Mittwoch, 23. Juli 2014

Unterschiedlich berührend

Vokalmusik von Busto, Pärt und Vieira im Konzert des Universitätschores

Unter dem Motto "Gesang der Quellen" präsentierte sich am Sonntagnachmittag der Universitätschor Dresden in der Kreuzkirche. Mit den Assoziationen musste man da allerdings schon etwas weiter wandern als bis zum nächsten Wasserfall, denn es ging nicht explizit um das Naturelement, sondern eher um Quelle als Synonym für ein generelles Strömen, aber auch für die Hinwendung zu den Ursprüngen. Eine gute Stunde geistliche Musik des 20. Jahrhunderts stand auf dem Programm, das älteste Stück gerade einmal vor 26 Jahren entstanden. Doch hatte man nirgends das Gefühl, besonders avancierter Musik der Gegenwart zu lauschen, die Bande zur Tradition war in allen drei Werken eng geknüpft.

Der baskische Komponist Javier Busto ist beliebt bei den europäischen Kammerchören, psalmodierende Abschnitte stehen in "O Sacrum Convivium" neben wirkungsvoll eingesetzter Harmonik. In diesem a-cappella-Werk überzeugte der Universitätschor unter Leitung von Christiane Büttig bereits mit schöner Klanggebung und deutlicher Ausformung des Textes.

In ebensolcher Konzentration gelang eine sehr gute Aufführung von Arvo Pärts "Salve Regina" - hier trat die Sinfonietta Dresden in einer Streicherbesetzung samt Celesta (Michael Schütze) hinzu. Büttig traf mit dem Chor genau die ruhige und ruhende Haltung, die diese Musik benötigt, dabei ist die Homogenität in einem Werk dieser Schlichtheit ja alles andere als leicht zu erreichen. Dem aufrichtigen Ernst dieser Komposition kann man sich indes kaum verschließen und so wurde eine fast meditative Atmosphäre im großen Kirchenraum erreicht.

Nach einem Abendmahlstext und einem liturgisch den Stundengebeten zuzuordnendem Text stand mit einem "Stabat Mater" als Hauptwerk eine Passionsmusik auf dem Programm. Anstelle bekannter Vertonungen hatte sich der Universitätschor für ein Werk des hierzulande unbekannten brasilianischen Komponisten Amaral Vieira (geb. 1952) entschieden. Dessen 1988 entstandene Vertonung mit Streichorchester bedurfte einiger Gewöhnung beim Zuhören - nicht wegen der völlig tonalen, durchweg sehr einfach gestalteten Musiksprache, sondern vor allem, weil das Stück keinerlei Fluss aufwies und in gut zwanzig einzelne Teile zerfiel. Jeder Satz des Textes bedeutete für Amaral einen in sich geschlossenen musikalischen Abschnitt, der manchmal kaum mehr als eine Minute dauerte.

Dabei wurde permanent die Besetzung zwischen a cappella und Teilen mit Solisten (sich souverän für die Musik einsetzend: Romy Petrick, Ewa Zeuner, Frank Blümel und Egbert Junghanns) gewechselt, ohne dass viel mehr als eine gefühlslastige Musik dabei herauskam, in der auch wenige dramatische Abschnitte nicht zündeten - dafür war die Komposition, die als Höhepunkt ein Tremolo in den Streichern zum "Entbrennen der Liebe" im Text aufwies, schlicht zu einfallslos. Einige choralartige a-cappella-Szenen waren stimmungsvoll, es fehlte aber an Kontrasten oder Entwicklung und selbst die Harmonik war im tonalen Rahmen oft bedeutungslos eingesetzt.

Für das Werk setzten sich Christiane Büttig und Universitätschor jedoch stark ein - das Publikum und der anwesende Komponist durften eine plastische Interpretation des in diesem Terrain sehr sicher agierenden Chores erleben. Dafür gab es am Ende des Konzertes so starken Applaus, dass der positiv gestimmte Schlussgesang als Zugabe erneut angestimmt wurde. Dass der je andere Umgang mit der Tradition der Musik in der "Quellenmusik" auch sehr unterschiedlich berührte, war sicherlich das interessante Fazit dieses anspruchsvollen, keineswegs gewöhnlichen Konzertes.
(18.7.)

Traum LXXXV

Ein Wolf steht vor mir. Positive Empfindung, ich scheine mitten im Rudel zu stehen.

Sonntag, 13. Juli 2014

Museumssommernacht

Gestern gab es wieder die beliebte "Museumssommernacht" in Dresden. Für mich war es eine schöne Abwechslung, da ich zumeist musikalisch in der Stadt unterwegs bin und den vielen Museen leider zeitbedingt oft zuwenig Beachtung schenke - ganze 47 teilnehmene Kulturstätten verzeichnet das Programm! Über Twitter gewann ich ein Ticket - das Ganze war also auch noch kostenlos für mich. Und zudem eine Premiere, denn in den letzten Jahren war ich meist verhindert oder sah die Museums-Sonderbusse abends an mir vorbeiziehen, darin kulturbeflissene Menschen wie die Sardinen an den Scheiben... - nix für mich, dachte ich.

So war ich denn auch, nach langem Überlegungsprozess in welche Ausstellungen ich meinen Fuß setzen würde, überrascht, dass der erste Sonderbus, in den ich stieg, komplett leer war. Das änderte sich aber im Laufe des Abends. Im Militärhistorischen Museum lockte der Duft von Gebackenem. Und das war bereits Kunst, denn ein neuseeländischer Künstler hatte eine Skulptur aus 18000 Keksen gebaut - Soldaten, denen zum einen ein Bein fehlte, zum anderen durfte man die Skulptur aufessen. Das erzeugte einiges an Medienecho, viel mehr als der Faustschlag der Provokation ("Iss das jetzt und denk gefälligst über den 1. Weltkrieg nach") blieb aber nicht hängen. Da war die Ausstellung im Obergeschoss über den 20. Juli 1944 und die Widerstandsbewegung gegen Hitler sehr viel aufschlussreicher und dort verbrachte ich auch die meiste Zeit. Da ich zudem enge familiäre Verbindungen zur Widerstandsbewegung habe, hinterließ diese Ausstellung einen tiefen Eindruck.

Anschließend ging es hinunter ins Stadtmuseum, diesmal mit einer "normalen" 8 und einem kleinen Fußweg über die Carolabrücke - eine Ausstellung zum Dirigenten Ernst von Schuch, der in der spannenden Zeit der vorletzten Jahrhundertwende das Dresdner Musikleben prägte, reizte mich sehr. Es war sehr informativ und liebevoll aus dem Nachlass, einigen Privatsammlern und der SLUB zusammengestellt, man konnte in alten Briefen und Theaterzetteln stöbern und die Dynastie Schuch wurde lebendig. Der einzige Zwischenfall des Abends passierte dort allerdings auch: man haute mir kräftig auf die Finger, als ich ein Foto zu machen versuchte. Ich übersah, dass dies ausgerechnet diese Ausstellung eben nicht erlaubt war.

Hinter schweren Türen verbergen sich im Stadtmuseum noch weitere Ausstellungen, die aber vor allem viel mehr Zeit benötigt hätten. Ich war kurz in Räumen, in denen künstlerische Positionen zum Thema "Krieg" ausgestellt waren und lief aber nahezu rückwärts wieder raus - dieses auf engstem Raum zusammengestellte Sammelsurium des Grauens hinterläßt nicht unbedingt angenehme Empfindungen, auch die Rezeption empfinde ich in dieser Anordnung als schwierig.

Es ging auf 21 Uhr zu, ich schaffte es gerade noch so in die Schloßkapelle. Viele Museen hatten ein Sonderprogramm oder Aufführungen und Führungen bereitgelegt - hier sang nun am "historischen Ort" der Dresdner Kammerchor Werke von Heinrich Schütz, Dr. Oliver Geisler führte durch die "lecture" - die Kapelle war bis auf den letzten Platz besetzt! Großer Applaus! Dem anschließenden Frischluftbedürfnis kam ich auf dem geöffneten Hausmannsturm nach, wobei ich offenbar eine Lücke im Andrang erwischte, denn beim Abstieg sah ich schon wieder Schlangen im Treppenhaus, zu meinem Aufstieg waren aber recht wenige Leute oben. Dies hat sich vor allem gelohnt, weil man selten die Dämmerungs/Nachtstunden in Dresden von oben betrachten kann und es ist schon eine besondere Stimmung - ich wäre gerne länger geblieben (wie überall...).

Nach einem kurzen Snack im Japanischen Palais legte ich eine kleine Pause zu Hause ein und startete dann (es war mittlerweile 23.30) ins Kunsthaus Dresden. Die von Dresdner Schülern mit Mentoren gestaltete Ausstellung "FETT" war zwar auch im Wortsinne "fett", nämlich vielseitig und ansprechend gestaltet, aber auch dort konnte ich nicht sehr in die Tiefe dringen - im Hof war man bereits mit der fälligen Party beschäftigt und die Zeichen standen auf Ausklang, den ich dann erneut im stimmungsvoll beleuchteten Palais wahrnahm.

Ein Fazit ist schwer zu ziehen: natürlich ist es toll, wenn 45 Museen ein so dickes Paket an Programm schnüren - allerdings bekommen ca. 41 Museen nichts davon mit, dass man unterwegs ist - mehr als drei oder vier schafft man ohnehin nicht und selbst dort wo ich war, habe ich nicht alles gesehen. Das Albertinum musste ich ebenso knicken wie die Technischen Sammlungen. Dass es überall gut gefüllt war, zeigt natürlich dass der Bedarf an solche einem Riesenevent da ist und für die Museen ist es eine tolle Werbung - letztlich kommt man auch überall ins Gespräch und es herrscht selbst bei den Museumsleuten, die "Nachtdienst" schieben, eine sehr entspannte, freundliche Atmosphäre. Tipp also: 10 Jahre lang teilnehmen, und dann kann man auch irgendwann bei allen Museen ein freudiges "Check" ausrufen. Und "zwischendurch" übers Jahr lohnt es sich sowieso immer.

