Mittwoch, 5. November 2014

Traum LXXXIX und XC

1. ich fahre Hochbahn in Köln.
2. ich dirigiere ein Orchesterkonzert, vor mir ist ein Werk von Zelenka, dass jemand anders dirigiert, es artet aber mehr in eine Probe aus, weil der Dirigent abbricht und den Solotenor der Schreierei bezichtigt. Danach bin ich dran und dirigiere die Drei Orchesterstücke, Opus 6 von Alban Berg. Abgesprochen ist, dass ich nach etwa zwei Dritteln des ersten Stücks abbreche und S., ein anderer Dirigent, einen kurzen Vortrag hält, er meint zu mir er könne das erste Stück dann auch zu Ende dirigieren, danach kann ich ja für die anderen beiden Stücke wieder übernehmen. So geschieht es, der Traum verschwimmt in einigen Passagen des 2. und 3. Stücks.
Ein anderer Traum übernimmt etwas später: ich sitze in einem Konferenzraum mit mehreren mir unbekannten Komponisten, jeder stellt ein eigenes Stück vor, die anderen jungen Komponisten präsentieren "typische" zeitgenössische Musik, die mir schon zum Hals heraushängt. Einer der Komponisten stürzt sofort zur Tafel, um seine Strukturen zu erklären, ich frage aber erstmal in die Runde, ob für solcherart Wortbeiträge überhaupt noch Zeit ist - ja, leider. Nachdem der Komponist sein Stück vorgestellt hat, wird mein eigenes Stück von einem anderen auseinandergenommen. Ich wehre mich mit ziemlich scharfen Worten, bin aber gleichzeitig recht überzeugt, dass ich mit dieser Runde (in der zwischendurch auch laut Kinder spielen und hin und herrennen, eine Spielplatzszene mischt sich in den Raum) nichts anfangen kann und distanziere mich daher recht selbstbewusst.

Ukrainisches durch die Tschaikowsky-Brille

3. Sinfoniekonzert der Elblandphilharmonie Sachsen

Nur auf den ersten Blick hätte das Motto des 3. Sinfoniekonzertes der Elblandphilharmonie Sachsen Irritierung verursachen können, denn gemeinhin verbindet man mit Peter Tschaikowsky Orte wie St. Petersburg oder Moskau und ordnet ihn schlicht der "russischen Musik" zu, was allerdings bei vielen Komponisten östlicher Provenienz des 19. und 20. Jahrhunderts eine die genaue Herkunft und Biografie vernebelnde Kategorisierung ist. Das Motto hieß jedoch "Ukraine" - damit wurde ein musikgeschichtlich interessantes Kapitel aufgeschlagen, zog sich Tschaikowsky doch im Sommer regelmäßig in die Künstlerkolonie Kamjanka - im Südosten der heutigen Ukraine gelegen - zum Komponieren zurück.

Jedoch war das gesamte Programm Peter Tschaikowsky gewidmet, damit konnte vom Motto her kein direkter Faden zur Gegenwart gezogen werden, und der Blick auf die Ukraine geschah an diesem Abend lediglich durch die sinfonische Tschaikowsky-Brille. Wohl aber geriet man ins Nachdenken über das musikalische Kulturgut, an dem Tschaikowsky etwa mit der Verwendung ukrainischer Volksmelodien einen Anteil hatte. In diesem Kontext etwas unglücklich schien die Programmierung des "Slawischen Marsches" Opus 31 zu Beginn des Konzertes - handelt es sich dabei doch um ein offen kriegssympathisierendes Stück, das Tschaikowsky für eine Wohltätigkeitsveranstaltung zugunsten verwundeter Serben im serbisch-osmanischen Krieg komponierte. Ob das Marschgetöse im Publikum einen faden Beigeschmack hinterließ, bleibt fraglich. Eher schien große Zustimmung für die volltönende Darbietung zu herrschen, Dirigent Jan Michael Horstmann hatte das Orchester auch optimal vorbereitet, der Altarraum der Lutherkirche Radebeul sorgte zudem für saftige Verstärkung im Tutti.

In ruhigere Gefilde ging es mit den beiden konzertanten Werken, dem "Andante Cantabile" aus dem ersten Streichquartett und den bekannten "Rokoko Variationen". Hier setzte sich das Motto auch bei der Interpretin fort: sicher kann man der aus Kiew stammenden Cellistin Anna Nuzha keinen "ukrainischen Ton" andichten, doch gerade die Wärme und leidenschaftliche Intensität der kantablen Passagen in der für leiseste Nuancen des Solocellos dankbaren Akustik ließen die Interpretation vorzüglich, in gewisser Weise eben auf natürliche Weise heimatverbunden erscheinen. Jan Michael Horstmann hatte mit dem Orchester keinerlei Probleme, Anna Nuzha gut zu folgen und das Orchester auf die kleine Variationenreise mitzunehmen. Die Cellistin bedankte sich für den herzlichen Applaus mit einer intimen "Improvisation" von Oleksandr Znosko-Borovsky (1908-83), einem hierzulande gänzlich unbekannten ukrainischen Komponisten.

Als "Kleinrussland" wurde im russischen Kaiserreich die Ukraine bis ins späte 19. Jahrhundert bezeichnet und der Name hat sich in Tschaikowskys Untertitel der 2. Sinfonie erhalten - es ist ein sehr freundliches, melodienseliges und zuweilen dramatisch herausfahrendes Stück, das auch den Applaus der als "Mächtiges Häuflein" bekannten Komponistenkollegen Balakirew und Mussorgskij hervorrief. Jan Michael Horstmann und die Elblandphilharmonie Sachsen kümmerten sich mit großer Genauigkeit, aber auch gehörigem Schwung um das Werk - das gelang in dieser Lesart in allen vier Sätzen sehr überzeugend.

In den Strudel der Musik gezogen

Hochschulsinfonieorchester Dresden in der Semperoper-Matinee

Vermutlich ist es zuviel verlangt und dennoch muss der Wunsch geäußert werden angesichts einer umwerfenden Hörerfahrung im Konzert der Musikhochschule Dresden: In unserer reichhaltigen Kultur erliegen wir zu oft einem Kanon, der uns unwidersprochen präsentiert wird - da zählen Quote und Wiederholung des Genehmen, Bekannten mehr als die Neugier und das Experiment. Auf diese Weise werden aber ständig wichtige Kunstwerke einfach unter den Teppich gekehrt, bleibt der Mut und der Wille zur Auseinandersetzung Mangelware: Uraufführung genügt, Pflicht vollbracht.

Diese Gedanken müssen einem beim Hören der 3. Sinfonie von Wilfried Krätzschmar kommen, denn dieses Werk erlebte am Sonntag, 22 Jahre nach der Uraufführung in Berlin,seine fällige Dresdner Erstaufführung, den 70. Geburtstag seines Schöpfers würdigend. Es ist keine Übertreibung zu konstatieren, dass diese Komposition in ihrer Wucht und Vehemenz der Aussage längst einmal und wiederholt zu Gehör hätte gebracht werden müssen. Nicht nur bricht Wilfried Krätzschmar die Traditionen der Sinfonie hier erfrischend auf und deutet sie neu, er zieht den ganzen Ballast einer Musikerfahrung einer erdrückenden wie volltönenden Musikhistorie auch noch im Stück mit - das hat maximal Vorbilder in der ebenso handstreichartigen Musik eines Alfred Schnittke oder Bernd Alois Zimmermann.

Der Strudel indes ist nötig, um neue Türen zu öffnen: hier sind es Adagio-Ideen, die sich in aller Ruhe ihren Weg bahnen, ist es ein verstimmtes Klavier, das einen modernen Leiermann in seiner ganzen Einsamkeit mimt. Und das Ganze hervorragend gespielt von Musikstudenten, die Krätzschmar, dem früheren Rektor der Hochschule, auf diesem fast musiktheatralischen Weg mit Hingabe folgen. Ekkehard Klemm ist die Wiedererweckung des Werkes zu danken, das viel Nachdenklichkeit hinterließ. Zuvor hatte Klemm als amtierender Rektor sowohl den neuen Hochschulrat berufen als auch zwei Professuren - an Christiane Bach-Röhr (Gesang) und Hendrik Gläßer (Schlagzeug) verliehen. Kontrastreich ging es nach der Krätzschmaraufführung weiter - Béla Bartóks Violakonzert ist ein verklärtes Spätwerk, bei dem viel Sinn für Zwischentöne entstehen muss. Es war bei der Solistin Hui Ma (Klasse Pauline Sachse) zwar in technisch versierten Händen, dennoch war die Interpretation nicht durchweg befriedigend - einige Unsicherheiten der Solistin waren ebenso zu beobachten wie eine nicht intensiv genug gestaltete Faktur der drei Sätze.

In puncto Intensität und vor allem Spielfreude gab es aber nach der Pause jede Menge Erfreuliches zu berichten: dass Franz Schuberts "Große" Sinfonie eigentlich genug Material für mehrere Sinfonien bietet und genüsslich die Formen nicht nur exerziert sondern auch beständig hinterfragt, machte Klemm mit seinem Hochschulorchester in einer lebendigen, pointierten Lesart deutlich. Bläser und Streicher gingen da begeistert mit und motivierten sich auch gegenseitig zu einer Höchstleistung, die sowohl harte Arbeit einschloss als auch jede Menge musikalischen Genuss beim Spielen, der sicht- und hörbar wurde.

Brahms als Urerfahrung

Krystian Zimerman gastierte bei im Sinfoniekonzert der Staatskapelle

Die Vorfreude auf das 3. Sinfoniekonzert der Staatskapelle Dresden war kaum zu fokussieren - man war extrem gespannt auf die Begegnung mit dem großen Pianisten Krystian Zimerman, der vor 30 Jahren das letzte Mal in Dresden auftrat - da hatte er kurz zuvor den Chopin-Wettbewerb in Warschau gewonnen. Gespannt war man auch auf den ehemaligen Chefdirigenten der Staatskapelle, Herbert Blomstedt, der mit regelmäßigen Konzerten in Dresden dem Orchester die Treue hält. Dabei beschränkt sich der 87-jährige keinesfalls auf ein enges Repertoire; dieses Mal beschenkte er die Dresdner mit einem Werk eines schwedischen Landsmanns - der 2. Sinfonie g-Moll von Wilhelm Stenhammar.

Denken wir an nordische Musik, so haben wir sofort die Namen Grieg, Sibelius und Nielsen im Sinn, leider kümmern sich nur wenige Orchester außerhalb Skandinaviens um die reichhaltige Musik neben diesen Lichtgestalten. Die Aufführung der gewichtigen Sinfonie des Spätromantikers Stenhammar war jedenfalls ein gutes Plädoyer. Im Stück lassen sich etliche Verbindungslinien zu Kontinentaleuropa und verschiedenen romantischen Schulen ziehen. Man würde Stenhammar allerdings unrecht tun, ihn zu stark damit zu konnotieren - die eigene Handschrift kam in der Interpretation durch Blomstedt sehr gut heraus und manifestierte sich vor allem in vielen ungewöhnlichen Formverläufen, eigener Instrumentation und manchen naiv anmutenden Themengestalten, die aber ihren Ursprung im schwedischen Volkslied und in geistlichen Gesängen haben. Auch die strenge, akademische Seite arbeitete das Orchester im Finale heraus, wobei man trotz Blomstedts höchst kundiger Leitung nicht das Gefühl bestreiten konnte, dass hier sinfonisches Neuland betreten wurde - die sofortige Lockerheit aus Erfahrung trat natürlich im Spielton nicht immer ein.

Nach dieser Neuentdeckung ging es in bekannte Gefilde zurück - an der Qualität von Johannes Brahms 1. Klavierkonzert d-Moll zweifelte wohl der Komponist selbst am meisten, heute ist es ein gewichtiges, dankbares Werk für alle Pianisten und Orchester. Krystian Zimerman sog schon im Vorspiel die Energie aus dem Orchester auf und gestaltete dann ein Musikerlebnis, dass man so leicht nicht vergessen wird. Grund dafür war sein Charisma, das von großem Ernst und Anspruch an das Werk bestimmt war und sich sofort dem Publikum mitteilte, dass fortan in den Bann gezogen wurde. Schwerlich lassen sich Worte finden, die Anschlagskultur, Phrasengestaltung und Übersicht über das gesamte Werk beschreiben - das wohl Geniale der Klavierkunst Zimermans manifestiert sich nicht in ausgestellter Perfektion, sondern in einer unglaublich energiereichen Selbstsicherheit, die Brahms Noten zu einer Urerfahrung werden ließ. Damit wurde auch Kategorien wie Geschmack oder Gefallen hinfällig, denn man geriet ins Staunen und folgte Zimerman willig auf dieser Reise durch die Schluchten dieses Klavierkonzertes, fühlte gar selbst die Sicherheit beim Hören, die der Pianist in jeder Phrase ausstrahlte.

