Donnerstag, 5. November 2009

Rautavaara und die Aromatherapie

Hilary Finch schreibt in der Times über die Uraufführung von Rautavaaras Schlagzeugkonzert "Incantations"

"Rautavaara, whose series of Angel works reveals his interest in spiritual emissaries, writes of the inspiration of shamanism here. Anything farther removed from that dark, raw energy and transcendental states could scarcely be imagined, though, in this easy-access score of broad, big-screen melodies, cool aural aromatherapy and underchallenging orchestral writing."

Hier ein Ausschnitt (Colin Currie / LPhO, Yannick Nézet-Seguin)

Mittwoch, 4. November 2009

28 Internationale Dirigenten votieren für ein neues Konzerthaus in Dresden

Die Geschütze werden aufgefahren. Während die Philharmonie in eigenen Veröffentlichungen mit den Unterstützern wie Simone Young, Kurt Masur und Roderich Kreile für einen Umbau des Kulturpalastes wirbt, legt die Staatskapelle heute mit einem Statement für ein neues Konzerthaus nach, das gleich 28 international namhafte Dirigenten unterzeichnet haben. Hier ein Auszug:

"... so mangelt es in Dresden nach wie vor an einem erstklassigen Konzertsaal, um sich dauerhaft mit international bedeutenden Musikmetropolen wie Berlin, Wien, Amsterdam, St. Petersburg, New York und Tokyo vergleichen zu können. (...) Ein neues Konzerthaus könnte zahlreiche Kulturtouristen anlocken und würde regelmäßige Gastspiele internationaler Spitzenorchester ermöglichen und damit dem Dresdner Kulturleben neue Impulse geben.

Vom derzeit geplanten Umbau des Dresdner Kulturpalastes können diese so wichtigen Signale nicht ausgehen. Viele Beispiele haben in der Vergangenheit gezeigt, dass der Umbau eines Multifunktionssaals in der Regel nicht die gleichen Ergebnisse erzielen kann wie ein vollständiger Neubau. Beim Umbau eines Saals ist der Architekt schon allein durch den Erhalt der äußeren Hülle Restriktionen unterworfen, die einer optimalen Akustik im Wege stehen. Außerdem fehlen in den aktuellen Planungen zum Umbau des Kulturpalastes ein Probensaal und ein Kammermusiksaal.

Aus diesen Gründen unterstützen wir den Wunsch der Sächsischen Staatskapelle Dresden und ihres Generalmusikdirektors Fabio Luisi nach einem neuen Konzerthaus für die Musikfreunde in Dresden und der ganzen Welt.

Fabio Luisi
Christian Thielemann
Sir Colin Davis

Herbert Blomstedt
Kurt Sanderling
Otmar Suitner

Daniel Barenboim
Pierre Boulez
Riccardo Chailly
Christoph von Dohnányi
Charles Dutoit
Christoph Eschenbach
Daniele Gatti
Valery Gergiev
Daniel Harding
Nikolaus Harnoncourt
Mariss Jansons
Paavo Järvi
Vladimir Jurowski
James Levine
Sir Charles Mackerras
Zubin Mehta
Kent Nagano
Andris Nelsons
Yannick Nézet-Séguin
Seiji Ozawa
George Prêtre
Esa-Pekka Salonen"

Die Diskussion wird härter. Hoffentlich finden sich bald alle (!) Verantwortlichen im konstruktiven, gemeinsamen Gespräch wieder. Eigentlich kann es ja nur eine Lösung geben, nämlich das BESTE (ich erinnere an das Votum für den höchsten Anspruch in den Kulturinteressen, das Fabio Luisi in einem DNN-Artikel schon vor zwei Jahren gab...) - und hätte ich die paar Millönchen, ich hätte sie längst gespendet, und zwar genau dafür.

in der Presse:
Freie Presse Chemnitz

Montag, 2. November 2009

Halloween ist zwar vorbei...

...aber das tolle Spielzeug muss man mal gehört haben...