* Wer noch nicht genug hat: *KLICK*
* storify von #muso14

Jenseits herkömmlicher Kategorien

Gustav Mahlers "Auferstehungssinfonie" zum Kapell-Saisonabschluss

Das große Mahler-Jubiläum liegt gerade einmal drei Jahre zurück - wir haben uns intensiv mit dem Komponisten und seinem Sinfonien- und Liederkosmos beschäftigt. Beenden sollte man eine solche Tätigkeit nie, und das ist gut so, birgt doch jede neue Aufführung - im besten Fall - neue Erkenntnisse und Erfahrungen. Sich Gustav Mahler zu nähern ist eine Aufgabe, die selten geradlinig verläuft, denn eine einzige Sinfonie, ein Satz, manchmal sogar eine Folge weniger Takte kann Licht und Schatten, Himmel und Hölle erzählen.

In der 2. Sinfonie c-Moll, der "Auferstehungssinfonie" hat Mahler versucht, ein ganzes Weltengebäude unterzubringen, was natürlich in dem Aspekt scheitern muss, wenn man präzise Antworten auf die Fragen des menschlichen Daseins erwartet. Mahlers Antworten sind gleichermaßen blumig wie erschütternd - auf das innig-intime "Urlicht" folgt ohne Gnade der Lärm des Jüngsten Gerichtes. Der Erste Gastdirigent der Sächsischen Staatskapelle, Myung-Whun Chung, wird über mehrere Jahre hinweg alle Mahler-Sinfonien in Dresden zu Gehör bringen, nach der 1. und 9. Sinfonie folgte zum diesjährigen Saisonabschluss die Auferstehungssinfonie. Schon jetzt zeigt sich eine Linie in der zyklischen Aufführung - die Handschrift des südkoreanischen Dirigenten ist eine, die von Ruhe und Ernsthaftigkeit geprägt ist. Das erstaunt insofern, als man es bei dieser Musik eigentlich als natürlich betrachten würde, wenn der Dirigent bis zur kompletten eigenen Erschöpfung mitgeht.

Doch Chung weiß um die Stärken der Kapelle und kennt die Stücke genau - ab und an hat man das Gefühl, er höre seiner eigenen Interpretation zu und ist im Geiste schon einen ganzen Abschnitt weiter. So entsteht eine - so paradox es klingt - spannungsvolle Gelassenheit im Orchester, die schönste kammermusikalische Phrasen hervorbringt, aber eben auch eine erdverbundene, ausbalancierte Kraft. Chung wagte im 1. Satz ein langsames, fast breites Tempo, das aber durch überdeutliche Zeichnung niemals an Spannung verlor und den Zuhörer sofort in die Stimmung mitnahm. Die von Mahler als "Intermezzi" erdachten Mittelsätze gaben sich flüssig und natürlich - das doch flotte Tempo des 3. Satzes etwa antizipierte bereits den Weltenbrand des Finales und zeichnete eine fast bizarre Scherzo-Atmosphäre.

Das "Urlicht" gestaltete Mihoko Fujimura warmherzig und klar, Rachel Willis-Sørensen gab souverän die helle Sopranfarbe zum "Aufersteh'n"-Chor im Finale hinzu, wo der MDR-Rundfunkchor im glasklaren Pianissimo zuvor brillant eingesetzt hatte - an dieser Stelle verließ die Aufführung endgültig herkömmliche Kategorien, denn Chung schaffte es in unnachahmlicher Weise, das gesamte Finale samt Höllenlärm und Fernorchester mit zwingender Aussage zu gestalten. Das Mahlersche Universum ist bei Chung in quasi freiheitlich arbeitenden Händen, es bleibt genügend Raum für eigene Gedanken. Der emotionale Nachvollzug ist jedoch unabdingbar, weil Chung niemals den Fluss der Musik unterbricht, vieles bejaht und motiviert, was ohnehin schon im Orchester schön angelegt ist.
(7.7.14)

Grenzüberschreitungen in Ost und West

elole-Klaviertrio im dritten Konzert der "Einstürzenden Mauern"

Wie war das eigentlich mit der Musik vor der Wende? Lassen sich da verläßliche Aussagen treffen, wie sich die zeitgenössische Musik im Osten wie im Westen "nebeneinander" entwickelt hat? Eine musikhistorisch eindeutige Antwort ist kaum zu entwickeln, da viele verschiedene Handschriften und Umgebungsbedingungen die Musik der Zeit prägten. Dass sich in der Gattung des Klaviertrios, um das etliche Komponisten des 20. Jahrhunderts immerhin aus rezeptionellen Gründen einen Bogen machten, Tradition und Experiment nicht ausschließen, zeigte das dritte Konzert der Reihe "Einstürzende Mauern" zum 25. Jahrestag des Mauerfalls, veranstaltet von KlangNetz Dresden im Hygienemuseum.

Dort erkundet man für die Kooperation nun verschiedene Säle für Musikalisches, das Dresdner Klaviertrio "elole" gastierte im "Kleinen Saal", der zwar in Größe und Akustik für solche Gelegenheiten überzeugt, aber in der nackten Kubus-Ästhetik und kaum vorhandener Belüftung nicht unbedingt ein wohliges Gefühl erzeugt. Uta-Maria Lempert (Violine), Matthias Lorenz (Cello) und Stefan Eder (Klavier) sind seit nunmehr 13 Jahren sehr rührig im Spannungsfeld der zeitgenössischen Musik in dieser "klassischen" Besetzung unterwegs. Dementsprechend wusste man die Kompositionen von Fritz Geißler, Georg Katzer und Bernd Alois Zimmermann in guten Händen. Musikalisch ergab sich da eine Linie der Grenzüberschreitung, vielleicht auch "Einreißung" gewohnter Hörkonventionen.

In Fritz Geißlers 1. Klaviertrio aus dem Jahr 1970 spiegelt sich deutlich die vor allem die sowjetische geprägte Musiktradition der DDR, ein weiterer "Ziehvater" der zeitgenössischen Musik war Béla Bartók. Geißlers Musik pendelt zwischen konventionellen Formen und einer daraus erwachsenden Emotionalität, die sich zwar kratzbürstig gibt, aber nie die Grenzen sprengt. Der hier schon zu spürende musikalische Druck eines "Sagenwollens" entlädt sich in Georg Katzers "Zwei Verlautbarungen für Klaviertrio" deutlicher, auch chaotischer. Von den Musikern gesprochene chinesische Weisheiten über die Heiterkeit der Musik wirken am Anfang und Ende nicht wie ein Zeigefinger, sondern eher wie ein ferner Traum.

Im Westen war Bernd Alois Zimmermann (1918-1970) ebenfalls mit dem Klaviertrio beschäftigt - "Présence", geschrieben 1961, ist aber kein gewöhnlicher Gattungsbeitrag, sondern weist auf Tanz und Literatur als gleichberechtigte Ebenen. Hier geschieht der "Grenzübertritt" auf eine sehr natürlich wirkende Wiese. Die Kunst zeigt sich entfesselt, der zuhörende Geist mag frei schwingen - doch ebenso tauchen hier Fragen auf, vielleicht ist Zimmermann eher im Zeitkreisen der Musik ein Protagonist des "Wohin?" - Das alles kam in den Interpretationen durch das elole-Klaviertrio wunderbar zum Tragen.

Spannungsreich und ernsthaft näherten sich die drei Musiker den Partituren und können sich dabei auf ihre gegenseitig lang erprobte Erfahrung im Erspüren "richtig" geatmeter und gestalteter Phrasen verlassen. Lediglich eine letzte souveräne Gelassenheit in einigen piano-Passagen im Zimmermann-Stück wäre das Sahnehäubchen gewesen, hier fehlte noch etwas der "quixotische" Un-Ernst. José Biondi ergänzte mit sparsamen Körperaktionen und dem Entrollen der Spruchbänder von Paul Pörtner die künstlerischen Ebenen, so dass man am Ende nach nur drei Klaviertriokompositionen doch überzeugt war, eine ganze Welt kennengelernt zu haben.
(7.7.14)

Stilistisch sattelfest

Leipziger Reinhold Quartett gastierte zum 7. Kammerabend der Staatskapelle

Zu den diesjährigen Musikfestspielen wurde das Gewandhausorchester Leipzig in der Semperoper enthusiastisch gefeiert. Für viele Mitglieder des Orchesters ist der Semperbau aber längst kein "Neuland" mehr, denn die Kammermusiken der Sächsischen Staatskapelle pflegen schon lange einen Austausch mit den Leipzigern - jedes Jahr kann man sich in einem der acht Kammerabende der Saison davon überzeugen, dass auch an der Pleiße rege Aktivität in verschiedenen Formationen besteht. Das 1996 gegründete Reinhold-Quartett war schon mehrfach zu Gast, zum 7. Kammerabend hatte es ein Programm mitgebracht, das drei sehr unterschiedliche Quartett-Welten vorstellte, damit aber zeigte, wie reichhaltig die Literatur sich darstellt.

Franz Schubert schrieb nicht nur seine berühmte "Unvollendete" - aus seinen letzten Lebensjahren sind viele Werke in Anläufen und Skizzen überliefert, so auch das als "Quartettsatz" bekannte Fragment in c-Moll. Rhapsodisch, fast experimentell arbeitet Schubert hier mit Motiven und Bewegungsmodellen, und bevor man sich beim Zuhören in den Satz eingefunden hat, ist er auch schon wieder vorbei. Das Reinhold Quartett sorgte hier für viel Deutlichkeit und baute sogleich eine gemeinsame Spannung auf, gleichwohl war hier noch ein wenig Nervosität an manchen Übergängen vorhanden.

