Donnerstag, 16. Juni 2016

Traum CXXI

Seit gefühlter Ewigkeit traumlos. Heute dann im Orchester das zweite (!) Kontrafagott in Haydns "Schöpfung" gespielt, ich saß am Rand der Bläser, die anderen Fagottisten viel weiter links. Zusammenbau von Fagott und Kontrafagott während der Probe, einen vernünftigen Ständer hatte ich auch nicht, dann kam mein Einsatz und ich war eine halbe Note zu früh. Missbilligung von allen Seiten, Traum an dieser Stelle auch zu Ende.

Aus dem Poesiealbum gefallen

Sergej Newski im Porträt bei "Komponisten zum Frühstück"

Ein gutes Sonntagsfrühstück sieht so aus: Brötchen, Ei, Butter, Marmelade, Komponist. Komponist? Exakt - man setze Publikum an eine vorbereitete Tafel und reiche neue Musik zum Kaffee. Wer sich das nicht vorstellen kann, sollte unbedingt ein Konzert der Reihe "Komponisten zum Frühstück" des ensemble courage besuchen - die vierte Runde fand am Sonntag im Festspielhaus Hellerau statt.

Auf der Empore mit den großen Fenstern gelang der Start in den Sonntag akustisch wie kulinarisch opulent und dass statt der Sonntagszeitung oder dem Gottesdienst aus dem Rundfunk neue Musik die "Beilage" bildet, ist eine höchst angenehme Art, sich neben dem Bekannten (Brötchen mit Käse) auch das Unbekannte (russische Poesiealben) zu erschließen. Diesmal war Sergej Newski zu Gast - der in Berlin lebende, 1972 geborene russische Komponist hat unter anderem in Dresden an der Musikhochschule bei Jörg Herchet studiert und hinterließ seitdem immer wieder musikalische Spuren in der Stadt.

Die Musiker des ensemble courage kennen seine Handschrift seit vielen Jahren und dementsprechend vertraut ging es im Frühstückskonzert zu. Vier kürzere Stücke wurden ausgewählt, nach denen man durchaus behaupten durfte, Newski nun zu "kennen", denn im Gespräch mit Moderator Wolfgang Lessing kamen auch besondere Interessen des Komponisten, gar rote Fäden in seinen Werken heraus. So hatten alle Stücke etwas für den Hörer Offenes zu bieten, mit dem man sich beschäftigen konnte - in "Lamento Traffic" war dies eine Vorlage von Henry Purcell, die in ihrem Ausdrucksgehalt und ihrer barocken Natur von Ornamentik und Improvisation fragmentiert hervortrat und daher wie ein Konzentrat wirkte.

Vordergrund und Hintergrund, Oberfläche und Tiefe bilden oft Säulen der Partituren von Newski. Ein In-sich-Hineinhören war ein autobiografischer Aspekt von "Rift", dem zweiten Stück, bei dem Violine, Bassklarinette und Klavier zwar wenig Gemeinsames im Sinne eines Trios ausgestalteten, aber sich gleichberechtigt und körperartig in der Zeit bewegten und dem Hörer die Zusammensetzung überließen. Wie vielgestaltig und auch überraschend Newski Ideen zu einem Musikstück zu fassen vermag, zeigten die "Altérations" für vier Instrumente - ein monotones Stück aus der Perspektive eines "buddhistischen Plattenbaus", das Newski als "sehr russisch" bezeichnete: es ändert sich nichts.

Solcher Hintersinn geriet in der Ausführung durch das durchweg kompetent agierende ensemble courage sehr überzeugend. Das wahrlich im Wortsinn nervige, aus Nerven bestehende Stück verleugnete aber auch nicht eine im Untergrund bohrende Stimme, wenn das Cello in dieser Umgebung weltfremd wirkende, zerbrechliche Terzen hinzufügt. Zum Finale des Frühstücks trat die Performerin und Sängerin Natalia Pschenitschnikova hinzu und gestaltete mit courage einen wahrhaft launigen Ausklang: "Rules of Love" heißt ein Zyklus, in welchem Newski Texte von Sergey Borissov verarbeitete: Mädchenlyrik, die aus Poesiealben gefallen scheint, wird hier mit etwas dickerem Pinsel volkstümlich oder -tümelnd, aber auch mit einem schönen Zug ins Absurde vorgestellt. Zwischen all dem "Er liebt mich"/"Er liebt mich nicht" fällt Newskis Insistieren auf Rhythmen und Gesangsmotiven auf, das den Liebeskram zuweilen an der Gurgel zu packen scheint - womöglich ist Liebe am Ende doch (noch) ein ernstes Thema? Darauf noch einen Kaffee!

-> ensemble courage
-> Sergej Newski

Südländisches Flair

Sommerkonzert von "medicanti" in der Kreuzkirche

Seit 30 Jahren verzaubert ein seit längerer Zeit schon in großer sinfonischer Besetzung antretendes Laienorchester die Zuhörer in der Stadt - und die Fangemeinde ist so gewachsen, dass die halbjährlichen Sinfoniekonzerte mühelos das Kirchenschiff in der Kreuzkirche füllen. So auch am vergangenen Sonntag, als "medicanti", das Orchester an der medizinischen Fakultät der TU Dresden dort ihr Sommerkonzert gaben, und das war auch programmatisch sehr sommerlich gestaltet und bildete so einen Kontrapunkt zu dem vor der Kirchentür eher nass-unfreundlichen Wochenendabschluss.

Mit Ouvertüren und Konzertstücken von Verdi, Puccini, Tschaikowsky und Rossini wies das Programm - mit russischem Gastspiel, aber kaum weniger mediterran anmutend - eindeutig nach Italien. So ein Strauß bunter Melodien darf indes nicht unterschätzt werden - in den Ouvertüren muss schnell zwischen den Charakteren gewechselt werden, damit die jeweilige Oper im Schnelldurchlauf plastisch vor den Ohren entsteht. Manches Solo ist dabei technisch so anspruchsvoll, dass es auch gerne einmal im Probespiel verlangt wird.

Kein Problem jedoch für die "medicanti": Dirigent Wolfgang Behrend hatte die Musiker sehr gut auf die Herausforderungen vorbereitet, so dass Giuseppe Verdis Ouvertüre zur Oper "Die Macht des Schicksals" nach den drei Bläsersignalen sofort ihre dramatisch-vorahnende Stimmung erhielt. Zu einem Pasticcio fügte Behrend vier Stücke von Giacomo Puccini zusammen, davon zwei Intermezzi aus den Opern "Manon Lescaut" und "Suor Angelica", letzteres war in der gemeinsam eingefangenen melancholischen Stimmung ein Höhepunkt des Konzerts, ersteres hätte noch einen Tic mehr Dramatik vertragen.

Selten zu hören sind die Puccinis reine Orchesterwerke "Preludio Sinfonico" und "Capriccio Sinfonico", die aber in dieser Zusammenstellung gut wirkten, das letztere war auch durchaus umfangreicher in den Aufgaben - ein später in "La Bohéme" verwendetes Fragment blitzte auffällig heraus. Sehr überzeugend war aber hier, wie harmonisch und aufmerksam alle Orchestergruppen die Stücke angingen: Behrends klare Fingerzeige vom Dirigentenpult waren eindeutig und die medicanti begnügten sich keineswegs mit der puren Bewältigung der Partituren, sondern drangen tief in die Gestaltung ein - es war eine Freude, dieser südländischen Lebendigkeit zu folgen.

Merkwürdigerweise war diese ausgerechnet bei Peter Tschaikowskys Rom-Studie "Capriccio Italien" kurzzeitig verflogen, denn hier waren die Phrasierungen plötzlich steif, das Stück wollte bei aller Ordentlichkeit des Musizierens nicht in Fluß geraten. Trotzdem fanden die Ohrwürmer dieses Werkes ihre begeisterten Fans und das Konzert klang mit der wunderbar empfunden und dann auch wieder spritzig dargebotenen "Wilhelm Tell"-Ouvertüre von Gioachino Rossini passend aus, wobei hier die Cellogruppe (Solo Tim Wagner) und die Soloflöte (Barbara Flach) besonders brillierten.

Unbedingt vormerken sollte man sich das nächste Konzert der medicanti am 29. Januar 2017 - mit Anton Bruckners 9. Sinfonie und der "Unvollendeten" von Franz Schubert hat man sich Großes vorgenommen.

http://medicanti.de/

Skandinavischer Akzent mit viel Emotion

Vilde Frang und Santtu-Matias Rouvali gastieren bei der Dresdner Philharmonie

Die Karriere junger, hoffnungsvoller Instrumentaltalente in der klassischen Musik ist heutzutage von vielen Faktoren abhängig - oft kommt es auf die richtigen Kontakte zur richtigen Zeit an. Der 29-jährigen, in Oslo, Berlin und München ausgebildeten norwegischen Geigerin Vilde Frang hat Anne-Sophie Mutter als Mentorin vermutlich vor allem vermittelt, dass man seinem eigenen Können und seinen Stärken vertrauen sollte. Nicht anders ist das aufregende Gastspiel zu erklären, das Vilde Frang am Sonnabend mit der Dresdner Philharmonie in der Frauenkirche gab.

Das populäre Violinkonzert von Erich Wolfgang Korngold ist nur bei erstem Hinschauen ein Selbstläufer - dem kompositorischen Wunderknaben flossen auch im amerikanischen Exil die Melodien nur so aus der Hand. Doch gerade die Charakterzeichnung dieses Werkes ist anspruchsvoll, zudem dem mit Finessen gespickten Solopart eine farbig schillernde Orchesterbegleitung beigegeben ist, die Dialoge wollen erst einmal zusammengesetzt sein. Vilde Frang ging das Konzert durchaus kompromisslos an: Emotionales, vom Körper natürlich getragenes Spiel stand ohne Frage bei ihr in allen drei Sätzen im Vordergrund. Das führte zu einer von Hochspannung getragenen, gut beherrschten Interpretation im ersten Satz und zu traumhaft schönen Momenten vor allem im zweiten Teil des zweiten Satzes.