Samstag, 31. Oktober 2009

Herbstausritt

Zwischen Langebrück und Moritzburg, eine letzte große Oktober-Radrunde am Reformationstag. Ein erdiges Grün-Goldfarben-Idyll mit Kuh & Pferd.









Donnerstag, 29. Oktober 2009

Russlandia - Musikfestspielprogramm 2010 vorgestellt

Der renommierte Cellist und Intendant der Dresdner Musikfestspiele, Jan Vogler, gab bei der heutigen Pressekonferenz des traditionsreichen Festivals das Programm für die Dresdner Musikfestspiele 2010 bekannt, die vom 19. Mai bis zum 6. Juni 2010 stattfinden werden.


im Birkenwald: die Musikfestspiele 2010 (Foto: PR)

Nachdem die Festspiele 2009 unter dem Motto »Neue Welt« mit ihrem Programm nach Westen geblickt haben, lautet das Motto der 33. Ausgabe der Dresdner Musikfestspiele nun »Russlandia«. Die musikalische Reise nach Russland geht keinesfalls in eine "Alte Welt", denn das dortige Kulturleben hat besonders in den letzten Jahren eine rasante Entwicklung erfahren. Zudem sei die zeitgenössische Sicht auf die Musik russischer Provenienz von jungen Interpreten wie Baiba und Lauma Skride, Alice Sara Ott oder Yannick Nézet-Séguin, die aktuell zu den meistbeachtetsten Künstlern gehören, von besonderer Spannung.

Es blaut in den russischen Wäldern - und 2010 wird auch Jan Vogler wieder zum Cello greifen und stellt die Konzerte von TIgran Mansurian und Robert Schumann vor. (Foto: PR)

Jan Vogler sieht Dresden als kulturelle Nahtstelle zwischen Ost und West und freut sich außerordentlich auf den russischen Schwerpunkt im Programm, denn "ohne die russische Musik und die russischen Musiker wäre es doch ein trauriges Musikleben". 14 verschiedene Orchester werden in Dresden konzertieren, darunter das Orchester des Mariinsky-Theaters, das Russische Nationalorchester und Chor und Orchester des Bolschoi-Theaters. Weltberühmte Solisten sind eingeladen, sich (nicht nur) der russischen Musikliteratur zu widmen. Wenn man die Namen liest, dürfte die Auswahl schwerfallen: Hélène Grimaud, Emanuel Ax, Yuri Bashmet, Vadim Repin, Juliane Banse, Murray Perahia und Leonidas Kavakos sind nur einige der Stars, die sich im Mai 2010 in Dresden die Klinke von Semperoper und Frauenkirche in die Hand geben werden.

Neben dem Staraufgebot sind auch die Dresdner Klangkörper im Programm fest verankert: so treten die beiden Orchester ebenso auf wie der Kammerchor und das Sächsische Vocalensemble. Neben "Dresden singt und musiziert" (mit Wladimir Kaminer als Gast) haben gibt es diesmal zwei weitere Projekte mit "Bürgerbeteiligung". Der durch "Rhythm is it" bekanntgewordene Choreograph Royston Maldoom wird mit Dresdner Jugendlichen und dem MDR-Sinfonieorchester den "Feuervogel" von Igor Strawinsky einstudieren. In Kooperation mit dem Staatsschauspiel soll das Musical "Anatevka" ebenfalls die Dresdner auf die Bühnenbretter locken.

Neben dem "Abo U30" wird es auch 2010 wieder ein Kinderkonzert geben, das kein Geringerer als Martin Stadtfeld mit einem Bach-Programm bestreitet. Und schließlich locken die Musikfestspiele mit einem gar nicht russischen "Appetizer": Am 8. März wird Cecilia Bartoli ihr jüngst auf CD erschienenes Programm "Sacrificium" in der Frauenkirche vorstellen. Vielleicht ist dies bereits der Wink auf kommende Jahrgänge, denn Süden und Norden stehen auf der Musikfestspiel-Windrose noch aus.