Ganz andere Spiel- und Höranstrengungen benötigt das 5. Streichquartett von Philip Glass - sein bislang letztes Werk dieses Genres, geschrieben im Jahr 1991. Im bekannten "Dialekt" der minimalistischen Glass'schen Musiksprache ziehen hier die Harmoniefolgen wie Bäume am Zugfenster vorbei. Dass die Erzeugung derselben einiges an Tempogefühl und überdeutlicher Artikulation benötigt, merkt man angesichts der Summe der im Ohr zu stapelnden Akkorde nicht auf den ersten Blick. Schlicht faszinierend war zu verfolgen, wie Dietrich Reinhold, Tobias Haupt, Norbert Tunze und Christoph Vietz dem Quartett Leben einhauchten, wo doch eigentlich nur eine Sound-Tapete da auf den Notenständern liegt, die mal mehr, mal weniger aufmerksamkeitsheischend wirkt.

Eine ganz andere Welt tat sich nach der Pause auf: Bedřich Smetanas 1. Streichquartett "Aus meinem Leben" ist ein hochromantisches Meisterwerk der Gattung. Viele Komponisten vertrauten gerade dem Streichquartett die intimsten Gedanken an - der schon von Ohrgeräuschen und beginnender Taubheit geplagte Smetana hält hier Rückschau auf ein bewegtes Leben mit all seinen Leidenschaften. Die Aufführung geriet zum Höhepunkt des Konzertes: das Reinhold Quartett formte - mit wenigen Einschränkungen im zweiten Satz - eine sehr emotionale, mutige und im gegenseitigen Verständnis gelungene Interpretation, bei der man das Gefühl hatte, die Musiker würden sich an keiner Stelle vor den Komponisten stellen. Wie in allen Beiträgen des Abends war hier viel Verständnis und Können für die Stilistik und die Aussage des Werkes vorhanden.
(26.6.14)

Mittwoch, 25. Juni 2014

Alphörner in den Weinbergen

Sächsisches Hornquartett im Hoflößnitz-Kammerkonzert

Auf die üblichen Musikerwitze reagieren die Virtuosen selbst meist mit Verständnis, weil ja manchmal auch ein Fünkchen Wahrheit enthalten ist. Dass das ganze Orchester betet, wenn der Hornist spielt, sollte trotz ausgiebiger Bemühungen der Komponisten, Hornsoli immer "gefährlicher" zu komponieren, heutzutage die Ausnahme sein. Wer da als Zuhörer dem perfekten Klang auf der Spur ist, vergisst vermutlich, dass das Horn als Signalinstrument seit Urzeiten vor allem die Funktion hatte, die Jagdgesellschaft oder den Hirten auf dem Berg gegenüber zu erreichen.

Das 1996 gegründete Sächsische Hornquartett begnügte sich im Kammerkonzert in der Hoflößnitz nicht damit, die übliche Literatur für das Ensemble vorzustellen - die Zuhörer bekamen auch auf kurzweilige Art die Geschichte und manche Besonderheiten des Instruments vorgeführt. Johannes Brahms hat sein Hornmotiv aus dem Finalsatz 1. Sinfonie - glaubt man einer Postkarte an Clara Schumann - Schweizer Alphörnern abgelauscht - in der Konzertpause tönte das Motiv "original" durch die Radebeuler Weinhänge.

Die Blütezeit des Horns in der Romantik war Hauptbestandteil des Konzertprogramms, das von Franz Streuber moderiert wurde - natürlich gab es da viele mit "La Chasse" betitelte Sätze, die im pferdetrappelnden Sechser- oder Dreiertakt die deutsche Waldromantik beschworen. Das Sächsische Hornquartett ergänzte diese Piècen aber auch mit Sätzen, die die lyrischen Qualitäten des Instrumentes hervorhoben und spielte einige Volkslieder, deren warmherzige Stimmung eben in dieser Besetzung besonders gut zum Tragen kommt. Trotzdem widmeten sich nur wenige Komponisten dem Hornquartett, die Zuhörer durften daher dem Zeitgeschmack des 19. Jahrhunderts entsprechende Werke von Anton Richter, Constantin Homilius oder Nikolai Tscherepnin kennenlernen.

Oftmals schreiben oder arrangieren die Virtuosen zum eigenen Gebrauch - mit der Aufführung zweier Bearbeitungen der Chöre aus den Opern "Euryanthe" und "Der Freischütz" von Carl Maria von Weber erwies das Hornquartett auch seine Reverenz an den beim Konzert anwesenden Peter Damm - Hornist der Sächsischen Staatskapelle, Mentor und Lehrer der Solisten des Quartettes, die allesamt in sächsischen Orchestern und Ensembles tätig sind. Einen kleinen Bogen machte das Programm um die zeitgenössische Musik - auch das am Ende des Konzertes vorgestellte Quartett des Briten James Langley war sehr der Tradition verpflichtet.

Lediglich in Eugène Bozzas "Suite pour Quatre Cors" blitzt viel Inspiration in der erweiterten Harmonik und der Klangfarbenbehandlung auf. Auch hier agierten die vier Musiker stilistisch kundig - will man dem subtilen Witz des Werkes nahekommen, muss man sich erst einmal durch auf den ersten Blick gar nicht so "lustige" Passagen der Partitur durcharbeiten. Für alle diese Stücke erwies sich das Hornquartett als kompetenter Sachwalter und sorgte draußen wie drinnen für einen angenehm-vergnüglichen Nachmittag.

Montag, 23. Juni 2014

In Schwung gespielt

Das "Kammerorchester ohne Dirigenten" im Klotzscher Sommerkonzert

Wenn sich Dresden gerne "Musikstadt" nennt, so sollte man dabei immer die Summe aller Musiker im Blick haben und nicht nur die Leuchttürme professionellen Musikschaffens. Dabei dürften einige tausend Menschen zusammenkommen, die in Orchestern, Chören, Ensembles und Bands ihrer Leidenschaft nachgehen und so in allen Vierteln der Stadt für ein lebendiges Musikleben sorgen. Nicht wenige dieser Ensembles können schon auf eine große Tradition zurückblicken und zeigen sich kontinuierlich im Konzertkalender. So wurde das "Kammerorchester ohne Dirigenten" bereits 1967 gegründet.

Was sich da im Ensemblenamen als Besonderheit offenbart, ist für die Musiker sicherlich schon Alltag geworden und das sommerliche Konzert in der Christuskirche Klotzsche zeigte nicht nur, dass diese ungewöhnliche Musizierform funktioniert, sie hält auch zum aufmerksamen Miteinander an. Wer in diesem Ensemble mitspielt, kann sich nicht verstecken, die Ohren sind in alle Richtungen offen. Zwar finden sich hinter einigen Pulten Mitglieder mit durchaus musikalischen Berufen, doch viele gehen auch einer "gewöhnlichen" Tätigkeit nach. Das gut besuchte Konzert wusste zu erfreuen, da man vier Werke ausgesucht hatte, die das Ensemble nicht überforderten, aber dennoch gute Vorbereitung und Fertigkeiten benötigten.

Georg Friedrich Händels Ouvertüre zur Oper "Alcina" war zu Beginn noch ein bißchen mit Aufregung behaftet, trotzdem gab man sich in den barocken Wassern stilsicher. Gleich zwei Solokonzerte standen auf dem Programm, mit dem ersten konnten die Zuhörer gleich einen recht unbekannten Dresdner Komponisten kennenlernen: Joseph Schubert war ein Zeitgenosse von Carl Maria von Weber und Bratschist in der Hofkapelle - sein Bratschenkonzert C-Dur schrieb er wohl zum eigenen Gebrauch. Urs Stiehler gestaltete den Solopart dieses eingängigen, dem Zeitgeschmack verpflichteten Werkes aus und unterstützte gleich danach wieder seine Kollegen bei der Ausführung von Ottorino Respighis Suite "Alte Arien und Tänze für die Laute" - ein schönes Beispiel der Bewahrung der frühen italienischen Barockmusik im neuen Streichorchestergewand.

Hier hatte sich das etwa fünfundzwanzigköpfige Ensemble richtig in Schwung gespielt - es war viel Verständnis für Klangfarben und den Rhythmus der alten Tänze vorhanden. Dennoch lohnte natürlich immer ein Blick zum Konzertmeister Olaf Spies, der sich aber das ganze Konzert über freundlich einordnete - nur zum Finale zeigte er sich selbst als Solist in Wolfgang Amadeus Mozarts Violinkonzert G-Dur, hier in reiner Streicherbesetzung aufgeführt. Es war das sicherlich anspruchsvollste Werk des Konzertes, und es wurde achtbar gemeistert - vielleicht finden sich ja auch beim nächsten Mal noch einige Bläser, die die Ambitionen des Kammerorchesters unterstützen.

Ernste Angelegenheit

Rachmaninow und Ravel bei der Dresdner Philharmonie

Irgendwann müssen sie alle hindurch: das 2. Klavierkonzert c-Moll von Sergej Rachmaninow ist für junge Pianisten im Konzert und in Wettbewerben meist ein erstes Glanzstück, bevor man sich an das ungleich diffizilere dritte herantraut. Für Rachmaninow selbst war es nach der einigen missglückten sinfonischen Experimenten der auch nach einer seelischen Krise dringend benötigte Durchbruch, wenngleich sich an Rachmaninows schmachtenden Melodien auch heute gern die Geister scheiden. Pianisten wissen viel damit anzufangen, gerade das 2. Klavierkonzert bietet reichlich Spielmaterial für eigene Auslegung und Emphase bestimmter Empfindungen.

Die venezolanische Pianistin Gabriela Montero war am Wochenende zu Gast bei der Dresdner Philharmonie - bei ihr wurde das Konzert interessanterweise zu einer recht ernsten Angelegenheit. Diese Nuance mag zwar aufgrund der Moll-Tonart einleuchtend erscheinen, doch man hat bei diesem Konzert viele eher dramatisch-vorpreschende Sichtweisen in Erinnerung. Um so aufmerksamer wurde man schon bei den einleitenden Takten, die Montero bedächtig und mit Sinn für die dunklen Klangfarben des Klaviers setzte - das wurde auch sogleich vom Orchester aufgenommen. Am Dirigentenpult war Stefan Solyom, amtierender Generalmusikdirektor in Weimar, für Alain Altinogru eingesprungen. Orchester und Solistin begaben sich in einen gegenseitig inspirierenden Dialog, wobei Monteros manchmal eigenwillige Atmung in einigen Phrasen höchste Aufmerksamkeit erforderte.