Äußerst vorsichtig begleitete die Dresdner Philharmonie unter Leitung des Finnen Santtu-Matias Rouvali die Solistin - das war auch notwendig, denn Vilde Frang überraschte einige Male mit freier, flexibler Gangart und zog vor allem im dritten Satz das Tempo derart an, so dass nicht nur die Philharmoniker flott schalten mussten, sondern auch die Zuhörer wenig Atem zum Verweilen erhielten. Letztlich war aber die Konsequenz, mit der Frang ihren auch klanglich jederzeit beeindrucken Ritt durch das Konzert durchzog, absolut überzeugend und dafür gab es großen Beifall. Der steigerte sich am Ende des Konzertes noch einmal, denn der junge finnische Dirigent Rouvali sorgte noch für ein weiteres außergewöhnliches Musikerlebnis.

Die 1. Sinfonie e-Moll von Jean Sibelius steht manchmal etwas im Schatten der späteren, populäreren Sinfonien des Komponisten, doch Rouvali behandelte sie von den ersten Takten an als zu polierenden Diamanten und konnte dabei dem Können der Dresdner Philharmonie vertrauen, die seine ebenfalls körperbetonte, von viel Emotion getragenener Interpretation gut umsetzte.

Offenes Potenzial gab es manchmal in unterschiedlicher Auffassung der Pulsation der Musik, hier und da auch in der Genauigkeit, so etwa der Rhythmisierung des Hauptthemas nach dem wunderbar entspannten, einleitenden Klarinettensolo im 1. Satz. Ein permanent unterschwellig zu spürender Drang in der Musik konnte etwa in den Orgelpunkten der tiefen Instrumente auch zu unterschiedlicher Spannungsauffassung führen. Doch vielleicht offenbart auch gerade diese Tatsache die Lebendigkeit der Aufführung, die niemals zu ausgestellter Perfektion führte, sondern eher zu einer Betrachtung mit großem Anspruch und viel inniger Liebe, die Rouvali vom Dirigentenpult unzweifelhaft zu diesem Werk verströmte. Dementsprechend erlöst und gelöst reagierte der sympathische Finne auch nach den letzten beiden Pizzicati, mit denen sich Sibelius' Sinfonie in einen offenen Klangraum verabschiedet - die skandinavischen Klanggemälde im Frauenkirchenkonzert gelangen intensiv und mit Leidenschaft.

Blitzend und glänzend

Beethoven, Reger und Strauss im 11. Kapellkonzert

Der in Dänemark geborene Geiger und Dirigent Nikolaj Znaider ist den Zuhörern der Kapellkonzerte durch viele Auftritte vertraut - im letzten Jahr interpretierte er das 1. Violinkonzert von Dmitri Schostakowitsch, hat mit Sir Colin Davis das Elgar-Konzert aufgenommen, und schon 2008 spielte er mit dem Gustav-Mahler-Jugendorchester das Violinkonzert von Ludwig van Beethoven in der Semperoper. Im 11. Sinfoniekonzert am Sonnabendvormittag stand ihm in diesem Werk Chefdirigent Christian Thielemann mit der Sächsischen Staatskapelle zur Seite.

Und diese Verbindung war fruchtbar in dem Sinne, dass die Intentionen von Orchester und Solist durchweg in die gleiche Richtung gingen, sich somit viel Harmonie herstellte und sich der sinfonische Charakter des Konzertes unmittelbar mitteilte. Schon in der Einleitung spekulierte Thielemann wenig auf Wundersames, sondern nahm zielgerichtet das erste Tutti in Angriff, und ebenso robust und volltönig tauchte Znaider im ersten Solo auf. Technisch jederzeit brillant und vor allem im ersten Satz mit selbstbewusst auftrumpfendem Ausdruck spielend tauchte beim Hören die Frage auf, ob diese vor Überdeutlichkeit sprudelnde Interpretation dem Konzert überhaupt gerecht wird.

Breitwandiger Orchesterklang und ein von Znaider saftig herausgespielter, dynamisch welliger Saitenklang auch in den kleinen Notenwerten im Solo sorgte für einen chromartigen Eindruck: es blitzte und glänzte überall, und das setzte sich auch in den Kadenzen und im Schönklang des 2. Satzes fort. Diese Art der kompetenten Veredelung des Werkes wirkte in der Summe schon fast wieder ungewöhnlich, widmete man sich doch hier überwiegend der hellen Qualität des D-Dur, dem strahlend Musikantischen. Und sicher ist es durchaus legitim, nicht in jeder Lesart das Konzert bis auf die Knochen auszuweiden, solange, wie hier geschehen, die emotionale Spannung der Musik zu tragen vermag.

Nach der Pause widmete sich die Staatskapelle erneut Max Reger, zu dessen 100. Todestag diesmal die 1914 entstandenen "Mozart-Variationen" erklangen. Man möchte das Werk eher "Mozart-Verstrickungen" nennen, denn alles, was noch klar und klassisch ist, ist lediglich das Ursprungsthema aus Mozarts Klaviersonate KV 331, der Rest ist in spätromantischer Dichte (und dennoch in nicht übertrieben großer Besetzung) harmonisch ganz schön aufgebläht und trotzdem reizvoll in der Instrumentierung und Motivverarbeitung.

Thielemann hatte mit der nah an Wagner liegenden, üppigen Mehrschichtigkeit der Varationen und der schnittartig wechselnden Charakterisierung keinerlei Probleme: sofort stellte sich ein transparenter und zu den Höhepunkten des Werkes nicht schiebender, sondern eher wogender Klang her, auch die etwas knöcherne Fuge bekam eine gewisse Samtigkeit verpasst, sodass die volltönende Reprise des Originalthemas am Ende aus natürlichem Schwung entstand.

Dass ausgerechnet Richard Strauss' Tondichtung "Till Eulenspiegel" den Abschluss des Konzertes bildete, könnte als bissiger Kommentar verstanden werden: "Guck, Max, so komponiert man!" - Wild, drängend, leichtfertig, drohend - so Strauss in seinen Partituranweisungen - soll die Schelmengeschichte umgesetzt werden. Thielemann gab seinem Till ordentlich Pfeffer, sich stets in der vertrauenden Gewissheit befindlich, dass die Kapellpferde niemals durchgehen würden, sondern in diesem Werk so erst recht zur Hochform auflaufen. Und so war es auch, mit fantastischen Soli in Horn und Es-Klarinette und einem gemeinsam zelebrierten Strauss-Klang, nach dem man - erneut - wieder süchtig werden kann.

Anspruchsvolle Kammermusik

Junge Interpreten des Curtis Institute in zwei Konzerten bei den Musikfestspielen

Was eint Hilary Hahn, Leonard Bernstein und Lang Lang? Sie alle sind Absolventen des weltweit bekannten "Curtis Institute of Music". Neben der Juilliard School und der Yale University ist das 1924 in Philadelphia gegründete Institut eine der bedeutendsten musikalischen Talentschmieden in den Vereinigten Staaten. Die selbstverständliche Einbeziehung von Tradition und Moderne spiegelte sich auch in den beiden Konzertprogrammen der sechs Studenten wider, die derzeit als "Curtis on Tour" durch Europa reisen. Obwohl das Institut, das zur intensiven Ausbildung die Schülerzahlen niedrig hält und äußerst schwere Aufnahmekriterien hat, vornehmlich Orchestermusiker ausbildet, ist Kammermusik wesentlicher Bestandteil der Aktivitäten am Curtis Institute - die öffentliche Darbietung ohnehin.

Dieses hohe, professionelle Niveau spürte man sofort bei den Konzerten am Dienstag und Mittwoch in der Musikhochschule. Keineswegs hatten die Programme den Charakter der oberflächlichen Virtuosendarstellung, was mit Kompositionen von Dmitri Schostakowitsch oder Olivier Messiaen ohnehin nicht Absicht der Darbietung sein kann. Eher bekam man einen anspruchsvollen Querschnitt aus der Musikgeschichte präsentiert, der in diesen jugendlich musikantischen, sofort in die Tiefe der Werke eindringenden Interpretationen das nicht gerade zahlreich erschienene Publikum begeisterte - vielleicht hätten Hochschule und Musikfestspiele die Tourkonzerte als Curtis-Porträt gemeinsam intensiver integrieren können.

Im ersten Konzert gab es nach dem berühmten, mit viel positiver Energie musizierten Kegelstatt-Trio von Mozart ein modernes Werk des US-Amerikaners David Ludwig: "Our long war" nach einem Gedicht von Katie Ford war eine intensiv wirkende poetische Szene - von Heather Stebbins (Sopran), Stephen Tavani (Violine) und Chelsea Wang (Klavier) wurde sie mit dramatischer Spannung ausgeführt.

Das Hauptwerk des Abends war Messiaens "Quartett auf das Ende der Zeit" - das Werk ist ja aufgrund seiner Entstehung im Gefangenenlager in Görlitz 1941 jährlich beim "Meetingpoint Music Messiaen" zu erleben. Somit war spannend zu hören, wie sich junge Musiker in diesen Kosmos einfinden. José Franch-Ballester (Klarinette) und Zachary Mowitz (Cello) traten nun zu Klavier und Violine hinzu und schufen eine außerordentlich intensive Interpretation, wobei die im Ensemble besetzen Sätze durchaus noch mehr mit Geduld erzeugte Schärfe vertragen hätten. Dafür waren die Soli von Cello, Klarinette und Violine traumhaft gut getroffen. Der Versuch, die Farbebenen des "Quatuor" im Saal widerzugeben, war eher halbherzig, denn eine solche Inszenierung des Raumes benötigt einiges mehr als ein paar farbige Scheinwerfer für die Hinterwände.