Das komplette Programm der Dresdner Musikfestspiele 2010 ist als pdf verfügbar.

Männerherzen

ein deutscher Film mit Til Schweiger und Männergefühlen? Au backe, da werden Erinnerungen an "Der bewegte Mann" wach. So was wollte man doch nie wiedersehen.
Und doch, wir nahmen uns ein Herz (und zwei Freikarten...grien) und sprangen ins kalte Wasser. Und siehe da: 2 Stunden prima unterhalten. Das hätte ich nicht gedacht. Ich kann leider nicht anders, als für alle Ewigkeit den wunderschönsten Song aus diesem anrührenden (hust) Film zu posten. Wer den Film noch nicht gesehen hat, sollte sich überlegen, ob PLAY-drücken wirklich angebracht ist. Und den Herrn Komponistenkollegen, der das Ding vom Stapel gelassen hat, verlinke ich ebenfalls gern.

Mittwoch, 28. Oktober 2009

Furchterregend schön

Hélène Grimaud und Jan Vogler im Sonderkonzert des Moritzburg Festival

Mit einem Sonderkonzert begab sich das Moritzburg Festival wieder einmal in städtische Gefilde - die Gläserne Manufaktur von Volkswagen ist geschätzter Partner des Kammermusikfestivals und präsentiert daher gerne besondere Klassik-Genüsse in der Orangerie der Manufaktur. Gut 500 Zuhörer erlebten am vergangenen Sonntag ein Sonderkonzert mit Hélène Grimaud (Klavier) und Jan Vogler (Cello) - das Warten auf das nächste Moritzburg Festival wurde so auf angenehmst Weise verkürzt. Kammermusik auf diesem hohem Niveau möchte man natürlich gern zu jeder Jahreszeit genießen - war es ein Zufall, dass dem Programm von Hélène Grimaud und Jan Vogler ein besonders herbstlicher Zug anhing? Zusätzlich zur ausgebreiteten Moll-Melancholie der drei Kompositionen schienen die Stücke noch auf weiteren Ebenen verwandt: die liedhafte Melodik bei Schumann und Brahms führt konsequent zur Schostakowitsch-Sonate, in welcher die bei Brahms noch sanft zu nennenden Entwicklungen in kraft- und zuweilen schmerzvolle Äußerungen münden. Diese Verbindungen zwischen den Noten wurden durch die herausragenden Interpretationen von Hélène Grimaud und Jan Vogler, die schon seit längerer Zeit gemeinsam konzertieren, offensichtlich. Drei märchenhafte Fenster gehen in Robert Schumanns kurzen "Phantasiestücken" auf, sofort ist der Hörer gefangen in der romantischen Welt voller Emotionen und Leidenschaften. Die Idee der Kammermusik von Grimaud und Vogler beinhaltete absolutes Versenken in die Noten und damit auch den Mut zum Risiko, etwas entstehen zu lassen, was weit über reine Konzentration beim Musizieren hinausweist. Durch Voglers singenden, schlanken Ton fühlte sich Grimaud besonders motiviert, gerade die kantablen Qualitäten des Flügels herauszukitzeln. Ergebnis war ein nahezu furchterregend schönes Legato-Spiel in der 1. Sonate e-Moll von Johannes Brahms. Differenziert und jederzeit mit der Musik atmend kamen Pianistin und Cellist miteinander ins kammermusikalische Gespräch. Das gegenseitige Vertrauen schuf Besonderes: zu beobachten war die sorgfältig-liebevolle Behandlung jedes einzelnen Taktes und eine Ernsthaftigkeit beim Erforschen der Satzcharaktere, die auch natürliche Grenzen vorsah. So erschien die Brahms-Sonate auch im Finalsatz niemals flüchtig; die d-Moll-Sonate von Dmitri Schostakowitsch erhielt durch Tempokontrolle und bohrende Repetitionen am Klavier die nötige Intensität. Mag letzteres Stück auch den "Oberen" gefällig gewesen sein, gegen den perfiden Walzer des 2. Satzes nimmt sich selbst Ravels "La Valse" als harmloses Tanzstückchen aus. Würdevoll und groß gelang der große Gesang des 3. Satzes, in dem Vogler alle Klangfarben seines Instrumentes hervorzauberte und Grimaud sanft begleitete. Eine zarte Melancholie begleitete auch den nur oberflächlich als Kehraus anmutenden Schlusssatz. Großer Applaus brandete auf und normalerweise ist es dann Zeit für virtuose Schmankerl in den Zugaben. Doch die beiden Vollblutmusiker Hélène Grimaud und Jan Vogler überraschten nicht nur mit einem erneuten Schostakowitsch-Satz in plötzlich entfesselter Garstigkeit, sondern machten das Publikum auch noch in wunderbar spontanen und intensiven Interpretationen mit den Sonaten von Claude Debussy und Frédéric Chopin bekannt. Ob diese Einblicke bereits als Hinweis auf Kommendes zu verstehen waren? Dieses außerordentliches spannendes Konzert verlangt geradezu nach einer Fortsetzung.