Mit der offenliegenden Virtuosität hatte Montero wenig Probleme, aber hier lag auch nicht ihr Hauptinteresse - dieser Rachmaninow war von viel Melancholie und fast untergründigem Schmerz geprägt; erst im dritten Satz kann sich ein aufbegehrender, zum Ende hin drängender Impetus durchsetzen. Wer Gabriela Montero kennt, dürfte gespannt die Zugabe erwartet haben - die Pianistin widmet sich schon lange der Improvisation und bezieht diese auch selbstverständlich in ihre Konzerte ein. Das Dresdner Publikum schien etwas überrascht von der plötzlichen Interaktion und so kam das Motiv schließlich aus dem Orchester: Über Beethovens "Schicksals"-Thema legte Montero quasi eine Bach-Busoni-Fantasie hin, die aufgrund der harmonischen Fortschreitungen und immer virtuoseren Verzierungen großen Beifall hervorrief. Nach dem Konzert gab Gabriela Montero im "Epilog" noch weitere Improvisationen zum Besten und verwandelte dabei beispielsweise den Klassiker "Yesterday" in ein südamerikanisches Klavierfeuerwerk.

Doch zuvor hatte die Dresdner Philharmonie noch ein gewaltiges sinfonisches Werk zu bewältigen: Das Ballett "Daphnis und Chloé" schrieb Maurice Ravel 1912 für Serge Diaghilews "Ballets Russes", für das auch Strawinskys "Le Sacre du Printemps" ein Jahr später entstand. Statt der beiden Suiten hatte die Philharmonie das komplette etwa einstündige Ballett, von Ravel "choreografische Sinfonie" betitelt, auf den Pulten liegen. Stefan Solyom schuf eine präzise, weitgehend auf sicheres Spiel bedachte Interpretation. Diese vermochte vor allem in vielen dramatischen Passagen zu überzeugen, jedoch änderte dies nichts an einer insgesamt etwas nüchternen Grundhaltung mit vielen das Werk zerstückelnden Generalpausen, außerdem wurde auch der von Ravel eingesetzte Vokalisen-Chor eingespart - schade. Beeindruckend war jedoch, wie die teilweise sehr schweren Solopassagen vor allem der Bläser gemeistert wurden, auch das Schlagwerk kam mit Solyoms klar organisierendem Dirigat gut zurecht. Letztlich fehlte der Aufführung ein Quentchen französischer Duft und damit die Bereitschaft zu einer leichten Übertreibung - in alle emotional denkbaren Richtungen.

Sonntag, 15. Juni 2014

Rafael Frühbeck de Burgos gestorben

Am 11.6. verstarb der Dirigent und frühere Leiter der Dresdner Philharmonie in Pamplona im Alter von 80 Jahren. Frühbeck de Burgos stand von 2004-2011 der Dresdner Philharmonie als Chefdirigent vor, in dieser Zeit habe ich etliche seiner Konzerte besuchen und rezensieren dürfen, zwei Mal auch mit ihm und dem Dresdner Kammerchor musiziert (Berlioz und Haydn). Frühbeck de Burgos war ein echter Konzertdirigent, Proben gerieten manchmal überraschend kurz und ökonomisch - wenn die Basis stimmte, hob sich Frühbeck de Burgos gerne den Feinschliff für das Konzert selbst auf - um so aufmerksamer waren die Musiker dann.
In meinem Blog sind noch einige der Rezensionen ab 2007 zu lesen: Konzerte mit Rafael Frühbeck de Burgos - viele Konzerte bleiben in sehr guter Erinnerung, etwa der auswendig dirigierte, spannungsgeladene "Sacre", die Brahms-Zyklen und viel Spanisches - etliche von Frühbeck de Burgos frühen Aufnahmen (etwa die de-Falla-Werke mit der Sängerin Victoria de los Angeles) zählen zu meinen liebsten und Frühbecks energisch-kompetente, trotzdem immer sympathische Art zu proben und zu dirigieren war eine schöne Erfahrung.

Hilary Hahn interviewt Rafael Frühbeck de Burgos.

Sonderkonzert: Alle Neune!

Sächsische Staatskapelle feiert Strauss-Geburtstag

Die Feder in der Villa in Garmisch kratzt über das Papier: "Mein lieber Thielemann, eine sehr schöne Aufführung haben Sie da zu meinem Ehrentag fabriziert! Schauen Sie nur, dass meine zahlreichen für die Kapelle geschriebenen Werke auch in den kommenden Spielzeiten auf den Pulten liegen." - So oder ähnlich könnte der Dankesbrief klingen, den Richard Strauss, würde er noch leben, nach dem Semperoper-Galakonzert verfasst hätte. Überhaupt dürfte sich der Meister gefreut haben, standen doch etliche seiner Werke schon in den letzten Wochen auf den Programmen Dresdner Ensembles.

Zum 150. Geburtstag am Mittwoch wurde das Sonderkonzert der Staatskapelle Dresden per Leinwand auf den Theaterplatz übertragen. Dort feierten über 2000 Menschen schon vor dem Konzert: Axel Brüggemann und Carolin Kebekus führten launig in das Werk des Komponisten ein und anhand einiger Filmeinspielungen aus Archiv und Probenräumen der Semperoper wurden dessen Fußspuren in Dresden beleuchtet. In zahlreichen Ländern konnte man das Ereignis im Radio und Fernsehen verfolgen. Weit über sechzig Jahre währte die Zusammenarbeit des Komponisten mit der Kapelle, dabei entstanden neun Opern, mit denen Strauss nach der Dresdner Uraufführung teilweise schnell Weltruhm erlangte.

Im Konzert gelang ein fast chronologischer Ritt durch die neun Opern - natürlich waren da nur Schlaglichter möglich, aber durch die außergewöhnliche Programmzusammenstellung konnte man sehr gut verfolgen, mit welchen kompositorischen Finessen und Sujets Strauss zu welcher Zeit arbeitete. Orchesterzwischenspiele und Arien wechselten sich ab - Chefdirigent Christian Thielemann dirigiert unter anderem beide Walzerfolgen aus dem "Rosenkavalier", wobei die das Konzert einleitende erste Folge ein wenig unter Nervosität litt.

Doch im weiteren Verlauf zeigte sich die Klasse des Orchesters, das nicht nur mühelos in die rasch wechselnden Stimmungen der Opernszenen glitt, sondern auch jedes orchestrale Zwischenspiel zu einem Juwel eben mit spezifischem Strauss-Klang ausformte - viele originale Notenausgaben liegen eben nicht nur im Archiv des Hauses, sondern werden weiterhin benutzt. Drei Sopranistinnen zeigten dem staunenden Publikum, was Richard Strauss seinen Titelheldinnen zumutete - es darf durchaus betont werden, dass es sich hier lediglich um kurze Szenen handelte, die für sich genommen schon große Kraft und Können abforderten. Für die Partien von Elektra (Auftrittsmonolog) und Salome (Schlussgesang) war die US-Amerikanerin Christine Goerke zuständig. Im dramatischen Repertoire bewegt sie sich sicher und klanggewaltig, ihre Rollenästhetik und die technische Umsetzung mag jedoch Geschmacksache sein, denn ihr vibratoreiches, körperliches Singen führt etwa dazu, dass man kein Wort mehr versteht und Filigranes nur als Zurücknahme möglich wird. Ihre Darstellung der beiden großen Monologe erntete jedoch tosenden Applaus.

Strauss' Frauenfiguren waren niemals nur auf Drama und Wahn beschränkt - so zeigte Anja Harteros mit der gefühlvoll nachsinnenden "Arabella"-Szene "Mein Elemer!", wie die immer neue, geistreiche Melodieführung von Strauss' Titelheldinnen spannend interpretiert werden kann. Dank Harteros intensiver Ausgestaltung landete man sofort mitten im Stück und ließ sich von den atmosphärischer Stimmung in den Bann ziehen. Schließlich brillierte Camilla Nylund, die übrigens an diesem Tag ebenfalls Geburtstag hatte und sich und die Zuhörer mit Strauss beschenkte, mit einer Szene aus "Die Ägyptische Helena" und der fast überirdisch wirkenden Schlussszene der Oper "Daphne" - faszinierend, wie Nylund da im schwebenden Piano höchste Töne ansetzte und großen Lyrismus verströmte.

Herrlich einfühlsam geriet die orchestrale Begleitung aller drei Sängerinnen, wobei Christian Thielemann mit fast bedingungslos kammermusikalisch gedachter Transparenz gewann. Nach großen Ovationen im Saal und einer Zugabe ging es dann nach draußen, wo die Dresdner Opern-Fans den Sängern zujubeln durften.

Vollkommene Hingabe

Anja Harteros brilliert in den "Vier letzten Liedern" im Kapellkonzert

Die Sächsische Staatskapelle rüstet für das große Richard-Strauss-Jubiläum, das zum 150. Geburtstag am 11. Juni mit einem großen Gala-Konzert gewürdigt wird. Bereits am Sonntag dirigierte Chefdirigent Christian Thielemann das 11. Sinfoniekonzert mit Strauss-Werken. Der Beginn gehörte jedoch dem diesjährigen Capell-Compositeur Wolfgang Rihm. Während sich die vor einem Jahr ebenfalls im Kapellkonzert wiederaufgeführten "Ernsten Gesänge" von Hanns Eisler nicht explizit auf Johannes Brahms gleichnamiges Spätwerk bezogen, wird hier die Beschäftigung offenkundig: Rihm nimmt harmonische und melodische Fortschreitungen ins Visier und formt daraus ein merkwürdig vertrautes Stimmungsbild, das von melancholischem Nachsinnen bestimmt ist.

