Donnerstag, 16. Juni 2016

Traum CXXI

Seit gefühlter Ewigkeit traumlos. Heute dann im Orchester das zweite (!) Kontrafagott in Haydns "Schöpfung" gespielt, ich saß am Rand der Bläser, die anderen Fagottisten viel weiter links. Zusammenbau von Fagott und Kontrafagott während der Probe, einen vernünftigen Ständer hatte ich auch nicht, dann kam mein Einsatz und ich war eine halbe Note zu früh. Missbilligung von allen Seiten, Traum an dieser Stelle auch zu Ende.

Aus dem Poesiealbum gefallen

Sergej Newski im Porträt bei "Komponisten zum Frühstück"

Ein gutes Sonntagsfrühstück sieht so aus: Brötchen, Ei, Butter, Marmelade, Komponist. Komponist? Exakt - man setze Publikum an eine vorbereitete Tafel und reiche neue Musik zum Kaffee. Wer sich das nicht vorstellen kann, sollte unbedingt ein Konzert der Reihe "Komponisten zum Frühstück" des ensemble courage besuchen - die vierte Runde fand am Sonntag im Festspielhaus Hellerau statt.

Auf der Empore mit den großen Fenstern gelang der Start in den Sonntag akustisch wie kulinarisch opulent und dass statt der Sonntagszeitung oder dem Gottesdienst aus dem Rundfunk neue Musik die "Beilage" bildet, ist eine höchst angenehme Art, sich neben dem Bekannten (Brötchen mit Käse) auch das Unbekannte (russische Poesiealben) zu erschließen. Diesmal war Sergej Newski zu Gast - der in Berlin lebende, 1972 geborene russische Komponist hat unter anderem in Dresden an der Musikhochschule bei Jörg Herchet studiert und hinterließ seitdem immer wieder musikalische Spuren in der Stadt.

Die Musiker des ensemble courage kennen seine Handschrift seit vielen Jahren und dementsprechend vertraut ging es im Frühstückskonzert zu. Vier kürzere Stücke wurden ausgewählt, nach denen man durchaus behaupten durfte, Newski nun zu "kennen", denn im Gespräch mit Moderator Wolfgang Lessing kamen auch besondere Interessen des Komponisten, gar rote Fäden in seinen Werken heraus. So hatten alle Stücke etwas für den Hörer Offenes zu bieten, mit dem man sich beschäftigen konnte - in "Lamento Traffic" war dies eine Vorlage von Henry Purcell, die in ihrem Ausdrucksgehalt und ihrer barocken Natur von Ornamentik und Improvisation fragmentiert hervortrat und daher wie ein Konzentrat wirkte.

Vordergrund und Hintergrund, Oberfläche und Tiefe bilden oft Säulen der Partituren von Newski. Ein In-sich-Hineinhören war ein autobiografischer Aspekt von "Rift", dem zweiten Stück, bei dem Violine, Bassklarinette und Klavier zwar wenig Gemeinsames im Sinne eines Trios ausgestalteten, aber sich gleichberechtigt und körperartig in der Zeit bewegten und dem Hörer die Zusammensetzung überließen. Wie vielgestaltig und auch überraschend Newski Ideen zu einem Musikstück zu fassen vermag, zeigten die "Altérations" für vier Instrumente - ein monotones Stück aus der Perspektive eines "buddhistischen Plattenbaus", das Newski als "sehr russisch" bezeichnete: es ändert sich nichts.

