusik im Konzert interpretieren sollten, und das neben allen anderen Engagements, die sie während des Festivals erwartet. Daher prognostizierte Intendant Jan Vogler zu Beginn auch einen "freundschaftlichen Wettstreit", und der war vor allem kurzweilig, dabei aber immer von hohem Anspruch getragen.

Es ist unmöglich, alle Stücke und Interpreten aufzuzählen; in der Kirche von Moritzburg gaben sich Mozart und Dvorak, Haydn und Strauss ein Stelldichein. Einige Perlen gab es zu entdecken, wie etwa Anton Reichas munteres Bläserquintett oder das "Kaiserquartett" von Joseph Haydn. Hier wie in vielen anderen Formationen war auch schon zu bemerken, dass über das reine Interpretieren der Noten hinaus der kammermusikalische Gedanke immer im Vordergrund stand. Obwohl man an vielen Instrumenten große individuelle Talente bemerkte, stellten sich doch alle Musiker in den Dienst der gemeinsamen Sache.

Bei den Proben erforderte dies auch logistisches Know-How, denn einige Musiker waren in bis zu drei verschiedenen Besetzungen vertreten. Das hohe Niveau setzte sich fort in Quartettkompositionen von Mozart und in dem aufmerksam musizierten Streichsextett aus "Capriccio" von Richard Strauss. Den Atem hielt man an, als "Chant de Linos" von André Jolivet erklang - Jared Harrisons (Flöte) fliegende Arabesken reihten sich aber mühelos in den Satz aus Streichtrio und Harfe ein - für mich war dies einer der Höhepunkte im Konzert.

Eine schöne Abwechslung bildete die von Jazz und Chanson inspirierte Musik von Bohuslav Martinu (aus "La Revue de Cuisine") und Jean Francaix ("Musique pour faire plaisir"). Diese Stücke wurden dann auch beim abschließenden Publikumspreis, der vom Förderverein des Festivals gestiftet wurde, auf den vorderen Plätzen erwähnt, das Rennen allerdings machte ein klangvoll und homogen interpretierter Satz aus dem Streichquintett G-Dur von Antonin Dvorak und das einzige Duo des Abends - ein Satz aus der Violinsonate von Richard Strauss, mutig von Armen Derkevorkian (Violine) und Hunter Noack (Klavier) in Szene gesetzt.

[Nachtrag vom 12.8.2011]

Passable Leistung

Werkstattorchester der Hochschule im Konzert

Man mag es kaum glauben, aber das Werkstattorchester an der Hochschule für Musik hat bereits elf stolze Jahre auf dem Buckel und dabei viele Mitglieder und Dirigenten gesehen. Gegründet im Jahr 2000 von einigen Schulmusikstudierenden, sollte es vor allem der Praxis dieser Studenten dienen und nebenbei Laien auch die Möglichkeit geben, in einem Ensemble zu musizieren. Die Idee bewährte sich, hier und da gab es größere und kleinere Projekte und in diesem Jahr bemerkt man staunend, dass sich da ein ganzes Sinfonieorchester gemausert hat - ein paar Hornisten und Posaunisten wird man sicher noch finden.

Offenbar hat das Orchester für sein sommerliches Konzert auch ordentlich die Werbetrommel gerührt: der Konzertsaal der Hochschule für Musik war trotz des sommerlichen Sonnabendnachmittags sehr gut gefüllt - vielleicht auch ein Zeichen, dass sich die Veranstaltungen der Hochschule mehr und mehr zum Geheimtipp gerade auch für die älteren Semester der umliegenden Wohnviertel entwickeln. "Werkstattorchester" heißt das Ensemble auch nach zehn Jahren noch und betont ausdrücklich den Anspruch der Freude an der Musik als oberste Priorität. Freilich ist damit allein nicht zu erklären, wie es bei einem recht schweren, bunt gemischten und daher auch anspruchsvollen Programm zu einer so passablen Leistung wie am Sonnabend kam. Es muss wohl doch einige intensive Proben mit dem Leister Michael Ellis Ingram und den Schulmusikstudenten gegeben haben.

Sonst hätte das "Bacchanal" aus Saint-Saens' Oper "Samson et Dalila" nicht so rund und feurig geklungen, wäre die ohnehin selten aufgeführte Filmmusiksuite "Die Hornisse" von Dmitri Schostakowitsch kaum so differenziert ausmusiziert gewesen. Beide Stücke waren auch gut geeignet, klingenden Erfolg und rhythmischen Drive zu kombinieren.

Das war bei den anderen Werken des Konzertes nicht immer so glücklich gelungen, besonders Händels' Feuerwerksmusik litt nicht nur unter einer ächzenden Orchestration sondern entpuppte sich gerade in der Ouvertüre auch als verteufelt schwer zusammenzubekommen. Michael Hiemke gelangen aber Bourrée und "La Paix" dann sehr gut. Ebenso erfreut war man über Ausschnitte aus der Tschechischen Suite von Dvorak (Leitung Felix Weickelt) und dem 1. Satz der 2. Sinfonie von Ludwig van Beethoven (Claudia Pitzer).

Sicher, hier und da wackelte die Intonation oder war die Phrasierung noch etwas eckig, aber es war schön zu hören, wie alle sich den wechselnden Wünschen der Dirigenten anpassten und eine gute Spielkultur entwickelten. Der sonst oft als Zugabenknaller missbrauchte Ungarische Tanz Nr. 5 von Johannes Brahms wurde als schöner Abschluss ins Programm integriert, und das Orchester wurde vom Publikum mit großem Beifall in die Semesterferien geschickt.

[Nachtrag vom 17.7.2011]

Guter Schliff

Absolventenkonzert der Hochschule mit der Erzgebirgischen Philharmonie Aue

Mancher Besucher wird sich gefragt haben, was die Erzgebirgische Philharmonie Aue nach Dresden treibt? Und warum findet auch noch ein reguläres Spielzeit-Sinfoniekonzert so fern der Heimat statt? An der Hochschule für Musik ist man hocherfreut über das Gastspiel und Rektor Ekkehard Klemm betonte in der Begrüßung die gute Zusammenarbeit mit den Orchestern der Region in Sachsen. Denn die kommt nicht nur den Zuhörern des Konzertes im Saal der Hochschule für Musik zugute, sondern auch den jungen Solisten und Dirigierstudenten, die hier wertvolle Praxis erüben können.