Dafür wurden vier Klarinetten exponiert dort platziert, wo sonst die ersten Violinen sitzen - der warmtönend-grüblerische "Spätwerkklang" von Brahms wird hier nie verleugnet. Christian Thielemann konnte mit dem 1996 entstandenen Stück viel anfangen, da es hier auf klangmalerische Nuancen ankam, die er der Kapelle hervorragend zu entlocken weiß. Auch in die folgenden "Vier letzten Lieder" von Richard Strauss war Wolfgang Rihm einbezogen - er orchestrierte das erst in den 80er Jahren im Nachlass der Sängerin Maria Jeritza wiedergefundene Strauss-Lied "Malven", das aber ausdrücklich nicht in den Zyklus gehört, wohl aber nun als "allerletztes Lied" des Meisters gehandelt wird.

Rein von der kompositorischen Faktur wirkte es, an zweiter Stelle zwischen die Hesse-Lieder "Frühling" und "September" gesetzt, allerdings wie ein Fremdkörper, daran änderte auch Rihms behutsame Instrumentation nichts. Absolut großartig ist allerdings die Interpretation der nun fünf Lieder durch die Sopranistin Anja Harteros zu nennen. Eine nur vollkommen zu nennende Hingabe und Einfühlsamkeit ging einher mit der in absoluter Ruhe und Besonnenheit geführten Stimme. So konnte Harteros mühelos sowohl visionäre Erwartung im "Frühling" als auch den gewisshaften Abschied im "Abendrot" entfalten und legte den Text in völlig natürlich scheinender Weise auf ihre strömenden Melodielinien. Hat man diese Lieder je schöner gehört? Christian Thielemann bettete Harteros selbstverständlich auf Orchester-Samt und führte die von der Sängerin immer intimer geformte Atmosphäre mit dem entrückten Orchesternachspiel zu einem nachdrücklichen Abschluss.

Nach der Pause wartete die Gipfelbesteigung: Ein Strauss-Geburtstag ohne die 1915 entstandene "Alpensinfonie" ist vor allem in Dresden undenkbar, steht die Widmung "Der Königlichen Kapelle in Dankbarkeit" doch gleich auf der zweiten Partiturseite. Trotz des realen topographischen Defizits in Sachsen bewiesen die Kapellmusiker reichlich bildhaftes Vorstellungsvermögen für Sonnenaufgang und Gipfelsturm samt tosendem Gewitter. Thielemann sorgte dabei für recht flüssigen Fortgang, viel Kantables und gute Präzision und stellte vor allem die Tiefenschärfe der "Fotos" ein: gleich der erste Sonnenaufgang wurde in lediglich mildem forte platziert und auch im größten Sturmgewirbel besann man sich der mittels vielerlei Noten zu erzeugenden feinen Landschaft - bis hin zur in b-Moll herniedersinkenden Nacht: ach, schön.

Dem Melos verpflichtet

Dresdner Philharmonie mit Richard-Strauss-Programm

Kurz vor dem Geburtstagstermin am 11. Juni platzierte die Dresdner Philharmonie ein Konzert im Albertinum mit einem reinen Richard-Strauss-Programm und reiht sich damit in die musikalischen Festivitäten dieser Tage ein. Das Konzert sollte der frühere Chefdirigent Rafael Frühbeck de Burgos dirigieren, erst letzte Woche jedoch verbreitete sich die traurige Meldung, dass Frühbeck de Burgos aus gesundheitlichen Gründen endgültig den Dirigierstab niederlegt - eine Wiederbegegnung in Dresden kommt nicht mehr zustande.

Markus Poschner, der erste Gastdirigent der Dresdner Philharmonie und Bremer Generalmusikdirektor, sprang dankenswerterweise ein und übernahm das Programm ohne Änderung. Eingeleitet wurde dieses Geburtstagskonzert mit Kammermusik: das Sextett, die Einleitungsmusik aus der Oper "Capriccio", wurde vorne am Bühnenrand von Solisten der Philharmonie musiziert. Zwar war dies eine interessante Musik zum Auftakt, allerdings verloren sich die filigranen Fäden im großen Saal etwas, da die Musiker ihre Partien in nicht immer gleichrangiger Präsenz darboten.

Mit einem weiteren Spätwerk wurde das Konzert fortgesetzt, wie "Capriccio" entstand auch das Oboenkonzert in den 40er Jahren. Es strahlt eine eigentümliche Atmosphäre aus und mag auch manchen Hörer ratlos zurücklassen, denn abgesehen von einem vielleicht "herbstlich" zu nennenden Tonfall bleiben die Zeitläufte besonders in diesem Stück draußen vor der Tür. Licht und mozartesk ist die Instrumentierung, die Oboe ist ganz dem Melos verpflichtet, wobei den schwelgerischen Melodien, wenn sie so gut ausgeführt werden wie durch die Solo-Oboistin der Philharmonie, Undine Röhner-Stolle, kaum anzumerken ist, dass dafür eine ziemliche Kraft und Technik aufgewendet werden muss. Das gesamte Konzert lag bei ihr in guten, kompetenten Händen und Markus Poschner hatte mit dem klein besetzten Orchester wenig Mühe, diesem schönen Melodiefluss zu folgen.

Mit der Pause wurde ein großer Zeitsprung gemacht - die Tondichtung "Ein Heldenleben" schrieb Strauss 1898. Perfekt versteht sich der Komponist aufs Geschichtenerzählen - mit dem "Zarathustra" steigern sich auch die Ausmaße der Tondichtungen ins Monumentale. Markus Poschner formte einen energiegeladenen Beginn und setzte auch im Fortgang des Werkes zumeist auf Kraft und entfesseltes Musizieren, was zu einer vielleicht nicht unbedingt perfekten, dafür aber volltönenden (dass die Fern-Trompeten seitlich der Bühne offenbar "gegen die Wand" schmetterten, führte zu einer besonderen Präsenz) und immer wieder von vorne impulsiv vorangetriebenen Interpretation führte. Schade, dass der Ruhepunkt des Werkes im "eingebauten Violinkonzert" misslang, Konzertmeister Ralf-Carsten Brömsel kam mit der Rolle der "Heldengefährtin" in seinen Koloraturen an diesem Abend kaum zurecht. Dafür entschädigte ein nur wild zu nennender, mutig ausgeführter Bläsersatz, der zur "Weltflucht" am Ende in sanfter Wärme ausklingen durfte.

Schlichte Edelsteine

The King's Singers gastierten mit dem "Great American Songbook"

Sie mussten gleich ein zweites Konzert ansetzen - die Könige des a-cappella-Gesangs. Denn rasch war das Musikfestspiel-Gastspiel der "King's Singers" im Ballsaal des Brauhauses Watzke in Pieschen ausverkauft. Dem Ensemble, das schon mehrfach in Dresden zu erleben war, wurde "a very warm welcome" bereitet, konstatierten die sechs Sänger nach ihrem Konzert - und das war auch von der Temperatur im Ballsaal her wörtlich zu nehmen. Das störte aber nahezu niemanden, denn das Publikum war ohnehin die ganzen zwei Stunden damit beschäftigt, mit Staunen und Bewunderung dieses Bad im Vokalklang-Luxus zu genießen. Es wäre wohl ziemlich gleich gewesen, welches Motto die Festspiele den King's Singers angeboten hätte - die sechs smarten Herren kennen sich von der Renaissance bis zur zeitgenössischen Musik und vom Pop bis zur Weltmusik in allen Genres aus.

Zufällig passte das Musikfestspielmotto der "Goldenen 20er" gut zur jüngsten Aufnahme des Ensembles: das "Great American Songbook" ist ein hervorragendes Dokument der Entwicklung der amerikanischen Musikkultur zu Hoch-Zeiten des Broadways, aufkommender Musikfilme und natürlich des Radios, wobei die meisten berühmten Songs erst später entstanden und bis heute in unzähligen Arrangements zum Repertoire von Jazz- und Popmusikern gehören. Im ersten Teil des Konzertes kamen - neben einem Cole Porter gewidmeten Abschnitt - vor allem George Gershwin und die Comedian Harmonists zu Ehren.

Von "Love is here to stay" spannte sich der Bogen über "Tea for Two" und die Comedian-Harmonists-Klassiker "Wochenend und Sonnenschein" und "Mein kleiner grüner Kaktus" bis hin zu Duke Ellingtons "Creole Love Call". Staunte man einmal nicht gerade über die feinen Bearbeitungen etwa von Daryl Runswick, so konnte man sich am glasklaren Gesang der "King's" laben. Hat sich die Besetzung in fast 50 Jahren auch immer wieder einmal geändert, so blieb die hohe Klangkultur konstant: gemeinsame Gestaltung und perfekte Intonation selbst in halsbrecherischen Modulationen ist so selbstverständlich wie das Atmen selbst.

Kaum etwas lenkte bei diesem Konzert von den Standards ab: wenn die King's Blicke oder Gesten in die Songs hineingeben, so geschieht dies auf eine dezente, fast liebevolle Art, und das sitzt ebenso perfekt wie die feinen Maßanzüge der sechs Herren. Lag es an der doch hierzulande nicht so deutlich ausgeprägten Rezeption der Standards oder eher an den weniger spektakulären Arrangements von Alexander l'Estrange, dass der zweite Teil des Konzertes - komplett aus dem Songbook gespeist - nicht ganz so hinreißend ausfiel wie der erste? Ein echter Kontrast oder "Reißer" fehlte im Programm; auch "My funny Valentine" und "The Lady is a Tramp" waren am Ende schlichte Edelsteine, in denen die Soli ebenso rund klangen wie die durch die Stimmen wandernde Begleitung. Colemans "The Best is Yet to Come" war da schon fast ein Understatement: Sorry, liebe King's Singers, besser geht es einfach nicht.
Alexander Keuk

CD-Tipp
The King's Singers: The Great American Songbook, 2 CDs (Signum, 2013)

Montag, 9. Juni 2014

Kristalline Klarheit

Hilary Hahn, Paavo Järvi und das hr-Sinfonieorchester gastieren in der Semperoper

Die Momente in einem klassischen Konzert, in denen für einen Zuhörer einfach alles stimmt, sind rar. Hält ein solcher Zustand gar über ein ganzes Werk stand, so stellt sich ein besonderes Glücksgefühl ein. Dementsprechend hätte der Applaus in der Semperoper nach der hervorragenden Darbietung des Violinkonzerts von Johannes Brahms mit der US-amerikanischen Geigerin Hilary Hahn und dem hr-Sinfonieorchester unter Leitung von Paavo Järvi durchaus brausender ausfallen dürfen. So etwas hört man nämlich nicht alle Tage.