Tags darauf setzte Curtis seine kleine Residenz mit einem ebenso farbigen Konzertprogramm fort. Den Löwenanteil hatte dabei die in allen Werken präsente und überaus stilistisch sichere wie persönlich ausdrucksstarke Chelsea Wang am Klavier zu bewältigen. Ihre Initiative war es auch, die Strawinskys "L'histoire du soldat" knackig und theatral wirken ließ. Gleich darauf schalteten die Musiker - mit Ayane Kozasa, Viola - für Max Bruchs "Acht Stücke" Opus 83 in zuckersüße Spätromantik um, um am Ende erneut ein hochintensives Musikerlebnis zu bereiten.

Dmitri Schostakowitschs späte "Sieben Romanzen nach Gedichten von Alexander Blok", Opus 127 für Sopran und Klaviertrio erklingen selten auf den Konzertpodien, und wenn man eine solch reife, von der Sopranistin Heather Stebbins sowohl in der dem Charakter entsprechenden Linienführung der Stimme wie auch in der russischen Diktion gut getroffene Interpretation miterlebt, darf man sich glücklich schätzen.

Vor dem finalen Biss

Daniil Trifonov und das Pittsburgh Symphony Orchestra bei den Musikfestspielen

Noch aus den 60-er Jahren stammt der Begriff der "Big Five", mit denen die fünf großen US-amerikanischen Orchester in Boston, Chicago, Cleveland, New York und Philadelphia zusammengefasst wurden. Das ging freilich mit hohen Klangidealen und berühmten Orchestererziehern einher. Heute wissen wir, dass viele Städte in den USA über hervorragende Klangkörper verfügen. Der Österreicher Manfred Honeck leitet seit 2008 das Pittsburgh Symphony Orchestra, das bei seiner Europatournee zu den Musikfestspielen in Dresden gastierte - der kleine Wermutstropfen am Montagabend war die akustisch schwierige Spielstätte im Albertinum. Im Gepäck hatten die Amerikaner klassisches und romantisches Repertoire, und besonders gespannt war man auf den Solisten des Abends.

Der in Wettbewerben hoch ausgezeichnete und rund um den Erdball erfolgreiche Russe Daniil Trifonov gilt als neuer Stern am Klavierhimmel. Wenn es überhaupt etwas zu beanstanden gab, dann wohl die Kompaktheit des 1. Klavierkonzertes Es-Dur von Franz Liszt, die verantwortlich dafür war, dass das Erlebnis Trifonov nur gut zwanzig Minuten währte. Doch das hatte es in sich. Mit einer nur animalisch zu nennenden Hochspannung stürzte sich Trifonov auf das Werk, und vom ersten Klaviereinsatz war klar, dass er dieses Konzert derart dominierte, wie es eben eine Katze mit der sicher gefangenen Maus tut, bevor sie den finalen Biss ansetzt: Trifonov begab sich in ein ekstatisches Spiel, das dem Werk absolut immanent ist, und selten genug besitzen Pianisten die Fähigkeit oder den Mut, diese Urkraft aus dem Liszt-Konzert wirklich hervorzukitzeln.

Daniil Trifonov gelang noch weitaus mehr, weil er den Spannungsbogen bis zum letzten Akkord hielt und dazwischen Kindlich-verspieltes einstreute, als säße er nicht auf einem Konzertpodium, sondern würde ausgelassen über einen (klavieristischen) Spielplatz toben. Dafür gab es tosenden Beifall und die Dresdner dürfen sich außerordentlich über seine Residenz in der kommenden Saison bei der Staatskapelle Dresden freuen. Manfred Honeck leistete mit den Pittsburghern bei Liszt eine saubere Begleitarbeit; auf das Löwenparkett von Trifonov traute sich das Orchester mit Bedacht nicht, um ihm stattdessen sichere Basis zu gewähren.

Zuvor hatten die US-Amerikaner das Konzert mit Joseph Haydns 93. Sinfonie D-Dur eingeleitet, ein Repertoire, das einem amerikanischen Orchester nicht unbedingt als vertraut zugeschrieben wird. Im Albertinum lag dann auch die größte Schwierigkeit darin, die Sinfonie leicht und luftig zu musizieren, doch Manfred Honeck hatte - mit wienerischen Auftakten und viel dynamischer Transparenz - wenig Probleme, die Charaktere der Musik zu treffen. Das gelang vor allem gut, weil viel Musizierfreude im Orchester zu spüren ist, die Haydn natürlich zugute kommt. Mit dem Abschlusswerk konnte das Pittsburgh Symphony Orchestra dann die Trumpfkarte ausspielen.

Natürlich ist die 4. Sinfonie f-Moll von Peter Tschaikowsky immer ein Glanzstück, aber sie offenbart eben auch besondere Qualitäten eines Orchesters. Was die Amerikaner hier an Spielkultur, Aufmerksamkeit für Honecks motivierendes Dirigat und knackiger Bläserattacke im Tutti zeigten, war außergewöhnlich stark und die Interpretation war in allen vier Sätzen mitreißend intensiv. Mit einem Satz aus dem Ballett "Dornröschen" von Tschaikowsky und dem Galopp aus "Maskerade" von Aram Chatschaturjan verabschiedete sich das Pittsburgh Symphony Orchestra aus Dresden. Ein Kammerensemble des Orchesters musizierte am Sonntag in der Gedenkstätte Theresienstadt und erinnerte an vergessene Werke entarteter Komponisten - schön, dass die Musiker neben den großen Konzerten einer Tournee solch wichtigen Initiativen nachgehen.

Donnerstag, 19. Mai 2016

Mit Erfahrung und schlichter Noblesse

Debut des "Dresdner Oktetts" im 8. Kammerabend der Staatskapelle Dresden

Einen großen Atem brauchte, wer am Dienstagabend den 8. Kammerabend der Staatskapelle Dresden in der Semperoper besuchte. Dabei standen nur zwei Werke von Ludwig van Beethoven und Franz Schubert auf dem Programm, doch mit deren jeweils sechssätzigem Septett und Oktett, die überdies in enger Verbindung stehen, war eine Konzertlänge außerordentlich ausgefüllt. Der Publikumszuspruch war für einen Kammerabend ungewöhnlich groß, und damit bescherten die Zuhörer dem Dresdner Oktett, einem in diesem Jahr neu gegründeten festen Kapellensemble, eine schöne Atmosphäre zum Debutkonzert.

Das Ensemble besteht mit Matthias Wollong und Jörg Faßmann (Violine), Sebastian Herberg (Viola), Norbert Anger (Cello), Andreas Wylezol (Kontrabass), Wolfram Große (Klarinette), Joachim Hans (Fagott) und Robert Langbein (Horn) ausschließlich aus Konzertmeistern der Sächsischen Staatskapelle. Es wäre überflüssig, den "großen Atem" noch einmal aufzugreifen, denn genau das beherrschen diese hervorragenden Musiker wie kaum andere: Charakter und Form eines Werkes schnell zu erfassen und gemeinsam mit anderen im stetigen Neu-aufeinander-einlassen große Musik zu erschaffen ist ihr täglich Brot. Doch keineswegs wurden die beiden bedeutenden Kammermusikwerke unterschätzt, im Gegenteil. Jeder der acht Musiker brachte hörbar seine eigenen Erfahrungen, sein Temperament und den indididuellen Tonfall ein, ohne das gesamte Gerüst zu gefährden. Die gemischte Besetzung aus Bläsern und Streichern geriet für beide Komponisten gleichermaßen inspirierend.

Beethoven bevorzugte im Septett einen leichten, dem klassischen Divertimento nahen Tonfall. Als würden die sieben Musiker Beethoven - der sein Werk später nicht sonderlich mochte - widersprechen wollen, so frisch wirkte die Interpretation mit bukolischem Menuett, ausgekostetem Variationensatz und einem zupackend angegangenen Finalsatz-Presto. Noch stärker als in diesem Werk kommt es in Franz Schuberts Oktett auf Nuancen an, auf eine gemeinsam zu findende Klangfarbe und Richtung der Musik. Das gelang sensationell gut im Adagio und im überaus farbigen, in den Instrumentenkonstellationen abwechselnden "Thema mit 7 Variationen". Vielleicht geriet das Menuetto als retardierendes Moment vor dem mit Tremoli dramatisierend anhebenden Finale mit Absicht im Ton konventioneller.

Auch der erste Satz war von schlichter Noblesse bestimmt, was aber eben für den großen Atem bei Schubert wichtig ist - das permanente Tangieren des Äußersten würde dem Werk mehr schaden als die hier erlebte Betonung einer Zurücknahme, die viel Transparenz und wunderbare Linienführung ermöglichte. Immer wieder konnten Violine, Bratsche, Cello und Horn dabei solistische Akzente setzen und schon nach Beethovens Septett brandete großer Beifall auf. Auf die weiteren Konzerte, die, so Kontrabassist Andreas Wylezol, dann auch das Repertoire stetig erweitern und das Oktett auch in kleineren Besetzungen vorstellen wird, darf man also gespannt sein.

Kontrastreicher Quartettabend

Kuss-Quartett bei den Musikfestspielen in der Annenkirche

Sicherlich ist eine kurzfristige Absage bei einem Konzert schmerzlich, doch Musikfestspielintendant Jan Vogler konnte am Sonnabend in der Annenkirche beruhigt verkünden, dass für das aus Krankheitsgründen nicht antretende Hagen-Quartett das renommierte Kuss-Quartett aus Berlin eingesprungen war. Damit war es auch gelungen, ein Ensemble zu verpflichten, das sich seit Jahren Weise dem Werk des ungarischen Komponisten György Kurtág widmet, dessen Musik auch beim Hagen Quartett auf dem Programm stand.