Dem Absolventenkonzert, welches das Orchester natürlich auch in Annaberg-Buchholz und Aue vorgestellt hatte, ging ein einwöchiges Seminar mit intensiver Probenphase voraus. Auf nicht weniger als sieben junge Dirigenten und drei große Werke des Repertoires hatte sich das Orchester dabei eingelassen. Im dritten Konzert in Dresden war dann der gute Schliff und die Souveränität in der Interpretation überall spürbar. Die Offenheit der Instrumentalisten gegenüber den Absichten der Dirigenten versteht sich von selbst - sieben Jahre währt schon die Zusammenarbeit und für die Musiker ist es immer eine Herausforderung, sich auf die verschiedenen Persönlichkeiten am Pult einzulassen.

Mit Igor Strawinskys Ballettsuite "Jeu de Cartes" war eine witzig-virtuose Eingangsmusik gewählt, die Theodor Schubach - ein sich derzeit im Bereich der Orchesterleitung weiterbildender Kompositionsstudent - mit straffem Zugang leitete und somit sowohl die rhythmische Basis als auch den spezifisch ironisch-trockenen Klang dieses Werkes fand.

Franz Liszts 2. Klavierkonzert scheint derzeit ein Dauerbrenner unter den Studenten der Hochschule zu sein - es erklang bereits im letzten Absolventenkonzert in der Semperoper. Die Russin Anna Ryaguzova (Klasse Prof. Arkadi Zenziper) bot nun eine recht robuste Darstellung des Konzertes mit harter Abgrenzung der unterschiedlichen Teile. Cheng Jie Zhang übertrug das zackige Temperament nahtlos auf das Orchester - dem Publikum gefiel diese saftige Interpretation.

Nach der Pause wurde zunächst das Posaunenquartett der Hochschule für Musik mit einem Musikförderpreis der BASF Schwarzheide ausgezeichnet; es stellte sogleich sein Können in drei kleinen sauber ausmusizierten Stücken unter Beweis. Zum Ausklang dirigierte Cornelius Volke die 3. Sinfonie F-Dur von Johannes Brahms. In ruhigem Grundpuls den ersten Satz ausgestaltend und mit viel Sinn für Details der Mittelsätze fand Volke die richtigen Mittel um eine runde Gesamtleistung zu formen: da bedankte sich sogar das Orchester, das auch in den letzten Tönen des umfangreichen Konzertes noch hochmotiviert und konzentriert wirkte, beim Dirigenten herzlich.

[Nachtrag vom 24.6.2011]

Samstag, 27. August 2011

Ernst, virtuos und dramatisch

8. Aufführungsabend der Sächsischen Staatskapelle

Der letzte Aufführungsabend der laufenden Saison der Sächsischen Staatskapelle bot wieder einmal Gelegenheit, kleiner besetzte Werke, einen jungen Dirigenten und einen Solisten aus den Reihen des Orchesters kennenzulernen.

Erstmalig stand der als Dirigent freischaffend wirkende Niederländer Lawrence Renes am Pult der Kapelle und stellte zunächst mit dem "Requiem" für Streicher (1957) ein Werk eines der wichtigsten japanischen Komponisten des 20. Jahrhunderts vor - Toru Takemitsu, der 1996 verstarb. Gleichwohl dürfte das Stück trotz der Bedeutung des Komponisten Neuland für die Zuhörer gewesen sein. Die Aufgabe für die Staatskapelle lag darin, eine fast sprachlos anmutende Klanglichkeit, die immer wieder Verwehungen und Pausen beinhaltete, umzusetzen. Der durchweg verhaltenen, vorsichtigen Lesart fehlte eine Tiefenschärfe - als unkommentiertes Werk zu Beginn hatte es dieses sehr ernste Stück schwer.

Das folgende Cellokonzert Nr. 1 von Camille Saint-Saëns stand in keinerlei Bezug zum Vorhergehenden. Es ist ein typisches Virtuosenkonzert des 19. Jahrhunderts und wird bis heute dank seines Melodiereichtums und einem durchaus sportlichen Charakter gerne von den Cellisten aufgeführt. Simon Kalbhenn, Solocellist in der Kapelle seit 1996 und bestens auch als kammermusikalischer Partner geschätzt, stürzte sich mit reichlich Temperament in die Wogen dieser Partitur. Technich bewältigte Kalbhenn das Stück sehr souverän, doch lag im Vorwärtsdrang der Interpretation einiges Problempotenzial, zumal Renes das Orchester nicht immer ruhig auf den Punkt zusammenbekam. Sehr schön hingegen waren die Ruhepunkte im Allegretto verteilt und Kalbhenn musizierte sämtliche Linien voll aus. Ein zweites Manko wurde in diesem Werk offenbar, was ungewöhnlich für ein Kapellkonzert ist, sich aber dann im abschließenden Schubert-Werk fortsetzte: man mag es auf die Gewitterfeuchtigkeit der Luft an diesem Abend schieben, aber die Intonation der Streicher war in diesem Konzert nicht zum Besten bestellt.

Gustav Mahlers Streichorchesterfassung des bekannten Quartetts d-Moll von Franz Schubert mit dem Beinamen "Der Tod und das Mädchen" deutete Lawrence Renes ganz und gar sinfonisch - von betulicher Hausmusik im Quartett ist hier nichts mehr zu spüren, dies läßt Schuberts Musik aber auch gar nicht zu. Drängende Tempi, ein dynamisch oft zu offener Klang und leider auch eine gewisse Unruhe im Dirigat sollten wohl das dem Stück innewohnende Drama herauskitzeln. Doch die Untiefen dieses Werkes kamen so eben nicht zur Geltung. Der 2. Satz mit den bekannten Variationen aus dem Klavierlied hastete dahin und den Ecksätzen fehlten scharfe dynamische Kontraste ebenso wie die bei Schubert (selbst auch in dieser auffüllenden Bearbeitung) notwendige Flexibilität in der Themengestaltung.