Hahns Interpretation zeigte eine große Reife und Perfektion, wobei letzteres im Sinne einer alle Nuancen des Werkes umfassenden, frei schwingenden Musikalität gemeint ist. Hahn gestaltete die Exposition des 1. Satzes in kristalliner Klarheit - mit der Tür ins Haus zu fallen ist ihre Sache nicht. In dieser Deutlichkeit baute sie ein über alle drei Sätze tragendes Spannungspotenzial auf, bei dem die Motive sinnfällig verbunden wurden und Raum für eigene Entfaltung erhielten. Hahn gestaltete vor allem die Übergänge zwischen kontrastierenden Abschnitten äußerst klug und fand immer wieder zu einer ruhigen Gelassenheit zurück, aus der eine neue kräftige Phrase oder eine bis in den letzten Bogenstrich vollendete Kantabilität entstehen konnte. In dieser Plastizität aller Elemente erhielt das Werk quasi eine Hochschätzung, die leichtes und selbstverständliches Musizieren ermöglichte. Die sichere Basis des fast mit Noblesse begleitenden Orchesters tat ein Übriges für dieses besondere Musikerlebnis.

Nach der Pause wurde Hilary Hahn für ihre Verdienste um die Nachwuchsförderung und Vermittlung der Musik mit dem diesjährigen Glashütte-Musikfestspielpreis geehrt. Weit über das reine Konzertieren hinaus engagiert sich die Geigerin seit Jahren für den Austausch über Musik, entwickelt Social-Media-Projekte oder läßt gleich zwei Dutzend Komponisten rund um den Erdball neue Stücke für sie komponieren. Hahn spendete als Dank einen kleinen Gedankenausflug zum Thema Erfolg, für sie bedeute dieser Begriff, "etwas Schönes zu kreieren und eine Verbindung zwischen Menschen zu bauen."

Diesem Ethos folgte auch die folgende Aufführung der 3. Sinfonie d-Moll von Anton Bruckner. Paavo Järvi, nach siebenjähriger Chefzeit beim hr-Sinfonieorchester nun in der ehrenwerten Position eines "Conductor Laureate", formte eine Interpretation, die von stetiger Partnerschaft und Vertrauen bestimmt war. So konnte in den von Järvi meist flüssig musizierten Sätzen eine exzellente Klangkultur aufblühen, die sich immer mehr zu freiem Spiel aufschwang. Vor allem das hier betont derb tänzelnde Scherzo und das saftig ausmusizierte Finale gelangen großartig - ohne Zugabe durfte das hr-Sinfonieorchester nach dem starken Applaus die Bühne selbstverständlich nicht verlassen.

Neue Orchester-Klangwelten

"Erste Anhörung" mit der Dresdner Philharmonie in der Musikhochschule

Als Bernd Alois Zimmermann zu Beginn der 60er Jahre seine Oper "Die Soldaten" dem Gürzenich-Orchester Köln zur Uraufführung vorlegte, gab es heftigen Widerstand. Längst wissen wir, dass da ein Meisterwerk des 20. Jahrhunderts gehoben wurde. Die Vorbehalte gegen das Neue sind vielleicht auch heute noch da, aber in den letzten Jahrzehnten spürt man doch gerade in den Orchestern eine größere Selbstverständlichkeit und Verantwortung gegenüber den aktuell entstehenden Partituren. So kann die erste Annäherung die Scheu nehmen, entsteht fast immer eine Erweiterung des Horizontes.

Für die studierenden Komponisten an einer Musikhochschule ist ein Workshop mit einem Orchester unschätzbar wertvoll - bereits zum siebten Mal führte nun das KlangNetz Dresden die "Erste Anhörung" in Kooperation mit der Dresdner Philharmonie durch. Einem Workshoptag, bei dem die Stücke zum ersten Mal angespielt wurden, schloss sich im Konzertsaal der Musikhochschule der Abend vor Publikum an. Moderator Jörn Peter Hiekel betonte den fortdauernden Workshopcharakter, die gute Arbeit der Musiker um Dirigent Dominik Beykirch war aber offenkundig. Selbst in schwierigsten rhythmischen Passagen musste nicht abgebrochen werden und die Zuhörer erhielten einen guten Eindruck der erfundenen Klangwelten der drei beteiligten Komponisten.

Adrian Nagel hatte die kleinste Einheit elektronisch darstellbarer Musik zum Thema seines Werkes "Nucleus" gemacht: das Sample, das in einem bestimmten Wert ein Knacken erzeugt, das aber in verschiedenen Tonhöhen auch perforiert erscheint. Das war in der Übertragung und Fortspinnung mit den Möglichkeiten des Orchesters spannend zu verfolgen: Punkte fransten aus oder bekamen plötzlich eine eigene "Farbe". Anthony Tan war mit einem ganz anderen Thema in seinem Werk "KSANA I" beschäftigt: Ksana ist ein buddhistisches Konzept von Zeit - musikalisch lotete Tan sehr klangsinnlich quasi die Modellierung eines Augenblicks und seiner Zerstreuung aus.

Schließlich übte sich Nicolas Kuhn in "Aufriss" in der absichtsvollen Verweigerung traditioneller Instrumentation und erzeugte ungewohnte Massierungen und in sich rotierende Passagen etwa im Solo-Cello oder in der Kontrabassgruppe - etwas gefährlich war die Zerfaserung seines Werkes in Einzelteile, wodurch sich der beabsichtigte Energie-Effekt etwas reduzierte. Insgesamt gelangen drei sehr anspruchsvolle, abwechslungsreiche musikalische Darbietungen, für deren Gelingen die gute Konzentration der Philharmonie-Musiker und Dominik Beykirchs jederzeit äußerst klare Dirigierzeichen verantwortlich waren. Das Sinfonieorchester, das bewies die "Erste Anhörung" deutlich, ist noch lange kein ausgereiztes Instrument vergangener Zeiten - Fortsetzung erwünscht!

Donnerstag, 29. Mai 2014

Traum LXXXIV

Perfekter Mirrortraum: nach einigem Chaos innerhalb von rasch wechselnden Szenen wache ich auf und notiere hier im Blog den neuen Traum, und zwar mit einem Wort: "Unglaublich." - Danach wache ich auf, denn diese Notiz geschah ebenfalls im Traum.

Tanz- und Exilmusik

Dresdner Philharmonie mit Alexander Toradze im Albertinum

In Kooperation mit den Dresdner Musikfestspielen veranstaltete die Dresdner Philharmonie ihr 14. Konzert im Albertinum und gestaltete ein spannendes sinfonisches Programm, das sich mit Werken aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts thematisch gut in das Motto der "Goldenen 20er" einfügte. Chefdirigent Michael Sanderling begann mit der Tanz-Suite von Béla Bartók, 1923 zur 50. Jahresfeier der Entstehung der Stadt Budapest entstanden.

Die Nachbarschaft zum fast parallel komponierten Ballett "Der wunderbare Mandarin" ist in der Musik spürbar - eine höchst farbige Instrumentation mit raschen Charakterwechseln und vor allem rhythmischer Komplexität fordert Aufmerksamkeit. Sanderling sorgte für eine feine Abstufung der Dynamik, sodass folkloristisches Material frei schwingen konnte. Schöne Soli von Trompete und Posaune ergänzten diese gute Interpretation.

Der russische Pianist Alexander Toradze - seit 30 Jahren in den Vereinigten Staaten lebend - ist kein Unbekannter in den philharmonischen Konzerten. Die Aufführung von Alexander Skrjabins "Promethée" im Jahr 2008, bei der auch Skrjabins "Farbenklavier" mit Projektionen realisiert wurde, ist noch gut im Gedächtnis. Nun hatte Toradze das 3. Klavierkonzert C-Dur von Sergej Prokofjew mitgebracht. Bereits den Kopfsatz versah er mit enormen Temperament und einem nur knackig zu nennenden Anschlag, der aber für dieses Konzert angebracht ist. Bei Toradzes rasant genommener Schlußwendung des 1. Satzes musste man fast die Luft anhalten - das Wechselspiel von Kraft, Geschwindigkeit und melodischem Innehalten lotete Toradze hervorragend aus.

Im mittleren Variationssatz geschah leider ein Malheur, was beinahe die tolle Aufführung zerstört hätte: Zweimal klingelte laut und deutlich im vorderen Publikumsbereich ein Handy, und natürlich genau in den leisesten Passagen. Die ärgerliche Unterbrechung fingen Toradze und die Philharmoniker mit professioneller Reaktion auf und setzten das Konzert beherzt fort. Natürlich war danach die Spannung eine andere, doch mit Prokofjews spritzigem Finalsatz konnten sich die Musiker geradezu "Luft machen" - Erleichterung und ein tosender Applaus folgte.