Statt der "12 Mikroludien" erklang nun sein "Officium Breve" aus dem Jahr 1989, eine fünfzehnteilige Hommage an den Freund Erne Szervánszky, deren Sätze auch weiteren Personen "in memoriam" zugedacht sind. Schön, dass Oliver Wille, der zweite Geiger des Quartetts, die Zuhörer auf diese außergewöhnliche Musik mit einigen Worten vorbereitete. Anschließend kümmerten sich Jana Kuss, Oliver Wille, William Coleman und Mikael Hakhnazaryan mit aller Sorgfalt um die Entstehung und das Vergehen des Einzeltons, seiner Position in der Gruppe und vor allem dem wichtigen spezifischen Farbton der Musik, der in jeglicher, eben vergehender und verstreichender Zeit neu zu mischen ist.

Dieses intensiv dargebotene, von tiefem Ernst sprechende Werk war ein deutlicher Kontrast zum zu Beginn des Konzertes vorgestellten Quartetts Es-Dur "Der Scherz" von Joseph Haydn. Abgesehen von der puren technischen Neuerung, dass Haydn hier den Menuettsatz durch ein Scherzo ersetzte, ist der später beigefügte Titel wörtlich zu nehmen, denn Haydn sitzt besonders im Finalsatz der Schalk im Nacken und führt seine Zuhörer mit dem hinausgezögerten Schluss auf's Glatteis. Das Kuss-Quartett zeichnete dies höchst lebendig nach, fand aber auch Sinnlichkeit für den ariosen dritten und die italienisch anmutende Atmosphäre des ersten Satzes - das klang locker und unbeschwert.

Das Hauptwerk des Abends war das Streichquartett "Der Tod und das Mädchen" von Franz Schubert. Dieses von Dramatik, Melancholie und viel empfindsamer Moll-Welt bestimmte, großartige Werk war beim Kuss-Quartett in kundigen Händen. Die Interpretation barg manche Überraschung, was im Grunde erst einmal die Sinne für das Neu-Hören schärfte. Sehr überzeugend gelang der zweite Satz mit den Liedvariationen vor allem, weil das "con moto" ernstgenommen wurde und nicht auf der Stelle trat. Hingegen war die Klangkultur im Scherzo und im Finale von selten atmendem, in Tempo wie Dynamik eher geradeaus durchgezogenem Spiel bestimmt - man kam Schubert im übereilten Presto, in dem auch das Timbre unangenehm geräuschvoll und in der hohen Lage der Violinen oft scharf anmutete, nicht mehr so nahe wie zuvor.

Feuerwerk der Stimmen, Farben und Formen

Pierre-Laurent Aimard mit dem "Catalogue d'Oiseaux" von Olivier Messiaen bei den Musikfestspielen

Bereits Claude Debussy befand, dass es "nichts Musikalischeres als einen Sonnenuntergang gebe" - schon vor ihm hatten sich Komponisten immer wieder mit der Darstellung der Natur befasst. Kaum einer ist aber so akribisch vorgegangen wie der Franzose Olivier Messiaen (1908-92), zu dessen lebenslangen Passionen die Vogelkunde gehörte, die spätestens ab den 40-er Jahren in viele seiner Werke einging. Seiner Frau Yvonne Loriod, einer hervorragenden Pianistin, und "den Vögeln Frankreichs" ist der umfangreiche und exorbitant schwierige Klavierzyklus "Catalogue d'oiseaux" gewidmet - komplette Aufführungen dieses fast dreistündigen Werkes sind eine absolute Rarität schon allein deswegen, weil die Beschäftigung mit dieser Musik für den Interpreten eine ebensolche Passion darstellen muss, von den technischen Fähigkeiten ganz zu schweigen.

Der Franzose Pierre-Laurent Aimard ist eine Kapazität auf dem Gebiet der zeitgenössischen Musik und begeisterte bereits 2012 mit einem Ligeti-Konzert bei den Musikfestpielen. Aimard arbeitete intensiv mit Olivier Messiaen zusammen und studierte bei Yvonne Loriod, die den "Catalogue d'Oiseaux" 1959 erstmalig vollständig aufführte. Der Konzertabend im Großen Garten am Pfingstsonntag begann schon einzigartig, da Aimard es sich nicht nehmen ließ, vor dem pianistischen Marathon auch noch eine brillante Konzerteinführung zu halten. Eine Besonderheit waren die 13 Präludien des Komponisten Bernard Fort, die den Stücken vorangestellt waren. Eine erste Sorge, die Komponente der elektronischen Musik würde von den naturalistischen Forschungen Messiaens zu sehr ablenken, erledigte sich umgehend, da Fort in äußerst sensibler Weise lediglich die Vogelarten der einzelnen Stücke in behutsam zusammengefügten Originalaufnahmen vorstellte.

So stiegen die Zuhörer im Palais im Großen Garten Stück für Stück tiefer in die faszinierende Welt der Vogelstimmen ein. Komponist und Interpret schafften es, dass man die Zeit vergaß, die ohnehin von Messiaen in den Stücken besonders behandelt wird - selbst für mit Messiaens Musik vertraute Hörer ist dieser Zyklus eine Herausforderung. Pierre-Laurent Aimard konnte allerdings restlose Begeisterung der am Ende doch etwas reduzierten Zuhörerschaft empfangen. Timbre ist das Zauberwort seines Spiels, das in den drei Stunden von absoluter Konzentration und vor allem kluger Disposition der wechselnden Stimmungen bestimmt war. Aimard trug den Zuhörer durch ein immenses Feuerwerk der Farben und Formen, die eben genau so überraschend auf den Zuhörer einwirken wie ein Waldspaziergang mit offenen Ohren: Messiaen bettet den Pirol, den Bussard und vor allem den Teichrohrsänger, dessen Ehrerbietung allein eine halbe Stunde in Anspruch nimmt, in die Umgebung ein und lässt Winde, Vögel im Nachbarbaum, Nacht und Tag sprechen - in eigener, unverkennbarer Tonsprache, die von Rhythmus und Kontrast lebt, und sich immer wieder auch zu atemberaubend schönen, choralartigen Episoden beruhigt.

Im dritten Block des Konzertes, in dem Messiaen mit Stücken über den Steinrötel und den Trauersteinschmätzer nahezu hymnische Töne anstimmt, staunte man nur noch, wie sich Aimard noch emotional steigerte und mit ruhig gefasstem Anschlag und sogar dankbarem Lächeln für Messiaen in einigen Passagen dem Steinway-Flügel nie zuvor erlebte Klänge entlockte - am Ende dankte er in bescheidener Weise dem Publikum für die spannungsvolle Aufmerksamkeit über die gesamte Konzertzeit. Durch diese Geste wurde die einzigartige, über den ganzen Abend währende gemeinsame Stimmung der sinnlich-respektvollen Annäherung und Beschreibung der Natur, in der man sich befand, noch einmal gegenwärtig. Würde Olivier Messiaen noch leben, er hätte vermutlich mit dem Notizblock durch die Umgebung streifend das Konzert verpasst - im Großen Garten sind immerhin 72 Brutvogelarten nachgewiesen.
(16.5.2016)

Donnerstag, 12. Mai 2016

Ausdrucksstark und persönlich

Jerusalem Quartet mit Schostakowitsch-Streichquartetten bei den Musikfestspielen

"Viel Vergnügen" wünschte die Dame am Eingang des Konzertsaals der Musikhochschule am Montagabend, als sie die Karte kontrollierte. Das war sicherlich ehrlich gemeint, aber ein Blick auf das Programm des Gastspiels des Jerusalem Quartets bei den Dresdner Musikfestspielen ließ einen eher das Blut in den Adern gefrieren: drei Streichquartette von Dmitri Schostakowitsch nacheinander, dazu mit dem 1., 8. und 15. Quartett einen Bogen über das 36 Lebensjahre umfassende Schaffen des Komponisten in diesem Genre spannend. Alle drei Kompositionen sind besondere Kapitel, wenn man die fünfzehn Streichquartette wie ein Buch begreift, das Schostakowitsch nicht etwa dann zu schreiben genötigt war, wenn Äußerliches danach verlangte, sondern wann immer der Rückzug in die Intimität der Kammermusik ihn geradezu zu den Noten zwang.

Schon im 1. Quartett C-Dur (1938) ist die sprachliche Direktheit greifbar, wenngleich sie hinter bunten, geradezu konform konstruierten Sätzen, wie sie auch seinen Ballett- und Filmmusiken entstammen könnten, maskiert ist - die "propagierte Fröhlichkeit einer blutgetränkten Epoche" (Detlef Gojowy) läßt dieses Quartett nicht zweifelsfrei zum Vergnügen werden. Das Jerusalem Quartet mit Alexander Pavlovsky und Sergei Bresler (Violine), Ori Kam (Viola) und Kyril Zlotnikov (Cello) zeigte sich dieser Hintergründe kundig, weil Walzer- und Marschidiome hier nicht krachledern und offenherzig daherkamen, sondern eher subtil und mit flexiblem und gemeinsam geformten Streicherklang.

Im berühmten, 1960 in Gohrisch bei Dresden entstandenen 8. Streichquartett c-Moll setzte sich diese Farbigkeit fort. Hohe Emotion kam hinzu, mit der zwar große Legato-Linien gelangen, aber sich in mancher fortissimo-Passage die letzte Sauberkeit und rhythmische Prägnanz verringerte. So verlieh das Jerusalem Quartet diesem "ersten Requiem" einen vor allem leidenschaftlichen Grundton, und die kantablen Passagen gaben dieser unheilvollen Bilanz nicht den Charakter letzter Endgültigkeit.