[Nachtrag vom 23.6.2011]

Sonntag, 21. August 2011

30 Minuten auf dem Dresdner Stadtfest

...und schon mindestens 6 Gründe, warum dieses Fest für mich nur schwer ertragbar ist:

- weil ich noch nie ein Fan von "HANDTASCHEN AUSVERKAUF", Portemonnaie-Ständen und Rummel-Schießbuden war
- weil meine Nahrungssuche auf der Hauptstr. außer zwei 150m auseinanderliegenden auseinanderliegenden Fladenbrotständen und verrußten Bratwürsten nichts ergeben hat.
- weil Dresden genau DIESE Meile unter dem Motte "Kulturen begegnen auf der Hauptstraße" auf ihrer Stadtfestseite anpreist.
- weil ich auf Leute verzichten kann, die meinen Spaziergang mit Hund bei der Begegnung mit einer Plaste-Hunde am Stiel vertickenden Gewerbetreibenden mit den Worten kommentieren "Haha, guck mal, der Hund hat Angst" - oder die an der nächsten Ampel, an der ich warten muss, eben meinen Hund ohne Nachfrage betatschen müssen.
- weil ich ebenso keinen Bock habe, ständig Familienvätern zu begegnen, die in Ermangelung ihrer Karosse und damit der Betätigung ihrer Licht- oder Tonhupe ihre 7jährigen Töchter mit einem in einer kolossalen Bierfahne getränkten "Sachma spinnst Du??" anschnauzen.
- weil Dresden bei solchen Feierlichkeiten keinerlei Maß beweist. Auch der letzte Zentimeter Elbwiese wird noch zugestellt, aus aller Herren Länder kommt alles herbei, was eine Verkaufsbude oder einen Anhänger hat. Geldverdienen Hauptsache? Oder sind da doch etwa Besucher, die möglicherweise Spaß und Unterhaltung suchen? Irrelevant, Hauptsache der HANDTASCHEN AUSVERKAUF brummt.

Für mich bedeutet "Attraktion" und "Feiern" etwas Besonderes. Abwechslung, Anspruch, Anstrengung. Schönes. Genießen. Darin manifestiert sich Kultur. Und nicht im Langos-Stand, der letzte Woche noch ein Stadtviertel weiter stand - das Stadtfest ist doch kein Verschiebebahnhof. Und muss jede Hupfdohle ein eigenes Bühnenprogramm bekommen? Jeder noch so schlecht intonierende Schlageronkel den promilleverseuchten Bierbänklern seine nicht mal fürs MDR-Vollplayback tauglichen ReimDichOderIchFressDich-Lieder entgegenschlagen?

Da sind mir die Kinder einer Neustädter Schule hundertmal lieber, die mit ihren Eltern bei der BRN Jahr für Jahr für einen guten Zweck die leckersten Kuchen kredenzen.

Und was machen die Dresdner? Heulen per Bild-Zeitung und Facebook rum, dass ihnen bei gefühlt 300 Ständen ihre geliebte "Bowleparty" weggenommen wurde. Och Gottchen.

Ich freue mich aufs Hechtfest.

Montag, 15. August 2011

Struktur und Oberfläche

elole-Trio veröffentlicht CD zum 10jährigen Bestehen

Kammermusikformationen gibt es in Dresden viele. Klaviertrios schon eher weniger. Entweder sind es ad-hoc-Ensembles oder studentische Gruppen, oder es sind Musiker der großen Orchester, die nebenbei die Hausmusik pflegen. Doch ein Ensemble aus der freien Szene, das sich komplett der zeitgenössischen Musik verschrieben hat, kann in diesem Jahr das 10jährige Bestehen feiern: elole heißt das Trio, das beständig das Dresdner Musikleben aufmischt und zwischen Hellerau, der Blauen Fabrik oder dem Leonhardi-Museum seine innovativen Programme vor einem treuen und aufgeschlossenen Publikum darbietet.

Der Name "elole" ist gebildet aus den Mitgliedernamen: Uta-Maria Lempert (Violine), Matthias Lorenz (Cello) und Stefan Eder (Klavier) können nicht nur auf rund drei Dutzend Uraufführungen verweisen, die meisten Werke spielen sie auch mehrfach und legen großen Wert darauf, in der Entstehungs- und Erarbeitungsphase mit den Komponisten zusammenzuarbeiten. So entsteht Nachhaltiges, und wer meint, das Klaviertrio sei eine antiquierte Besetzungsform wird angesichts der Repertoireliste des Ensembles schnell eines Besseren belehrt.

Pünktlich zum Jubiläum haben die drei ihre erste CD veröffentlicht - es ist ein Mitschnitt eines Konzertes in der Denkmalschmiede Höfgen 2009. Der Motto-Titel "Struktur und Oberfläche" weist auf die Besonderheiten der Werke hin: zwei Uraufführungen von Stefan Streich und Jürg Frey gesellen sich zum Klaviertrio von Nikolaus Brass. Wenn Brass vom "Aufspüren und Aufdecken" im Komponieren spricht, so ist dies auch eine Haltung, die den Hörern bei dieser CD anempfohlen sei - nebenbei wird man die Tonerforschungen, Momentaufnahmen und Entwicklungen nicht hören können, aber selbst ohne erschließende Worte erschließen sich faszinierende Landschaften:

"Paysage pour Gustave Roud" von Frey verweigert sich in atemlosen Pochen fast dem Fortgang, während Streichs "Bagatellen" eine eigenwillige Eigendynamik entwickeln. Brass' rund vierzigminütiges Trio nimmt sich da schon wie ein Großgemälde gegenüber den anderen Werken aus. Auf der elole-Homepage finden sich übrigens zum Weiterlesen viele interessante Informationen zu den Werken und Komponisten, auch dies ein Hinweis auf den eigenen Anspruch, mit den Konzerttönen nur den spannenden Anfang einer Auseinandersetzung mit Musik anbieten zu wollen.

