Mittwoch, 28. Juli 2010

Sounding D Dresden - Countdown läuft...

Langsam kann der Countdown angeworfen werden, denn wir zählen nicht mehr ganz vier Wochen, bis in Dresden am 25. August, 18.30 Uhr auf dem Dresdner Altmarkt der Auftakt zu "sounding D" stattfindet - für den noch jede Menge Dresdner Musiker (Laien wie Profis!) gesucht werden. Gemeinsam wird das "sounding d - dresden" betitelte Stück von Carsten Hennig uraufgeführt. Alsdann setzt sich abends vom Dresdner Hauptbahnhof der klingende Sonderzug „sounding D“ vom Netzwerk Neue Musik in Bewegung. Der Zug wird bis 12. September quer durch Deutschland eine Klangspur legen. An den Haltepunkten des „sounding D“-Zuges wird Neue Musik gefunden, aufgeführt, diskutiert und genossen. Ab Ende August wird das Neue-Musik-Deutschland so im Wortsinne „erfahren“ und zum Klingen gebracht, und zwar jeweils an den Bahnhöfen und in den Innenstädten der 15 Netzwerkstandorte.



In Dresden ist das Netzwerk Neue Musik-Projekt „KlangNetz Dresden“ seit 2008 aktiv und hat mit seinen Partnern bisher eine beeindruckende Zahl von Konzerten und Workshops durchgeführt. Das Konzert auf dem Altmarkt wird kein vorgefertigtes Konzertereignis von Profis, das Ergebnis ist offen, denn jeder kann mitmachen, der Stimme und / oder Instrument besitzt. So ergeht seit einigen Monaten der Aufruf in der ganzen Stadt. Das Stück berücksichtigt die Vielfalt der Mitwirkenden und lebt vor allem von der großen Anzahl der teilnehmenden Personen, ein "Flashmob" wird entstehen - Je mehr Menschen sich dafür begeistern, desto wirkungsvoller wird sich das Klanggeschehen vor Ort entwickeln.

Grundlage der Komposition sind zwölf sehr charakteristische Klangmaterialfragmente, die als Noten-PDFs für verschiedenste Instrumente und Singstimmen im Internet zum Download verfügbar sind. Professionelle und semiprofessionelle Ensembles werden sich außerdem innerhalb des Werkes per Live-Einspielungen in einer Art Ensemblekadenz präsentieren. Die Mitwirkenden bestimmen mit Ihrem individuellem Spiel bzw. Gesang den Verlauf des Stückes, wobei erst durch die hohe Anzahl der Musikerinnen und Musiker ein sich beständig veränderndes Klangfarbenspiel erzeugt wird.

Zusätzlich zu diesem Projekt von Carsten Hennig werden am Starttag des Zuges weitere Veranstaltungen stattfinden: nach der Aufführung von sounding D - Dresden wird eine soundparade zum Hauptbahnhof ziehen, dort wird die Abfahrt des sounding D-Zuges gesondert zelebriert.

sounding D - Dresden im Internet: http://www.sounding-d-dresden.de

Ablauf sounding D - Dresden am 25.8. 2010
17.30 Uhr Flashmobkonzert zum Mitmusizieren auf dem Altmarkt
18.30 Uhr soundparade zum Hauptbahnhof
19.30 Uhr Konzert auf dem Hbf.
20.30 Uhr Start des Klangzuges

Digitale Postkarten mit den "klingenden" Bahnhofsschildern der Netzwerkstandortefinden sich hier (einfach auf die entsprechenden Orte klicken)

Netzwerk Neue Musik: http://www.netzwerkneuemusik.de/

Barockstadt Dresden - Interview mit Nicholas McGegan

Unter dem Motto "Glanzvolles Sachsen" wird am kommenden Sonnabend das Orchester der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen mit Arien und Konzerten von Hasse, Graun, Quantz, Mattheson und Händel in der Frauenkirche gastieren. Mit dem britischen Dirigenten, Festspielleiter und Spezialisten für alte Musik Nicholas McGegan sprach Alexander Keuk.

Herr McGegan, Sie sind seit 19 Jahren Intendant der Göttinger Händel-Festspiele, leiten seit über 20 Jahren das Philharmonia Baroque Orchestra, Sie haben über 100 Aufnahmen herausgebracht, macht Ihnen Barock-Musik eigentlich noch Spaß?