Dienstag, 27. Oktober 2009

Heinz-Klaus Metzger †

Am Sonntag verstarb der Musikwissenschaftler, Kritiker und Publizist Heinz-Klaus Metzger im Alter von 77 Jahren. Das ist ein großer Verlust für die Musikwelt - Metzger hat gemeinsam mit Rainer Riehn vor allem durch die 1977 gegründeten Musik-Konzepte, die Werke und Komponisten der Avantgarde mit ungewöhnlichen Standpunkten, neuesten Forschungserkenntnissen und Analysen beleuchteten. Kaum jemand, der sich mit Neuer Musik beschäftigt, wird an diesen Büchern vorbeikommen, einige Bänden begleiten mich schon mein halbes Leben und man findet immer wieder exzellente, aber auch aufreibende Aufsätze.
Zudem habe ich an Metzger auch persönliche Erinnerungen, war er doch 1999 ebenfalls ein Wiepersdorf-Stipendiat - ein (zumeist) äußerlich ruhiger, stetiger Beobachter und Chronist von allem Neuen in der Musik.

Gelassenes Funkeln der Musik

Herbert Blomstedt im 3. Kapell-Konzert

Die Gabe, den Menschen Musik zu schenken ist vielleicht eine Frage von Talent und Fähigkeiten, aber sicher keine Frage des Alters. Am ehesten noch quittiert die Stimme eines Sängers den Dienst; Pianisten setzten sich auch im hohen Alter ans Klavier und gerade bei Dirigenten erscheint die "Rente mit 65" indiskutabel, denn manche trauen sich in diesem zarten Alter gerade erst an große Werke der Musikliteratur heran und sorgen dann für nicht selten von der selbst erlebten Intensität des Lebens gezeichneten Interpretationen. Mit 82 Jahren gehört auch Herbert Blomstedt längst nicht zum "alten Eisen" und betrachtet man seine Auftritte in den letzten Jahren, so scheint ein prall gefüllter Terminkalender für ihn das reinste Lebenselixier zu sein. Fast schon so etwas wie Dankbarkeit sieht man in seinen Augen blitzen, wenn man ihn am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden agieren sieht. Denn mit diesem Klangkörper ist er so vertraut, dass nur kleine Zeichen für das Entstehen des warmen und runden Kapellklangs genügen. Vor vierzig Jahren dirigierte Blomstedt das erste Konzert in Dresden. Zehn Jahre lang war er Chefdirigent und heute ist er ein stets gern gesehener Gast, sowohl vom Publikum, das sein Bühnenjubiläum im Konzert am Freitagabend mit stehenden Ovationen feierte, sondern auch vom Orchester, das sichtbar gerne mit Blomstedt musiziert. Der schwedisch-amerikanische Dirigent kennt im Repertoire kaum Berührungsängste und wählte für sein Programm in Dresden und eine anschließende Tournee Werke von Beethoven und Tschaikowksy