So an die Hand genommen, konnte man die lyrischen Verästelungen des zweiten Satzes als auch Zimermans Temperament und Unerbittlichkeit in den Ecksätzen intensiv erleben, wobei Zimerman immer Maß und Überlegung, ja fast sogar eine edle Überlegenheit walten ließ. Herbert Blomstedt und die Staatskapelle verinnerlichten Zimermans Intentionen und konnten daher weit mehr als eine Begleitung verkörpern. Während man sich im ersten Satz in den Ausschlägen der Emotionen noch etwas abtastete, gelangen die anderen beiden Sätze im Dialogisieren außerordentlich gut. Eine Zugabe gab Krystian Zimerman nicht, es wäre in diesem Fall auch eine merkwürdige Überhöhung des Glücks gewesen, das am Ende auf der Bühne wie im Auditorium fühlbar war - es war alles gesagt.
(27.10.)

Katz und Maus mit neuen Instrumenten

Katz und Maus mit neuen Instrumenten
Kontraforte, Lupophon und eine Musikfabrik-Performance in Hellerau

Neue Instrumente und ihre Klangwelten standen vor allem am Dienstag und Mittwoch in Konzerten beim "Tonlagen"-Festival in Hellerau im Mittelpunkt. Darüber hinaus tönt aber das ganze Festspielhaus mit Instrumenten-Installationen etwa von Jan Heinke oder Hans van Koolwijk.
Dabei spielen nicht nur Kunstobjekte ein Rolle, sondern es wurden auch Instrumente vorgestellt, die im klassischen Musikleben ganz normal integriert werden sollen. So etwa Lupophon und Kontraforte, beides Instrumente, die ihre Familie im tiefen Klangregister ergänzen: das Lupophon ist eine sonore, warm klingende Bassoboe, das Kontraforte eine Weiterentwicklung des Kontrafagotts. Beide Instrumente wurden vom Instrumentenbauer Wolf in Kronach in enger Zusammenarbeit mit Musikern gebaut - das Kontraforte findet schon Eingang in die Sinfonieorchester, während das Lupophon eher in Spezialensembles für Neue Musik zu finden ist, hier sind auch die Komponisten gefragt, solche Oboenbasspartien als Klangfarbe zu verwenden.

Insofern war das Konzert am Dienstag in Kooperation mit dem Sächsischen Musikbund mit Élise Jacoberger (Kontraforte) und Martin Bliggenstorfer (Lupophon) nicht nur eine schöne Gelegenheit für die Zuhörer, die "neuen Tiefklänge" einmal im Kammermusikkonzert zu entdecken, sondern gleich acht junge Komponisten der hiesigen Hochschulen durften sich damit schöpferisch beschäftigen. Weil deswegen nur recht kurze Stücke heraussprangen, sich der Komponist also nicht nur am neuen Instrument, sondern auch an der schwierigen Form der Miniatur oder Studie abarbeiten musste, blieben manche der Kompositionen beinahe schon im Ansatz stecken. Interessanterweise erfahren die neuen Instrumente ja keine jahrhundertelange, behutsame Erweiterung der Spieltechniken, sondern die zeitgenössischen Komponisten stürzten sich sogleich auf Geräusch-, Luft- und Spektralklänge. Am Ende kam so eher ein klingender Katalog heraus. Nur wenige Komponisten wie Ji Youn Doo oder Faida Chafta-Douka spielten wirklich mit Ton-Artikulationen oder verfolgten eine einmal gefundene Idee konsequent weiter, wie etwa Jacques Zafra mit seinen saftigen Spektralklängen in "Übergestern". Tobias Eduard Schicks Versuch einer Evolution der Klänge zu Beginn war zwar eine überzeugende Idee, das versuchten dann aber zu viele der folgenden Komponisten ebenfalls. Unbedingt zu loben ist die Intensität und Sorgfalt, mit der beide Musiker sich den neuen Stücken widmeten und fast schon liebevoll die Multiphonics und Schwebeklänge untersuchten. Erfreulich ist ebenfalls zu vermelden, dass sich für diese neuen Klänge ein großes, das Ganze aufmerksam verfolgendes Publikum einfand.

Das war auch am Mittwoch der Fall, wo allerdings der Bekanntheitsgrad des Ensembles Musikfabrik in Verbindung mit der Thematik von Comic und Film für Zuspruch gesorgt haben dürfte. Auch Katzenliebhaber dürften sich wohlgefühlt haben in der einzigartigen Performance - ging es doch um "Krazy Kat" - den legendären Comic des Amerikaners George Herriman, der in 3000 Variationen zwischen 1913 und 1944 die Geschichten der in den Mäuserich Ignatz verliebten Katze zeichnete - als Amorpfeil diente immer ein nach der Katze geworfener Stein. Das klingt nach einre simplen Story, doch Herriman stattete den Comic mit anarchischen und surrealen Elementen aus; Hintergrundsetting und Sprechblasen künden von einem experimentellen, avantgardistischen Zugang. In einer Filmdoku bekamen die Zuhörer zunächst die Geschichte des Comics und seines Schöpfers erzählt, dann ging es in den großen Saal des Festspielhauses, wo die Musikfabrik ein Gesamtkunstwerk als Tribut an "Krazy Kat" schuf.

Der englische Trickfilmkünstler Paul Barritt kreierte aus dem Comic elf neue Animationsfilme, ein Bühnenbild verband sich märchenhaft mit Ensemble und Leinwand und die Musiker waren singend, spielend und szenisch in die Geschichten eingebunden. Dafür eignete sich auch die Integration der Musik und der Instrumente des amerikanischen Klangtüftlers Harry Partch ideal - Schlagzeuger Matthias Meixner hatte für ein eigenes Partch-Projekt der Musikfabrik die großdimensionierten, faszinierenden Instrumente (etwa eine Bassmarimba, Flaschengongs oder "stehende Gitarren") nachgebaut - sie kamen jüngst beim Edinburgh Festival erstmalig zum Einsatz. Für die Hellerauer Performance wurden Partchs "Eleven Intrusions" integriert, elf Miniaturen für Stimme und - außergewöhnlich klingende - Instrumente, in der Indianermusiken, griechische Skalen und vor allem fremd und neuartig anmutende Klangfarben zu hören waren, die man nur assoziativ etwa mit dem asiatischen Raum aufgrund ihres Obertonspektrums zu verbinden mag. David Lang und Oscar Bettison steuerten weitere Kompositionen ("Hammerspace" bzw. "Animate Objects") zu dem Krazy-Kat-Erlebnis bei, ersterer mit minimalistischen, meist instrumental kammermusikalisch besetzten Klangbildern, letzterer mit das Stück umrahmenden, flächig-volltönenden Kompositionen, die sich wunderbar mit dem sich in geometrisch-fraktale Bilder auflösenden Comic verbanden. In der filmischen Umsetzung gab es eine neue Dimension: weniger waren da lustige kurze Strips zu sehen als vielmehr Katzen und Mäuse, die nach der Weltherrschaft griffen und am Ende sogar auf dem elektrischen Stuhl gerichtet wurden - damit wurden die Cartoons mit aktuellen Botschaften und Gesellschaftskritik aufgeladen, was allerdings gerade auf der visuellen Ebene zu stark inszeniert war.

Trotzdem ergaben alle Elemente ein großes Ganzes, man konnte zwischen Schauen, Hören, Staunen und Reflektieren perfekt hin und her "switchen" - am Ende stand auch die Erkenntnis, dass nicht eine Wiedererweckung oder Kopie der Herriman-Kunst erreicht werden sollte, sondern eine sinnlich-phantasievolle Neuschöpfung, die von ihren Erfindern vor allem musikalisch sehr eindrucksvoll umgesetzt wurde.
(23.10.)

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Anmusizieren gegen Unfassbares

Helmut Oehring in der Reihe "Komponisten zum Frühstück" im Hygiene-Museum

Im Rahmen des Tonlagen-Festivals Hellerau finden in diesem Jahr auch wieder einige Kooperationsveranstaltungen statt. So konnte man am Sonntag im Dresdner Hygienemuseum einen "Komponisten zum Frühstück" genießen. Trotz aller surrealen Bemühungen in diesem Jahrgang: das Motto dieses Konzertes muss nicht wörtlich genommen werden, es gab lediglich Croissants und Kaffee. Wohl aber war ein Komponist zum Frühstück geladen, das spezielle Format wurde von "courage", dem Dresdner Ensemble für zeitgenössische Musik initiiert und fand - im erfreulich gut besuchten Marta-Fraenkel-Saal - bereits zum zweiten Mal statt, diesmal mit dem Berliner Komponisten Helmut Oehring.

Und wirklich: die lockere Atmosphäre eines Frühstücks verband nicht nur die Konzertbesucher, sondern konnte auch atmosphärisch die Trennung zwischen Bühne und Auditorium überwinden. Helmut Oehring und Wolfgang Lessing konnten im Gespräch mit die Zuhörer behutsam und gleichzeitig pointiert an die Musik heranführen. Oehring ist als hörendes und sprechendes Kind gehörloser Eltern aufgewachsen und kam erst im Alter von 25 Jahren als Autodidakt zum Schreiben von Musik, wurde dann Meisterschüler von Georg Katzer - im Gespräch benutzte er das Wort "Unselbstverständlichkeit" für diesen nicht geraden Weg von Ausbildung und Lernen innerhalb der Kunst.

Seine Musik ist wie kaum eine andere stark vom Spracherlebnis, von visuellen und akustischen Ereignissen geprägt, fast möchte man meinen, nach der "visuellen Muttersprache" der Gebärdensprache und der gesprochenen Sprache entdeckt Oehring auf dem Gebiet der Musik eine weitere, die er sich neugierig zu eigen macht - bescheiden klingt es, wenn Oehring selbst diesen Vorgang mit Worten wie "Transfer" oder "Klangfotograf" beschreibt. Wenn er sich dabei als Bekenntnismusiker sieht, drückt dies vor allem das künstlerische Müssen als "Einnehmen einer Haltung zu meiner Realität auf der Welt" ein. Dabei legt Oehring den Finger in die Wunden und benennt eine Kunsttradition von Eisler, Dessau oder auch Jimi Hendrix, in der auch der Rezipient Auseinandersetzungen fernab des Zurücklehnens zu führen hat.

In den musikalischen Beiträgen kam diese zur (Re-)Aktion herausfordernde Haltung gut heraus: "Leuchter" und "Melencoia I" boten mit Heine, Dürer und der Holocaust-Leugnung des Amerikaners Fred A. Leuchter jede Menge "harte Kost" - in beiden Stücken bahnt sich von Erschütterung getönte Sprache nur schwer einen Weg durch einen ganzen Scherbenhaufen von Gewalt und wörtlich zu nehmenden "Beats". Vertonung und Komposition erscheint hier als Verantwortung, aber auch Anmusizieren gegen Unfassbares. Eine ganz andere Musikwelt bietet "Mischwesen" (1998), eine Gemeinschaftskomposition mit Iris ter Schiphorst - das Poem "Silence" von Anne Sexton wird hier auf fast liebevolle Weise untersucht und stellt die Artikulation, das Mitteilen in verschiedenen Klanglichkeiten in den Vordergrund.

Hervorragend interpretierten Christina Schönfeld (Gebärdensolistin) und die Courage-Mitglieder - allen voran Antje Thierbach (Oboen), die in allen drei Stücken atemberaubende Präsenz und Nachvollzug der Intentionen zeigte - die Oehring-Kammermusiken, die vor allem die Existentialität künstlerischen Tuns verdeutlichten. Keinesfalls wurden da beim Kaffee die Elfenbeintürme betrachtet, sondern die Musik betraf uns direkt und vermochte auch betroffen zu machen und stark nachzuwirken.
(21.10.14)

Spagat auf dem Seil der Utopie

François Sarhans "Lâchez tout!" bei den Tonlagen Hellerau

Als "Film und Musikperformance" war die Abendveranstaltung am Freitag bei den TonLagen in Hellerau angekündigt. Doch fernab einer klaren Definition war es vor allem eines dieser Konzerte, nach denen man erst einmal sehr bewegt oder/und irritiert den Saal verläßt und versucht, das Gehörte und Gesehene zu verarbeiten. "Lâchez tout!" schrieb der französische Komponist François Sarhan 2013 - in Hellerau fand nun die deutsche Erstaufführung statt. Berücksichtigt man, was Sarhan alles zur Aufführung beisteuert, bekommt der Begriff Komponist ganz neue Dimensionen: in die Noten für das interpretierende "Red Note Ensemble" (mit Geige, Gitarre, Schlagzeug, Klarinette/Sax und Synthesizer) aus Glasgow sind Sprechpartien integriert, die den ebenso vom Komponisten produzierten Film begleiten, dazu agieren noch zwei Geräusch-Schauspieler.