Solcher Hintersinn geriet in der Ausführung durch das durchweg kompetent agierende ensemble courage sehr überzeugend. Das wahrlich im Wortsinn nervige, aus Nerven bestehende Stück verleugnete aber auch nicht eine im Untergrund bohrende Stimme, wenn das Cello in dieser Umgebung weltfremd wirkende, zerbrechliche Terzen hinzufügt. Zum Finale des Frühstücks trat die Performerin und Sängerin Natalia Pschenitschnikova hinzu und gestaltete mit courage einen wahrhaft launigen Ausklang: "Rules of Love" heißt ein Zyklus, in welchem Newski Texte von Sergey Borissov verarbeitete: Mädchenlyrik, die aus Poesiealben gefallen scheint, wird hier mit etwas dickerem Pinsel volkstümlich oder -tümelnd, aber auch mit einem schönen Zug ins Absurde vorgestellt. Zwischen all dem "Er liebt mich"/"Er liebt mich nicht" fällt Newskis Insistieren auf Rhythmen und Gesangsmotiven auf, das den Liebeskram zuweilen an der Gurgel zu packen scheint - womöglich ist Liebe am Ende doch (noch) ein ernstes Thema? Darauf noch einen Kaffee!

-> ensemble courage
-> Sergej Newski

Südländisches Flair

Sommerkonzert von "medicanti" in der Kreuzkirche

Seit 30 Jahren verzaubert ein seit längerer Zeit schon in großer sinfonischer Besetzung antretendes Laienorchester die Zuhörer in der Stadt - und die Fangemeinde ist so gewachsen, dass die halbjährlichen Sinfoniekonzerte mühelos das Kirchenschiff in der Kreuzkirche füllen. So auch am vergangenen Sonntag, als "medicanti", das Orchester an der medizinischen Fakultät der TU Dresden dort ihr Sommerkonzert gaben, und das war auch programmatisch sehr sommerlich gestaltet und bildete so einen Kontrapunkt zu dem vor der Kirchentür eher nass-unfreundlichen Wochenendabschluss.

Mit Ouvertüren und Konzertstücken von Verdi, Puccini, Tschaikowsky und Rossini wies das Programm - mit russischem Gastspiel, aber kaum weniger mediterran anmutend - eindeutig nach Italien. So ein Strauß bunter Melodien darf indes nicht unterschätzt werden - in den Ouvertüren muss schnell zwischen den Charakteren gewechselt werden, damit die jeweilige Oper im Schnelldurchlauf plastisch vor den Ohren entsteht. Manches Solo ist dabei technisch so anspruchsvoll, dass es auch gerne einmal im Probespiel verlangt wird.

Kein Problem jedoch für die "medicanti": Dirigent Wolfgang Behrend hatte die Musiker sehr gut auf die Herausforderungen vorbereitet, so dass Giuseppe Verdis Ouvertüre zur Oper "Die Macht des Schicksals" nach den drei Bläsersignalen sofort ihre dramatisch-vorahnende Stimmung erhielt. Zu einem Pasticcio fügte Behrend vier Stücke von Giacomo Puccini zusammen, davon zwei Intermezzi aus den Opern "Manon Lescaut" und "Suor Angelica", letzteres war in der gemeinsam eingefangenen melancholischen Stimmung ein Höhepunkt des Konzerts, ersteres hätte noch einen Tic mehr Dramatik vertragen.

Selten zu hören sind die Puccinis reine Orchesterwerke "Preludio Sinfonico" und "Capriccio Sinfonico", die aber in dieser Zusammenstellung gut wirkten, das letztere war auch durchaus umfangreicher in den Aufgaben - ein später in "La Bohéme" verwendetes Fragment blitzte auffällig heraus. Sehr überzeugend war aber hier, wie harmonisch und aufmerksam alle Orchestergruppen die Stücke angingen: Behrends klare Fingerzeige vom Dirigentenpult waren eindeutig und die medicanti begnügten sich keineswegs mit der puren Bewältigung der Partituren, sondern drangen tief in die Gestaltung ein - es war eine Freude, dieser südländischen Lebendigkeit zu folgen.