Das Trio selbst feiert sein Jubiläum konzertierend: den bereits vergangenen Konzerten im Leonhardimuseum und beim Kirchentag folgt ein großes Jubiläumskonzert am 5. Oktober, 20 Uhr beim "Tonlagen"-Festival in Hellerau, auf dem Programm stehen dann Werke von Friedemann Schmidt-Mechau, Charlotte Seither und Michael Maierhof. Der gar nicht alltäglichen und doch für die Musiker leidenschaftlichen und selbstverständlichen Aufgabe, das Neue in der Musik immer wieder in den Blickpunkt zu rücken, kann man nur mit hohem Respekt, Glückwunschen und der Hoffnung auf mindestens weitere 10 Jahre elole begegnen.
Alexander Keuk

"Struktur und Oberfläche" - Werke von Streich, Frey und Brass
elole Klaviertrio, Label Beoton, erhältlich bei Opus61 Dresden

http://www.elole.de

Sonntag, 3. Juli 2011

Ein Beethoven-Fest

Sinfonieorchester "medicanti" im Konzert in der Dreikönigskirche

Bei Laienorchestern erlebt man oft angenehme Überraschungen - nur wenige dieser Ensembles geben sich mit den beliebten "Best of Classics" zufrieden. Leichte Literatur, große Wirkung - das taugt nicht immer als Konzept, wenn Musiker und Leitung sich derart leidenschaftlich der Musik hingeben, dass ein gewisser Anspruch nicht unterschreitbar ist. Darf man sich dann noch rühmen, dass das Orchester gerade sein 25jähriges Bestehen feiert, so ist es nur verständlich, dass ein Konzert mit zwei großen Werken der klassischen Literatur in Angriff genommen wird. Dass dies gelingen würde, daran ist bei den "medicanti" - dem Orchester der medizinischen Fakultät an der TU Dresden, ohnehin kein Zweifel, das bewiesen vergangene Konzerte.

Dirigent Wolfgang Behrend kann sich auf einen motivierten Klangkörper verlassen und Nachwuchsprobleme hat das in der Streichern opulent besetzte Orchester wohl derzeit auch nicht. Ist schon eine Beethoven-Sinfonie im Programm zumeist ein hartes Stück Arbeit (und das noch mitten in der Prüfungszeit!), so bieten derer zwei reizvollen Kontrast und natürlich einen tiefen Innenblick in das sinfonische Werk. Doch auch bei den Profis erlebt man eine Kombination der 3. Sinfonie Es-Dur "Eroica" mit der 5. Sinfonie c-Moll, der sogenannten "Schicksalssinfonie" eher selten.

Dabei ist der Vergleich dieser großen, genialen sinfonischen Konzeptionen (dass Behrend die schlanke 4. Sinfonie unterschlägt, sehen wir angesichts der Konzertlänge nach) sinnfällig - kaum vier Jahre stehen zwischen den Entwürfen beider Sinfonien und doch gibt es sowohl Ähnlichkeiten als auch deutliche Weiterentwicklungen zu beobachten. Behrend und die medicanti gehen aber noch weiter in ihrem Anspruch, das zeigte die sorgfältige Interpretation der Stücke beim Konzert am Sonntag in der Dreikönigskirche. Da waren nicht nur Tempi und Ausdruck gut vorbereitet und auf den Punkt gebracht, sondern es gab viele Details zu entdecken, angefangen bei der vibratoarmen Klanggestaltung in den Streichern, prägnanten Bläsereinsätzen und von Behrend gut betreuten Soli. Der Trauermarsch der 3. Sinfonie behielt sein ruhiges Tempo bei ohne stillzustehen - auch der zusammenfallende Schluss war gut ausmusiziert. Auch den 3. Satz nahm Behrend gemäßigt schnell, damit gelangen ihm aber schöne Schattierungen in den Bläsern, gerade auch der Hörner im Trio. Im Finale verhalf er den Konzertmeistern zu einem feinen Streichquartettsolo und setzte die kontrapunktischen Teile immer wieder fest ins Tempo.

Die konsequent verfolgte rhythmische Basis war es auch, die in der 5. Sinfonie fasznierte - dabei war das berühmte Anfangsthema fast zweitrangig, viel toller zu entdecken war die Intensität des 2. Satzes. Natürlich konzentrierte sich das Scherzo hier in seiner Hinwendung auf das befreiende Finale und Behrend entlockte seinen Musikern, nun auch voll besetzt mit Posaunen und Kontrafagott, noch einmal zu vollem Klang. Damit gelang schon vor dem eigentlichen Jubiläumskonzert am 6. November ein großes Festkonzert - in der nahezu ausverkauften Dreikönigskirche gab es dafür jubelnden Applaus.

Freitag, 24. Juni 2011

Gewaltige Wirkung

Sakrale Musik aus Frankreich im TU-Sinfoniekonzert

Ein spannendes, ungewöhnliches Programm hatten sich die Protagonisten von TU-Sinfonieorchester und TU-Chor für ihr gemeinsames Frühjahrskonzert zurechtgelegt. In vergangenen Jahren hatte man sich Musik aus England und der Schweiz gewidmet, am Sonntagnachmittag lagen in der - übrigens trotz aller Festivitäten sehr gut gefüllten - Kreuzkirche drei Partituren französischer Herkunft auf Monica Bucklands Pult. Alle diese Werke atmeten einen geistlichen Hintergrund, ohne jedoch zu tiefgründig zu sein. Kirchenmusik "light" also?

Zumindest von Georges Bizet ist zweifelsfrei festzustellen, dass er keinesfalls als bedeutender Komponist geistlicher Musik in die Geschichte einging. So fließt sein jugendlich-akademisches "Te Deum" in vier braven, durchkomponierten Teilen dahin ohne wirklich Akzente zu setzen. Das blieb der Interpretation überlassen und Monica Buckland führte mit Übersicht durch das Werk. Manuel Günther (Tenor) und Barbara Böhi (Sopran) unterstrichen in den Solopartien den lyrischen Grundcharakter des Werkes treffsicher.

Nach dieser kompakten Einleitung verschwand das gesamte Orchester auf die hintere Empore, um unter der Orgel die "Sinfonia Sacra" von Charles-Marie Widor zu begleiten, ein etwas im Schatten von Saint-Saens berühmter Orgelsinfonie stehendes Werk gleichen Genres. Solist war der Schweizer Philipp Mestrinel, der klug abgestuft registrierte, so dass das Orchester auch im forte nicht völlig verdeckt wurde. Dass die dickichtartigen Strukturen des Variationswerkes über den Choral "Nun komm der Heiden Heiland" sich nicht wirklich im Raum mitteilten, war zweitrangig zugunsten der gewaltigen Wirkung der Fuge, die auch von den Streichern plastisch umgesetzt wurde.