Ja, absolut! Es gibt noch so viel wundervolle Barockmusik zu entdecken. Ich habe zum Beispiel erst die Hälfte von Händels 40 Opern aufgeführt. Vor kurzem habe ich Aufnahmen von Vivaldis Opern gehört, die wundervoll und sehr dramatisch sind. Bach hört niemals auf, mich zu begeistern. Und ich bin mir sicher, dass sich meine Interpretationsansätze immer weiter entwickeln werden.

Wenn Sie einmal spontan antworten, welches musikalische Ereignis ihrer Laufbahn war für Sie prägend, wovon profitieren Sie heute noch?


Dies ist wirklich eine schwierige Frage, da es mehrere Ereignisse gab. Eines war zweifellos während meiner Studienzeit, als ich in einem Orchester unter der künstlerischen Leitung von Benjamin Britten gespielt habe. Wir gaben Elgars „Der Traum des Gerontius“ und ich spielte die erste Flöte. Eine weitere Situation war, als ich meine erste Bach Passion auf einem Originalinstrument gespielt habe.

Die Aufführungspraxis alter Musik hat eine enorme Entwicklung hinter sich. Sind wir schon beim „Optimum“ angekommen?

Natürlich hat sich die Art und Weise, auf Originalinstrumenten zu spielen, in den vergangenen 40 Jahren verändert. Heutzutage ist der Stil vielleicht nicht mehr so „gekünstelt“ und das Wissen um die Technik ist viel umfangreicher. Aber Kunst ist ja nicht wie Wissenschaft. Es gibt keine endgültige oder richtige Antwort in der Kunst. Interpretationen sind immer eine Sache der persönlichen Sichtweise. Ich hoffe, dass die Aufführungen, die ich mache, in zehn Jahren genauso anders sind wie diejenigen, die ich vor zehn Jahren gemacht habe. Die Historische Aufführungspraxis kann nicht wirklich eine spezifische Aufführung aus einem anderen Jahrhundert nachahmen. Alle Menschen, die daran teilhaben, bringen ihre eigene Persönlichkeit mit ein. Es gibt auf der ganzen Welt keine zwei Sänger, die sich wie Klone gleichen. Je mehr wir aber natürlich über Aufführungen aus der Vergangenheit wissen, desto besser.

Ihr Festspielorchester in Göttingen ist ein kleines "Bayreuth" der alten Musik. Ist es eher leichter oder schwerer, mit so vielen Spezialisten und Individualisten zusammenzuarbeiten?

Die Arbeit mit einem Barockorchester, das aus Spezialisten für Alte Musik aus über zwölf verschiedenen Ländern der Welt besteht, ist eine absolute Freude. Jeder von Ihnen ist sehr flexibel und ich freue mich in gleicher Weise über jeden Vorschlag, der von ihnen gebracht wird, wie sie umgekehrt meine Interpretation akzeptieren. Häufig kommen die Orchestermitglieder noch nach Proben zusammen, um Folk Musik aus ihren verschiedenen Ländern zu spielen: Polkas aus der Slowakei, spanische Songs, sogar texanischen Two Step.

Barockmusik ist doch eigentlich "leicht" zu spielen, jeder Instrumentalschüler wird mit Barockmusik anfangen. Wie erreicht man die besondere Qualität Ihrer Aufführungen?

Ehrlich gesagt ist nicht jede Barockmusik einfach zu spielen. Denken Sie an die Cellosuiten von Bach oder einige Arien von Händel. Manche mögen technisch leichter sein als Liszt oder Boulez, aber sie sind in der Interpretation genauso herausfordernd. Auf eine Art ist es sogar schwieriger, weil die Komponisten weniger Hinweise geben, mit denen Du arbeiten kannst: In der Barockmusik muss man z.B. seine eigenen Verzierungen hinzufügen und seine eigene Dynamik entwickeln. Ich finde, dass die Musik von Bach und Händel eine so große Tiefe hat, dass eine Interpretation immer eine große Freude und zugleich eine große Herausforderung darstellt.

Ich habe Bekannte, die können mit Barockmusik gar nichts anfangen, sie dudelt nur im Hintergrund. Was würden Sie ihnen raten? Welches Stück sollen sie einmal hören oder wie erschließt man sich die Welt der Barockmusik?

Sie stellen wirklich schwierige Fragen. Es gibt viele Stücke, die jemanden, der zum ersten Mal mit Barockmusik in Kontakt kommt, inspirieren können. Bachs Brandenburgische Konzerte oder Händels Wassermusik natürlich: Ihr Klang ist brillant mit einem tänzerischen Rhythmus, einem guten „Beat“, wenn Sie so mögen. Das gleiche gilt für Vivaldi Konzerte. In der Vokalmusik sind es z.B. Arien von Händel, von denen es heute so viele Aufnahmen gibt. Sie können direkt ans Herz gehen.