Doch etwaige Reste von Hoffnung, die sich im Singen manifestieren, zerbrechen dann entgültig in Schostakowitschs letztem Quartett in es-Moll, Opus 144 (1974), welches das Jerusalem Quartet im Saaldunkel nur im schwachen Licht der Pultlampen spielte. Der Zuhörer sieht sich hier einem Kokon von Musik "in privatissimum" ausgesetzt. Das Quartett ging mit gleichbleibend hoher Energie an das Werk heran, was im Ergebnis mehr in das Stück hineintrug, als Schostakowitsch eigentlich notiert hatte - das berührt aber die grundsätzliche Frage, wie man sich zu einem sicher in ersten Begegnungen auch verstörenden Werk überhaupt als Interpret verhält. Der erste Satz arbeitete sich oft in ein gewöhnliches mezzopiano vor, hingegen beeindruckten die schattenhaften Arabesken des Intermezzos.

Die wie ein Windhauch auffahrenden Passagen im 6. Satz hätten mit einer als spielerische Möglichkeit zu ergreifenden Distanz noch mehr Intensität erhalten. Und dennoch: wenn in diesem Quartett plötzlich eine Dur-Terz wie ein Pulsschlag des Herzens offenlag und sich das Jerusalem Quartet an den Schwellen des Entstehens und Vergehens von Musik respektvoll aufhielt und so die persönliche Aussage der Partitur zu einer universellen zu formen wusste, folgte man ergreifend und konnte dieses ausdrucksstarke Konzert nach längerer Stille nur mit starkem Applaus belohnen.

Mittwoch, 11. Mai 2016

In der Tritonushölle

Liszt-Konzertabend mit der Dresdner Philharmonie

Wenn man einen ganzen Konzertabend einem einzigen Komponisten widmet, so erhält man im günstigsten Fall tiefere Einblicke in das Werk - allerdings auch vergleichslose, denn die Einordnung in die Musikgeschichte muss man sich hinzudenken. Drei Werke aus Franz Liszts produktiven ersten Weimarer Jahren standen am Wochenende auf dem Programm der Dresdner Philharmonie im Schauspielhaus. Zweifelsfrei hört man diesen Werken an, dass der Rastlosigkeit der Jugendjahre eine Art gemessenere Haltung in der Konzentration auf die Thematik folgte, doch erscheinen gerade die Orchesterwerke von Liszt heute eher speziell.

Wenige etwa seiner sinfonischen Dichtungen haben die Zeiten überlebt, "Orpheus" aus dem Jahr 1854 gehört noch zu den am besten gelungensten Exemplaren - bei der Instrumentation einiger dieser Werke ließ sich Liszt von Joachim Raff helfen. Die reizvoll-artifizielle Stimmung zu Beginn veredelten die Philharmoniker mit Horn- und Harfenklang. Am Pult stand die Australierin Simone Young, die schon einige Male in Dresden gastierte und gerade an der Staatsoper Hindemiths "Mathis der Maler" zur Premiere brachte. Sie sorgte in "Orpheus" für eine ruhige, klangschöne Herangehensweise, und kleinere Soli wie etwa das von Konzertmeister Wolfgang Hentrich waren fein in den Gesamtklang eingebettet.

Das folgende Werk bezieht das Klavier ein, und wenngleich die Originalnoten Franz Schubert gehören, wusste Liszt doch die Kunst der Bearbeitung erfolgreich zu nutzen - mit Dutzenden von damals sehr beliebten Transkriptionen sicherte sich Liszt nicht nur finanzielles Auskommen, sondern sorgte auch für die Verbreitung von Schuberts Werk. Dessen C-Dur-Fantasie, später als Wanderer-Fantasie bekannt geworden, erreicht im Schwierigkeitsgrad ohnehin mühelos Lisztsche Sphären - der Kanadier Louis Lortie nahm diese ziemlich gelassen, manchmal gar etwas zu routiniert. Denn die bloße Ausstellung der Perfektion reicht für dieses Werk kaum, und ein Gefühl für Atem und tiefere Ausgestaltung war eben genau das Sahnehäubchen, was dieser an technisch völlig souveränen Interpretation fehlte.

Bleibt die "Dante-Sinfonie", die nach der Pause angestimmt wurde. Hier haben die Philharmoniker mit Simone Young zwar ein starkes Plädoyer für Liszt angestimmt, doch dem vor Äußerlichkeiten und unbeholfenem Tonsatz nur so strotzendem Werk half dies wenig. Faszinierend, wie gut die vielen offen liegenden Einsätze und einstimmigen Passagen gelangen, und wie auch Simone Young mit leidenschaftlichem Einsatz immer wieder zu wunderbar ausmusizierten Passagen unterstützte. Und betrüblich, wie man von sich als Zuhörer dann doch von einem verminderten Akkord zum nächsten hangelt - der von der Empore schallende "Magnificat"-Chor der Damen des Philharmonischen Chores (Einstudierung Gunter Berger) konnte, obwohl mit Kameraunterstützung von der Bühne gut abgenommen und ordentlich gesungen, am Ende kaum Läuterung bringen. Wenn die Hölle wirklich nur aus Tritoni, Tremoli, Motivwiederholungen und von Generalpausen zerhackten Episoden besteht, sollten wir uns für den Himmel anstrengen.

Dienstag, 10. Mai 2016

Nahrung für die Seele

Boston Symphony Orchestra und Andris Nelsons gastieren bei den Musikfestspielen

Er ist einer der aufregendsten Dirigenten unserer Zeit: der 37-jährige Lette Andris Nelsons war im Gespräch für den Chefposten bei den Berliner Philharmonikern, wird ab der Saison 2017/2018 Gewandhauskapellmeister in Leipzig und wird dies mit seiner derzeitigen Tätigkeit als Chef des Boston Symphony Orchestra vereinbaren, mit dem er am Freitag bei den Dresdner Musikfestspielen zu einem umjubelten Konzert in der Frauenkirche gastierte. Nelsons wurde nach dem Konzert mit dem Glashütte Original MusikFestspielPreis ausgezeichnet und spendete die damit verbundenen 25.000 Euro Nachwuchsförderprojekten an seinen Wirkungsstätten in Riga, Boston und Leipzig.

"Es ist meine starke Überzeugung, dass Musik ein fundamentales Recht für die Menschen ist oder Nahrung für unsere Seelen, wie ich es schon oft beschrieben habe.", sagte Nelsons in einer kurzen Ansprache des Dankes. Was er in Boston in nur zwei Spielzeiten an inniger Verbindung aufgebaut hat und wie diese Seelennahrung sich in einer Interpretation Bahn bricht, davon konnten sich das Publikum vorab in der Frauenkirche überzeugen. Mit Gustav Mahlers 9. Sinfonie D-Dur (1910) stand ein monumentales Bekenntniswerk auf dem Programm - da hätte es Max Bruchs "Kol Nidrei" für Cello und Orchester kaum mehr bedurft, das in der Gegenüberstellung wie ein perfekt in Szene gesetztes Stimmungsbild wirkte.

Dennoch konnte man sich am Schönklang laben, den der Solist und Intendant der Dresdner Musikfestspiele Jan Vogler mit dem Orchester und der achtsamen Begleitung durch Nelsons zelebrierte. Da Bruch dem Cello nur spärliche Tupfer im Orchester hinzufügt, hat der Solist viel Freiraum zur Entfaltung. Jan Vogler nutzte diesen nicht zum übertriebenen Sentiment, sondern für sanft daherströmenden Gesang, für den es reichlich Applaus gab. Innerlich umschalten musste man dennoch zwischen den beiden Werken, denn bei solch eingängiger Demonstration melancholischer Melodien würde es nicht bleiben, das weiß jeder, dem das Werk von Gustav Mahler bekannt und lieb ist.

Mit einer Aufführung der 9. Sinfonie huldigt man sicher auch keinem Geschmack oder Entspannungsbedürfnis des Publikums. Vielleicht ist ein nachvollziehender Respekt die beste Beschreibung für Andris Nelsons grundsätzlicher Haltung zu diesem Werk: im großartig ausformulierten 1. Satz tritt der Dirigent quasi gemeinsam mit Mahler einen langen Weg an, der in den Atem nehmenden letzten Passagen des Ersterbens dieses Werkes sein Ende nimmt. Da ist man bereits in anderen Sphären angelangt, und dieser Weg war ebenso faszinierend schön wie abgründig bitter und traurig im Hören nachzuverfolgen. Hatte man sich einmal an die ungewohnte Aufstellung mit wie an der Schnur aufgereihten Bläsern im Altarraum und den Streichern im Kirchraum gewöhnt, so war es vor allem die Intensität der Farben, die immer wieder neu aus der Musik herausschimmerte.

Die präzise intonierenden und auf den Punkt genau zusammenfindenden (was in der Frauenkirche wahrlich für Gäste nicht leicht ist) Musiker nahmen Nelsons mehr zeichnendes als malendes Dirigat vollkommen verstehend ab. Was in den ersten beiden Sätzen sich noch kraftvoll mit den Füßen auf dem Erdboden abspielte, gewann in der Burleske an Transzendenz, aber auch berstender innerer Spannung - eine solche Intensität und Wärme der großen Streicherpassagen im finalen Adagio hat man so wohl noch nie gehört, und von den vielen den Charakter der Musik völlig erfassenden Soli etwa von Flöte, Englisch-Horn und Horn kann man nur ins Schwärmen geraten. Nach den letzten sich in der Kuppel verlierenden Tönen setzte eine lange Stille ein, die man, durch stetigen Satzapplaus eines offenbar unkundigen Publikums gestört, vorher schmerzlich vermisst hatte. Dann aber wurden die Bostoner und ihr Chefdirigent für dieses atemberaubende Musikerlebnis gefeiert.