Sarhan ist zudem Enzyklopädiker, Stop-Motion-Künstler, Schriftsteller und alles in allem wohl im besten Sinne ein Phantast, der sich mit "Lâchez tout!" einen kleinen, aber übervollen surrealen Kosmos erschaffen hat mit Figuren, die mittels Elixieren, aber auch Bomben irgendwie die Welt verbessern wollen und permanent an der Verbindung zwischen Innen und Außen, Realität und Fiktion scheitern. Bobok, der Protagonist des Films, wandelt mit monströsen Kopfhörern durch eine halbwegs reale Welt mit Arien schmetternden Bänkern (sic!), rückwärts fahrenden Autos, Escher-Treppenhäusern und Paternostern - er trägt dabei die Enzyklopädie unter dem Arm, deren Auslegung ihn kontinuierlich in Konfliktsituationen bringt.

Dadurch entsteht ein seltsam fragiler Humor, eine Weltkritik, die aber im fiktiven Rahmen verbleibt und in dieser Künstlichkeit poetische Züge hat. Sarhan könnte dieser Spagat auf dem Seil des Surreal-Utopischen gelingen, wenn nicht seine eigene Akribie dem ganzen Vorhaben mehrfach im Wege stehen würde, er aber am Ende auch die Übersicht über die Proportionen verliert. Zuviele Traditionen werden hier zitiert und bemüht, die zwar nicht absichtsvoll ineinanderpassen wollen, aber oft zu stark als Referenz wirken. Da lupfen Monty Python in den Stop-Motion-Teilen des Filmes ebenso den Hut wie andernorten Jacques Tati, André Breton oder Jean-Pierre Jeunet; Literatur (Sade) und Bildende Künste (der vollgestopfte Installationsraum des Künstlers Hans Langner etwa) werden ebenso liebevoll wie beiläufig eingeflochten.

Sarhan ist ein Candide der modernen Welt und scheitert ein wenig an seinen eigenen gehegten Traditionen - fast schon bieder wirkt die Filmszene, in welcher Sarhan seinen Quijote endlich zu seiner Dulcinea finden läßt, die sich in der Folge dann allerhand wild kostümierten Geistern und Schatten in einem tschechischen Bahnhofsgebäude stellen müssen. Geht es vielleicht doch um eine immer gleiche Geschichte, durch die Jahrhunderte mit wechselnden Mitteln der Zeit erzählt? Die Wecker-Lunten-Bombe im Handtäschchen löst schließlich das proportional etwas kurze und abrupte Ende mit einer Flut aus, die alles verschlingt. Sicherlich sind die vielen Widersprüche der Film-Musik-Performance insofern verständlich, da sie uns Sarhan als einen wachen Geist vorstellen, der uns dieses Satyrspiel zur Erbauung mitgibt - gerade aber in der Wirkung, um die ein Komponist nie verlegen sein sollte, war vor allem die stilistisch selten eine persönliche Handschrift oder auch eine Metaebene zeigende Musik, die in den Sprechgesangpassagen zu viele deskriptiven Anteile aufwies, zu schwach, als dass das Gesamtkonzept länger tragfähig gewesen wäre.
(20.10.14)

Starke Handschriften vom Nachwuchs

"Klassenarbeiten" mit dem Ensemble Recherche bei den Tonlagen Hellerau

Hefte raus, Klassenarbeit! Bei diesem Ausruf zuckt man innerlich kurz zusammen, wenn man nicht gar der ganz große Streber in der Schule war. "Klassenarbeit" als Titel für ein Konzert mit Werken von Kompositionsstudenten öffnet allerdings den Assoziationsraum. Hier geht es nicht um eine zu bewertende Abfrage von Wissen, eher um die Abbildung des Spektrums einer Kompositionsklasse - der Konzertzeitpunkt spitzt die oft über einen langen Zeitraum wirkende musikalisch-stilistische Entwicklung der Studenten auf ein klingendes Ereignis zu.

Also doch eine Klassenarbeit im Wortsinne - deren zählbare Bestandsaufnahme dem Rezensenten verbleibt: 12 Komponisten aus vier verschiedenen Hochschulen in Helsinki, Stockholm, Bern und Dresden, in zwei Konzerten von neun Musikern gespielt, die ihrerseits seit 29 Jahren zusammenspielen und gut 600 Uraufführungen bestritten haben - damit ist das Projekt "Klassenarbeit" des Ensemble Recherche beim Tonlagen-Festival Hellerau zumindest zahlenmäßig beschrieben. Hinterfragen wollten sich die Initiatoren auch selbst - neben der unschätzbaren Möglichkeit, dass die Studenten über einen längeren Zeitraum intensiv für und mit dem renommierten Ensemble zusammenarbeiten konnten, wurde die Frage gestellt, wie im jeweiligen Kämmerchen der Hochschule gearbeitet wird und ob es zwischen den einzelnen Klassen ästhetische Gemeinsamkeiten oder Unterschiede gibt.

Letztlich gelang so ein hervorragender Einblick in das Laboratorium der aktuell entstehenden zeitgenössischen Musik und die Antwort kann gleich gegeben werden: die Musik war so vielfältig und individuell wie die Menschen, die sie geschrieben haben eben auch ihre persönlichen, kulturellen Einflüsse mitbrachten. Eine Zahl muss ergänzt werden, nämlich ausgerechnet die Null als Anzahl der im zweiten Konzert am Donnerstag vorliegenden Werkeinführungen. Somit kann nur im freien Assoziationsraum spekuliert werden, worauf es den Komponisten in den einzelnen Stücken ankam. Sicher erscheint, dass die sechs Darbietungen allesamt starke Handschriften aufwiesen und zum Hinhören zwangen.

Von Joe Lake (Dresden) hörte man eingangs eine schöne Studie in leisesten Dynamikbereichen, wobei präpariertes Klavier und Schlagzeug fast zu einem einzigen glockenartigen Instrument verschmolzen. Deokvin Lee (Dresden) wartete in "Prufrock" für großes Ensemble mit einem recht steinigen Kompositionsweg auf - das sehr lange Werk verschleuderte einiges an Material, ließ eine wirklich "rockige" Phase erkennen, aber keine wirkliche Zielrichtung. Nicolas von Ritter (Bern) hatte sich für eine Streichtriobesetzung entschieden - "Light and Fog" fand zu einer interessanten Sprache fortschreitender Bewegung mit einer Art Selbstverlust des Stückes am Ende. Rosalie Grankull (Stockholm) konfrontierte eine saftige Pulsation mit zerbrechlicher Harmonie im Wortsinne - das war ebenso mutig wie überzeugend. Bei Sebastian Hillis (Helsinki) "Hypha" standen sehr klar formulierte Abläufe und Algorithmen im Vordergrund, hier fehlte aber eine sinnliche Ebene fernab der mit zahlreicher Ornamentik ausgestatten "Aufstiegsarbeit" der Tonhöhen.

Anthony Tan (Dresden) blieb der Schluss vorbehalten: "Observing the Ph(r)ase" war ein sehr schönes Stück mit viel Binnen(be)handlung, das unterschiedliche Zustände musikalischer Dichte beleuchtete. Schlicht faszinierend war es, dem Ensemble Recherche bei der Formung dieser musikalischen Welten zuzusehen und zuzuhören - für einen solchen Ensembleklang und Nachvollzug der Ideen und Ansprüche wird auch jeder der gespielten Komponisten höchst dankbar sein.
(18.10.14)

Wie klingt China?

Eröffnung des Tonlagen-Festivals in Hellerau

Ein "universelles Klang-Environment" sei in diesem Jahr zu begehen und akustisch wie visuell wahrzunehmen - so kündigten die Veranstalter, das Europäische Zentrum der Künste Hellerau, einen Schwerpunkt des gestern eröffneten Tonlagen-Festival an. Einfacher gesagt: es geht in dieser Ausgabe um Klang und Klanglichkeit, um neue Instrumente, Klangkombinationen und auch vermehrt um Installationen, die ja bisher in Hellerau eher als Randerscheinung wahrgenommen wurden.

Dem universellen Anspruch darf man gerade in Hellerau durchaus Vertrauen schenken, denn Künstler aus mehr als 19 Nationen sind beteiligt. Das Festival wird mit Sicherheit bunt und interdisziplinär und in der Fülle der präsentierten künstlerischen Aussagen und Stile ist Kontroversität schon fast eine erwünschte Ausgangslage. Der Start wurde mit einem Blick gen Osten vollzogen - dieser bildet ebenfalls einen Schwerpunkt im diesjährigen Programm. Mit "China Sounds" wurden vier verschiedene sinfonische Blicke auf und aus China vom MDR Sinfonieorchester unter Leitung von Kristjan Järvi vorgestellt. Intendant Dieter Jaenicke und Bürgermeister Jörn Marx zeigten sich zuvor in ihren Eröffnungsreden gespannt auf das Festivalprogramm und hoben deutlich hervor, dass Kunst eben auch den Nerv treffe, weh tun müsse und zu vielfältiger Auseinandersetzung reize.

Ein nachhaltiges Kunsterlebnis stellte sich beim folgenden musikalischen Exkurs allerdings eher als schwierig herzustellen dar, so sehr man auch einen distanzierten Blick auf die China-Experimente bemühte. Werken eines finnischen und eines amerikanischen Komponisten, die im Rahmen eines Programms des "National Centre for the Performing Arts" in Peking weilten und ihre Eindrücke in ihren Werken 2013 zusammenfassten, wurden zwei chinesische Preisträger eines Kompositionswettbewerbs des gleichen Institutes gegenübergestellt.

Was der Amerikaner Michael Gordon in "Beijing Harmony" unternahm, war nurmehr eine platte Echo-Studie im Minimal-Sound, der nur die verbalen Bekundungen des Komponisten zu einer Beziehung zur Tempelarchitektur in Peking verhalfen. Die chinesischen Kompositionen von Xiao Ying ("The Cloud on the wishful Side" - mit Dong Ya, Pipa und Klaudia Zeiner, Mezzosopran) und Ye Yanchen ("The Morning of Bita Lake") waren farbiger ausgestaltet, als klangliches Resümee nahm man mit, dass diese beiden Komponisten in ihren Partituren sowohl wild in der westlichen Musikgeschichte wuchern als auch sich thematisch sehr von naturalistischen, einfachen Tableaus als Grundlage für die Musik leiten lassen. Für die Beschreibung von Nebel und tanzendem Regen gibt es in den letzten Jahren etliche sinfonische Beispiele aus Fernost, die aber allesamt in ihre neoromantischen Stilistik recht austauschbar scheinen.

Am Ende des Konzertes gab es aber doch eine Überraschung: der Finne Kalevi Aho schuf mit der Komposition "Gejia - Chinese Images" ein opulentes, komplexeres Klanggemälde, das virtuos mit westlichen und östlichen Materialien spielte und konsequent damit eine neue, fiktionale Ebene schuf. Kristjan Järvi und sein mittlerweile in der universellen musikalischen Neugier extrem geschultes MDR-Sinfonieorchester waren für diese ungewohnten und dann teilweise eben doch sehr gewöhnlichen Klänge außerordentlich konzentrierte und auch in vielen schön ausgeführten solistischen Passagen begeisterte Sachwalter und empfingen von den vollbesetzten Rängen starken Applaus.
(17.10.14)

Mozart, Dresden und die "Italianità"

Giuliano Carmignola und die Dresdner Philharmonie in der Frauenkirche

Attribute für einen Künstler sind oft unzureichend oder plakativ - aber was soll man machen, wenn einem angesichts eines fabelhaften Konzertes das Wort "Teufelsgeiger" auf der Zunge liegt? Natürlich denken alle an den großen Virtuosen Niccolò Paganini, doch auch heute gibt es legitime Nachfahren, die mit ihrem Geigenspiel die ganze Welt verzaubern. Dass es dabei manchmal mehr auf Frisuren und eine perfekte PR-Maschinerie ankommt, ist wohl der Geist unserer Zeit. Doch es gibt gottlob noch einige Künstler, die sich - mit einem begnadeten Talent versehen - so sehr der Musik verschrieben haben, dass sie dies gar nicht nötig haben.

Dazu gehört Giuliano Carmignola, der in den letzten Jahrzehnten vor allem mit die Solokonzerte des Barock, der Wiener Klassik und der Sturm-und-Drang-Zeit mit frischen, historisch informierten Interpretationen und einem unwiderstehlichen klanglichen Zugriff aufgeführt und auch eingespielt hat. Für die Dresdner Philharmonie ist die Zusammenarbeit mit solch einem Künstler ein Glücksfall, nicht nur weil sie einmal andere Musik als das meist das 19. und 20. Jahrhundert bevorzugende Repertoire der Orchesterliteratur spielen dürfen, sondern weil Carmignola - als Solist und Leiter des Konzertes am Freitag - ein "spiritus rector" im Wortsinne ist.