Sie sind auch bekannt für viele Entdeckungen und Erstaufführungen, aber auch für Experimente mit Szene und Tanz. Ist das Barockzeitalter offen für gewagte Interpretationen? Oder erliegt man nicht eher der Gefahr, dem "äußerlichen", der Ornamentik zu huldigen?

Ich denke, dass Barockmusik offen ist für alle Arten der Interpretation und Inszenierung. Aber man muss ein Gefühl für die Musik haben. Zu oft sind Regisseure zu ignorant und eitel. Ihr Konzept ist wichtiger als das des Komponisten. Glücklicherweise gibt es ja aber auch gute Regisseure, die einen modernen Inszenierungsstil haben und gleichzeitig die Musik verstehen.
2009 habe ich eine Händel-Oper aufgeführt, die von Doris Dörrie inszeniert wurde, eine meiner bislang aufregendsten Produktionen. Es macht großen Spaß mit Doris zu arbeiten und das Ergebnis war spektakulär. Etwas Ähnliches ist passiert, als ich mit dem Choreographen Mark Morris in den USA zusammengearbeitet habe.
Genauso faszinierend ist es aber auch, eine barocke Inszenierung zu realisieren, besonders, wenn Tanz eine Rolle spielt. Hier stammen der Stil der Produktion und die Gesten des Tanzes aus der gleichen Welt wie die Musik. Solche Produktionen funktionieren besonders gut in kleinen Theatern wie denen aus der Barockzeit. Wie auch immer, man muss sich immer wieder vor Augen halten, dass es die Aufgabe ist, das Publikum zu unterhalten und nicht ihnen etwas rein Akademisches zu präsentieren.

Es gibt gerade in England viele Spezialisten für alte Musik - Parrot, McCreesh, Hillier, um einige Kollegen zu nennen - auch in den Interpretationen gibt es schon eine "englische" Handschrift, teilen Sie diese Meinung? Oder sind die Engländer gerade in den Tempi einfach sehr lebendig?

Obwohl ich gebürtiger Engländer und auch so sozialisiert bin, habe ich doch über 25 Jahre in Kalifornien gelebt. Deshalb denke ich, dass mich meine englischen Kollegen nicht länger als einen der ihren sehen oder meinen, dass ich auf eine englische Art und Weise handle. Wenn ich Purcell dirigiere, versuche ich natürlich genauso englisch zu sein wie sie. Aber bei anderer Musik bin ich eher ein Einzelgänger. Schließlich lebe ich im „Wilden Westen“. Und was die Schnelligkeit der Tempi anbelangt, sind einige von den jüngeren Dirigenten aus Franreich oder Italien sogar schneller als die Briten. (Es muss am Espresso liegen!)

Wie schätzen Sie das barocke Musikleben in Dresden ein, wie gewichtig war der Anteil der Dresdner Hofkapelle und der Komponisten an der Entwicklung der Musik?

Dresden war eine der wichtigsten Städte für Barockmusik. Ich denke, dass diese Bedeutung in unserer Zeit zu langsam erkannt wurde, besonders bei den Musiklabels. Es gibt so viele CDs von Bach und Händel, aber es gibt erst seit kurzer Zeit Aufnahmen von Hasse oder Zelenka. Dresden kann sich wirklich glücklich schätzen, dass es hier einige wundervolle Ensembles für Alte Musik gibt, die viel dafür tun, um für das reiche musikalische Erbe der Stadt zu werben. Ich wünsche ihnen viel Glück.

Warum muss man dennoch für manche Komponisten (etwa Heinichen oder Hasse) immer wieder viel Empathie aufbringen? Ist der Schatten von Bach und Händel zu groß? Oder haben wir die Musik einfach zu lange vergessen?

Persönlich habe ich eine sehr hohe Meinung von Hasse und Heinichen. Es ist wirklich eine Schande, dass es so wenige CD Aufnahmen von Hasses Opern gibt. Er war ein wundervoller Komponist für Sänger. Ganz besonders mag ich sein Oratorium „Die Bekehrung des heiligen Augustinus“. Ein fabelhaftes Werk. Heinichens Konzerte sind brillant und sehr vergnüglich.

Sie bringen nach Dresden barocke Cleopatra-Musiken mit - warum hat dieser antike Stoff die Komponisten so sehr angesprochen?