Merkwürdigerweise war diese ausgerechnet bei Peter Tschaikowskys Rom-Studie "Capriccio Italien" kurzzeitig verflogen, denn hier waren die Phrasierungen plötzlich steif, das Stück wollte bei aller Ordentlichkeit des Musizierens nicht in Fluß geraten. Trotzdem fanden die Ohrwürmer dieses Werkes ihre begeisterten Fans und das Konzert klang mit der wunderbar empfunden und dann auch wieder spritzig dargebotenen "Wilhelm Tell"-Ouvertüre von Gioachino Rossini passend aus, wobei hier die Cellogruppe (Solo Tim Wagner) und die Soloflöte (Barbara Flach) besonders brillierten.

Unbedingt vormerken sollte man sich das nächste Konzert der medicanti am 29. Januar 2017 - mit Anton Bruckners 9. Sinfonie und der "Unvollendeten" von Franz Schubert hat man sich Großes vorgenommen.

http://medicanti.de/

Skandinavischer Akzent mit viel Emotion

Vilde Frang und Santtu-Matias Rouvali gastieren bei der Dresdner Philharmonie

Die Karriere junger, hoffnungsvoller Instrumentaltalente in der klassischen Musik ist heutzutage von vielen Faktoren abhängig - oft kommt es auf die richtigen Kontakte zur richtigen Zeit an. Der 29-jährigen, in Oslo, Berlin und München ausgebildeten norwegischen Geigerin Vilde Frang hat Anne-Sophie Mutter als Mentorin vermutlich vor allem vermittelt, dass man seinem eigenen Können und seinen Stärken vertrauen sollte. Nicht anders ist das aufregende Gastspiel zu erklären, das Vilde Frang am Sonnabend mit der Dresdner Philharmonie in der Frauenkirche gab.

Das populäre Violinkonzert von Erich Wolfgang Korngold ist nur bei erstem Hinschauen ein Selbstläufer - dem kompositorischen Wunderknaben flossen auch im amerikanischen Exil die Melodien nur so aus der Hand. Doch gerade die Charakterzeichnung dieses Werkes ist anspruchsvoll, zudem dem mit Finessen gespickten Solopart eine farbig schillernde Orchesterbegleitung beigegeben ist, die Dialoge wollen erst einmal zusammengesetzt sein. Vilde Frang ging das Konzert durchaus kompromisslos an: Emotionales, vom Körper natürlich getragenes Spiel stand ohne Frage bei ihr in allen drei Sätzen im Vordergrund. Das führte zu einer von Hochspannung getragenen, gut beherrschten Interpretation im ersten Satz und zu traumhaft schönen Momenten vor allem im zweiten Teil des zweiten Satzes.

Äußerst vorsichtig begleitete die Dresdner Philharmonie unter Leitung des Finnen Santtu-Matias Rouvali die Solistin - das war auch notwendig, denn Vilde Frang überraschte einige Male mit freier, flexibler Gangart und zog vor allem im dritten Satz das Tempo derart an, so dass nicht nur die Philharmoniker flott schalten mussten, sondern auch die Zuhörer wenig Atem zum Verweilen erhielten. Letztlich war aber die Konsequenz, mit der Frang ihren auch klanglich jederzeit beeindrucken Ritt durch das Konzert durchzog, absolut überzeugend und dafür gab es großen Beifall. Der steigerte sich am Ende des Konzertes noch einmal, denn der junge finnische Dirigent Rouvali sorgte noch für ein weiteres außergewöhnliches Musikerlebnis.

Die 1. Sinfonie e-Moll von Jean Sibelius steht manchmal etwas im Schatten der späteren, populäreren Sinfonien des Komponisten, doch Rouvali behandelte sie von den ersten Takten an als zu polierenden Diamanten und konnte dabei dem Können der Dresdner Philharmonie vertrauen, die seine ebenfalls körperbetonte, von viel Emotion getragenener Interpretation gut umsetzte.