Krönender Abschluss des Konzertes war das "Gloria" von Francis Poulenc, wiederum ein Werk, das mit ungewöhnlicher Zeichnung eine große Atmosphäre schafft. Der TU-Chor (Einstudierung Maja Sequeira/Karl-Friedrich Winter) nahm hier noch einmal Kraft und Können zusammen - trotz der Leichtigkeit der Wirkung ist der Anspruch des Werkes nämlich nicht zu unterschätzen. Die gute Deklamation (etwa des "Suscipe") im Chor erfreute hier ebenso wie das schön ausgeformte Spiel des Orchesters, trotzdem wäre im Chor noch mehr Deutlichkeit und Genauigkeit vor allem in der gemeinsamen Klangausformung wünschenswert gewesen. Barbara Böhi konnte in ihren beiden Soli mit einem abgehangenen piano nicht mehr gefallen. Schade auch, dass der aus Zürich mitgebrachte Chor "ars cantata", dem Buckland bis 2009 als Dirigentin vorstand, nicht einmal optisch auf der Bühne auszumachen war - er diente lediglich als Verstärkung und bekam nicht die Gelegenheit, sich mit eigenem Programm vorzustellen.

Russischer Touch mit neuen Glocken

Jugensinfonieorchester des HSKD beim Benefizkonzert in der Kreuzkirche

Zum wiederholten Male war das Dresdner Jugendsinfonieorchester am Heinrich-Schütz-Konservatorium zu Gast bei den Benefizkonzerten zugunsten der Innensanierung der Kreuzkirche. Am für den ehemaligen Kruzianer Milko Kersten heimischen Ort war es dennoch eine Herausforderung, den Jugendlichen zu einem satten Orchesterklang zu verhelfen, der die Schwierigkeiten des Raumes überbrückt. Doch die zahlreichen Instrumentalisten (diesmal mit auffällig vielen Celli, während nur zwei Kontrabässe um ihr Leben spielten) bemühten sich konzentriert, das anspruchsvolle Programm gut zu interpretieren.

Alle Stücke am Pfingstsonntagnachmittag hatten solistische Beteiligung - damit verabschiedeten sich aus dem Orchester junge Talente wie der Schlagzeuger Eike Nürnberger. Andere wie die Klarinettistin Franziska Scheffler, die bereits in Lübeck studiert, kehrten gerne zu ihrem Ensemble als Solisten zurück und auch im Orchester saßen Ehemalige. Kersten verlieh dem Konzert programmatisch einen russischen Touch: Reinhold Glières Hornkonzert machte den Anfang.

Aaron Hornschild, seit 12 Jahren in der Hornklasse von Andreas Roth, überzeugte mit mächtigem Ton und einiger Virtuosität. Dem Orchester war der farbige spätromantische Satz etwas ungewohnt, Kersten zeigte die Phrasierungen deutlich, aber recht freispielen mochte sich das Orchester noch nicht. Ebenso musikalisches Neuland dürfte auch für manchen Zuhörer das Konzert für Klarinette, Viola und Orchester von Max Bruch gewesen sein. Christina Voigt und Franziska Scheffler interpretierten das lichte, lyrische Werk kundig und mit vollem Ton, das Orchester musizierte hier dicht und aufmerksam.

Schlagzeuger Eike Nürnberger hielt dann mit dem "Hummelflug" von Rimski-Korsakov das Bonbon des Nachmittags parat und beeindruckte in der Marimbaphonfassung nicht mit Geschwindigkeit, sondern mit sauberem Spiel. Den Abschluss des Konzertes bildeten Alexander Borodins "Polowetzer Tänze" aus der Oper "Fürst Igor" in einer melodramatischen Fassung, die Milko Kersten auf Basis des von Rainer Maria Rilke ins Deutsche übertragenen "Igor-Liedes" selbst erstellt hatte.

Trotz schöner Deklamation der beiden Hochschul-Gesangsstudenten Elisabeth Auerbach und Daniel Müller (Sprecher) blieb der Eindruck des blutrünstig-wortschwangeren Heldenepos zwiespältig. Obwohl Kersten durch die Hinzufügung des Textes den historischen Urgrund der Oper beleuchtete, wurde die musikalische Faktur der Tänze zerschnitten und zumindest darf man Zweifel hegen, ob die Schlachtopfer am Ufer des Don wirklich die jugendlichen Musiker und Zuhörer interessieren. Schön allerdings, dass das Heinrich-Schütz-Konservatorium nun mit geballter Fördervereinskraft ein neues Röhrenglockenspiel anschaffen konnte, das mit diesem Stück und einer kernigen Zugabe von Fried Walter eingeweiht wurde.

Freitag, 10. Juni 2011

Pessimistische Litanei des Urbanen

Monodram "Der Riß durch den Tag" von Johannes Maria Staud uraufgeführt

Nach dem Orchesterstück "Tondo" des aktuellen Capell-Compositeurs Johannes Maria Staud, das vor Monatsfrist im Sinfoniekonzert der Staatskapelle uraufgeführt wurde, kam es am vergangenen Sonnabend in einem Sonderkonzert zu den Dresdner Musikfestspielen zu einer weiteren Premiere, diesmal in der Halle der VW-Manufaktur.

Dabei trafen zwei Capell-Compositeure erstmals in einem Konzert aufeinander, denn Isabel Mundry, 2007 erste Capell-Compositrice der Staatskapelle, war eingeladen, ihre 2010 uraufgeführten "Scandello-Verwehungen" für Chor und Ensemble erneut zu präsentieren. Das "Vocal Concert Dresden" (Leitung Peter Kopp) präsentierte zunächst von einer Empore wirkungsvoll Gloria und Credo aus der 1553 entstandenen Messe von Antonio Scandello - ebenfalls ein früher Hofcompositeur in Dresden und einer der ersten, der aus Italien eintraf und damit eine äußerst fruchtbare musikalische Epoche in Dresden einleitete. Mundrys "Verwehungen" bewegen sich ganz auf dem Boden dieser Musik; sie verwischen, verstärken und spiegeln bestimmte Aspekte - eine Art neuer Renaissance-Drive entsteht da, der Altes nicht verleugnet und mit Wahrnehmungsphysiologien bewusst spielt. Akustisch konnte man mit dem Ergebnis (der Chor stand nun vor einem immensen schwarzen Vorhang) aber nicht zufrieden sein, so transparent das kleine Kapell-Ensemble unter Gastdirigent Asher Fisch auch musizierte.