Cleopatra war schon immer eine faszinierende Frau für Musiker wie Autoren. Shakespeare sagt, sie war eine Frau von unbegrenzter Vielfältigkeit. Sie hatte zweifellos ein leidenschaftliches Leben mit keinem langweiligen Moment, daher ist sie die ideale Figur für Opern. In diesem Konzert haben wir verschiedene Arien aus Opern zusammengebracht, die unterschiedliche Phasen ihres Lebens betrachten. Zwei Opern, Händels „Giulio Cesare“ und Grauns „Cesare e Cleopatra“, handeln von ihrem frühen Leben und ihrer Liebesaffäre mit Julius Cäsar. Die Opern von Hasse und Mattheson erzählen von ihrer Liebe zu Marcus Antonius und ihrem Selbstmord.

Im italienisch geprägten Dresden gab es immer auch ein Stelldichein der besten europäischen Instrumentalvirtuosen - ist es gerade dieses italienische Vorbild, was so fasziniert? Ist das ariose, virtuose barocke Konzert eine kleine Revolution in der ansonsten kirchlich geprägten Zeit?

Die meisten barocken Höfe in Deutschland waren kulturell von Frankreich oder Italien geprägt. Dresden und Würzburg waren vielleicht am stärksten „italienisch“. Man kann eventuell sagen, dass Cleopatra ein „freier Geist“ war, deren Leben sich sehr von dem Leben unterschied, das die Kirche propagierte. Cleopatra hat keinen ihrer Liebhaber geheiratet und sie war vielleicht am Mord ihres Mannes beteiligt, der gleichzeitig ihr Bruder war.

Sie haben schon mehrfach in der Frauenkirche dirigiert und dort auch Händel-Oratorien aufgenommen. Ist es für Sie ein authentischer Ort? Welche Atmosphäre des Musizierens stellt sich dort ein?

In der Frauenkirche zu musizieren ist wundervoll. Der akustische Nachhall ist für die Texte der Vokalmusik ein bisschen schwierig, aber der Klang ist herrlich. Und ganz eigennützig formuliert, ich habe als Dirigent einen tollen Blick auf den Altar und die Orgel.

Wäre Dresden nicht auch ein geeigneter Ort für barocke Festspiele? Oder wäre das eine eher fragwürdige Reanimation vergangener Zeiten?

Dresden wäre ein wundervoller Ort für ein Barockfestival. Es gibt so viele schöne Orte, an denen man Aufführungen machen könnte, kirchliche und weltliche Orte. Auf all dies kann die Stadt sehr stolz sein. Ich hätte dabei sicher nicht das Gefühl einer Disneyisierung der Stadt.

Sonnabend, 20 Uhr, Frauenkirche Dresden
Arien und Concerti von Georg Friedrich Händel, Georg Philipp Telemann, Joachim Quantz und Johann Adolph Hasse

Dominique Labelle Sopran
Brian Berryman Flöte

Orchester der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen
Leitung Nicholas McGegan

Dienstag, 27. Juli 2010

Ay, caramba.

Naja, wo die kalte Suppe herkommt und wie man sie schreibt - egal. Hauptsache, sie schmeckt.

Montag, 26. Juli 2010

Verkehrte Welt

Nein, Sie brauchen ihren Laptop nicht auf den Kopf stellen. Das war schon alles richtig so, bei der Ausstellung der HfBK in Dresden, die leider schon beendet ist. Gerne würde ich hier den Künstler nachtragen wollen - in diesem Jahr waren ohnehin einige spannende Objekte dabei, wie ich unten im Beitrag zu "Mahler rediscovered" schon beschrieb.



Dieses Bild zeigt die Nahaufnahme:


Und spielen kann man das Instrument auf diese Weise:


Fehlen nur noch ein paar Kompositionen "...for piano and walking sticks"

Sonntag, 25. Juli 2010

Vier Statements

(1) (2) (3) (4)
weitere Informationen: Pottblog, Ruhrbarone.
Mehr nicht.

Turbo-Taste

Unglaublich, wie groß gerade die Tempovarianz und Interpretationsbreite bei Barocksätzen ist. Man meint ja, "seinen" Bach zu kennen, hört dann eine historische Aufnahme des Violinkonzertes von Bach und plötzlich ist das Temporädchen wieder an den Anfang gedreht. Und es klingt trotzdem, o Wunder. Die Erfahrung: keine Musikeindrücke sind jemals festgefügt für die Ewigkeit, obwohl gerade die Erinnerung der "ersten Aufnahme" oder des "ersten Konzertes" einem oft einen Streich spielt - so komme ich wohl zeitlebens nie von "meinen" Kubelik-Aufnahmen der Mahlersinfonien los, die ich mit 15 rauf und runter gehört habe. Aber ab und zu lohnt sich das Innehalten: o, das ist ja das halbe Tempo. Gewinnt nicht dadurch die Musik? Oder schütteln wir doch mal wieder den Kopf und drücken auf die Turbo-Barock-Taste?