aus. Beethovens Tripelkonzert C-Dur, Opus 56 erklang exakt vor 32 Jahren schon einmal mit der Kapelle unter Blomstedts Leitung. An Frische der Interpretation hat es bei Blomstedt keinen Deut eingebüßt. Die Vitalität des umfangreichen 1. Satzes war schon in der Orchestereinleitung spürbar und wurde von den Solisten, dem Dresdner Klaviertrio (Kai Vogler, Peter Bruns und Roglit Ishay) nahtlos übernommen. Der musikalische Fluss trieb aus reiner Musizierlust auch gerne einmal etwas vorwärts, was Blomstedt aber mit ruhiger Hand wieder in geregelte Bahnen führte. Obwohl man über die kompositorischen Feinheiten des Konzertes durchaus staunen mag, wurde das Tripelkonzert als legeres, spielfreudiges Unterhaltungsstück musiziert. Den Abgrund der Welt sucht der Hörer hier vergeblich. Vogler, Bruns und Ishay musizierten vor allem im gegenseitigen Zuwerfen der Themen vortrefflich, Geschmacksache muss die recht saftige, vibratofüllige Artikulation im Mittelsatz und das doch insgesamt gediegene Tempo des 3. Satzes bleiben. In der 4. Sinfonie f-Moll von Peter Tschaikowsky sind schon eher dramatische Untiefen zu entdecken - Herbert Blomstedt überraschte hier mit einer ganz von den Geschichtchen und Anekdötchen des Umfeldes der Sinfonie losgelösten Interpretation, die einzig auf die Kraft der Musik setzte. Angenehm flotte, aber nie überzogene Tempi und kontrastreiches Musizieren bestimmten das Spiel. Blomstedt setzte nur wenige pointierte Akzente durch sein Dirigat, denn nach 40 Jahren stetigen Aufeinandertreffens kennt man die Zeichen: ein kurzes Heben der Augenbraue genügt und man ist sich einig. In diesem gelassenen und freien Musizieren fängt die Partitur an zu funkeln und so macht Tschaikowsky den Musikern, dem Dirigenten und natürlich auch dem Publikum sichtlich Spaß. Wir freuen uns auf das nächste Wiederhören mit Herbert Blomstedt.

Montag, 26. Oktober 2009

tv tipp

jetzt bei arte: el sistema, sehenswerte Doku über Jugendliche und Musik in Venezuela. Anschließend: der Rosenkavalier-Stummfilm

Samstag, 24. Oktober 2009

Feuilleton anno 2009

"Wer Sting mag muss es ein paar mal anhören und auch ist diese Cd etwas für die ruhige Winterzeit!
Es gibt nicht was mir an dieser Cd stöhrt und auch Musik muss auch mal anders gehört werden,wenn nicht sollte man sich eine dieser flachem Sampler zulegen die es zu 1ooo-fach im Handel zu kaufrn gibt!"

(aus einer Amazon-Rezension)
(no further comment)

Donnerstag, 22. Oktober 2009

Was ist denn mit der ZEIT los...?