Im Programm gingen drei barocke Handschriften einem Violinkonzert von Wolfgang Amadeus Mozart voraus - es war spannend wahrzunehmen, wie auf diese Weise das Mozart-Konzert in den Kontext der Musikgeschichte eingebettet wurde, es durchaus auch "italienisch" wahrgenommen werden durfte. Die Dresdner "Italianità" war ebenfalls im Konzert vertreten: Antonio Vivaldis Ehrerbietung an die Dresdner Hofkapelle, das "Concerto per l'orchestra di Dresda" g-Moll, eröffnete das Konzert schwungvoll und eine Sinfonia in derselben Tonart von Johann Adolph Hasse war gleichsam die Dresdner Antwort darauf. Auch das Konzert d-Moll für Violine, zwei Hörner und basso continuo von Carl Philipp Emanuel passte gut in diese Umgebung, bildete es doch mit seinem empfindsamen Stil eine Brücke zu Mozart.

Die Interpretationen waren mitreißend: in allen Werken ging es um weitaus mehr als bloße Tempoabsprachen und Grundphrasierungen. Der ganze Organismus Orchester - in der kleinen Besetzung natürlich auch viel filigraner und daher sehr um farbiges Spiel bemüht - fing unter Carmignolas Leitung an gehörig Leben zu versprühen, und man konnte mitverfolgen, wie solch eine musikalische "Arbeit" binnen siebzig Minuten Konzertdauer die Protagonisten außerordentlich zusammenschweißt. Carmignola selbst faszinierte mit einem forschen, manchmal gar garstigen Ton, der aber niemals Grenzen überschritt und selbst in rasanten Passagen noch Schlankheit und edlen Klang aufwies - das begeisterte die Zuhörer derart, dass eine Zugabe unumgänglich war.
(28.9.14)

Montag, 29. September 2014

RettetJana in Mittweida & ein neuer Online-Tatort!

Es gibt zwei Neuigkeiten in Sachen Online-Tatort: "unser" Rettetjana-Tatort "Dein Auftrag" wird beim 18. Medienforum Mittweida vorgestellt. An der Hochschule Mittweida findet jährlich ein von Studenten organisierter Medienkongress statt, bei dem an zwei Tagen ein volles Programm mit Workshops und Vorträgen geboten wird. Teja Adams von RadioBremen wird "Dein Auftrag" am 18. November um 16.15 vorstellen. Wer nicht vor Ort teilnehmen kann, kann das Medienforum auch komplett im Stream verfolgen (Link folgt)

Derweil wird schon von der SWR-Redaktion "tatortplus" der nächste interaktive Tatort zum Mitspielen vorbereitet. Der Tatort "Blackout" kommt aus Ludwigshafen (Lena Odenthal/Ulrike Folkerts - sie feiert mit dieser Folge ihr 25jähriges Jubiläum) und wird am 26.10. ausgestrahlt - bereits am 19.10. beginnen die Online-Ermittlungen. Alle Infos gibt es auf tatortplus.de

Trailer Tatort "Blackout"



Weitere Links und Infos folgen.

Donnerstag, 25. September 2014

Traum LXXXVIII

Mit dem Chor bin ich auf der Rückreise von einer Tour. Unser Bus wird von der deutschen Polizei angehalten - Kontrolle von jedem und allem. Wir sollen uns "in dreiergruppen" zur Kontrolle im Revier anstellen. Die Schlange der Choristen reicht durch die Gänge und auch durch eine Mensa der Polizisten, in welcher ausschließlich Maggi-Gerichte angeboten werden, demnach auch der Geruch dieses Zeugs im Raum hängt. Die Kontrolle selbst geht "bis auf die Haut", irgendwann sind wir durch und sind selbst beim Essen, allerdings in einer normalen Kantine/Restaurant. Ein Mitglied hatte wohl Drogen dabei, irgendein Beutel mit weißem Inhalt ist sichergestellt worden. Beim Essen wandelt sich die Rückreise in einen Aufbruch, mir wird gesagt, es bliebe noch eine Stunde Zeit zum Kofferpacken, was angesichts eines chaotischen Hotelzimmers, das ich ein paar Etagen über der Kantine weiß, knapp wird. Ich stürze also vom Tisch, lasse mir zwei Bratenscheiben einpacken "für unterwegs" und packe meine Sachen.

Spätromantische Leidenschaft

Saisoneröffnung der Dresdner Philharmonie im Albertinum

Saisoneröffnung! Den freudigen Ruf durfte man im September schon einige Male in Dresden vernehmen, allein die Dresdner Philharmonie hatte es zunächst in ferne Länder verschlagen: eine zweiwöchige Südamerikatournee wurde gerade beendet. Letzte Woche stand zudem die Grundsteinlegung für den neuen Konzertsaal im Kulturpalast an. Letzteres mag als "Anfang vom Ende" der Reisetätigkeit des Orchesters hoffnungsvoll stimmen und Chefdirigent Michael Sanderling war es daher auch ein Anliegen, zum Saisoneröffnungskonzert im Albertinum persönlich dem Publikum für seine Treue zu danken.

Programmatisch begann die Dresdner Philharmonie mit spätromantischer Musik und einmal mehr mit Jubilar Richard Strauss. Im ersten Teil des Konzertes stellte sich der neue "Artist in Residence", der Pianist Martin Helmchen vor, der bereits mehrfach mit der Dresdner Philharmonie konzertierte und in dieser Saison Konzerte von Brahms und Prokofjew sowie Kammermusik spielen wird. Sein Residenz-Debüt gab er am Sonnabend mit Peter Tschaikowskys 2. Klavierkonzert G-Dur, einem energiegeladenen und im Vergleich zum bekannteren Vorgänger in b-Moll durchaus epischeren Werk.

Über die gewählte, konzertübliche Fassung von Tschaikowskys Schüler Alexander Siloti darf man geteilter Meinung sein, geben die starken Kürzungen im 1. und 2. Satz doch sicher nicht des Komponisten Willen wider. Bis auf wenige Wackler zu Beginn des 1. Satzes, die damit zu tun hatten, dass Helmchen gleich von den ersten Takten an "aufs Ganze" ging, war das eine spritzige und emotionale, aber auch umwerfend präzise Interpretation. Keine spätromantische Überhitzung machte sich breit, und doch konnte man sich beim Hören sehr sicher sein, dass Helmchen viel Klangsinn für die verschiedenen Themen und virtuosen Passagen bewies. Besonders beeindruckend war die Übersicht, mit der Helmchen weitläufigere Wegstrecken im Stück zurücklegte - gleich in den ersten Takten jeder Phrase war das Ziel vorformuliert erkennbar. Die in der Partitur angelegte Extrovertiertheit der Musik setzte Helmchen mit einer Menge Spielfreude um, was bei diesem technisch anspruchsvollen Stück keineswegs selbstverständlich ist. Weitgehend einig waren sich Solist und Orchester im gemeinsamen Spiel, lediglich im 1. Satz fiel auf, dass Helmchen eine prägnantere Agogik bevorzugte, während das Orchester in den Streichern zu breiterer und weicherer Gestaltung neigte.

Nach der Pause hatte Witold Lutoslawskis "Kleine Suite", eine noch in mäßig moderner Tonsprache angelegte "Gelegenheitsmusik", einen etwas schweren Stand zwischen den wuchtigen Rahmenwerken, bildete aber einen reizvollen Kontrast und forderte vor allem rhythmische Energie von den Musikern, die Michael Sanderling auch problemlos freisetzte. Richard Strauss' Tondichtung "Also sprach Zarathustra" bleibt ein irritierend-faszinierendes musikalisches Bilderbuch von der Freiheit der Kunst und philosophischen Anwandlungen über Mensch, Natur und Glaube - zumindest die ersten 22 Takte taugten auch für Bierwerbung und als Trailer für diverse Filme und Bands. Dabei gibt es gerade jenseits dieser ersten Partiturseiten viel zu entdecken. Michael Sanderling stellte vor allem ein leidenschaftliches Musizieren in den Vordergrund der Interpretation, sorgte für einen volltönenden Sound und viel, manchmal zuviel Lebendigkeit: einige vorbeistürmende Passagen konnten (das betraf auch einige der Streicher-Soli im Grablied und Walzer) nicht mehr allzuviel Innenleben entfalten. Dafür schlug die Mitternachtsglocke wuchtig an, die Bläserhomogenität im Tutti konnte man nur bestaunen und der ruhige Ausklang gelang im silbrigen H-Dur-Register vortrefflich.

Deutliche Worte, klare Töne

Gidon Kremer und die Kremerata Baltica mit "Mein Russland" in der Semperoper

"All about Gidon" - das Konzert der Kremerata Baltica in der Semperoper hätte eigentlich eine klingende Biografie des großen Geigers Gidon Kremers, seit Beginn dieser Saison Capell-Virtuos der Sächsischen Staatskapelle Dresden, werden sollen. Doch angesichts der aktuellen dramatischen Lage des Russland-Ukraine-Konfliktes änderte Kremer das Programm und stellte das Motto "Mein Russland" voran. Es blieb dennoch ein "All about Gidon" in der Hinsicht, dass Kremer ein Musiker ist, der sich nicht in den Elfenbeinturm der Partituren und Töne einschließt, sondern seismographisch auch die Welt, in der er und wir alle leben, aufnimmt.

Schweigen ist seine Sache nicht, denn "wenn wir wegschauen, sind wir bereits mit dem Gewissen beteiligt." Mit Tönen auf das Grauen antworten - geht das? Der Abend in der Semperoper bewies, dass Kultur und erst recht die Musik eine Sprache zu sprechen imstande ist, in der zumindest ein Bewusstsein und eine Sensibilisierung entstehen kann. Mit den Tönen kann sich jeder persönlich auseinandersetzen, sich nah oder mit Distanz positionieren und überlegen, was die bessere Variante ist: "falsche Töne" gibt es in der Musik nicht, so Kremer - man spiele jede Musik mit authentischem Anspruch. Das sei in der Politik mit ihren Floskeln leider anders.

Eine Gesprächsrunde war in das Konzert integriert, in der Gidon Kremer sein Herzensanliegen unterstrich: "Kunst hat die Aufgabe, uns von der Gleichgültigkeit, die wir über die Massenmedien und durch Entertainment entwickelt haben, abzuwerben." Kremer ist baltischer Herkunft, hat aber prägende Jahre seines Lebens in Moskau verbracht. Mit dem Konzertprogramm wolle er die schwermütige, nachdenkliche, auch ethische Seite von Russland vorstellen. Als im Gespräch der Satz fiel "Es gibt keinen Weg, aber wir müssen ihn gehen." wurde offensichtlich, dass es keiner weiteren Worte bedurfte, dass die vorgestellte Musik am Ende stärker war, wo sich im Gespräch eine erschütterte Sprachlosigkeit anbahnte. "In der Musik ist kein Haß", konstatierte Kremer und trotz aller stilistischen und thematischen Unterschiede und der unterschiedlichen Wurzeln der Komponisten konnten die vier vorgestellten Werke auch in friedlicher Koexistenz bestehen und gegenseitige Bereicherung erfahren.

Ein Werk der aktuellen Capell-Compositrice Sofia Gubaidulina eröffnete den Abend und schärfte gleich die Konzentration: ihre Reflexionen über "B-A-C-H" sorgten in kompromissloser Reduktion des Materials für eine Klarheit des Geistes, mit dem man erst einmal aufnahmefähig wurde. Der Komponist Leonid Desyatnikov ist Ukrainer und lebt in St. Petersburg - seine "Russischen Jahreszeiten" für Sopran, Violine und Streichorchester sind ein faszinierendes Konglomerat aus Volksmusik, geistlichem Melos und bildhafter Zeichnung ursprünglicher Gefühle und Stimmungen - von Kremer, der Sopranistin Olesya Petrova und der Kremerata Baltica wurde das intensivst ausgekostet.

Mieczyslaw Weinberg (1919-96) ist ein erst in den letzten Jahren wiederentdeckter russischer Komponist mit polnischen Wurzeln - seine späte 2. Kammersinfonie beeindruckt durch eine tiefernste Haltung, die sich nur ab und an zu einem freundlichen Lächeln oder untergründigem Humor lichtet. Kremer, zuvor noch solistisch aktiv, übernahm hier das Konzertmeisterpult - sein Orchester zeigte hier wie in allen Werken des Abends einen packenden Zugriff bis hin in die hintersten Geigenpulte. Klanglich verstehen sich diese Musiker blendend und die Führung durch Gidon Kremer ist ebenso konzentriert wie kreativ-spontan.