Samstag, 24. Juli 2010

recomposed


(Quelle: Universal/DG)

früher wollte ich mal Schumann-Sinfonien umschreiben, weil mir die Instrumentierung nicht gefiel. Viel zu wenig Blech und Schlagzeug... - damals wusste ich noch nicht, dass auch Gustav Mahler Hand an diese Sinfonien gelegt hat. Jetzt wagt sich Matthew Herbert an Gustav Mahler und "recomposed" ausgerechnet das Adagio der 10. Sinfonie. Ausgerechnet? Ich habe die Platte noch nicht gehört und kann mir nicht vorstellen, wie ein "recomposed"-Mahler überhaupt klingt. Und zwar keines seiner sinfonischen Werke. Wie der Soundcreator Herbert vorgegangen ist, beschreibt ein Artikel auf De:Bug sehr schön. Und trotzdem (und immer noch VOR Hören der Platte) verstehe ich nicht, warum man dass Drama oder Thema, das einer Sinfonie innewohnt, durch recomposing verstärken soll. Der einzig triftige Grund wäre, dass der Komponist dieses Thema nur mangelhaft behandelt hat. Das ist auch der Grund, warum manche Bach-Bearbeitungen scheitern (obwohl sie doch SOO schön auf Kuhglocke/Akkordeon/afrik. Trommeln tbc. klingen) - das Original ist zu stark, zu genial. Selten schaffen es Künstler, etwas Neues aus Bestehendem zu formen - übrigens in witziger Weise gelungen bei der Jahresausstellung der HfbK Dresden (Artikel über die Ausstellung hier), bei der u. a. "10 Fragmente von Werken namhafter Künstler, welche aus Museen und Institutionen entwendet wurden" von Jonas Lewerk präsentiert wurden: ein Span aus einem Werk von Joseph Boeys etwa, eingezwängt in eine neue glatte Vitrine, ein Krümel, eine Schraube von anderen Installationen und Leinwänden. Diese merkwürdige Klau-Kunst schaffte es bis zum Nachdenken über Kunst selbst, das gelingt nicht oft.

Recomposed-Website: klick

Freitag, 23. Juli 2010

Oper in 140 Zeichen - Operaplot Contest

"Greek musician goes to hell and back. Wife only makes it halfway." [Orfeo e Euridice]

Auch das gibt es. Twitter verbunden mit hehrer Kunst sorgt für herrliche Unterhaltung. Ich wusste gar nichts von dem Contest, der im April 2010 bei theomniscientmussel.com stattfand. In der Printausführung gibt es ja einige amüsante Opernführer, aber diese 140-Zeichen-Versionen sind der Hammer. Zumal man einiges an Talent aufbringen muss, um die Handlungen in der Kürze des Tweets unterbringen zu können und gleichzeitig auch noch ein verbal knackiges Statement zur Oper abzugeben.
Hier die Links zu den Gewinnern des Wettbewerbes und zu allen Einträgen von A-Z. Vorsicht, Kaputtlachgefahr...

noch einer, weils so schön ist:
"They made me tsar but those bells will drive me mad. Dmitri, is that you? Sorry about the murder. More bells. I’m dying." [Boris Godunov]

Gehts noch, Herr Lohmeyer?

Soviel Menschenverachtung, Pauschalisierung, Klassendenken und Miss-Achtung anderer Menschen mit anderen Schicksalen auf einen Haufen habe ich lange nicht mehr gelesen:
Schilda im Hecht - ein Auszug daraus erschien heute in der DNN auf der Dresden-Seite, kommentar- und kritiklos, ohne Gegenargumentation, auch ohne Angabe der Quelle, wonach die Stadt im Hecht Obdachlosenunterkünfte einrichten will. Ein bedenklich stimmender Populismus ist das.

Mittwoch, 21. Juli 2010

Enorme Qualitäten

Windsbacher Knabenchor gastierte in der Frauenkirche

Die Sonnabendkonzerte in der Dresdner Frauenkirche werden auch während der Ferienzeit im Sommer fortgesetzt. Viele Besucher weilen in der Stadt, die sich die hochkarätigen Klassikkonzerte in der Kirche nicht entgehen lassen. Mit einem geistlichen, von schlichter Eleganz geprägten Programm gastierte nun der Windsbacher Knabenchor in der Frauenkirche. In der Schar der traditionsreichen Knabenchöre und Kurrenden gehören die Windsbacher zu den jüngeren Ensembles. Gleichwohl haben sie sich in ihrer bald 65jährigen Geschichte eine hohe Reputation erarbeitet und sind eines der musikalisch anspruchsvollsten Ensembles dieser Zunft.