Sonntag, 8. Mai 2016

Hier habe ich gelernt, was Musik ist

Herbert Blomstedt zum Ehrendirigenten der Sächsischen Staatskapelle Dresden ernannt - Reger und Beethoven im 10. Sinfoniekonzert

47 Jahre ist es her, dass der Schwede Herbert Blomstedt zum ersten Mal am Dirigentenpult der Sächsischen Staatskapelle Dresden stand. Daraus wurde eine bis heute reichende, intensive Beziehung, bei der Blomstedt 1975-85 als Chefdirigent wirkte. Der 88-jährige Dirigent hat die Kapelle in schwieriger Zeit geprägt, er selbst merkte am Donnerstag bescheiden an "Hier habe ich gelernt, was Musik ist." In seiner Laudatio charakterisiert Bernward Gruner, Orchestervorstand und seit 1979 als Cellist Mitglied der Staatskapelle, Herbert Blomstedt wie folgt: "In großer Gründlichkeit, mit überschäumender Liebe zur Musik und stets sehr achtungsvoll im Umgang mit den Musikern und dem Publikum gingen Sie zu Werke. Sie setzten künstlerisch und menschlich Maßstäbe, die unter keinen Umständen unterschritten werden konnten."

Die Ernennung zum Ehrendirigenten - Blomstedt ist der zweite Dirigent nach Sir Colin Davis, dem diese Auszeichnung zuteil wird - nach dem 10. Sinfoniekonzert in der Semperoper begleitete das Publikum mit stehenden Ovationen. Es war ein sehr emotionaler Moment, als Blomstedt zum Dank ansetzte: "Mein Herz hat zwei Kammern, es sind zu wenige. Ich möchte im meinem Herzen viel Platz für die Freunde und Erinnerungen in Dresden haben". Blomstedt dankte dem Publikum explizit auch für die bewegende Stille in den Aufführungen, die er spüre. "Halten Sie an dem Orchester fest, dass es gedeiht", verabschiedete sich Blomstedt unter herzlichem Beifall. Diese Stille, unter der Musik besondere Spannung gewinnt, war zuvor auch das bestimmende atmosphärische Element im Sinfoniekonzert.

Mit der Aufführung von Max Regers Klavierkonzert f-Moll, Opus 114 gelang eine besondere Ehrung zum 100. Todestag des Komponisten. Keineswegs ist dies ein populäres, gleich beim ersten Hören eingängiges Stück, und es braucht dafür versierte Protagonisten wie Blomstedt und den amerikanischen Pianisten Peter Serkin, Sohn des Pianisten Rudolf Serkin, der das Reger-Konzert schon 1922 mit Furtwängler aufgeführt hat. Vor allem die klare Charakterisierung der drei Sätze des Werkes kam dem Erfolg der Interpretation zugute. Peter Serkin machte sich mit kühler Konzentration an den monströsen Klavierpart und schaffte es nach kurzer anfänglicher Nervosität, der düsteren f-Moll-Welt des 1. Satzes mit Klängen den höchst intimen, von irritierender Verlorenheit (und Bach!) geprägten Mittelsatz entgegenzusetzen, bevor der Ausklang in der Reger-Welt im vorsichtigen Scherzando-Charakter gelang - immer von Blomstedt und dem Orchester mit viel Sinn für die verschlungene, reizvolle Polyphonie achtsam begleitet.

Diesem grüblerischen Schwergewicht die 7. Sinfonie A-Dur von Ludwig van Beethoven gegenüberzusetzen, macht Sinn, weil der Lebensentwurf diese Werkes dann wieder Hoffnung verschafft. So leuchtete aus Herbert Blomstedts Interpretation nach einer gemessenen, aber im Charakter vollkommen definierten Einleitung des dann kraftvoll auffahrenden 1. Satzes im attaca angesetzten Allegretto Zuversicht im Sinne eines "es muss sein". Wenn man diese im 4. Satz mit von spannungsgeladenem Zug im Tempo und strahlend-hellem Kapellklang geprägte Deutung trotzdem entspannt nennen darf, so betrifft dies vor allem eine diesseitige, von tiefem Respekt vor der Musik und sich stets erneuerndem Enthusiasmus geprägte Haltung, für die Herbert Blomstedt steht - herzliche Gratulation dem Ehrendirigenten!

Samstag, 30. April 2016

Wild

Offenbar ist 2016 nicht unbedingt mein Jahr des Kinos, erst zum zweiten Mal habe ich in dorthin gefunden. Man könnte auch sagen, das Kino hat mich erst zwei Mal gefunden, denn natürlich lese ich viel über neue Filme, aber kaum etwas spricht mich an, so dass ich in meinem Notizbuch nur eine spärliche LUF (Liste ungesehener Filme) führe. Doch "Wild" (Heimatfilm Produktion) sprang mich an, als ich durch Zufall davon las - er schien sofort zu sagen, hier, komm, das ist dein Film. Nicolette Krebitz (Bandits, Jeans, Tatort) war mir ein Begriff und ich konnte daher zumindest vermuten, dass der Film sich nicht lange bei einer "Faszination Wolf" im National Geographic Style aufhalten würde.

Ich lag richtig. Ania (Lilith Stangenberg) ist eine Mittzwanzigerin im IT-Business, die aber - aus welchen Gründen, verrät der Film nicht - ein etwas vereinsamtes, von Sehnsüchten geprägtes Leben im Plattenbauviertel führt, sie hat sich offenbar länger schon nach innen zurückgezogen, ein Lächeln erscheint selten in ihrem Gesicht. Auf ihrem Arbeitsweg sieht sie am Rand eines Wäldchens eines Tages einen Wolf. Und ab diesem Zeitpunkt ist nichts mehr, wie es vorher war. Nahezu in der Stimmung einer großen ersten Liebe, die unglaubliche Kräfte, aber auch irrationale (das Wort ist im Filmzusammenhang mit Vorsicht zu genießen) Wünsche freisetzt, beschließt sie, fortan mit dem Wolf zu leben.

Dafür verwandelt sich ihre Wohnung in einen "Bau", und da müssen Job, Gewohnheiten und zwei Kaninchen dran glauben. Was sich aber ab der ersten Begegnungsszene auftut, bleibt in Krebitz Regie intensiv, der Film ist ein stiller Thriller, der gottseidank nicht zu sehr in Absurdität oder Horror driftet, allerdings auf dem 20.15-Sendeplatz auch nicht zu finden sein dürfte, denn Krebitz Szenen sind wuchtig und direkt. Als Zuschauer erliegt man sehr bald dem Filmtitel - es ist wirklich "wild", was sich da abspielt. Ania 'verwolft', verwildert, steigt nach und nach aus der Zivilisation aus, die auch im Film kaum noch eine Rolle spielt - der Ex-Chef erleidet das Schicksal, nicht im 2er-Rudel geduldet zu sein, die Wohnung ist bald kein Ort zum Leben mehr, eher zum Vegetieren.

Also geht es hinaus - ja, in eine Form von Freiheit, die Krebitz aber auch nicht unkommentiert läßt (was ich nicht wörtlich meine, der Film lebt vom Bild und vom Ausdruck, nicht vond er Sprache, die sehr spärlich eingesetzt ist), denn die Ver-rücktheit der Dinge zeigt sie mit dem Kamerablick noch, als Wolf "Nelson" (der komplette Film wurde mit einem echten Wolf eines ungarischen Tiertrainers gedreht, das Rudel war bei den Drehs stets dabei) mit ihr an der Leine - nicht umgekehrt - durch den Tagebau in Sachsen-Anhalt hetzt.

Der Film hinterläßt mich einigermaßen sprachlos, wenngleich ich ihn hier natürlich beschreiben kann, aber es ist auch sehr schwierig, ihn zu bewerten, da jede Form von Kritik im Pool der Irritation landet, den Krebitz hier sehr raffiniert anlegt. Dafür hat sie auch eine grandiose Hauptdarstellerin gefunden, die 27-jährige Lilith Stangenberg bricht von der ersten Minute an die Distanz zum Film oder Thema völlig auf. Wer idealisierende Tier-Menschelei im Kino sehen möchte, lasse den Film besser aus. Näher liegt "Wild" beim Thema 'Tier im Mensch', wobei am Ende auch die Frage stand, ob eine männliche Sicht auf das Thema genau so oder anders ausfallen würde.




Mehr zum Film:
* "Die mit dem Wolf wohnt" - Dkultur Audio
* "Wölfe kommen überall hin", Rezension Süddeutsche
* Schnuppern, Kratzen, Lecken - Zeit Online

Kein Nachwürzen notwendig

Alison Balsom und die Dresdner Philharmonie in der Frauenkirche

Mit Kompositionen aus Barock, Wiener Klassik und dem 20. Jahrhundert in der Notentasche machten sich die Dresdner Philharmoniker am Sonnabend auf zum Gastspiel in der Frauenkirche. Trotz der verschiedenen präsentierten Epochen gelang ein eingängiger, nicht sonderlich kontrastreicher Konzertabend unter dem Titel "Trompete und Orchester", bei dem die Britin Alison Balsom gleich zwei Mal solistisch zu erleben war.