Dass Russland einen besonderen Sinn für Humor und Satire hat, zeigte das letzte Werk des Abends, das etwa in der Tradition der "bissigen" Werke Dmitri Schostakowitschs oder Alfred Schnittkes steht: mit unverhohlenem Spaß nimmt Alexander Raskatov in "The Seasons' Digest" Peter Tschaikowskys Klavierzyklus "Die Jahreszeiten" auseinander, ohne dabei den Respekt zu verlieren: da wird getanzt, gejohlt, gepfiffen und über Väterchen Frost geklagt, dass es eine Wonne ist; die russische Seele bleibt dabei authentisch, selbst wenn sie über die Stränge schlägt. Den großen Jubel des Publikums beantworteten Kremer und die Kremerata Baltica mit einem echten "Rausschmeißer", wiederum von Mieczyslaw Weinbergs. Von ihm wird noch viel zu hören sein. Und Gidon Kremers Konzert in der Semperoper hat deutlich gezeigt: es tut gut, wenn auch der klassische Musikbetrieb sich nicht in Selbstrotation des ewig gleichen Repertoires erschöpft. Wir brauchen die Auseinandersetzung mit Musik, mit Kunst dringender denn je.
(20.9.)

Sonntag, 7. September 2014

Himmlische Höhen

Gubaidulina und Bruckner im 1. Sinfoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle

Am letzten Tag der Sommerferien, am sächsischen Wahlsonntag und letzten Augusttag, und damit kurz vor dem meteorologischen Herbstbeginn hat die Sächsische Staatskapelle ihre neue Saison mit dem 1. Sinfoniekonzert eröffnet. Atmosphärisch konnte also in den Gedanken beim Konzertbesuch Vergangenheit und Zukunft, das "Alte" und das "Neue" mitschwingen und das Programm war sehr dazu geeignet, sich damit eingehender zu beschäftigen.

Mit dem 2. Violinkonzert "In Tempus Praesens" der neuen Capell-Compositrice Sofia Gubaidulina gelang ein nachdenklicher, höchst eindrücklicher Einstieg in die Saison. In den vergangenen Jahren wurden viele ihrer Werke von den Dresdner Orchestern oder etwa beim Moritzburg Festival gespielt. Die bei Hamburg lebende russische Komponistin dürfte es als besondere Auszeichnung empfinden, dass die Sächsische Staatskapelle sie in dieser Spielzeit besonders würdigt, auch zwei neue Kompositionen werden in Kapellkonzerten uraufgeführt werden.

Vor allem aber erklingen ihre beiden Violinkonzerte mit dem Capell-Virtuosen Gidon Kremer, der 1981 schon der uraufführende Solist ihres 1. Violinkonzertes "Offertorium" war. Ihr zweites Konzert "In Tempus Praesens" - geschrieben 2006/2007 für die Geigerin Anne-Sophie Mutter - trägt die Gegenwart bereits im Titel; das Jetzt-Erleben und Fühlen (musikalischer) Zustände ist nicht eine etwa als ironische Floskel auf zeitgenössische Musik gemeint, sondern ein ernstzunehmender Anspruch und gleichzeitig das Glücksgefühl einer Komponistin: heute arbeiten zu dürfen, heute neue Klänge zu erfinden und zu schreiben und damit an der musikalischen Gegenwart teilzuhaben. Gubaidulinas Musik verortet sich fern von einem rein absoluten Anspruch, ständig ist man versucht zu sagen, dass ihre Noten in starker Weise zum Zuhörer sprechen.

Beredte Monologe, Dialoge, "Stimmen" durchdringen sich in diesem halbstündigen großen Konzertsatz und formen ein eindrucksvolles Klanggemälde, dem man sich nach den ersten von Gidon Kremer alleine vorgetragenen Tönen nicht mehr entziehen mag. Unter der Leitung von Christian Thielemann gerieten die sorgsam proportionierten Teile des Werkes ausbalanciert, wurden Kremers sich immer wieder in fast himmlische Höhen aufschwingende Linien gut in einen doch großen Orchesterapparat eingebettet. Vor allem die bis in kleinste Details auskomponierten Farbschattierungen in kammermusikalischen Abschnitten waren spannend zu verfolgen - dem bedrohlich-maschinellen Abgrund vor der von Kremer intensiv ausgeformten Kadenz folgte eine Art lichter Abgesang, der in seinem plötzlichen Dur-Schimmer wie ein Lobgesang auf die Sprache der Musik wirkte. Sofia Gubaidulina, Gidon Kremer, Christian Thielemann und die Staatskapelle nahmen einen großen und sehr herzlichen Applaus für dieses beeindruckende Stück entgegen.

Eine "Gegenwartsmusik" ganz anderer Art - und doch höchst plausibel mit dem ersten Stück verbunden - war nach der Pause Anton Bruckners 9. Sinfonie d-Moll, oft bereits als "jenseitig" beschrieben und doch mit ganz irdisch singenden Klängen, Melancholie und Weltgewitter versehen. Will man interpretatorisch auf dieses große Werk "antworten", ist ein Scheitern fast vorprogrammiert - man tut am besten daran, diese Musik sprechen zu lassen, und genau dies konnte man bei der Staatskapelle auch in wunderbarer Weise erleben: Thielemann arbeitete in leisen, lyrischen Teilen die leicht fragile, kantable Atmosphäre heraus.

Der erste Satz war klanglich sogar beinahe zu ordentlich-klassisch angelegt, damit gelang aber auch eine Art innerer musikalischer Rückblick, der in den nächsten beiden Sätzen nicht mehr möglich erscheint. Große Tutti entfalteten sich unter Thielemanns Händen eher selbstverständlich - dem bizarren Scherzo gab er kraftvolle Impulse hinzu, um im Trio einen größtmöglichen charakterlichen Kontrast herzustellen. Sehr beeindruckend gelang der große, letzte Satz des Werkes mit seinen immer neuen thematischen Anläufen und einem wirklich nicht mehr irdisch zu fassenden Höhepunkt kurz vor einem sanften Ausklingen, dem eine sehr notwendige, spannungsvolle Stille folgte.
(1.9.)

Kammermusik mit vielen inspirativen Glücksmomenten

21. Moritzburg Festival beendet

Mit den Klängen des Streichoktetts Es-Dur von Felix Mendelssohn Bartholdy geht traditionelle jedes Jahr das Moritzburg Festival zu Ende - so war es auch am Sonntag der Fall. Das Werk passt nicht nur, weil es viele Musiker noch einmal zum Abschluss vereint, sondern auch in seinem inspirativen, lebensbejahenden Charakter das Profil des Festivals quasi in Noten widerspiegelt. So abwechslungsreich sich die vier Sätze des Oktetts entfalten, so vielfältig gab sich auch das gesamte letzte Wochenende musikalisch.

Vor dem Sonnabendkonzert in der Kirche Moritzburg stellte sich die französische Pianistin Lise de la Salle solistisch vor. Für ihre gute halbe Stunde Musik hatte sie ein großes romantisches Klavierwerk ausgewählt, das es in sich hatte: Johannes Brahms "Händel-Variationen" zelebrieren den Schulterschluss zwischen barockem Vorbild und romantisch weiträumiger Ausarbeitung. Die 25 Variationen samt vollgriffiger Fuge fordern Pianisten einiges ab - Lise de la Salle beeindruckte hier mit charaktervollem und virtuosem Zugriff und schaffte es mit flotten Tempi und dabei jederzeit deutlicher Phrasierung, einen großen Spannungsbogen über das gesamte Werk zu legen. Als Kontrast und Entspannung durfte das Publikum als Zugabe dann einen wunderbar empfunden musizierten Choral von Johann Sebastian Bach genießen.

Im anschließenden Konzert standen drei außergewöhnliche Stücke aus Klassik, Romantik und dem 20. Jahrhundert auf dem Programm: Joseph Haydns "Zigeunertrio" G-Dur ist wohl einer der frühesten Beweise dafür, wie man innerhalb strenger Formen individuelles Kolorit gewinnen kann. Dass schon im 19. Jahrhundert kräftig in gemischten Besetzungen experimentiert wurde, zeigte Robert Schumanns "Andante und Variationen" für 2 Celli, 2 Klaviere und Horn - das Stück ist eine vor allem akustisch diffizile Geschichte, die aber von Guy Johnston, Harriet Krijgh, Oliver Triendl, Antti Siirala und Peter Müseler in einem durchweg lyrischen Klanggewand souverän dargeboten wurde.

Höhepunkt des Abends war das Klavierquintett von Dmitri Schostakowitsch - neben der aufmerksamen Lise de la Salle am Klavier waren es die Streicher Baiba Skride, Kai Vogler, Lars Anders Tomter und Guy Johnston, die Schostakowitschs Werk hier nahezu mit einer gemeinsamen Stimme erklingen ließen - in aller Zerrissenheit und Härte, aber auch mit viel Gefühl für Gesangliches.

Auch das vom Publikum heftig bejubelte Abschlusskonzert am Sonntagmorgen begann mit Schostakowitsch - die Stücke für Streichoktett des 18jährigen Komponisten sind jedoch in ihrer rohen Wildheit von anderem Kaliber und wurden mitreißend interpretiert. Noch einmal kam der Composer in Residence David Philip Hefti zu Wort, diesmal mit seinem 2. Klaviertrio "Lichter Hall" aus dem Jahr 2012, das episodenhaft in einem einzigen Satz verschiedene Ausdruckswelten zwischen ausgestellten Flächen und zögerlicher Entwicklung vereinte. Mit "Navarra" von Pablo de Sarasate gelang gleich darauf der denkbar größte Kontrast: es ist eine echte "Pièce" für 2 Violinen und Klavier, die mit viel Charme und lockerer Virtuosität von Mira Wang, Baiba Skride und Oliver Triendl dargeboten wurde.

Der künstlerische Leiter Jan Vogler zeigte sich mit dem diesjährigen, 21. Festival sehr zufrieden und benannte eine in diesem Jahr musikalisch sehr starke Festival Akademie und die Uraufführung des Auftragswerkes von Hefti als Höhepunkte - mit letzterer wurde auch thematisch ein Bogen zur Moritzburger Geschichte und zum Gedenken an den Beginn des 1. Weltkriegs gezogen. Zudem seien diesmal durch die Werkauswahl besonders herausragender oder außergewöhnlicher Stücke inspirative Glücksmomente unter den Künstlern entstanden, die auch das Publikum intensiv wahrnahm." Zu den 14 Konzerten, zwei Porträtkonzerten und einem Komponistengespräch kamen insgesamt 7000 Zuhörer, damit war das Festival zu 98% ausgelastet. 2015 wird das Moritzburg Festival vom 15. bis 30. August stattfinden.
(25.8.)

Duette, Interaktionen und ein großes Drama

Werke von Martinů, Hefti und Tschaikowsky beim Moritzburg Festival

Gestaltet man ein Konzertprogramm mit Kammermusik aus, wird man selten in die Verlegenheit kommen, dass die Abfolge der Werke zu eintönig gerät: die Literatur ist immens, die Besetzungen variabel und selbst wenn "nur" ein Streichquartett spielt, sind von Haydn bis zur neuesten Musik alle Möglichkeiten offen. Beim Moritzburg Festival kann man innerhalb von gut zwei Wochen genau diese Vielfalt fast täglich erleben und das Konzert am Mittwochabend im Schloss war ein schönes Beispiel für ein kontrastreiches Programm.

Vom tschechischen Komponisten Bohuslav Martinů (1890-1959) hört man hier und da in Konzerten mal ein Stück, aber sein umfangreiches, farbiges OEuvre harrt eigentlich noch einer Entdeckung. Die Aufführung der "Drei Madrigale" für Violine und Viola gelang sehr gut - keineswegs ist dies ein Stück für die sprichwörtliche Kammer oder den Salon. Mit viel rhythmischen Pfeffer wussten Hyeyoon Park (Violine) und Hartmut Rohde (Viola) die Partitur mit Leben zu füllen, sorgsam gingen sie auch mit der fast märchenhaft anmutenden Triller-Welt des 2. Satzes um. Dass hier und da ein paar sehr "fies" komponierte Sprünge nicht auf den Punkt saßen, war angesichts der spannungsreichen, im Duett hervorragend aufeinander abgestimmten Aufführung zu vernachlässigen.

Dem Composer-in-Residence, David Philip Hefti gebührte der Platz vor der Pause im ersten Konzertteil. Nach seiner Uraufführung tags zuvor konnten die Zuhörer nun ein älteres Kammermusikwerk erleben - "Interaktion" für Klavierquartett. Dankbar zeigten sich die Interpreten, das bereits aufgetretene Duo sowie Harriet Krijgh (Cello) und Oliver Triendl (Klavier), dass der Komponist nicht nur anwesend war, sondern die Aufführung auch dirigierte. Das ist zwar bei einem Kammermusikwerk dieser Größenordnung nicht unbedingt notwendig, aber verleiht den Musikern im besten Fall ein Fundament, auf dem die neuen Klänge gedeihen können. Hefti leitete sein Stück mit Bedacht und ließ den Musikern auch die nötige Freiheit - so entstand fast ein impressionistischer Eindruck des Malens. Heftis Musiksprache indes ist insofern eingängig, da Formen und musikalische Semantik durchaus bekannt, manchmal sogar merkwürdig gebändigt erscheinen - dadurch war sogar der große Klaviermonolog am Ende fast voraussehbar.