Nach der Pause wurde Stauds Monodram "Der Riß durch den Tag" aus der Taufe gehoben - es ist nach der Oper "Berenice" (2004) Stauds zweite Zusammenarbeit mit dem Dichter Durs Grünbein. Zwar ist dieser in Dresden geboren und sein Text (aus: "Nach den Satiren" aus dem Jahr 1999) zeigte ganz eindeutig die Beschäftigung mit urbanen Perspektiven und Atmosphären, doch ist der Rahmen weiter gefasst. Im Mittelpunkt steht eine dramatische, be- und aufgeladene und wenig optimistische städtische Bilderwelt, die Staud vermutlich eine mühelose musikalische Projektionsfläche anbot - Poesie wird hier zu einer Litanei des kaum Erträglichen, der Ausweg geht nur über Ignoranz oder einer möglichen Wendung nach innen. Die bleibt (fast) aus in Grünbeins Text - Wandlung oder Reinigung scheint nicht beabsichtigt.

Trotzdem ordnet Staud die musikalischen Formen in fünf Teilen fast klassisch an und strukturiert daher den oft blutigen Wörtersee stimmig, um nicht zu sehr in die Abstraktion zu gleiten. Durch die kluge Proportionierung von Wort und Musik sorgte Staud auch für eine Deutlichkeit in der Darstellung. In den Möglichkeiten des großen Kammerensembles fand er zudem plastische Gesten des (nur selten theatralischen) Kommentars - von der Staatskapelle wurde das sehr engagiert umgesetzt. Eine bessere Besetzung als der Schauspieler Bruno Ganz in der Sprecherrolle war kaum denkbar - Ganz füllte das Monodram nicht mehr und nicht weniger als ein professionell geführtes Instrument aus, stellte sich in den Dienst der Musik und des Textes und ließ so ausreichend Gedankenfreiheit beim Zuhören zu.

Aufrechter Untergang

Mahlers 6. Sinfonie mit den Berliner Philharmonikern

Äußerst gespannt erwartete das Publikum im voll besetzten Semperbau das Gastspiel der Berliner Philharmoniker unter Leitung ihres Chefdirigenten Sir Simon Rattle bei den Dresdner Musikfestspielen. Vor dem Konzert wurde dem Orchester der "Glashütte Original Musikfestspiel Preis 2011" verliehen, und zwar für das Education-Programm "Zukunft@BPhil", das seit mehreren Jahren auf höchstem Niveau nicht nur Nachwuchskünstler fördert, sondern umfangreich Vermittlung, Workshops und Projekte mit Jugendlichen innerhalb und außerhalb von Schulen initiiert.

Dass Kirchentagspräsidentin Katrin Göring-Eckardt die Laudatio hielt, war nicht nur als nette Geste zwischen beiden Veranstaltungen gemeint, sondern zeigte einmal mehr, dass gesellschaftliches Engagement alle angeht und in den vielfachen Verbindungen ein nicht zu unterschätzender Wert geschaffen und gehalten wird. Wie konnte man sich aber nach dieser festlichen und Hoffnung machenden Preisverleihung auf das einzige sinfonische Werk des Abends einlassen, Gustav Mahlers 6. Sinfonie, die einem bereits mit den ersten harten Schlägen des "Allegro Energico" alle Zuversicht raubt?

Das nur als großartig zu bezeichnende Konzert schaffte genau diesen Brückenschlag: Musik eröffnet einem ungeahnte Welten, wenn man sich als Interpret wie als Zuhörer hundertprozentig darauf einläßt - der stürmische Beifall am Ende war also auch ein Akt des bedingungslosen Nachvollzugs, den die Interpretation von Sir Simon Rattle möglich gemacht hatte und so enorm tief ging. Alle Sinfonien von Mahler mögen einzigartig in ihrer Konzeption sein, in ihrer Konsequenz der Darstellung des Unabwendbaren, einhergehend mit einer sich immer dunkler färbenden, zerstörischen und bitteren Emotionswelt, ist diese Sinfonie vergleichslos.

Rattle interpretierte die Sechste daher auch schonungslos und doch mit höchster Aufmerksamkeit und Kontrolle. Dies bedeutete auch ein scharfen Hineinleuchten in feinste Details, dazu kam eine satzübergreifende Tempoarbeit, die von allen mitgetragen wurde und so brauchte Rattle selbst bei flexiblen Übergängen kaum Unterstützung leisten: der Weg war allen klar, Rückkehr unmöglich. In immer neu aufgeladenen Wellen formte sich schon im 1. Satz in eine unglaublich greifbar klingende Energie. Für jedes Thema, jede noch so kurze Geste des gefühlvollen Aufflimmerns gab es bei allen Musikern genaueste Klangvorstellungen; so entstand ein monumentales Fresko einer inneren Katastrophe, in der selbst die Herdenglocken kaum mehr als glaubhafte Reminiszenz vergangener Welten wahrgenommen konnten.

Das Andante inszenierte Rattle nicht als Beruhigung, stattdessen setzte sich der Bildersturm auf einer inneren Ebene fort; die Berliner behielten den dumpf-herben Ton selbst in den letzten Resten eines unmöglich scheinenden lyrischen Ausweges bei. Der morendo-Ausklang dieses Satzes verhieß nichts Gutes mehr, die Tür zum Jenseits war mit Beginn des Scherzos, in dem die Bläser einen Höllentanz vollführten, weit aufgestoßen. Und doch hatte Rattle selbst im Finale noch Mut, Akkuratesse und zauberhaften Glanz in zurückhaltenden solistischen Passagen zu formen: den beiden Hammerschlägen und dem Ende, dem nichts mehr folgen kann, wurde mit offenen Augen entgegengesehen: ein aufrechter sinfonischer Untergang.