Sie gilt weltweit als eine der führenden Trompeterinnen in der Klassik-Szene und begeistert mit ihrem wunderbaren Ton ebenso wie mit einem breiten Repertoire. Für ihr Gastspiel in der Frauenkirche wählte Balsom den Trompetenklassiker schlechthin, das Konzert Es-Dur von Joseph Haydn - dieses allerdings war auch bei einem Auftritt 2012 am selben Ort schon im Programm. Im Raum der Frauenkirche entfaltet sich ein Trompetenton recht mühelos, und so konnte Balsom hier viel Augenmerk auf die Ausgestaltung der Töne verwenden. Virtuoses gelang ihr ebenso selbstverständlich und schwerelos wirkend wie der strömende Klang des Instrumentes im langsamen Mittelsatz.

Diese absolute Souveränität erzeugte aber doch einige Male den Eindruck eines fertigen Essens, an dem es schlicht nichts mehr nachzuwürzen gibt. Der Aperitif zu Beginn des Konzertes war eine Trompeten-Adaption eines Violinkonzerts von Giuseppe Tartini. Diese Musik hingegen war in der problemlosen Einlösung aller Erwartungen, die man vom Meister der Musikschule in Padua - damals ein Violin-Mittelpunkt der Welt - haben konnte, recht flau. Die reine Virtuosenmusik ist zwar auf der Trompete einigermaßen trickreich zu bewältigen, aber in der kurzatmig-konventionellen Anlage wird auch keinerlei Anspruch für den Zuhörer verlangt.

Der "gefällige Charakter" wurde Tartini schon damals von Johann Adam Hiller bescheinigt, und große Unterhaltung gelang im Barock eben durch Kunstfertigkeit und im Falle von Tartini - "Teufelei", nur dass der Diabolus hier kaum einmal vor der Vorhang treten wollte. Den Teufel muss auch Igor Strawinsky geritten haben, folgt man Theodor W. Adornos Äußerungen zu "verbrauchten Klängen" und "vertrottelten Figuren" - letzteres wohl auf sein 1920 entstandenes Ballett "Pulcinella" bezogen. Wie zauberhaft Strawinskys Adaption der Pergolesi-Musik aber allem Theoretisieren widersprechen mag, zeigten die Philharmoniker, die in den Trompetenkonzerten übrigens die Solistin wunderbar tragend begleitet hatten, in der Mitte des Konzertes mit ihrer plastischen, von vielen Solisten im Orchester angeführten Interpretation der "Pulcinella"-Suite.

Erstaunlich war, wie filigran die Tanzsätze in der kleinen Besetzung im Kirchenraum wirkten - Michael Sanderling hatte seine Musiker auf eine gute Balance eingeschworen und die dynamische Abgrenzung der jeweiligen Solisten von wunderbar trocken vorgetragenen perkussiv-rhythmischen Effekten und harmonischem Begleitmaterial gelang hervorragend, so dass die Melodieträger der einzelnen Nummern glänzen durften.

Nach nur einer knappen Stunde war das kompakte und gefällige Konzert in der Frauenkirche beendet, und Alison Balsom bedankte sich für den Applaus mit "Syrinx" von Claude Debussy, 1913 im Original für die Querflöte entstanden. Erst hier landete man - viel zu kurz - in einer von Emotion stärker durchdrungenen Welt, in der auch die menschliche Imperfektion sympathisch aufblitzen durfte.
(25.4.)

Gemeinsam empfunden

Collenbusch-Quartett im Kammerkonzert der Dresdner Philharmonie

Das Streichquartett galt und gilt für Komponisten immer als besondere Herausforderung - nicht nur, weil man im Schatten der Musikgeschichte mit unerreichbaren Größen auf diesem Gebiet konfrontiert ist. Der spezielle Ensembleklang der vier Streichinstrumente inspiriert und läßt viele verschiedene Klangwelten zu. Drei Beispiele höchst unterschiedlicher, aber in der Einzelbetrachtung großartiger Werke dieses Genres stellte das Collenbusch-Quartett im Kammerkonzert der Dresdner Philharmonie am Mittwochabend auf Schloss Albrechtsberg vor.

In Ludwig van Beethovens reichem Quartettschaffen wirkt das Quartett c-Moll, Opus 18 Nr. 4 wie ein Brückenwerk zwischen den Zeiten. Der kraftvolle Eingangssatz bietet eine derartige Emphase, dass die nachfolgenden Sätze leichter ausfallen müssen, und so kommt es auch: ein "Scherzoso" grüßt deutlich Joseph Haydn, ein Menuett träumt sich in Mozart-Welten. Im Finale zeigen unverkennbare Wendungen, dass das letzte Wort für Beethoven noch nicht gesprochen ist. Das 2012 gegründete, nach dem Dresdner Kunstliebhaber und Mäzen Friedrich Adolph Collenbusch (1841-1921) benannte Quartett mit Cordula Fest und Christiane Liskowsky (Violine), Christina Biwank (Viola) und Ulf Prelle (Violoncello) überraschte hier schon mit einem zumeist schlanken und lyrisch geführten Gesamtklang, bei welchem nicht das Individuum auftrumpfte, sondern einmal eingeschlagene Wege des Ausdrucks sich natürlich von einem Instrument zum anderen fortsetzten.

Gespannt war man dann auf das Quartett "Black Angels" des US-Amerikaners George Crumb (*1929) aus dem Jahr 1970, das in Reflektion auf den Vietnam-Krieg entstanden ist und Vergangenes und Gegenwart ebenso schonungslos beleuchtet wie Abgründe der Menschheit. Unstrittig ist, dass die unchiffrierten, nackten Klänge und mit Zusatzinstrumenten erzeugten Geräusche des elektrisch verstärkten Quartetts die Hörer sofort erreichen. Dem steht eine gewisse Kleinteiligkeit der Komposition entgegen, die den klanglichen Schrecken manches Mal doch zur Episode erniedrigen, trotzdem weitet sich der Bilderbogen von Kapitel zu Kapitel, und der dritte Teil wartet dann mit einer Art Erlösung auf, wobei sich das Gefühl der Fragilität bis zum Ende selbst beim Erreichen von Dur-Klängen auf einem Gläserspiel nicht wirklich auflöst.

Das Collenbusch-Quartett widmete sich dem Werk von Crumb mit hoher Aufmerksamkeit gerade für die gebrochenen, im Zerbrechen befindlichen oder an deren Grenze schrammenden Klänge, so dass man eher einer Faszination des Klangsinns erlag, weniger der Wucht des klagenden Ausdrucks. Quasi als Bestätigung dieses Höreindrucks schloss das Collenbusch-Quartett das abwechslungsreiche Konzert mit dem 1903 entstandenen Streichquartett von Maurice Ravel ab - hier kam es noch stärker auf ein gemeinsam empfundenes Klangbild an, das nun mit dem Gefühl des "Danach" von Beethoven und Crumb gehörig an Tiefe gewann. Die leichte Melancholie und der wogende Klang eines Mezzopiano lag wie ein Schimmer über den ersten drei Sätzen. Diese pastellene Farbe übertünchte auch manche im Werk liegende himmlische Länge, und schließlich wartete da auch noch ein Finale, das den Zuhörer mit seiner kraftvollen Brillanz - und vom Quartett dennoch mit leichter Finesse interpretiert - positiv gestimmt in den Abend entließ.
(24.4.)

Im Wechselbad der Emotionen

Uraufführung von Torsten Raschs Violinkonzert "Tropoi"

Auch wenn in Jahresfrist der neue Konzertsaal im Kulturpalast das Reisen der Dresdner Philharmonie in der Stadt beenden wird, sind die Musiker hier in der Kreuzkirche seit Jahrzehnten konstanter Partner des Kreuzchors in Oratorienaufführungen und gestalten in der Kreuzkirche eigene Konzerte aus. Das Konzert am Sonntag war nicht nur deswegen eine wichtige Bereicherung der Festwoche zum 800-jährigen Jubiläum von Kreuzchor, Kreuzschule und Kreuzkirche.

Auf dem Programm stand zudem eine Uraufführung eines ehemaligen Kruzianers: Torsten Rasch (*1965) sang bis 1983 im Kreuzchor und studierte dann an der Musikhochschule Dresden. Seine musikalischen Spuren hinterläßt er nach einem bis 2005 währenden Japan-Aufenthalt in den letzten Jahren auch dank wertschätzender Auftraggeber mehr und mehr wieder in Sachsen - erst im letzten Jahr dirigierte Milko Kersten in Chemnitz sein großes Oratorium "A Foreign Field". Der Erste Konzertmeister der Dresdner Philharmonie, Wolfgang Hentrich, wünschte sich schon lange ein Violinkonzert von Torsten Rasch, und das wurde nun Wirklichkeit. Es bedeutete für Hentrich ein gehöriges Stück - willkommene - Arbeit, denn das am Sonntag uraufgeführte Werk "Tropoi" hat es in sich.

Schon während der ersten mit großer Intensität ausgeführten Takte des Solisten wurde aber klar, dass das neue Stück in versierten, guten Händen gelandet ist - Hentrichs starkes und stetiges Engagement für neue oder am Rand des Repertoires stehende Konzerte ist bekannt. Leider erfuhr das Publikum im Programmheft nahezu nichts über das neue Werk, so wurde man also Ohrenzeuge der Musik selbst - und da hat Torsten Rasch eine so unverwechselbare klare und dennoch komplexe, dichte Musiksprache, dass es der Worte gar nicht benötigt. Aus höchsten Höhen steigt das Konzert herab in eine für dieses Werk explizit und einzigartig geschaffene Klangwelt, in der sich verschiedene Zustände und Entwicklungen organisch verflechten - worüber Wolfgang Hentrich mit dem Soloinstrument nahezu permanent kommentierend, initiierend oder reflektierend agiert, Energie hinzufügt oder herausnimmt. S

o befindet man sich als Zuhörer in diesen vier Sätzen auf einer in vielen Farben schillernden Reise, erlebt emotionale Wechselbäder, wenn Rasch etwa mit vollkommener Instrumentierung irrwitzig melancholische Farben im 3. Satz hervorzaubert. Diesen Satz hatte Hentrich zuvor mit einem wunderbar gesanglichen, doch eben ganz erfundenden oder fast besser: gefundenen Solo eingeleitet. Die Anklänge an die Tradition in diesem Werk stören nicht, sie bereichern, lenken die Gedanken auf Vergangenes, deuten es neu und das auf einer Sekunde leise auspendelnde Ende erscheint ebenso als rhetorische Figur: es geht weiter, Musik hat eigentlich niemals ein Ende.