Offenes Potenzial gab es manchmal in unterschiedlicher Auffassung der Pulsation der Musik, hier und da auch in der Genauigkeit, so etwa der Rhythmisierung des Hauptthemas nach dem wunderbar entspannten, einleitenden Klarinettensolo im 1. Satz. Ein permanent unterschwellig zu spürender Drang in der Musik konnte etwa in den Orgelpunkten der tiefen Instrumente auch zu unterschiedlicher Spannungsauffassung führen. Doch vielleicht offenbart auch gerade diese Tatsache die Lebendigkeit der Aufführung, die niemals zu ausgestellter Perfektion führte, sondern eher zu einer Betrachtung mit großem Anspruch und viel inniger Liebe, die Rouvali vom Dirigentenpult unzweifelhaft zu diesem Werk verströmte. Dementsprechend erlöst und gelöst reagierte der sympathische Finne auch nach den letzten beiden Pizzicati, mit denen sich Sibelius' Sinfonie in einen offenen Klangraum verabschiedet - die skandinavischen Klanggemälde im Frauenkirchenkonzert gelangen intensiv und mit Leidenschaft.

Blitzend und glänzend

Beethoven, Reger und Strauss im 11. Kapellkonzert

Der in Dänemark geborene Geiger und Dirigent Nikolaj Znaider ist den Zuhörern der Kapellkonzerte durch viele Auftritte vertraut - im letzten Jahr interpretierte er das 1. Violinkonzert von Dmitri Schostakowitsch, hat mit Sir Colin Davis das Elgar-Konzert aufgenommen, und schon 2008 spielte er mit dem Gustav-Mahler-Jugendorchester das Violinkonzert von Ludwig van Beethoven in der Semperoper. Im 11. Sinfoniekonzert am Sonnabendvormittag stand ihm in diesem Werk Chefdirigent Christian Thielemann mit der Sächsischen Staatskapelle zur Seite.

Und diese Verbindung war fruchtbar in dem Sinne, dass die Intentionen von Orchester und Solist durchweg in die gleiche Richtung gingen, sich somit viel Harmonie herstellte und sich der sinfonische Charakter des Konzertes unmittelbar mitteilte. Schon in der Einleitung spekulierte Thielemann wenig auf Wundersames, sondern nahm zielgerichtet das erste Tutti in Angriff, und ebenso robust und volltönig tauchte Znaider im ersten Solo auf. Technisch jederzeit brillant und vor allem im ersten Satz mit selbstbewusst auftrumpfendem Ausdruck spielend tauchte beim Hören die Frage auf, ob diese vor Überdeutlichkeit sprudelnde Interpretation dem Konzert überhaupt gerecht wird.

Breitwandiger Orchesterklang und ein von Znaider saftig herausgespielter, dynamisch welliger Saitenklang auch in den kleinen Notenwerten im Solo sorgte für einen chromartigen Eindruck: es blitzte und glänzte überall, und das setzte sich auch in den Kadenzen und im Schönklang des 2. Satzes fort. Diese Art der kompetenten Veredelung des Werkes wirkte in der Summe schon fast wieder ungewöhnlich, widmete man sich doch hier überwiegend der hellen Qualität des D-Dur, dem strahlend Musikantischen. Und sicher ist es durchaus legitim, nicht in jeder Lesart das Konzert bis auf die Knochen auszuweiden, solange, wie hier geschehen, die emotionale Spannung der Musik zu tragen vermag.

Nach der Pause widmete sich die Staatskapelle erneut Max Reger, zu dessen 100. Todestag diesmal die 1914 entstandenen "Mozart-Variationen" erklangen. Man möchte das Werk eher "Mozart-Verstrickungen" nennen, denn alles, was noch klar und klassisch ist, ist lediglich das Ursprungsthema aus Mozarts Klaviersonate KV 331, der Rest ist in spätromantischer Dichte (und dennoch in nicht übertrieben großer Besetzung) harmonisch ganz schön aufgebläht und trotzdem reizvoll in der Instrumentierung und Motivverarbeitung.