Montag, 6. Juni 2011

Starke Kontraste

Christian Münchs Requiem-Uraufführung "bleiben" in der Auferstehungskirche Dresden-Plauen

Musik erklang beim Kirchentag in Dresden bereits an vielen Orten, unzählige Chöre und Instrumentalisten zeigten die breite Vielfalt geistlicher Musik in organisierten und spontanen Konzerten. Die Auseinandersetzung mit dem Glauben oder einer weit gefassten Spiritualität interessiert auch zeitgenössische Komponisten, umgekehrt gibt es gerade zu ambitionierten kirchlichen Musikveranstaltungen ein offenes Publikum, das bereit ist, sich auch mit neuen, ungewöhnlichen Klängen auseinanderzusetzen.

So war es auch in der Auferstehungskirche Dresden-Plauen am Donnerstagabend, Ort der Uraufführung eines neuen Werkes des Dresdner Komponisten Christian Münch. Das Vokalensemble "AuditivVokal" (Leitung Olaf Katzer), diesmal mit sechs Frauenstimmen besetzt, Blechbläser überwiegend aus der Musikhochschule Dresden, sowie Reimund Böhmig-Weißgerber an der Orgel sorgten für eine eindringliche Interpretation des Stückes - zuvor hatte Lydia Weißgerber mit George Crumbs Orgelwerk "Pastoral Drone" (1982) quasi ein musikalisches Vorwort gegeben - klar umrissene Klangflächen und bewegte Splitter über gehaltenen Fundamentaltönen formten eine volltönende Einleitung.

Christian Münchs Komposition "bleiben" läßt sich als moderne Requiem-Variante verstehen - das Festhalten an der Liturgie und den althergebrachten Formen ist da obsolet, wo Münch durch eindeutige Strukturierung und eine emotional stark wirkende Musiksprache sich der Region der Totenmesse neu annähert und sie persönlich interpretiert. In wechselnden Besetzungen mit dem kleinen Frauenchor (der fast ausschließlich auf textlos auf Vokalisen sang und somit zu einem eigenen Instrument verschmolz), den Bläsern und der Orgel, dazu in changierenden Raum- und Lichtanordnungen entstanden abgegrenzte, blockhafte Abschnitte, die eher diskurshaft eine Klanglichkeit umkreisten, oft mit Wiederholungen oder Zu- und Abnahme der musikalischen Dichte versehen.

Zu Boden fallende schwere Eisenkugeln waren das wohl bildhafteste Element des Werkes und erzeugten in der Parallelität mit den fast körperlos schwebenden Frauenstimmen eine ungeheure Wirkung. Insgesamt entstanden extreme Wahrnehmungen von Länge, Lautheit und Intensität und damit genau eine "bleibende" Erinnerung starker Kontraste. Und um nichts anderes ging es Münch: Musik zu schaffen, die über Zeiten und Befindlichkeiten hinaus gilt und tönt. Letztlich war diese von allen Musikern mit höchstem Können ausgeführte Interpretation auch eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit Kunst und Gegenwart im geistlichen Raum, die Freiraum ließ für eigene Gedanken, dafür gab es am Ende großen Beifall.

Festlich gestimmt

Musikhochschul-Matinee mit Beethoven, Liszt, Yun und Mozart

Am Himmelfahrtstag lud die Musikhochschule in die Semperoper Dresden ein - die Matineekonzerte am Vormittag mit dem Hochschulsinfonieorchester haben schon eine lange Tradition. Der Termin parallel zum Kirchentag und im Rahmen der Musikfestspiele verführte Rektor Ekkehard Klemm zu einer besonderen Programmkonzeption, die weniger eine Quadratur des Kreises vollführte als vielmehr stimmig auf die Grundgedanken der umgebenden Festivitäten musikalisch einging.

Kurzum: der Gedanke der Freiheit war wie eine Klammer um das Konzert gelegt, umfasste Beethovens Leonoren-Ouvertüre ebenso wie Isang Yuns Kammersinfonie und auch Mozarts musikalische Freiheit in der knapp gehaltenen "Krönungsmesse". Dazu wurde dem Jubilar Liszt gehuldigt, asiatische Solisten und Dirigenten vorgestellt und Jörg Faßmann (Violine), Michael Schütze (Vokalkorrepetition) und Henry Philipp (Klarinette) bekamen Honorarprofessuren verliehen.

Solchermaßen festlich gestimmt startete das Orchester auch mit der selbstbewusst und klangstark musizierten dritten "Leonoren-Ouvertüre" (Leitung Cheng Jie Zhang). Anschließend bewunderte man die Koreanerin Seul Ah Youn auf ihrem durchweg sicheren, manchmal freilich noch etwas zu korrektem Weg durch das Klavierkonzert A-Dur von Franz Liszt. Auch Soo-Yeoul Choi am Dirigentenpult setzte mehr auf geradliniges Temperament - hier sei hervorzuheben, dass der junge Dirigent schon mehrfach zeitgenössische europäische Werke in Südkorea zur Aufführung brachte, der lebendige Kulturaustausch in alle Richtungen war also hier besonders spürbar.

Nach der Pause übernahm Ekkehard Klemm die Leitung in Isang Yuns umfangreicher "Kammersinfonie II - Den Opfern der Freiheit", die der politisch selbst verfolgte Komponist angesichts der Entwicklungen in Europa 1989 schrieb. Eindringlich, fremdartig und sehr persönlich geriet die Begegnung mit Yuns klar gesetzten Klangwelten - virtuos und zuverlässig auf den Punkt interpretierte das hier stark solistisch eingesetzte Orchester die keinesfalls leichte Partitur.

Die "Krönungsmesse" am Schluss wirkte dann wie eine freundlich-frische Bestätigung des Lebens und Klemm hatte keinerlei Mühe, diesen Affekt der Singakademie Dresdens zu entlocken, die mitsamt dem Orchester und einem vorzüglichen Solistenquartett der Hochschule (Sulki Chung, Henriette Gödde, Benjamin Glaubitz und Gunyong Na) für einen positiven und in den Tempi auch ordentlich flotten Ausklang sorgte.