Die Dresdner Frauenkirche ist für die Windsbacher ein gerne angesteuertes Gastspielziel und nach einigen absolvierten Konzerten ist das Ensemble überaus sicher in der Findung eines idealen Chorklanges für diesen Raum. Davon konnten sich die Zuhörer überzeugen und staunten mit Recht über eine außergewöhnliche Gesamtleistung, der eine intensive Vorarbeit vom Leiter Karl-Friedrich Beringer vorausgegangen sein muss. Im Chor weiß jeder Sänger um seine spezielle Aufgabe, sowohl seine individuelle Stimmkraft einzusetzen, als auch im Miteinander einen homogenen Chorklang zu formen.

Das Ergebnis ist beeindruckend und offenbarte sich schon im eingangs musizierten Gloria D-Dur von Antonio Vivaldi, einem dankbaren und immer wieder gerne musizierten Werk des Barock-Repertoires. Die Interpretation wurde von klug gesetzte Deklamation, klarer Phrasierung und dynamischer Arbeit bestimmt. Der leicht im Tempo überfahrene Beginn und die weniger im Focus stehende federnde Rhythmik (etwa des "Quoniam") schmälerte den guten Gesamteindruck etwas. Im "Domine Deus" von Ingeborg Danz (Alt) litt die Intonation im Continuo, das Oboensolo der Sopranarie (Jutta Böhnert - Sopran) war zu sehr romantisch aufgefasst. Überhaupt war das begleitende Münchner Kammerorchester nicht auf der Höhe seines Könnens, oft herrschte Unordnung in den Streichern und man schwankte zwischen falscher Zurückhaltung im Bassregister und barockem Individualismus auf modernem Instrumentarium. In der folgenden Bachkantate "Wer weiß, wie nahe mir mein Ende", BWV 27 hätte die verstolperte Altarie zwingend dirigiert werden müssen. Beeindruckend war hier die chorische Ausgestaltung der Ecksätze, der Windsbacher Knabenchor zeigte hier wieder eine große Palette des Ausdrucks. Markus Schäfer (Tenor) und Thomas Laske (Bass) fügten souveräne Soli hinzu, die Damen hingegen konnten nicht immer überzeugen: Danz wirkte nicht rund genug, Böhnert gab zu wenig Intensität in ihre Sopranstimme.

Nach einem etwas zu flüchtig-schnellen Beginn fand Beringer zum Abschluss des Konzertes in der G-Dur-Messe von Franz Schubert bald einen ruhig-gestaltenden Fluss, der zu den nur beeindruckend zu nennenden Interpretationen von Gloria und Credo führte. Das Crucifixus geriet zum zwingenden Höhepunkt des ganzen Werkes, tröstlich war der Beschluss im Agnus Dei, bei welchem im Orchester immer noch dieses geheimnisvoll-überzeugende Element fehlte, das doch die Windsbacher im ganzen Konzert so selbstverständlich zelebriert hatten: schärfenloser, tragend-homogener Klang, niemals von Kraftverbrauch oder Einzelstimmen dominiert. Dieser Knabenchor hat derzeit enorme musikalische Qualitäten und läßt Werke, die geradezu zur Detailgestaltung und zum Affekt auffordern, zum auch durch das am Ende wild fotografierende Publikum nicht trübbaren Genuss gelingen. Denn der musikalische Eindruck im Gedächtnis ist weitaus wertvoller als jede emotionslose Urlaubs-Diashow.

Dienstag, 20. Juli 2010

Echo Klassik - manche Überraschung, manches Kopfschütteln

Heute wurden die Preisträger des ECHO Klassik 2010 bekanntgegeben. Wir lassen uns noch einmal auf der Zunge zergehen: dies ist der Jahrespreis, der von der Deutschen Phono-Akademie e. V. vergeben wird, einer Interessengemeinschaft der (kommerziellen) Phonowirtschaft. Das wird schnell vergessen, wenn man die Preisträger-CDs unhinterfragt als "beste" Aufnahmen des Jahres ihrer Kategorie hinnimmt. Hier auf dem Blog kommtiere ich die Entscheidungen, freue mich natürlich über Antworten oder Diskussion.