Thielemann hatte mit der nah an Wagner liegenden, üppigen Mehrschichtigkeit der Varationen und der schnittartig wechselnden Charakterisierung keinerlei Probleme: sofort stellte sich ein transparenter und zu den Höhepunkten des Werkes nicht schiebender, sondern eher wogender Klang her, auch die etwas knöcherne Fuge bekam eine gewisse Samtigkeit verpasst, sodass die volltönende Reprise des Originalthemas am Ende aus natürlichem Schwung entstand.

Dass ausgerechnet Richard Strauss' Tondichtung "Till Eulenspiegel" den Abschluss des Konzertes bildete, könnte als bissiger Kommentar verstanden werden: "Guck, Max, so komponiert man!" - Wild, drängend, leichtfertig, drohend - so Strauss in seinen Partituranweisungen - soll die Schelmengeschichte umgesetzt werden. Thielemann gab seinem Till ordentlich Pfeffer, sich stets in der vertrauenden Gewissheit befindlich, dass die Kapellpferde niemals durchgehen würden, sondern in diesem Werk so erst recht zur Hochform auflaufen. Und so war es auch, mit fantastischen Soli in Horn und Es-Klarinette und einem gemeinsam zelebrierten Strauss-Klang, nach dem man - erneut - wieder süchtig werden kann.

Anspruchsvolle Kammermusik

Junge Interpreten des Curtis Institute in zwei Konzerten bei den Musikfestspielen

Was eint Hilary Hahn, Leonard Bernstein und Lang Lang? Sie alle sind Absolventen des weltweit bekannten "Curtis Institute of Music". Neben der Juilliard School und der Yale University ist das 1924 in Philadelphia gegründete Institut eine der bedeutendsten musikalischen Talentschmieden in den Vereinigten Staaten. Die selbstverständliche Einbeziehung von Tradition und Moderne spiegelte sich auch in den beiden Konzertprogrammen der sechs Studenten wider, die derzeit als "Curtis on Tour" durch Europa reisen. Obwohl das Institut, das zur intensiven Ausbildung die Schülerzahlen niedrig hält und äußerst schwere Aufnahmekriterien hat, vornehmlich Orchestermusiker ausbildet, ist Kammermusik wesentlicher Bestandteil der Aktivitäten am Curtis Institute - die öffentliche Darbietung ohnehin.

Dieses hohe, professionelle Niveau spürte man sofort bei den Konzerten am Dienstag und Mittwoch in der Musikhochschule. Keineswegs hatten die Programme den Charakter der oberflächlichen Virtuosendarstellung, was mit Kompositionen von Dmitri Schostakowitsch oder Olivier Messiaen ohnehin nicht Absicht der Darbietung sein kann. Eher bekam man einen anspruchsvollen Querschnitt aus der Musikgeschichte präsentiert, der in diesen jugendlich musikantischen, sofort in die Tiefe der Werke eindringenden Interpretationen das nicht gerade zahlreich erschienene Publikum begeisterte - vielleicht hätten Hochschule und Musikfestspiele die Tourkonzerte als Curtis-Porträt gemeinsam intensiver integrieren können.

Im ersten Konzert gab es nach dem berühmten, mit viel positiver Energie musizierten Kegelstatt-Trio von Mozart ein modernes Werk des US-Amerikaners David Ludwig: "Our long war" nach einem Gedicht von Katie Ford war eine intensiv wirkende poetische Szene - von Heather Stebbins (Sopran), Stephen Tavani (Violine) und Chelsea Wang (Klavier) wurde sie mit dramatischer Spannung ausgeführt.