Alle Register gezogen

Bejubeltes Recital von Arcadi Volodos in der Semperoper

Man vergleicht ihn gerne mit Horowitz und unbestritten ist, dass der 38jährige Pianist Arcadi Volodos zur Weltelite seiner Zunft gehört. Dabei ist Volodos keinesfalls der Tastenlöwe, der durch die Konzertsäle der Welt gereicht wird und im Vierteljahresrhythmus die Plattenindustrie mit Aufnahmen versorgt. Seine Beschäftigung mit den großen Klavierkomponisten der Vergangenheit benötigt Zeit und Intensität, und die Ergebnisse sind einzigartige Konzerterlebnisse mit einem Künstler, der eine schier unglaubliche Technik, Intellekt und Persönlichkeit zu verbinden weiß.

So geriet das Recital in der Semperoper am Mittwochabend auch zu einem Höhepunkt der Musikfestspiele und ganz ohne es zu betonen standen die "Fünf Elemente" auch hier im Mittelpunkt. Volodos versteht es, nicht nur Feuer, Wasser, Erde, Luft und den Äther in seinem Spiel hervorzuzaubern, er erfindet auch mühelos noch weitere Elemente, kleine und große Klangwunder, von denen man nie glaubte, dass sie einem Konzertflügel entlockbar seien. Doch wie geht der Virtuose Volodos mit Franz Schubert um, einem Komponisten, dessen oft introvertierte Kantabilität gerade am Klavier einen fast objektiven Zugang verlangt?

Volodos beherrscht diese respektvolle Annäherung und so geraten die drei "Moments Musicaux" zu wertvollen Perlen, glasklar wie eine Wasseroberfläche, mit fast dokumentarischem Anspruch. Auch die Sonate f-Moll D625 atmet diese Ruhe: ökonomisch und doch mit impulshafter Kraft zeigt Volodos exemplarisch die Kanten und Risse dieses Werkes - nicht in offen virtuoser Manier, sondern immer mit Atmung und Zeitgefühl. Doch in diesem lyrischen ersten Teil spürte man bereits das Brodeln - Volodos fuhr den Schubertschen Weg ruhig und besonnen wie ein Lamborghini in einer 30er-Zone.

Himmel und Hölle waren durch die Konzertpause getrennt; im zweiten Teil stand nur ein Werk auf dem Programm: die h-Moll-Sonate von Franz Liszt, Gipfelpunkt und Markstein der romantischen Klaviermusik schlechthin. Volodos versank fast in der Lento-Einleitung, nahm das "Grandioso" wörtlich und zeigte ein entfesseltes Presto mit Oktavläufen, die den Resonanzkorpus des Steinways bis in die Grundfesten forderten. Und doch war alles Toben, alles Innehalten unter einen großen Bogen gesetzt, Volodos verlor niemals die innere Spannung für das gesamte Werk.

Atemlos folgte das Publikum im Semperbau dem Pianisten bis hin zu den letzten satt und leise gesetzten Tönen, dann brach sich begeisterter Jubel Bahn. Volodos dankte mit insgesamt sechs Zugaben, in welchen er zwischen intimstem Albumblatt und rasanter Paraphrase noch einmal alle Register zog - Standing Ovations bildeten das Finale dieses großartigen Konzertes.

"Arabian Nights" - grenzenlos modern und turbulent

Absolute Ensemble (New York) bei den Dresdner Musikfestspielen

Wo liegt eigentlich dieses "Arabien"? Wenn schon auf diese Frage die Antwort schwer fällt, weil man hierfür je nach Kriterium eine gedachte Linie von Westafrika bis in den Irak ziehen könnte, so muss man bei der Antwort auf die Frage, was denn dann arabische Musik sei, ganz tief Luft holen, denn das oft gehörte Statement "das klingt doch arabisch" ist lediglich eine idiomatische Wendung.

Das Interesse Europas und Amerikas an der traditionellen arabischen Musik hat zudem in den letzten Jahrzehnten zu reichlich Forschung und Erhellung beigetragen, aber auch zur kreativen Weiterentwicklung dieser Musik. Da passt dann erst recht keine Schublade mehr und so ist es folgerichtig, dass sich das amerikanische "Absolute Ensemble" genau auf dem Grenzgrat zwischen World, Jazz und Klassik bewegt - bei den präsentierten Stücken gaben sich Joe Zawinul, Abdullah Ibrahim und Marcel Khalife (dessen Sohn Bachar im Ensemble mitspielte) die Ehre.

Möglicherweise hat das Ensemble bei seinem Gastspiel bei den Dresdner Musikfestspielen in der VW-Manufaktur am Sonnabend ein ganz neues "Arabien" geschaffen, was es so noch auf keiner Landkarte gibt. Verrückt genug, dass die Herkunft der drei Solisten ein Dreieck zwischen Nordwestafrika, der Schweiz und dem Libanon bildet: hier Bassam Saba, der mit Nay (arabische Flöte) und Oud (Kurzhalslaute) das Publium verzauberte, dort Aziz Sahmaoui aus Marokko, der vielen der präsentierten Stücke eindringlichen Gesang zugab. Dazwischen ein Schweizer - aber das spielt nun wahrlich keine Rolle mehr, denn der Saxophonist Daniel Schnyder ist auf allen Pfaden ein Vollblutmusiker, so entstammte etwa das rhythmisch pulsierende Nay-Konzert in vier Sätzen seiner Feder.

Im "Absolute Ensemble", das charismatisch und natürlich auch mit ein bißchen Showfeeling von seinem Leiter und Gründer Kristjan Järvi geführt wurde, ist aber jeder Platz ein kreativer, und so staunte man über die völlig selbstverständliche Komplexität der Arrangements. Deren Beats schrammten frecherweise oft gefährlich nah an Rap oder Clubsounds vorbei, so dass das Füßestillhalten schwerfiel. Bei allem rhythmischen Drive, blieb aber eine Frage offen: sind denn "Arabian Nights" denn wirklich so gar von stetig vorwärtsdrängender Motorik geprägt? Gerne hätte man dem Ensemble die Stille und Weite arabischer Landschaften auch musikalisch entnommen, doch dafür hätte der opulente Satz mancher doch sehr amerikanisch aufgefrischter Arrangements erheblich ausgedünnt werden müssen. Es entstand ein Klangbild des turbulenten, vielleicht modernen Arabiens, das auch in der Geschwindigkeit längst mit der westlichen Welt Schritt hält. Nach Mitternacht war der hochinteressante Ausflug beendet, der Derwisch hielt inne, eine Khalife-Zugabe wurde noch einmal innig.

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