Man könnte vermuten, dass ein großes Werk des romantischen 19. Jahrhunderts nach der Pause zum Zurücklehnen und zur Entspannung einzuladen bestimmt war, doch damit war man auf dem Holzweg - und das war gut so. Denn so wie die drei Interpreten Mira Wang (Violine), Jan Vogler (Cello) und Lise de la Salle (Klavier) bei Peter Tschaikowskys Klaviertrio Opus 50 in jedem Takt auf der vordersten Stuhlkante saßen, gingen auch die Zuhörer mit. Dieses 50-minütige Stück - geschrieben im Eindruck des Todes von Tschaikowskys Freund und Förderers Nikolai Rubinstein - schreibt sich viel Intensität, gar das ganz große Drama auf die Fahnen, und hat man einmal zu Tschaikowskys Art, etwa eine eigentlich simpel scheinende Rückführung zur Haupttonart über Minuten mit immer wieder anrollenden Gefühlswellen zu strecken, Zugang gefanden, so konnte man eine nur grandios zu nennende Aufführung verfolgen. Die Musiker nahmen das Werk höchst ernst, arbeiteten bei allem notwendigen und mit vollem Einsatz auch durchgezogenen Klanggewitter auch stets die leisen Nuancen der BItternis und Einsamkeit heraus. Die nicht selbstverständliche Homogenität der drei Interpreten mit absolut sicherer Tempovorgabe sowohl im Variationssatz als auch in dem von Leidenschaften gepeitschten ersten Satz war dann das Sahnehäubchen einer spannungsgeladenen Interpretation, nach deren letzten im Trauermarsch ersterbenden Tönen auch das Publikum erst einmal Luft holen musste.
(18.8.)

Kammermusik im Orchester verwirklicht

Eröffnungskonzert des Moritzburg Festivals in der Gläsernen Manufaktur

Steigende Temperaturen, saisonal bedingte Abwesenheit klassischer Konzerte in der Stadt und eine auffällige Häufung zu Proben pilgernder Instrumentalisten nahe Augustens Jagdschloss lassen kalendarisch nur einen Schluss zu: das Moritzburg Festival beginnt. Die 21. Auflage des Kammermusikfestivals startete - dies auch schon zum zehnten Mal - in Dresdens Gläserner Manufaktur mit dem Eröffnungskonzert, das von der Festival Akademie ausgestaltet wird.

Die Akademie ist seit Jahren fester und wichtiger Bestandteil; bereits eine Woche vor den öffentlichen Konzerten proben und feilen in diesem Jahr 40 junge Musiker aus 16 Nationen gemeinsam mit den Profis an der Kammermusikliteratur. Im "Moritzburg Festival Orchester" finden sie sich im großen Ensemble zusammen, das in diesem Jahr vom renommierten Cellisten und Dirigenten Heinrich Schiff geleitet wird. Das Programm gab sich in diesem Jahr mit Vivaldi, Mozart und Beethoven auf den ersten Blick unspektakulär, jedoch war einiges an Finesse darin, denn schon im ersten Werk schien der Kammermusikgedanke verwirklicht: das Konzert für vier Violinen, Streicher und Basso Continuo h-Moll von Antonio Vivaldi sprudelt vor Lebendigkeit und stetig müssen die vier Solisten sich gegenseitig die Bälle zuspielen. Nikki Chooi, Timothy Chooi, Theresa Lier und Mira Wang gelang das vortrefflich und Schiff gab einen gelassenen und zuweilen pointierten Orchesterklang hinzu.

Mit dem Klarinettenkonzert von Wolfgang Amadeus Mozart stand dann ein bekannter "Klassiker" auf dem Programm, mit dem nahezu jeder große Klarinettenvirtuose seine Visitenkarte präsentiert. Die Größe des Werkes liegt nicht zuletzt darin, dass es einen weiten Raum der Ausdruckswelten und der Deutung anbietet, der die Solisten zu unterschiedlichen Herangehensweisen berechtigt. Daniel Ottensamer, Solist der Wiener Philharmoniker, hat in den letzten Jahren mit seinem Spiel internationales Renommee erlangt - in der Manufaktur zeigte er das gesamte Konzert in einer staunenswert durchgehaltenen Pianokultur mit überaus weichen Ansätzen, Läufen und sanfter Themengestaltung. Diese absolut noblen und mit höchster Souveränität dargebotenen technischen Fähigkeiten dürften einzigartig sein - allerdings tauchte nach den drei Sätzen doch die Frage auf, ob dieser komplett in Samt und Seide gehüllte Mozart in der Ästhetik eines "Bloß nicht" nicht auch Ausdrucksebenen verschwieg. In dieser einer "sanften Perfektion" huldigenden Lesart war das Hörerlebnis auf jeden Fall außergewöhnlich und beeindruckend.

Was sich mit einem zu deutlich verstärkten Cembalo im Vivaldi-Konzert bereits angedeutet hatte, wurde bei der Aufführung von Ludwig van Beethovens 7. Sinfonie A-Dur zum Ärgernis: Tontechnische Unterstützung bei Klassik-Konzerten scheint in der VW-Manufaktur ein bleibendes Problem darzustellen. Mit der überzogenen Verstärkung der Violinen wurde aus der Beethoven-Sinfonie ein akustisches Kunstprodukt, deren Aufnahme kein Genuss mehr war, so sehr auch von der Bühne höchstes Engagement strahlte. Von den tiefen Registern wie von den Bläsern war kaum etwas zu hören, wenn die Geigen in die hochgeregelten Mikrofone spielten. Trotz dieser Unzulänglichkeiten konnte man sich darüber freuen, dass die Akademisten mit großem Einsatz und nie versiegender Konzentration zu Werke gingen - besonders schön gelang der erste Teil des zweiten Satzes. Man merkte der Interpretation deutlich an, dass es - vermutlich hatte Mozart seine Spuren hinterlassen - Heinrich Schiff viel um atmendes, gesangliches Spiel ging. Für die jungen Musiker dürfte dies bereits der erste Höhepunkt der zwei Moritzburg-Wochen gewesen sein, dem Publikum stehen nach dem Eröffnungskonzert nun rund ein Dutzend Konzerte in Dresden, Moritzburg und der Umgebung bevor.

(11.8.)

Samstag, 16. August 2014

Ostrale - "Good Night"

2009, 2010 und 2013 habe ich bereits über die Ostrale berichtet. Ich werde auch dieses Jahr die Ostrale besuchen, allerdings gibt es zum kompletten Ausstellungsbesuch dieses Jahr einen kleinen Prolog: ich habe bei einer Performance der Ausstellung mitgemacht. 2009 gab es schon einmal eine Mitwirkung meinerseits, bei Rob Sweeres "Silent Sky" durfte man auf dem Boden liegend den Himmel betrachten. Nicht viel mehr Fähigkeiten bedurfte es in diesem Jahr - zum Liegen kam das Schlafen hinzu.


Was vom Schlafe übrigblieb.

Su jeong Shin-Goldbach, eine Künstlerin aus Korea, die in Düsseldorf lebt, hat ihre Performance "Good Night" schon mehrere Male realisiert - es gibt auch ein youtube-Video der Nürnberger Aufführung. Daher wusste ich ungefähr, was mich erwartet und mit "vier Stunden schlafen" war die Tätigkeit des "Performers" auch umfassend beschrieben. In Dresden waren acht "Schläfer" zugegen, neben mir noch sieben Frauen, was aber keinesfalls statistische Aussagen darüber erlaubt, ob die Herren der Schöpfung sich sonnabends lieber im Baumarkt oder beim Fußball aufhalten.

Denn Schlaf ist wertvoll und man kann ihn auf diese Weise auch mit Leidenschaft zelebrieren - Shin-Goldbach sprach vor der Performance von einer Art Tanz, ein choreografisches Objekt also, das sich aus der Wälzerei unserer acht Körper im sorgsam arrangierten schlafsaalähnlichen Bettenquader ergab. Ich bin daher auch auf Fotos und Video gespannt, mein einziges gibt nur das "Danach" wider.

Schwierig war, die Schlaferei in den Tagesrhythmus einzupassen - ich bin kein Mittags-Nap-Fan und hatte die Nacht davor passenderweise super geschlafen. Nach der kurzen Einweisung ging es zu den Betten und jeder kämpfte mehr oder weniger mit Morpheus Launen. Ich kann nur für mich berichten, ich habe von den vier Stunden etwa zwei fest geschlafen und die anderen zwei mehr im Halbschlaf (Dösen) mit Wahrnehmung des Außen zugebracht, dazu gehörten auch einige kräftig prasselnde Regenschauer, klickende Kameras von Besuchern und deren Schritte sowie hin und wieder einige Wortfetzen. Trotzdem gelang es mir prima, mich darauf nicht zu sehr zu konzentrieren, aber auch nicht das Schlafen als "müssen" zu empfinden. Auf diese Weise gelang mir eine locker-bewusste Entspannung, zudem fühlte ich mich in Umgebung der anderen Schläferinnen mit gleicher Aufgabe und im großen Raum voller Kunst (eine gewisse Aura ist dem Ostrale-Ort nicht abzusprechen) recht wohl.

Zeit verfloss, ohne dass ich eine rechte Ahnung hatte, wie lange ich nun da lag, ich muss wohl auch kurz vor vier wieder wach geworden sein und nahm dämmernd die Wecker wahr, die alle dabeihatten und die auf 16 Uhr eingestellt waren - nicht dass wir noch dort übernachten... Das Zurückfallen in die Wachheit war dann vielleicht am Ungewöhnlichsten - es standen Besucher im Raum, die uns als "Objekte" beobachteten beim langsamen Aufstehen, schon vorher hatte ich bemerkt, dass manche auch recht nah an den Betten vorbeigingen um auch zu checken, ob wir wohl "echt" seien.

Alles in allem hat es Spaß gemacht, es wäre noch einmal interessant, "Good Night" als unvoreingenommener Besucher zu sehen. Ist es intim, komisch, interessant, Fremden beim Schlafen zuzusehen? Oder sind wir da gar entmenscht, weil wir Teil einer Installation sind? Interessante Fragen bleiben.

p.s. Mein Traum-Blog bleibt heute ohne Fortsetzung. Es war wohl zu aufregend, um intensiver träumen zu können.

Überambitioniert.

Gastspiel des "Oxfordshire County Youth Orchestra" in der St. Pauli-Theaterruine

In den Sommerferien dürfen sich die Musiker der großen Profi-Orchester von der Saison erholen. Anders ergeht es da vielen musizierenden Jugendlichen - die Ferien werden genutzt, um an Musik-Projekten und Orchesterfreizeiten teilzunehmen. So konnte das Dresdner Publikum am Dienstagabend ein Gastspiel des britischen "Oxford County Youth Orchestra" erleben - das einem deutschen Landesjugendorchester vergleichbare Orchester befindet sich gerade auf einer einwöchigen Sommertour durch Deutschland.

Die St. Pauli-Theaterruine bot das stimmungsvolle Ambiente für das Konzert, wenngleich akustische und klimatische Grenzwerte erreicht wurden, die Hörern wie Musikern die Sache nicht leichtmachte. Angesichts eines ambitionierten Programms überlegte man bereits zu Beginn des Konzertes, wie die gut 100 jungen Musiker unter solchen Bedingungen damit zurechtkommen würden. Leider muss man resümieren: es ging derartig viel schief, dass man an die Leiter des Orchesters appellieren möchte, diese Art von Jugendförderung einer Überarbeitung zu unterziehen.

Ein Programm mit der Rosenkavalier-Suite von Richard Strauss (Fassung von Artur Rodziński), der sinfonischen Dichtung "Pini di Roma" von Ottorino Respighi und der 5. Sinfonie d-Moll von Dmitri Schostakowitsch ist in dieser Abfolge auch für ein Profi-Orchester "nicht ohne". Hier werden beträchtliche Lautstärkepegel erreicht, die aber Dirigent John Traill offenbar als wesentlichen und wirkungsvollsten Gehalt der Musik missdeutete. Mit dem Raum kam er ebensowenig klar wie seine tapferen Jugendlichen, deren Können sehr unterschiedlich ausgeprägt war. Genau aus diesem Grund entstanden in allen Stücken große Probleme: kein Akkord wollte sich zurechtfinden, Intonation und technisches Vermögen glichen einer Achterbahnfahrt. Ansätze von Interpretation blieben zumeist auf der Strecke - die Jugendlichen hatten genug mit der Bewältigung des Notenberges zu tun.