* Joyce DiDonato und Jonas Kaufmann sind Sänger dieses Jahres. Qual der Wahl vermutlich - auf dem Gebiet der alten Musik ist DiDonatos Stimme zumindest gewöhnungsbedürftig.
* Martin Schmeding, Siegbert Rampe, Tabea Zimmermann (endlich!), Albrecht Mayer als Instrumentalisten des Jahres. Für die Orgel hätte ich allerdings doch Hansjörg Albrecht den Vortritt gelassen. Was in der Instrumentalkategorie erneut Lang Lang zu suchen hat, und auch noch mit der gähnend langweiligen Trio-Einspielung, will mir nicht in den Kopf.
* Paavo Järvi ist Dirigent des Jahres. Ich ziehe, was Beethoven angeht, derzeit Herreweghe und vor allem Dausgaard vor. Järvi arbeitet glatt, sauber, ordentlich und ist daher für mich nicht preiswürdig. Schon spannender finde ich den zweiten Echo, den "seine" Bremer für Janine Jansens exorbitante Britten-Interpretation erhalten. Das Beethovenkonzert auf derselben Aufnahme ist aber kaum erwähnenswert.
* "Orchester des Jahres - Neue Musik" für Jansons, das BR-Orchester und Bruckner - da kann man sich nur über die Kategorie wundern. Neue Musik im üblichen Sinne wird ja von der Phonoakademie brav ignoriert. Verkauft sich ja auch nicht und steht dem Kulturauftrag, Garrett & Kennedy unter die Massen zu hebeln, gehörig im Wege.
* Für wirklich hohe Kultur darf sich Cecilia Bartoli den 9. Echo in die Vitrine stellen. Eine schöne sportive Aufnahme für Liebhaber.
* In der Vokalmusik wird mal wieder eine MDG-Aufnahme geehrt, Poulenc-Werke mit dem Norddeutschen Figuralchor. Dies ist eine Aufnahme, die völlig an mir vorbeiging. Wird bald gehört.
* Da wird eine große Leistung anerkannt: Wolfgang Katschners unermüdliches Bemühen, Alte Musik in spannenden Programmen schmackhaft und lebendig zu machen: völlig verdient dieser Echo für die Glass-Merula-Platte, die man als Anerkennung für die Gesamtarbeit des Ensembles verstehen darf.
* Nachwuchskünstler, kurz notiert: Christiane Karg werde ich mir noch anhören, Scheps und Ott schwimmen wohl auf der Chopin-Welle (Edna Stern vermisse ich schmerzlich), Yannick Nézet-Séguin erhält einen Echo für eine recht gediegene Ravel-Platte und das Streichquartett Meta 4 muss ich wohl schmählich überhört haben. Nachholbefehl!
* Der doppelte Echo für Marek Janowski (Henzes 9. Sinfonie und die Steinbacher-Aufnahme) freut mich besonders, da ich ihn für einen der besten Dirigenten unserer Zeit halte. Steinbacher überdies ist eine fulminante Geigerin. Tolle Wahl also.