Früher las ich ja gerne mal die Zeit. Aber mittlerweile ist vor allem die Online-Ausgabe offenbar ein Tummelpunkt für Schwafler und Salbader geworden. Nach dem merkwürdigen Artikel über das angebliche Dresdner Kulturbürgertum von Florian Illies in Bezug auf Thielemann versteigt sich nun Christoph Drösser in eine Gegenwartsanalyse der besonderen Art in Bezug auf Neue Musik. Nicht nur werden da wieder viele Uraltargumente wieder ins Feld geführt, nein, schnell wird auch mal die Musikgeschichte verdreht. Im einzelnen:
- "Schönberg aber ist seit 58 Jahren tot, und seine Zwölftonserien haben ebenso wenig einen Eingang in die populäre Kultur gefunden..." - halb Hollywood nutzt die Techniken, und als Juilliard-Komponist gilt man ohnehin nur etwas, wenn man in Eislerscher Manier ein Hupfdohlenmusical mit der Krebsumkehrung verziert.
- "...wie die elektronischen Experimente Karlheinz Stockhausens oder die Geräuschcollagen von Pierre Henry." - Was ist mit Kraftwerk, was mit Hörspielmachern und Filmkomponisten? Die würden ohne diese Pionierarbeit nicht existieren.
- "die Zeitgenossen der »zeitgenössischen klassischen Musik« sterben langsam aus." - Drösser sollte sich vielleicht mit jungen Studenten an den Hochschulen unterhalten (am besten nach einem AUSVERKAUFTEN Konzert, die man in letzter Zeit immer öfter erleben kann) - da "stirbt niemand aus", im Gegenteil.
- "Fast jeder kennt den »Hurz«-Sketch von Hape Kerkeling" - kann das der Startpunkt einer ernsthaften ästhetischen Diskussion sein.
- "Die Forscher staunen, wie plastisch unser Gehirn ist" - und es erliegt eben nicht "Konsonanztheorien", die Gehirnwissenschaftler aufgestellt haben. Die Bequemlichkeitstheorie, die Nachäfftheorie, die Traditionstheorie, die Passivitätstheorie, DIE haben die Gehirnforscher leider nicht auf dem Aufgabenzettel (soll heißen: die isolierte Betrachtung etwa einer Konsonanztheorie kann nicht zum Ergebnis "zu schräg für unser Gehirn" führen.
- "Genauso lernen wir Musik, indem wir zunächst aus den vielen möglichen Tonskalen diejenige isolieren, die in unserer Kultur vorherrscht – eine Prägung, die wir praktisch nicht mehr ablegen können." - Richtig, hier ist nur ein Wort falsch: "können" durch "wollen" ersetzen. Und dann wäre zumindest ein wichtiges Argument für das "Schräge" hinzugefügt.
- "Das Wiedererkennen ist ein Erfolgserlebnis, das uns Musik verstehen lässt." - Tja, an der Stelle sollten die Forscher mal ansetzen mit ihren Elektroden am Kopf. Ich bekomme nämlich immer Würgereize, wenn mich schlechte Cover-Titel im Radio in die "kennenwirdoch"-Schublade schieben oder mir ein Professor an der Hochschule seine Kettenrondotheorie als Neue Musik verkaufen will. Nein Danke. Wiedererkennen ist Mist und hat nichts mit NEUgier, LERNEN und WEITERENTWICKELN zu tun.
- "Just solche Erfolgserlebnisse enthält die Neue Musik dem Hörer vor" - tja, weil sie vielleicht weiß, dass es auf solche "Erlebnisse" nicht ankommt. Und 2/3 der angeblich "neuen Musik" huldigen ohnehin der Wiedererkennung, und sei es durch Verwendung traditioneller Parameter.
Nun der Hammer: eine 12-Ton-Reihe kann man sich ja nicht merken, schon gar nicht dessen Umkehrungen. Richtig, ein Gehirn ist SCHLAUER, als bloßes Merken funktioniert. Es ist nämlich fähig, eine 12-Ton-Reihe als komplexes harmonikales und intervallisches Gebilde ALS GANZES wahrzunehmen. Oder warum kommt uns ausgerechnet das Berg-Violinkonzert so merkwürdig "schön" vor? - Als nächstes frage ich mich, wie komplexe Werke der Historie (H-Moll-Messe, Eroica, 9. Schubert usw.) durch "Merken" rezipiert werden können. Merken ist nur eine Verästelung der Rezeption.
- "Denn es gibt auch andere hochkomplexe Musikrichtungen, von Bachs Fugen bis zum modernen Jazz, die zunächst fremd klingen, aber doch faszinierend genug sind, um auch ein Laienpublikum anzuziehen." - Gegenfrage: Warum beiben bei Kunst-der-Fuge-Gesamtaufführungen Reihen leer (und einige Leute gingen sogar). Dass Modern Jazz nur in Leverkusen die Hütte füllt, sollte auch bekannt sein. Und zwar keineswegs von Laien. Die hören Till Brönner.
(NB: auf Thema und Argumente hin bearbeitet)