Zu Ende ging das Konzert mit Kurt Weills kaum bekannter 2. Sinfonie, ein Stück, dessen Skizzen sich 1934 in Weills Koffer auf dem Weg ins Exil befanden. Dieses "Gegenteil einer Pastorale", wie Weill die Sinfonie selbst nannte, ist von einer untergründigen Sorge und Bekümmerung bestimmt, die mehrfach den für Weill charakteristischen, lockeren Motiv-Tonfall in unheilvolle Spannung abdunkelt. Sanderling arbeitete diesen Charakter sehr intensiv heraus - eine Musik im Angesichts des Abgrunds tat sich da auf, die es wert ist, viel öfter gehört und gespielt zu werden.

Donnerstag, 22. Mai 2014

Rettet Jana - ein Tatort zum Mitspielen

Im Zusammenhang mit dem am 18. Mai ausgestrahlten Bremer Tatort "Alle meine Jungs" hat radiobremen gemeinsam mit Thadeus Roth ein Spiel namens "Dein Auftrag" entwickelt. Ich war dabei! Und bin fassungslos! (im positiven Sinne!) Und berichte. Auch wenn das nach diesen zwei extremen Wochen - das Spiel startete schon vor dem Tatort - schwer ist, in gescheite Worte zu fassen. Aber es war mein erstes Mal "mittendrin" in einem sogenannten "Suddenlife-Game" und da ich solche doch eher neuen crossmedia-Entwicklungen sehr spannend finde, denke ich sollte ich das auch reflektieren. Wer meine Ergüsse nicht lesen will, kann sich auf der radiobremen-Seite kurz und knapp informieren, dort gibt es auch ein PDF zum Ansehen und den Link zu "Toms Blog".

Ich bin seit ewigen Zeiten Tatort-Fan, seit einigen Jahren auch regelmäßig, da auch viele Freunde Tatort schauen und so wurde u. a. eine eigene Facebook-Gruppe daraus. An den beiden bisherigen interaktiven Spielen (Ludwigshafen und Stuttgart) habe ich aber aus Zeitgründen nicht teilnehmen können. Dieses Mal hörte ich über twitter, dass es ein neues Spiel gäbe, und wie in dem bekannten belgischen Video drückte ich auf den Button: Action bitte!! - Denn ich hatte gerade nicht allzuviel zu tun und überdies war das Spiel von Radio Bremen betreut, mit deren online-Aktivitäten mich ja einiges seit Jahren verbindet, wie wenige wissen...

Am zweiten oder dritten Tag bin ich eingestiegen und hoffte auf ein nettes Rätseln vorm Bildschirm. Ich legte mir Stift und Papier zurecht und schaute erstmal die Materialien an (vieles kann auch per #rettetjana noch auf Twitter angeschaut werden), die bislang zur Verfügung standen, dann arbeitete ich mich per Forum in die Geschichte ein. Recht schnell entdeckte ich dort einen Link, der auf ein Pad verwies, wo Hinweise und Story zusammengetragen werden sollten. Mit Wikis kenne ich mich einigermaßen aus, also sollte auch ein Pad keine Schwierigkeit sein.

Was dann aber begann, waren zwei Ausnahme-Wochen, die einem Außenstehenden nicht recht erklärbar sind. In dem Pad (dem auch ein Chat angeschlossen ist) traf sich nach und nach eine immer verschworenere, aufeinander bestens eingestimmte Gruppe, die sich Aufgaben verteilte, brainstormte und mit ordentlich Adrenalin versehen neuen Anrufen und Mails nachging - und zwar nahezu durchgängig! Am Chat läßt sich jetzt noch nachlesen, dass nachts um zwei die letzten rausgingen und um sechs die ersten schon wieder eincheckten und Infos weiter bearbeiteten. Schnell war ich "drin" im Spiel, in der bunten Truppe, die im harten Kern aus etwa 35 Leuten von Ingolstadt bis Bremen im Alter von 16-57 Jahren bestand. Kam gerade mal nix von der Spielleitung, wurde virtuell Kaffee gekocht und Bratkartoffeln gebrutzelt :)

Womit wir vielleicht nicht ganz gerechnet hatten, war der Aufwand und die Komplexität des Spiels - die Spielleitung aber, das wissen wir nun, hatte das auch nicht so ganz auf der Rechnung - vor allem UNS nicht. Denn wir entwickelten in unserem kleinen Kommissariat eine irre Eigendynamik: manche Aufgaben waren Minuten nachdem sie eintrudelten, bereits entschlüsselt, anderen Hinweisen gingen wir bis in die Urgründe ihrer Entstehung nach und landeten bei Mystik, Hindugöttern oder auch mal auf einem falschen Twitteraccount oder einem Anrufbeantworter in Houston... Wir brauchten neues Futter, dürsteten nach den nächsten Hinweisen und hielten damit offenbar auch die Spielleitung gehörig auf Trab.

Nur mit dem Forum versehen hätte wohl kaum jemand (schon gar nicht allein!) das Spiel lösen können, vereinzelt vernahmen wir verzweifelte Hilferufe aus Twitter, wo Nicht-Pad-Spieler versuchten ihre Post zu entschlüsseln. Wer intensiv mitspielen wollte, wurde ins Pad eingeladen, und kurz vor dem Tatort-Wochenende hatten wir sogar tatort-like unseren eigenen, allerdings ungeplanten "Nebenhandlungsstrang": ein Troll war ins Pad eingestiegen und meinte unsere Schreibarbeit zunichte machen zu müssen. Er hat nicht mit unserer Crew gerechnet - wir haben nicht nur mehrere Padumzüge geschafft, sondern bis zum Ende des Spiels auch sichere Versionen behalten können.


Die "Sieben Siegel" also auch noch. Uff. (Ausschnitt aus Toms Blog)

An dieser Stelle mal ein dickes Lob an die Spielemacher (die wegen uns auch keine ruhige Nacht mehr hatten...) - die Story war bis in feinste Verästelungen durchdacht - und da wo sie aufhörte, haben wir weitergesponnen! Die Figuren hatten allesamt Profile, Charaktere, es war eine glaubhafte - und grausige - Geschichte. Die Briefpost, die verschiedene von uns erhielten, war ein erster Höhepunkt des Spiels - nun war tatsächlich "Beweismaterial" in unseren Briefkästen, das wir auszuwerten hatten, das aber mindestens 20 neue Personen und zig neue Ereignisse verarbeitete.

Allmählich kamen wir hinter die Machenschaften der "mundita", einem als Escort-Service getarnten Prostituiertenring. Jana lieferte uns die Beweise, doch sie war selbst in Gefahr. Es spitzte sich alles auf den Tatort-Sonntag mit der Ausstrahlung der rb-Folge zu. Der Fernseh-Abend war dann auch der pure Stress für alle von uns, und es zeigten sich wahre Multitaskingtalente: der Tatort wurde protokolliert, gleichzeitig diskutiert und im Anschluss sofort an unsere Story angedockt, als es dann (wie wir bereits - richtig - erwarteten) plötzlich hieß: Außeneinsatz!! Unsere special task force machte sich auf nach Bremen-Walle, währenddessen trudelten sogar im Radio bei der Sendung "Gefühlsecht" noch Hinweise für uns ein (bitte bessere Musik demnächst dazu, wir ermitteln schließlich seriös!)

Die task force fand tatsächlich Janas Handy und am kommenden Mittag sogar noch weitere am Tatort zurückgelassene Dinge. Wir rätselten noch bis in die Nacht. Jana war erstmal in Sicherheit, aber das Spiel noch nicht zu Ende, die Bösewichter waren noch nicht alle gefaßt - wir hatten es auch mit einem etwas tüddeligen Kommissar zu tun im Spiel.

Von Montag bis Mittwoch versuchten wir die "Überorganisation" der mundita herauszufinden, deren Mitarbeiter sich mittlerweile alle nach Goa geflüchtet hatten. Es war dann eine etwas zermürbende Suche nach Passwörtern und Logins für neue Webseiten - die, so erfuhren wir nach dem Spiel, nahezu zeitaktuell von den Spielemachern noch eingebaut wurden, weil wir mittlerweile rasant mit den Lösungen dabei waren... Gleichzeitig versuchte die "Gegenseite" uns zu sabotieren und zu drohen: "NUCLEAR OPTION!" - netter Bond-Scherz, aber sowas läßt doch einen Ermittler nicht erschrecken!!


Soll das eine Drohung sein? ;)

Letzten Mittwoch dann spitzte sich alles auf die Enkodierung eines "masterkeys" um 16 Uhr zu - an diesem Tag sollte auch wirklich Schluss mit dem Spiel sein. Es wurde also am Nachmittag noch einmal spannend - wir bekamen noch weitere Webseiten und Hinweise geliefert, rätselten schließlich sogar an einer "Enigma"-Maschine - die Spielleiter hatten schweres Geschütz aufgefahren, nachdem sie mitbekommen hatten, dass wir das Spiel schon ein paarmal "links überholt" hatten und uns bereits Informationen aus Websiten geholt hatten, die wir eigentlich noch gar nicht hätten sehen dürfen, geschweige denn knacken! Mabuses Selbstmord hätten wir so glatt noch verhindern können... Tja, wir waren fix. Und hatten Schwarmintelligenz.

Mittwoch gegen 17 Uhr, nachdem wir nur - binnen einer Stunde! - enigma erledigt hatten, entdeckten wir nur noch einen rätselhaften Countdown, und es gingen "echte" Anrufe bei uns ein: Alles zu Ende, Bösewichter gefasst, geht in den Biergarten!!
Das wollte zunächst keiner glauben, es war aber am Ende doch das "offene" Ende, das offenbar bei den Spielleitern beabsichtigt war. Etwas abrupt und für die meisten von uns leider auch frustrierend, da die vielen Spielfäden nun mit Abschaltung der Websites und Dichtmachung des Forums regelrecht abgeschnitten wurden. Sei es drum, wir hatten eine Menge Spaß.