Mutig stürzten sich die jeweils ersten Musiker ihres Instrumentes in ihre Soli: motivierend auf alle dürfte sich etwa das große Solo der ersten Klarinettistin im 3. Satz der "Pini di Roma" ausgewirkt haben, auch das Flötensolo im Kopfsatz der Schostakowitsch-Sinfonie war sehr fein gespielt. Der erste Satz des Respighi-Stücks gelang wohl insgesamt am besten. Doch solche Höhenflüge hielten meist nur bis zu Partiturabschnitten, wo eine ganze Instrumentengruppe anstelle eines notierten Tones gleich fünf verschiedene präsentierte. Laut Programmheft liegt der Schwerpunkt des Orchesters in der Durchführung von Werken für große Besetzungen. Durch viele Verdoppelungen (in allen drei Werken waren etwa sechs Flöten und ganze sieben Trompeten besetzt) wurden allerdings lediglich Defizite kaschiert und die Werke erscheinen entstellt. John Traill dirigierte meist ruhig und bedächtig - er gab aber auch oft nach, so dass sich Tempoverschleppungen einstellten.

Einige wohl gut geprobte Walzer-Stellen in der "Rosenkavalier-Suite" von Strauss liefen merklich flüssiger durch. Sommerlich-leichte Stimmung ließ sich an den Gesichtern der Orchestermusiker kaum ablesen: Hochspannung, Anstrengung und teilweise betretene Mienen waren zu beobachten - angesichts eines Projektes, das sie hoffnungslos überforderte. Warum gibt man den Jugendlichen nicht Werke an die Hand, mit denen sie ein gemeinsames Erfolgserlebnis kreieren können? So kann man nur hoffen, dass den 14- bis 21jährigen Jugendlichen die Freude an der Musik trotzdem erhalten bleibt. Dass nach Schostakowitschs düster-fatalistischer 5. Sinfonie sofort der Radetzky-Marsch von Johann Strauss als scheppernde Zugabe gegeben wurde, bestätigt leider die Vermutung, dass man hier kaum tiefer in die Musik eindringen wollte, als es angesichts der Hürden möglich war.

Sonntag, 27. Juli 2014

Traum LXXXVII

Ich bin in meiner Heimatstadt W. mit einer Bekannten (?, das zeigt sich nicht zu Beginn) unterwegs, wir steigen in einen Bus, der einen steilen Berg mit Serpentinen hinauffährt. Wir sehen draußen Leute, die mit dem Rad ziemlich mühelos den Berg hochfahren. Unser Bus ist die Linie 655, eigentlich ist dieser in R. unterwegs, nicht in W. Oben angekommen, gibt es wohl in einigen Minuten ein Konzert von D. S. (Gesang) in einem Schloss, allerdings im Keller - ich schaue von der Erdgeschosstreppenbrüstung hinunter und sehe unten bekannte Musiker, winke ihnen zu. Ich merke nun, dass ich alleine hier oben bin, offenbar ist meine Begleiterin zwischendurch ausgestiegen und kommt nach. Daher gehe ich nochmal hinaus. Von dem Schloss/Herrenhaus geht eine Steintreppe zum Eingang hinunter, allerdings wird an der Treppe gebaut, so dass man nur auf einer schmalen Seite gerade so aneinander vorbeikommt. Da offenbar Massen zum Konzert wollen, herrscht plötzlich Gedränge, ein kleines Mädchen wird an die Mauer gedrückt. Trotzdem keine Geräusche von Panik oder Angst. Ich bin dann auf der Treppe, die nun wieder breit geworden ist. An der Seite entdecke ich meine Begleiterin, die ich nun endlich nach ihrem Namen frage. Es ist ein russischer Name. Wir geben uns die Hand. Ende des Traums.

[den Namen habe ich nie zuvor gehört, auch das große weite Web liefert mir - Überraschung - null Treffer.]

Samstag, 26. Juli 2014

Traum LXXXVI

Ich bin in einer Wohnung, von der ich auch früher oft geträumt habe, es ist eine Wohnung, die ich noch gemietet habe, aber nie bewohnt, sie ist trotzdem komplett eingerichtet und ist (etwa) im 8. Stock eines modernen Neubaus, eine Art Loft, das sich über die ganze Etage zieht und wo hinten noch Balkone sind - sehr luxusartig. In dieser Wohnung bin ich panikartig mit irgendwas beschäftigt und renne herum. Der Hausmeister meiner derzeitigen Wohnung und zwei andere "Gesellen" lungern auf Sofas untätig herum, ich verscheuche sie. M. kommt herein, mit einer Zigarettenspitze und herrscht mich an, seit einer halben Stunde versuche sie mich zu erreichen. Abruptes Ende.

[Dieser Traum kam - ungewöhlich - ca. 75 minuten nach dem Einschlafen und war so präsent, dass ich gleich davon aufgewacht bin]

Mittwoch, 23. Juli 2014

Unterschiedlich berührend

Vokalmusik von Busto, Pärt und Vieira im Konzert des Universitätschores

Unter dem Motto "Gesang der Quellen" präsentierte sich am Sonntagnachmittag der Universitätschor Dresden in der Kreuzkirche. Mit den Assoziationen musste man da allerdings schon etwas weiter wandern als bis zum nächsten Wasserfall, denn es ging nicht explizit um das Naturelement, sondern eher um Quelle als Synonym für ein generelles Strömen, aber auch für die Hinwendung zu den Ursprüngen. Eine gute Stunde geistliche Musik des 20. Jahrhunderts stand auf dem Programm, das älteste Stück gerade einmal vor 26 Jahren entstanden. Doch hatte man nirgends das Gefühl, besonders avancierter Musik der Gegenwart zu lauschen, die Bande zur Tradition war in allen drei Werken eng geknüpft.

Der baskische Komponist Javier Busto ist beliebt bei den europäischen Kammerchören, psalmodierende Abschnitte stehen in "O Sacrum Convivium" neben wirkungsvoll eingesetzter Harmonik. In diesem a-cappella-Werk überzeugte der Universitätschor unter Leitung von Christiane Büttig bereits mit schöner Klanggebung und deutlicher Ausformung des Textes.

In ebensolcher Konzentration gelang eine sehr gute Aufführung von Arvo Pärts "Salve Regina" - hier trat die Sinfonietta Dresden in einer Streicherbesetzung samt Celesta (Michael Schütze) hinzu. Büttig traf mit dem Chor genau die ruhige und ruhende Haltung, die diese Musik benötigt, dabei ist die Homogenität in einem Werk dieser Schlichtheit ja alles andere als leicht zu erreichen. Dem aufrichtigen Ernst dieser Komposition kann man sich indes kaum verschließen und so wurde eine fast meditative Atmosphäre im großen Kirchenraum erreicht.

Nach einem Abendmahlstext und einem liturgisch den Stundengebeten zuzuordnendem Text stand mit einem "Stabat Mater" als Hauptwerk eine Passionsmusik auf dem Programm. Anstelle bekannter Vertonungen hatte sich der Universitätschor für ein Werk des hierzulande unbekannten brasilianischen Komponisten Amaral Vieira (geb. 1952) entschieden. Dessen 1988 entstandene Vertonung mit Streichorchester bedurfte einiger Gewöhnung beim Zuhören - nicht wegen der völlig tonalen, durchweg sehr einfach gestalteten Musiksprache, sondern vor allem, weil das Stück keinerlei Fluss aufwies und in gut zwanzig einzelne Teile zerfiel. Jeder Satz des Textes bedeutete für Amaral einen in sich geschlossenen musikalischen Abschnitt, der manchmal kaum mehr als eine Minute dauerte.

Dabei wurde permanent die Besetzung zwischen a cappella und Teilen mit Solisten (sich souverän für die Musik einsetzend: Romy Petrick, Ewa Zeuner, Frank Blümel und Egbert Junghanns) gewechselt, ohne dass viel mehr als eine gefühlslastige Musik dabei herauskam, in der auch wenige dramatische Abschnitte nicht zündeten - dafür war die Komposition, die als Höhepunkt ein Tremolo in den Streichern zum "Entbrennen der Liebe" im Text aufwies, schlicht zu einfallslos. Einige choralartige a-cappella-Szenen waren stimmungsvoll, es fehlte aber an Kontrasten oder Entwicklung und selbst die Harmonik war im tonalen Rahmen oft bedeutungslos eingesetzt.

Für das Werk setzten sich Christiane Büttig und Universitätschor jedoch stark ein - das Publikum und der anwesende Komponist durften eine plastische Interpretation des in diesem Terrain sehr sicher agierenden Chores erleben. Dafür gab es am Ende des Konzertes so starken Applaus, dass der positiv gestimmte Schlussgesang als Zugabe erneut angestimmt wurde. Dass der je andere Umgang mit der Tradition der Musik in der "Quellenmusik" auch sehr unterschiedlich berührte, war sicherlich das interessante Fazit dieses anspruchsvollen, keineswegs gewöhnlichen Konzertes.
(18.7.)

Traum LXXXV

Ein Wolf steht vor mir. Positive Empfindung, ich scheine mitten im Rudel zu stehen.

Sonntag, 13. Juli 2014

Museumssommernacht

Gestern gab es wieder die beliebte "Museumssommernacht" in Dresden. Für mich war es eine schöne Abwechslung, da ich zumeist musikalisch in der Stadt unterwegs bin und den vielen Museen leider zeitbedingt oft zuwenig Beachtung schenke - ganze 47 teilnehmene Kulturstätten verzeichnet das Programm! Über Twitter gewann ich ein Ticket - das Ganze war also auch noch kostenlos für mich. Und zudem eine Premiere, denn in den letzten Jahren war ich meist verhindert oder sah die Museums-Sonderbusse abends an mir vorbeiziehen, darin kulturbeflissene Menschen wie die Sardinen an den Scheiben... - nix für mich, dachte ich.

So war ich denn auch, nach langem Überlegungsprozess in welche Ausstellungen ich meinen Fuß setzen würde, überrascht, dass der erste Sonderbus, in den ich stieg, komplett leer war. Das änderte sich aber im Laufe des Abends. Im Militärhistorischen Museum lockte der Duft von Gebackenem. Und das war bereits Kunst, denn ein neuseeländischer Künstler hatte eine Skulptur aus 18000 Keksen gebaut - Soldaten, denen zum einen ein Bein fehlte, zum anderen durfte man die Skulptur aufessen. Das erzeugte einiges an Medienecho, viel mehr als der Faustschlag der Provokation ("Iss das jetzt und denk gefälligst über den 1. Weltkrieg nach") blieb aber nicht hängen. Da war die Ausstellung im Obergeschoss über den 20. Juli 1944 und die Widerstandsbewegung gegen Hitler sehr viel aufschlussreicher und dort verbrachte ich auch die meiste Zeit. Da ich zudem enge familiäre Verbindungen zur Widerstandsbewegung habe, hinterließ diese Ausstellung einen tiefen Eindruck.

Anschließend ging es hinunter ins Stadtmuseum, diesmal mit einer "normalen" 8 und einem kleinen Fußweg über die Carolabrücke - eine Ausstellung zum Dirigenten Ernst von Schuch, der in der spannenden Zeit der vorletzten Jahrhundertwende das Dresdner Musikleben prägte, reizte mich sehr. Es war sehr informativ und liebevoll aus dem Nachlass, einigen Privatsammlern und der SLUB zusammengestellt, man konnte in alten Briefen und Theaterzetteln stöbern und die Dynastie Schuch wurde lebendig. Der einzige Zwischenfall des Abends passierte dort allerdings auch: man haute mir kräftig auf die Finger, als ich ein Foto zu machen versuchte. Ich übersah, dass dies ausgerechnet diese Ausstellung eben nicht erlaubt war.

Hinter schweren Türen verbergen sich im Stadtmuseum noch weitere Ausstellungen, die aber vor allem viel mehr Zeit benötigt hätten. Ich war kurz in Räumen, in denen künstlerische Positionen zum Thema "Krieg" ausgestellt waren und lief aber nahezu rückwärts wieder raus - dieses auf engstem Raum zusammengestellte Sammelsurium des Grauens hinterläßt nicht unbedingt angenehme Empfindungen, auch die Rezeption empfinde ich in dieser Anordnung als schwierig.

Es ging auf 21 Uhr zu, ich schaffte es gerade noch so in die Schloßkapelle. Viele Museen hatten ein Sonderprogramm oder Aufführungen und Führungen bereitgelegt - hier sang nun am "historischen Ort" der Dresdner Kammerchor Werke von Heinrich Schütz, Dr. Oliver Geisler führte durch die "lecture" - die Kapelle war bis auf den letzten Platz besetzt! Großer Applaus! Dem anschließenden Frischluftbedürfnis kam ich auf dem geöffneten Hausmannsturm nach, wobei ich offenbar eine Lücke im Andrang erwischte, denn beim Abstieg sah ich schon wieder Schlangen im Treppenhaus, zu meinem Aufstieg waren aber recht wenige Leute oben. Dies hat sich vor allem gelohnt, weil man selten die Dämmerungs/Nachtstunden in Dresden von oben betrachten kann und es ist schon eine besondere Stimmung - ich wäre gerne länger geblieben (wie überall...).