---

und noch ein Merkzettel zur "Konsonanztheorie" hintendran, für spätere Auseinandersetzung:
MARTIN EBELING (Konservatorium Mainz): Verschmelzung und neuronale Autokorrelation als Grundlage einer Konsonanztheorie
1. Ziel
Ein von Gerald Langner (1983 / 2007) beschriebenes Modell neuronaler Periodizitätswahrnehmung im auditorischen Stammhirn wird auf musikalische Intervalle angewandt.
2. Mittel
Die neuronale Codierung und Autokorrelation zur Periodizitätsanalyse lässt sich in einem mathematischen Formalismus nachbilden, der auch die physiologisch bedingten Unschärfen neuronaler Verarbeitung berücksichtigt.
3. Neuronaler Code
Durch die Frequenzanalyse im Innenohr wird Schall peripher in seine Frequenzkomponenten zerlegt und in einen neuronalen Code übersetzt. Ein einfacher Ton hat ein periodisches Feuermuster, dessen Periode dem Kehrwert der Frequenz entspricht. Die statistische Verteilung der Intervalle zwischen allen neuronalen Impulsen liefert einen Code zur Übertragung akustischer Informationen. Die Zeitreihenanalyse des neuronalen Codes in
Autokorrelationshistogrammen zeigt Maxima für Perioden, die den empfundenen Tonhöhen entsprechen (Caria-
ni & Delgutte 1996). Intervalle sind neuronal durch simultane Impulsketten repräsentiert (Trame et al.2001), die
teilweise koinzidieren.
4. Generalized Coincidence Function
Durch die „Generalized Coincidence Function“ (Ebeling 2007) definiere ich eine Maßzahl für den Grad dieser
Koinzidenz, die ein Maß der Ordnung neuronaler Feuermuster ist. Trägt man diese Maßzahl gegen alle Intervallverhältnisse ab, erhält man eine Kurve, die Konsonanzen stärker hervorhebt als Dissonanzen und dasselbe Bild zeigt, wie Stumpfs Kurve der Verschmelzungsgrade (Stumpf, 1890). Stumpfs Verschmelzungsbegriff ist also analog zu koinzidierenden Erregungen bei der neuronalen Periodizitätsanalyse. Aber auch kleinste Intervalle zeigen hohe Verschmelzungsgrade. Dass diese Intervalle dennoch dissonant sind, lässt sich auf Rauhigkeit zu-
rückführen.
5. Verschmelzung und Rauhigkeit sind Grundlage der Konsonanz und Dissonanz
Eine Synthese aus Koinzidenztheorie im Zeitbereich (Periodizitätsanalyse von Impulsfolgen und überlagernde
Erregung „Verschmelzung“) und Störtheorie im Frequenzbereich (Erregung innerhalb der Kopplungsbreite „Rauhigkeit“) sollte Grundlage einer Konsonanztheorie sein. Das Wesen der Konsonanz ist in der neuronal Periodizitätsanalyse durch Autokorrelation begründet, die der Verschmelzung in der Apperzeption entspricht. Ausschließlich auf Rauhigkeit basierenden Störtheorien (v. Helmholtz 1862, Plomp & Levelt 1965, Terhardt 1976)
wird widersprochen.
Veröffentlichungen (Auswahl): Tonhöhe: physikalisch – musikalisch – psychologisch – mathematisch (Frankfurt a. M.: Peter Lang 1999), Verschmelzung und neuronale Autokorrelation als Grundlage einer Konsonanztheorie (Frankfurt a. M.: Peter Lang 2007), Konsonanz und Dissonanz (in: Bruhn / Kopiez / Lehmann & Oerter (Hrsg.): Musikpsychologie. Das neue Handbuch, Hamburg: Rowohlt 2008)

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