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Und uns blieb der Countdown. Der wies auf Freitag 14 Uhr - wo wir noch ein Dankeschön der Spielleitung bekamen und eine Zusammenfassung. Jetzt geht es ans Feedback, an die Aufarbeitung der insgesamt gut 4000 Zeilen Pad, die wir geschrieben haben. Und dann wird gefeiert. Und sicher ist: wir kommen wieder!!! Ich weiß nicht, ob der SWR schon vor unserem "mobilen, virtuellen und 24h am Tag einsatzbereiten Kommissariat" zittert - denn im Oktober heißt es "tatort+" - dann geht es in den Süden der Republik mit einem neuen interaktiven Spiel. Für einen newsletter von tatort+ kann man sich unter tatortplus@swr.de melden.

Ein Feedback haben die meisten von uns schon abgegeben, ich muss abschließend vielleicht sagen, dass mit dem Motto "suddenlife" ins Schwarze getroffen wurde und wir alle (da beziehe ich Spielleitung, RB und alle Spieler) auch eine Menge gelernt haben, sei es die Offenbarung in der Bibel nach Zahlensymbolik zu durchforsten oder sich mit Mindmapping und konstruierten Realitäten zu beschäftigen. Es war intensiv und es war gut. Danke.

Weitere Links:
* RadioBremen-Seite zum Spiel mit vielen Infos und einem Screenshot von unserem Arbeits-Pad (Ja, war Arbeit!)
* Spielbericht von RadioBremen (pdf)
* Gruß von der Spielleitung ("Toms WG") aus Leipzig
*Interview mit dem Medienwissenschaftler Jochen Hörisch bei nordwestradio
* Begleitung von EinsPlus beim Tatort-Spiel
* Bericht beim Mediendienst kress.de

Mittwoch, 21. Mai 2014

"Angenehmer Hintergrund"

Neues Dresdner Kammerorchester und Valery Oistrach musizierten in der Kreuzkirche

"Ich trage einen großen Namen" ist eine Fernsehshow, in der seit über 30 Jahren Gäste eingeladen werden, die mit prominenten Zeitgenossen verwandt sind. Der große Name kann dem Familienspross eine Bürde auferlegen oder verhilft zu erneuter, manchmal zweifelhafter Prominenz. Die Konzertplakate mit dem markigen Titel "Oistrach in Dresden" lassen jedenfalls die Assoziation des "großen Namens" sofort entstehen und das sorgte vermutlich am Sonntagnachmittag für ein gut gefülltes Auditorium in der Kreuzkirche.

Zu Gast im Konzert mit dem "Neuen Kammerorchester Dresden" war der Enkel des berühmten russischen Geigers David Oistrach, Valery Oistrach. Der ist in die Fussstapfen seines Großvaters getreten und hat natürlich auch mit Vater Igor zunächst eine exzellente Ausbildung an der Geige genießen dürfen. Heute wirkt Valery Oistrach als Professor am Konservatorium in Brüssel. Doch nicht nur Oistrach sorgte mit einer keinesfalls befriedigenden musikalischen Leistung für einige Irritationen.

Orchesterleiter Wolfgang Rögner kündigte in seiner Moderation zu Beginn das "Gründungskonzert" des Ensembles an - welches allerdings bereits 2013 am selben Ort unter dem gleichem Titel stattfand. Offenbar hat das kleine Orchester, das aus Dresdner Musikern beider Orchester und Hochschulabsolventen besteht, sich noch einmal neu zusammenfinden müssen - nun präsentiert man sich als "Neues Dresdner Kammerorchester" erneut dem Publikum. Im Profil des Ensembles hat sich dagegen nichts verändert: leichte, schmeichelhafte Klassik, von Rögner als "kurzweilig und heiter" beschrieben, wird in einer kleinen Streichorchesterbesetzung zu Gehör gebracht. Ob das in der Kulturstadt Dresden mit ihren mannigfaltigen Angeboten ausreicht, sollte hinterfragt werden.

Die Interpretationen rechtfertigen ein solches Unterfangen kaum - vor allem die beiden konzertanten Werke mit Valery Oistrach litten unter dem leider mangelhaften Können des Solisten. Der Geiger hatte sowohl in Johann Sebastian Bachs Violinkonzert E-Dur als auch in Antonín Dvořáks Romanze Opus 11 mit argen Intonationsproblemen zu kämpfen. Eine persönliche Handschrift war ebensowenig erkennbar wie der Sinn für eine adäquate Aufführungspraxis der Musik - mit reichlich Vibrato wurde Bach musiziert, Dvořáks Melodien kamen zähflüssig und mit unentschiedenen Tempi über die Bühnenrampe. Selten besaß Oistrach die Kraft, um selbst in dieser kleinen Besetzung im Tutti herauszustrahlen; ernüchternd muss man das Fazit ziehen, dass am Ende wirklich nur der große Name in Erinnerung bleibt, große Kunst war das nicht. In den reinen Orchesterstücken von Wolfgang Amadeus Mozart und Edward Elgar konnte Dirigent Wolfgang Rögner zwar mit seinen Musikern eine gelassene, musikantische Haltung erzeugen, dennoch reichte die Atmosphäre selten über einen gewissen hausmusikalischen Anspruch hinaus und gaben auch die Stücke und die dünne Streichorchesterbesetzung - für die Elgars "Serenade" dann doch zuwenig Schmelz ergibt - nicht genug her.

Mit reichlichem Applaus zeigte das Publikum trotzdem seine Zufriedenheit. Ob man aber weiterhin Musikdarbietungen benötigt, die in der Moderation von Rögner selbst als "angenehmer Hintergrund zur Entspannung" klassifiziert wurden, sollte sich jeder Zuhörer selbst beantworten. Wenn der Anspruch der Interpreten an die Musik bereits nur mehr einen Nebenzweck benennt, entzieht man den Tönen die Aufmerksamkeit, die ihnen eigentlich zusteht.

Montag, 19. Mai 2014

Handgelenksübungen

Christian Thielemann leitet 4. Aufführungsabend der Sächsischen Staatskapelle

Man kennt die Karikaturen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Riesenhaftigkeit der Partituren etwa von Gustav Mahler und Richard Strauss begleiteten: Dirigenten vor Orchestermaschinen mit übergroßen Alphörnern und Schlagwerk werden da gezeigt, in einer Zeichnung vollzieht Strauss sogar höchstpersönlich mit einer Trompete die Hinrichtung der "Elektra". Solcher Humor ist verständlich, bei näherem Hinsehen aber kaum haltbar, denn bei allem Pomp und Pathos sind Strauss' Partituren nicht nur von großer Instrumentationskunst, sondern auch von reichlich Intelligenz und Ideenreichtum geprägt. Der 4. Aufführungsabend der Sächsischen Staatskapelle bot Gelegenheit, einmal unbekanntere und kleiner besetzte Stücke kennenzulernen.

Das Konzert war gleichzeitig eine Hommage des Orchesters an den Komponisten, der nicht nur neun seiner Opern in Dresden zur Uraufführung vorlegte, sondern dem "TV", dem Dresdner Tonkünstlerverein, bereits 1882 seine Bläserserenade Es-Dur Opus 7 widmete. Chefdirigent Christian Thielemann ließ es sich nicht nehmen, diesen besonderen Konzertabend selbst zu leiten und interpretierte zu Beginn die mit 13 Bläsern besetzte Serenade als klassisches und wohlgeformtes Jugendwerk - Tonsetzereskapaden wie im aus gleicher Zeit stammenden Violinkonzert sind hier noch Mangelware. Man vermeint eine noble Aufwartung zu hören, mit der Strauss die Bande nach Dresden knüpfte, dafür taugte eine Serenade allemal besser als neutönerische Experimente.

Rund 60 Jahre später entstand erneut ein Bläserstück für Dresden: die Sonatine Nr. 1 F-Dur wurde 1944 vom Tonkünstlerverein unter Leitung von Karl Elmendorff uraufgeführt. Diese Bläsermusik weist größere Dimensionen auf und ist klanglich im Gegensatz zur Serenade mit einer größeren Klarinettenfamilie ausgeweitet. Thielemann konnte sich hier voll auf das Können seiner Musiker verlassen und beschränkte sich daher auf genaue Nuancierung der Balance und Vermittlung einer spielerische Leichtigkeit - an keiner Stelle war ein zu schwerer oder gar auftrumpfender Klang merkbar und die Mischung zwischen Holz und Blech gelang exzellent. Dichten sinfonischen Klang mit schmetterndem Hornmotiv bewahrt sich Strauss für die finale Wirkung im 3. Satz auf, über einige etwas selbstverliebte Längen kann das Werk trotzdem nicht hinwegtäuschen.

Nach der Pause kamen dann die Streicher zum Zug: Im Gegensatz zur "Handgelenksübung" der Bläsersonatine sind die 1945 entstandenen "Metamorphosen für 23 Solostreicher" - von Strauss zwar ebenfalls bescheiden als Studie betitelt - von weitaus ernsterem Charakter, zudem sollte man jedem Zweifler an Strauss' Musik dieses Stück zum intensiven Studium vorlegen. Bei allem Verharren in einer Tonsprache einer "alten Welt" bleibt dieses Stück in seiner Dichte und in seiner Leidenschaftlichkeit faszinierend. Es ist kein Geheimnis, dass die "Metamorphosen" seit Jahrzehnten zum Paradestück der Kapellmusiker zählen - erst bei den Salzburger Osterfestspielen stand das Werk wieder auf dem Programm.

Beim Aufführungsabend gelang erneut eine mitreißende, bis zur eben in diesem Stück gleichberechtigten "23. Stimme" ausgereifte Interpretation, die von Thielemann sicher in einem permanentem Fluss mit viel Sinn für Innehalten und Vorwärtsdrängen gehalten wurde. Sinnbildlich für den Charakter des ganzen Werkes stehen die sanft verklingenden Schlussakkorde - deren besondere Wärme eben nur entsteht, wenn jeder einzelne Musiker genau darum weiß. Dass Vater Franz Strauss seinen komponierenden Sohn mit der Bläserserenade und anderen Jugendwerken in Dresden vorstellte, muss eine weise Entscheidung gewesen sein.

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