Nach einem kurzen Snack im Japanischen Palais legte ich eine kleine Pause zu Hause ein und startete dann (es war mittlerweile 23.30) ins Kunsthaus Dresden. Die von Dresdner Schülern mit Mentoren gestaltete Ausstellung "FETT" war zwar auch im Wortsinne "fett", nämlich vielseitig und ansprechend gestaltet, aber auch dort konnte ich nicht sehr in die Tiefe dringen - im Hof war man bereits mit der fälligen Party beschäftigt und die Zeichen standen auf Ausklang, den ich dann erneut im stimmungsvoll beleuchteten Palais wahrnahm.

Ein Fazit ist schwer zu ziehen: natürlich ist es toll, wenn 45 Museen ein so dickes Paket an Programm schnüren - allerdings bekommen ca. 41 Museen nichts davon mit, dass man unterwegs ist - mehr als drei oder vier schafft man ohnehin nicht und selbst dort wo ich war, habe ich nicht alles gesehen. Das Albertinum musste ich ebenso knicken wie die Technischen Sammlungen. Dass es überall gut gefüllt war, zeigt natürlich dass der Bedarf an solche einem Riesenevent da ist und für die Museen ist es eine tolle Werbung - letztlich kommt man auch überall ins Gespräch und es herrscht selbst bei den Museumsleuten, die "Nachtdienst" schieben, eine sehr entspannte, freundliche Atmosphäre. Tipp also: 10 Jahre lang teilnehmen, und dann kann man auch irgendwann bei allen Museen ein freudiges "Check" ausrufen. Und "zwischendurch" übers Jahr lohnt es sich sowieso immer.

* Wer noch nicht genug hat: *KLICK*
* storify von #muso14

Jenseits herkömmlicher Kategorien

Gustav Mahlers "Auferstehungssinfonie" zum Kapell-Saisonabschluss

Das große Mahler-Jubiläum liegt gerade einmal drei Jahre zurück - wir haben uns intensiv mit dem Komponisten und seinem Sinfonien- und Liederkosmos beschäftigt. Beenden sollte man eine solche Tätigkeit nie, und das ist gut so, birgt doch jede neue Aufführung - im besten Fall - neue Erkenntnisse und Erfahrungen. Sich Gustav Mahler zu nähern ist eine Aufgabe, die selten geradlinig verläuft, denn eine einzige Sinfonie, ein Satz, manchmal sogar eine Folge weniger Takte kann Licht und Schatten, Himmel und Hölle erzählen.

In der 2. Sinfonie c-Moll, der "Auferstehungssinfonie" hat Mahler versucht, ein ganzes Weltengebäude unterzubringen, was natürlich in dem Aspekt scheitern muss, wenn man präzise Antworten auf die Fragen des menschlichen Daseins erwartet. Mahlers Antworten sind gleichermaßen blumig wie erschütternd - auf das innig-intime "Urlicht" folgt ohne Gnade der Lärm des Jüngsten Gerichtes. Der Erste Gastdirigent der Sächsischen Staatskapelle, Myung-Whun Chung, wird über mehrere Jahre hinweg alle Mahler-Sinfonien in Dresden zu Gehör bringen, nach der 1. und 9. Sinfonie folgte zum diesjährigen Saisonabschluss die Auferstehungssinfonie. Schon jetzt zeigt sich eine Linie in der zyklischen Aufführung - die Handschrift des südkoreanischen Dirigenten ist eine, die von Ruhe und Ernsthaftigkeit geprägt ist. Das erstaunt insofern, als man es bei dieser Musik eigentlich als natürlich betrachten würde, wenn der Dirigent bis zur kompletten eigenen Erschöpfung mitgeht.

Doch Chung weiß um die Stärken der Kapelle und kennt die Stücke genau - ab und an hat man das Gefühl, er höre seiner eigenen Interpretation zu und ist im Geiste schon einen ganzen Abschnitt weiter. So entsteht eine - so paradox es klingt - spannungsvolle Gelassenheit im Orchester, die schönste kammermusikalische Phrasen hervorbringt, aber eben auch eine erdverbundene, ausbalancierte Kraft. Chung wagte im 1. Satz ein langsames, fast breites Tempo, das aber durch überdeutliche Zeichnung niemals an Spannung verlor und den Zuhörer sofort in die Stimmung mitnahm. Die von Mahler als "Intermezzi" erdachten Mittelsätze gaben sich flüssig und natürlich - das doch flotte Tempo des 3. Satzes etwa antizipierte bereits den Weltenbrand des Finales und zeichnete eine fast bizarre Scherzo-Atmosphäre.

Das "Urlicht" gestaltete Mihoko Fujimura warmherzig und klar, Rachel Willis-Sørensen gab souverän die helle Sopranfarbe zum "Aufersteh'n"-Chor im Finale hinzu, wo der MDR-Rundfunkchor im glasklaren Pianissimo zuvor brillant eingesetzt hatte - an dieser Stelle verließ die Aufführung endgültig herkömmliche Kategorien, denn Chung schaffte es in unnachahmlicher Weise, das gesamte Finale samt Höllenlärm und Fernorchester mit zwingender Aussage zu gestalten. Das Mahlersche Universum ist bei Chung in quasi freiheitlich arbeitenden Händen, es bleibt genügend Raum für eigene Gedanken. Der emotionale Nachvollzug ist jedoch unabdingbar, weil Chung niemals den Fluss der Musik unterbricht, vieles bejaht und motiviert, was ohnehin schon im Orchester schön angelegt ist.
(7.7.14)

Grenzüberschreitungen in Ost und West

elole-Klaviertrio im dritten Konzert der "Einstürzenden Mauern"

Wie war das eigentlich mit der Musik vor der Wende? Lassen sich da verläßliche Aussagen treffen, wie sich die zeitgenössische Musik im Osten wie im Westen "nebeneinander" entwickelt hat? Eine musikhistorisch eindeutige Antwort ist kaum zu entwickeln, da viele verschiedene Handschriften und Umgebungsbedingungen die Musik der Zeit prägten. Dass sich in der Gattung des Klaviertrios, um das etliche Komponisten des 20. Jahrhunderts immerhin aus rezeptionellen Gründen einen Bogen machten, Tradition und Experiment nicht ausschließen, zeigte das dritte Konzert der Reihe "Einstürzende Mauern" zum 25. Jahrestag des Mauerfalls, veranstaltet von KlangNetz Dresden im Hygienemuseum.

Dort erkundet man für die Kooperation nun verschiedene Säle für Musikalisches, das Dresdner Klaviertrio "elole" gastierte im "Kleinen Saal", der zwar in Größe und Akustik für solche Gelegenheiten überzeugt, aber in der nackten Kubus-Ästhetik und kaum vorhandener Belüftung nicht unbedingt ein wohliges Gefühl erzeugt. Uta-Maria Lempert (Violine), Matthias Lorenz (Cello) und Stefan Eder (Klavier) sind seit nunmehr 13 Jahren sehr rührig im Spannungsfeld der zeitgenössischen Musik in dieser "klassischen" Besetzung unterwegs. Dementsprechend wusste man die Kompositionen von Fritz Geißler, Georg Katzer und Bernd Alois Zimmermann in guten Händen. Musikalisch ergab sich da eine Linie der Grenzüberschreitung, vielleicht auch "Einreißung" gewohnter Hörkonventionen.

In Fritz Geißlers 1. Klaviertrio aus dem Jahr 1970 spiegelt sich deutlich die vor allem die sowjetische geprägte Musiktradition der DDR, ein weiterer "Ziehvater" der zeitgenössischen Musik war Béla Bartók. Geißlers Musik pendelt zwischen konventionellen Formen und einer daraus erwachsenden Emotionalität, die sich zwar kratzbürstig gibt, aber nie die Grenzen sprengt. Der hier schon zu spürende musikalische Druck eines "Sagenwollens" entlädt sich in Georg Katzers "Zwei Verlautbarungen für Klaviertrio" deutlicher, auch chaotischer. Von den Musikern gesprochene chinesische Weisheiten über die Heiterkeit der Musik wirken am Anfang und Ende nicht wie ein Zeigefinger, sondern eher wie ein ferner Traum.

Im Westen war Bernd Alois Zimmermann (1918-1970) ebenfalls mit dem Klaviertrio beschäftigt - "Présence", geschrieben 1961, ist aber kein gewöhnlicher Gattungsbeitrag, sondern weist auf Tanz und Literatur als gleichberechtigte Ebenen. Hier geschieht der "Grenzübertritt" auf eine sehr natürlich wirkende Wiese. Die Kunst zeigt sich entfesselt, der zuhörende Geist mag frei schwingen - doch ebenso tauchen hier Fragen auf, vielleicht ist Zimmermann eher im Zeitkreisen der Musik ein Protagonist des "Wohin?" - Das alles kam in den Interpretationen durch das elole-Klaviertrio wunderbar zum Tragen.

Spannungsreich und ernsthaft näherten sich die drei Musiker den Partituren und können sich dabei auf ihre gegenseitig lang erprobte Erfahrung im Erspüren "richtig" geatmeter und gestalteter Phrasen verlassen. Lediglich eine letzte souveräne Gelassenheit in einigen piano-Passagen im Zimmermann-Stück wäre das Sahnehäubchen gewesen, hier fehlte noch etwas der "quixotische" Un-Ernst. José Biondi ergänzte mit sparsamen Körperaktionen und dem Entrollen der Spruchbänder von Paul Pörtner die künstlerischen Ebenen, so dass man am Ende nach nur drei Klaviertriokompositionen doch überzeugt war, eine ganze Welt kennengelernt zu haben.
(7.7.14)

Stilistisch sattelfest

Leipziger Reinhold Quartett gastierte zum 7. Kammerabend der Staatskapelle

Zu den diesjährigen Musikfestspielen wurde das Gewandhausorchester Leipzig in der Semperoper enthusiastisch gefeiert. Für viele Mitglieder des Orchesters ist der Semperbau aber längst kein "Neuland" mehr, denn die Kammermusiken der Sächsischen Staatskapelle pflegen schon lange einen Austausch mit den Leipzigern - jedes Jahr kann man sich in einem der acht Kammerabende der Saison davon überzeugen, dass auch an der Pleiße rege Aktivität in verschiedenen Formationen besteht. Das 1996 gegründete Reinhold-Quartett war schon mehrfach zu Gast, zum 7. Kammerabend hatte es ein Programm mitgebracht, das drei sehr unterschiedliche Quartett-Welten vorstellte, damit aber zeigte, wie reichhaltig die Literatur sich darstellt.

Franz Schubert schrieb nicht nur seine berühmte "Unvollendete" - aus seinen letzten Lebensjahren sind viele Werke in Anläufen und Skizzen überliefert, so auch das als "Quartettsatz" bekannte Fragment in c-Moll. Rhapsodisch, fast experimentell arbeitet Schubert hier mit Motiven und Bewegungsmodellen, und bevor man sich beim Zuhören in den Satz eingefunden hat, ist er auch schon wieder vorbei. Das Reinhold Quartett sorgte hier für viel Deutlichkeit und baute sogleich eine gemeinsame Spannung auf, gleichwohl war hier noch ein wenig Nervosität an manchen Übergängen vorhanden.

Ganz andere Spiel- und Höranstrengungen benötigt das 5. Streichquartett von Philip Glass - sein bislang letztes Werk dieses Genres, geschrieben im Jahr 1991. Im bekannten "Dialekt" der minimalistischen Glass'schen Musiksprache ziehen hier die Harmoniefolgen wie Bäume am Zugfenster vorbei. Dass die Erzeugung derselben einiges an Tempogefühl und überdeutlicher Artikulation benötigt, merkt man angesichts der Summe der im Ohr zu stapelnden Akkorde nicht auf den ersten Blick. Schlicht faszinierend war zu verfolgen, wie Dietrich Reinhold, Tobias Haupt, Norbert Tunze und Christoph Vietz dem Quartett Leben einhauchten, wo doch eigentlich nur eine Sound-Tapete da auf den Notenständern liegt, die mal mehr, mal weniger aufmerksamkeitsheischend wirkt.

Eine ganz andere Welt tat sich nach der Pause auf: Bedřich Smetanas 1. Streichquartett "Aus meinem Leben" ist ein hochromantisches Meisterwerk der Gattung. Viele Komponisten vertrauten gerade dem Streichquartett die intimsten Gedanken an - der schon von Ohrgeräuschen und beginnender Taubheit geplagte Smetana hält hier Rückschau auf ein bewegtes Leben mit all seinen Leidenschaften. Die Aufführung geriet zum Höhepunkt des Konzertes: das Reinhold Quartett formte - mit wenigen Einschränkungen im zweiten Satz - eine sehr emotionale, mutige und im gegenseitigen Verständnis gelungene Interpretation, bei der man das Gefühl hatte, die Musiker würden sich an keiner Stelle vor den Komponisten stellen. Wie in allen Beiträgen des Abends war hier viel Verständnis und Können für die Stilistik und die Aussage des Werkes vorhanden.
(26.6.14)

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