Für die sich absolut dem Werk hingebende, spannungsvoll atmende Interpretation von Wolfgang Hentrich gab es ebenso starken, verdienten Applaus wie für den Komponisten selbst - und natürlich für den jungen britischen Dirigenten Leo McFall, dessen Debut bei der Dresdner Philharmonie mit einer so in allen Belangen konzentriert umgesetzten Weltpremiere ein Achtungszeichen ist. Vielleicht hatte man sich wegen dieses großen neuen Werkes im Mittelpunkt des Konzerts für ein augenscheinlich "leichteres" Rahmenprogramm entschieden.

Franz Schuberts Ouvertüre zur Oper "Die Zauberharfe" ist ein sinfonisches Überbleibsel eines ansonsten vergessenen Werkes, hat aber durchaus Raffinement. McFall bemühte sich hier sehr um Deutlichkeit im schwierigen Kirchraum, trotzdem war die Homogenität der Philharmoniker hier einige Male gefährdet. Die Abstimmung fehlte leider auch ein wenig im 1. Satz der abschließend dargebotenen Sinfonie Nr. 98 B-Dur von Joseph Haydn. Doch McFall gab der Leichtigkeit mehr und mehr Raum zur Entfaltung, und so gab es in dieser 1792 entstandenen "Londoner Sinfonie" dann viele fein ausmusizierte Bläserpassagen, ein insgesamt schlankes Klangbild und ein schmissig hingelegtes, munteres Finale zu bewundern.
(19.4.)

Dienstag, 19. April 2016

Traum CXX

zweiteilig. Beim ersten bin ich Zeuge eines Zugunglücks. Ein Intercity, der schon mit derangierten und zerstörten ersten drei Wagen an mir vorbeifährt, kann die Spur nicht mehr halten und kippt nach rechts auf eine unter dem Damm liegende Straße. Es folgt ein Nostalgiezug, der TEE, der aus mir unerfindlichen Gründen ebenfalls an derselben Stelle umkippt. Der Traum ist recht klar, ich koordiniere danach Helfer und leite sie zum Bahndamm. Später sehe ich mir die Szenerie an und sehe auch noch eine Dampflok, die dort hineingefahren ist. Weniger als Horror und Realismus ist es eher ein surrealer Traum, ich habe keinen Kontakt zu Menschen und nehme das Unglück auch nicht als solches wahr.
Zweiter Teil: ich spreche mit einer berühmten Komponistin in einer Art Interview. Sie ist alt und sitzt aufrecht in ihrem Bett, erzählt über ihr Leben und die Musik. Ich sitze in gleicher Haltung in einer Art Beistellbett, das viel kleiner ist (ich offenbar auch). Mehr weiß ich davon nicht mehr, lediglich, dass das Gespräch sehr gut und intensiv gewesen sein muss.

Freitag, 15. April 2016

Traum CXIX

(nach mehreren traumlosen Wochen)
Meine Mutter stirbt im Traum noch einmal, diesmal zu Hause in W., oben auf dem Schrank liegt der Notizblock mit der Medikation, sie hatte ihre Medikamente zuvor noch genommen, lese ich. Es ist keine Atmosphäre von Drama oder Trauer, eher eine sachliche Begutachtung der elterlichen Wohnung, mit dem Stiefvater auf dem Sofa, der still und aufrecht in einer Ecke sitzt, dem Interieur, Regalen und Tischen in der Küche, die ich so auch zum ersten Mal seit der Kindheit wieder wahrgenommen habe. Ins Ohr schleicht sich das Finale aus Mahlers 8. Sinfonie. Im Aufwachen gegen kurz vor 6 stelle ich fest, dass es nicht nur der neunte Todestag meiner Mutter ist, sondern auch die Todesstunde.

Dienstag, 12. April 2016

Ein starkes Statement

Deutsche Erstaufführung der "Mesopotamia Symphony" von Fazıl Say mit der Dresdner Philharmonie

Dass ein Konzert mit der klassischen Folge Ouvertüre-Konzert-Sinfonie eine Vielzahl an unterschiedlichen Emotionen aufwirft und man am Ende bewegt vor dem Ergebnis steht, ist ein seltenes, unbedingt zu begrüßendes Erlebnis. Dabei muss nicht einmal eine völlige Identifikataon mit Werk oder Interpret erfolgen, denn schon eine auch kontrovers führbare Auseinandersetzung mit der Musik darf als Erfolg von intensiv musizierten Aufführungen gewertet werden. Intensität war beim Albertinum-Konzert der Dresdner Philharmonie am vergangenen Wochenende der Schlüssel, der Türöffner zu musikalischen Welten, die schroff aufeinanderprallten und dennoch zur Inspiration einluden.

Da war der schöne Beethoven-Klang des Orchesters in der "Egmont"-Ouvertüre, bei dem man gleich aufhorchte - Michael Sanderling hat die schlanke, flexible Spielkultur für Beethoven in der letzten Zeit derart geschliffen, dass auf dieser Basis hochinteressante Interpretationen möglich werden. Hier war bemerkenswert, dass Sanderling in der kurzen Ouvertüre bei allem Energiestrom Raum für die melodische Entfaltung gab - das war eigentlich in der Summe zu schön, um wahr zu sein.

Vom f-Moll der Ouvertüre ging es in die fast noch düsterere Atmosphäre des c-Moll im 3. Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven. Von hier an gab der türkische Pianist und Komponist Fazıl Say den Ton an und schuf eine vom ersten bis zum letzten Ton hochemotionale, für manchen Hörer vielleicht auch ungewohnte Interpretation, die Beethoven beim Wort nahm - nicht im Sinne einer demonstrierten Perfektion, sondern in unbedingtem, persönlichem Ausdruck, der in der Aufführung gemeinsam mit dem Orchester entwickelt wird, sich Bahn bricht. Say war auch in den Pausen präsent, vergrub sich regelrecht vor den Tasten und fand für jeden der drei Sätze eine spezielle, klar ausgeführte Charakteristik.

Selten hat man den 2. Satz mit einer derartigen Einsamkeit umwoben gehört, und auch die schon kompositorisch ringende Unentschiedenheit der Ecksätze wurde durch Says rhythmisch achtsame Phrasierung und durch eine mit Beethoven rustikal ins Gespräch kommende eigene Kadenz bedeutungsvoll. Mit seinem eigenen Klavierstück "Black Earth" als Zugabe kostete Fazıl Say erneut Emotionen von Verlust und Einsamkeit (das Stück ist inspiriert von einem bekannten türkischen Song des Dichters Asik Veysel) aus und verwandelte den Steinway-Flügel mit Abdämpfung der Saiten in ein exotisch anmutendes Instrument.

Von solchen Klangmalereien gab es nach der Pause in Fazıl Says "Mesopotamia Symphony", die als deutsche Erstaufführung erklang, reichlich. Das 2012 in Istanbul uraufgeführte, für eine sehr große Orchesterbesetzung instrumentierte Werk hat nicht nur epische Ausmaße (und leider auch im Albertinum als grenzwertig empfundene Phonstärken), es ist ein Bekenntniswerk besonderer Art, formuliert doch der Ausnahmekünstler Fazıl Say hier in einer fasslichen, dennoch sehr eigenen Musiksprache Gedanken zu seiner Heimat in Musik, die hier nicht in Worte rückübersetzt werden müssen.

In seiner Musik findet Fazıl Say nicht nur Unterschlupf, sondern auch eine universell verstehbare Sprache, die Licht und Schatten der Welt künstlerisch betrachtet, und auch von Wut und Schmerz kündet. Diese Auseinandersetzung führt Say hier in zehn Sätzen ohne Visier, mit plastischen klanglichen Mitteln, die am ehesten an die cineastische Gewalt der Sinfonik von Dmitri Schostakowitsch erinnern. Die stärksten Momente hatte die "Mesopotamian Symphony" in kammermusikalischen Passagen mit versierten Solisten am Schlagzeug (Aykut Köselerli), Bassblockflöte (Cagaty Akyol), Bassflöte (Bülent Evcil) und am Theremin (Carolina Eyck) - vor allem letzteres hört man selten in einem Orchesterkonzert und der Fertigkeit der von Carolina Eyck war es zu verdanken, dass sich das elektronische Instrument sehr überzeugend mit den anderen Flöten-Instrumenten zu einem großen Gesang verband.

Es stimmt nachdenklich, wenn einem auffällt, dass der im Altertum geprägte Begriff Mesopotamien im Sinne einer Kulturlandschaft im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris heute das einzige scheint, was in sich die Hoffnung des Gemeinsamen, des Friedlichen in sich birgt. Davon künden auch die Lieder, die Fazıl Say in seiner Sinfonie zitiert - es ist ein Kulturschatz, den Say dem Vergessen entreisst und gleichzeitig wird im Singen selbst eine Trauer gegenwärtig. Für dieses starke sinfonische Statement, für das sich das Dresdner Philharmonie mit Chefdirigent Michael Sanderling eindrücklich einsetzte, erhielt Fazıl Say am Ende stehende Ovationen des Publikums.
(11.04.16)

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