Jetzt muss ich mich kürzer fassen:
* Sorry, ich liebe meinen Berlioz (Purist, ich) immer noch mit Davis. Da kommt Immerseel nicht ran, auch wenn die Aufnahme mit viel Herzblut und Wissenschaft gemacht worden ist.
* Mozart mit Zacharias ist eine ziemliche Geschmacksache (aber - bingo - wieder MDG), da überhaupt jemanden aus der Schar der "Großen" zu fischen, halte ich für eine Gratwanderung. Wo sind eigentlich Schuch, Thibaudet, Helmchen !? Immerhin, Kissin mit Prokofjew 2 & 3 ist auch geehrt.
* DA, doch noch ein Dresdner Preis: Mönkemeyer und die Kapellsolisten erhalten einen Echo für Weichet nur, betrübte Schatten. Das Original ist besser. Mit Bearbeitungen, Recomposed und Klavierkonzerten fürs Cello wird man uns wohl die nächsten Jahrzehnte jagen, bis alle Partituren durch den (Sony-)Wolf gedreht worden sind. Dann doch lieber Duport im Original, aber huch, schon wieder MDG - bißchen inflationär, diese Schulterklopferei...?!
* 2010 war offenbar kein Jahr der fantastischen Opernaufnahmen, weder der Festspiele noch der Häuser, vielleicht deshalb "nur" Gluck, Goldmark und Hartmann. Doch, für letzteren großen Dank. Denn Hartmann gehört auch ins sinfonische Repertoire zurückerobert. Und ein zweiter Echo geht ebenfalls an eine Hartmann-Einspielung, die sich den Streichquartetten widmet.
* Zückerchen gefällig? Vivica Genaux bekommt ebenso einen Echo wie der "böse" Bryn. Schöne Platten!
* Was Golijov (wieder einmal) beim Echo zu suchen hat, wird Geheimnis der Universal-Pusher bleiben. Die CDs liegen wie Blei im Laden und jeder verzieht ob des katarrhartigen Eklektizismus das Gesicht beim Hören. Der unverständlichste Echo.
* Der Knabenchor und der Mädchenchor Hannover bekommt einen Echo für die "Glaubenslieder". Die Platte ist bei Rondeau erschienen und versammelt neue Kirchenkantaten. Ist das die Lanze für die Neue Musik light von der Kirchenempore? Dann bitte doch nicht. Aber vielleicht ist ja auch ein Schmankerl dabei.
* Wer amarcord liebt, findet sie natürlich auch bei diesem Echo wieder: mit der Rastlosen Liebe wird dann auch endlich die fällig Schumann-Platte geehrt. Wetten dürfen schon abgeschlossen werden, wieviele Mahler-Aufnahmen sich beim Echo 2011 finden werden... - Achja, Harnoncourt bekommt auch einen Echo für die Jahreszeiten von Haydn. Ganz versteckt werden damit auch Werner Güra und Christian Gerhaher geehrt, zwei herausragende Sängerpersönlichkeiten.
* in der Kammermusik findet sich das Casal Quartett, das Wiener Klaviertrio, das Ma'alot Quintett (mit Rossini), das Belcea Quartett und Isabelle Faust mit ihrer fantastischen Beethoven-Aufnahme. Hier ist auch ein bißchen 21. Jahrhundert versteckt: das Minguet-Quartett erhält einen Echo für die Einspielung der Streichquartette von Peter Ruzicka.
* Weitere Echos gehen an Murray Perahia, Hardy Rittner (Schönberg!), Mihaela Ursuleasa, Angelika Kirchschlager, Leif Ove Andsnes, posthum an Sir Charles Mackerras für seine letzte Martinu-Einspielung.
* Schließlich noch DVD: Die Valencia-Inszenierung des Rings unter Mehta wird geehrt, ebenso Grimauds "Russian Night".
* Naja, und der Bestseller ist eben der Bestseller. Wird aber nicht weiter verlinkt.

Alle Preise zum Nachlesen auf der Echo-Klassik-Seite. Die Verleihung im Oktober moderiert übrigens Klassikexperte...Thomas Gottschalk. Na denn.
kleines p.s.: interessant vielleicht diesmal, wer den Echo trotz großem Blätterrauschen im Voraus nicht bekommen hat, dazu gehören Anne-Sophie Mutter und Anna Netrebko. Wär ja auch langweilig, oder?

Freitag, 16. Juli 2010

Die Eleganz der Madame Michel

Wer ihn bis jetzt noch nicht gesehen hat: unbedingt ansehen. Allerdings ist dieser Film etwas für die Freunde des etwas ruhigeren Erzählkinos und in den ersten Minuten muss man auch noch ein Harry-Potter-Figürchen in seinem Klischee-Hirn erschlagen. Wenn dieses aber dann still geworden ist - und das schafft die 13jährige Garance le Guillermic binnen Minuten, entwickelt sich eine schöne Milieuzeichnung zwischen der reichen, unaufmerksamen Familie des schlauen Kindes und den Mitbewohnern des Hauses. Die Concierge Renée kennen wir alle, jeder hat die belesene, bescheidene aber ein wenig verwahrloste Hausdame irgendwo schon einmal gesehen, auch wenn sie unscheinbar ist und ihr Wissen selten mit mehr Leuten als mit ihrer Katze teilt. Da bedarf es dann schon eines verwitweten (und natürlich überhöflich-gesitteten) Japaners, um sie aus der Reserve zu locken. Am Scheidepunkt der Kulturen zwischen Tolstoi, Chabrol und Samurai kippt der Film etwas aus der fast zu perfekten Melodramatik heraus, um sich dann aber am Ende den großen Themen des Lebens zuzuwenden. Und das natürlich in bester französischer cineastischer Manier. Dieser Film tat gut.



* Interview mit der Regisseurin Mona Achache
* Rezension bei critic.de
* Süddeutsche - Filmrezension

Donnerstag, 15. Juli 2010

Sir Charles Mackerras †

Einer der ganz großen Dirigenten, Spezialist für Mozart und Janacek ist gegangen: Nachruf im Sydney Morning Herald

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