Das Hauptwerk des Abends war Messiaens "Quartett auf das Ende der Zeit" - das Werk ist ja aufgrund seiner Entstehung im Gefangenenlager in Görlitz 1941 jährlich beim "Meetingpoint Music Messiaen" zu erleben. Somit war spannend zu hören, wie sich junge Musiker in diesen Kosmos einfinden. José Franch-Ballester (Klarinette) und Zachary Mowitz (Cello) traten nun zu Klavier und Violine hinzu und schufen eine außerordentlich intensive Interpretation, wobei die im Ensemble besetzen Sätze durchaus noch mehr mit Geduld erzeugte Schärfe vertragen hätten. Dafür waren die Soli von Cello, Klarinette und Violine traumhaft gut getroffen. Der Versuch, die Farbebenen des "Quatuor" im Saal widerzugeben, war eher halbherzig, denn eine solche Inszenierung des Raumes benötigt einiges mehr als ein paar farbige Scheinwerfer für die Hinterwände.

Tags darauf setzte Curtis seine kleine Residenz mit einem ebenso farbigen Konzertprogramm fort. Den Löwenanteil hatte dabei die in allen Werken präsente und überaus stilistisch sichere wie persönlich ausdrucksstarke Chelsea Wang am Klavier zu bewältigen. Ihre Initiative war es auch, die Strawinskys "L'histoire du soldat" knackig und theatral wirken ließ. Gleich darauf schalteten die Musiker - mit Ayane Kozasa, Viola - für Max Bruchs "Acht Stücke" Opus 83 in zuckersüße Spätromantik um, um am Ende erneut ein hochintensives Musikerlebnis zu bereiten.

Dmitri Schostakowitschs späte "Sieben Romanzen nach Gedichten von Alexander Blok", Opus 127 für Sopran und Klaviertrio erklingen selten auf den Konzertpodien, und wenn man eine solch reife, von der Sopranistin Heather Stebbins sowohl in der dem Charakter entsprechenden Linienführung der Stimme wie auch in der russischen Diktion gut getroffene Interpretation miterlebt, darf man sich glücklich schätzen.

Vor dem finalen Biss

Daniil Trifonov und das Pittsburgh Symphony Orchestra bei den Musikfestspielen

Noch aus den 60-er Jahren stammt der Begriff der "Big Five", mit denen die fünf großen US-amerikanischen Orchester in Boston, Chicago, Cleveland, New York und Philadelphia zusammengefasst wurden. Das ging freilich mit hohen Klangidealen und berühmten Orchestererziehern einher. Heute wissen wir, dass viele Städte in den USA über hervorragende Klangkörper verfügen. Der Österreicher Manfred Honeck leitet seit 2008 das Pittsburgh Symphony Orchestra, das bei seiner Europatournee zu den Musikfestspielen in Dresden gastierte - der kleine Wermutstropfen am Montagabend war die akustisch schwierige Spielstätte im Albertinum. Im Gepäck hatten die Amerikaner klassisches und romantisches Repertoire, und besonders gespannt war man auf den Solisten des Abends.

Der in Wettbewerben hoch ausgezeichnete und rund um den Erdball erfolgreiche Russe Daniil Trifonov gilt als neuer Stern am Klavierhimmel. Wenn es überhaupt etwas zu beanstanden gab, dann wohl die Kompaktheit des 1. Klavierkonzertes Es-Dur von Franz Liszt, die verantwortlich dafür war, dass das Erlebnis Trifonov nur gut zwanzig Minuten währte. Doch das hatte es in sich. Mit einer nur animalisch zu nennenden Hochspannung stürzte sich Trifonov auf das Werk, und vom ersten Klaviereinsatz war klar, dass er dieses Konzert derart dominierte, wie es eben eine Katze mit der sicher gefangenen Maus tut, bevor sie den finalen Biss ansetzt: Trifonov begab sich in ein ekstatisches Spiel, das dem Werk absolut immanent ist, und selten genug besitzen Pianisten die Fähigkeit oder den Mut, diese Urkraft aus dem Liszt-Konzert wirklich hervorzukitzeln.

Daniil Trifonov gelang noch weitaus mehr, weil er den Spannungsbogen bis zum letzten Akkord hielt und dazwischen Kindlich-verspieltes einstreute, als säße er nicht auf einem Konzertpodium, sondern würde ausgelassen über einen (klavieristischen) Spielplatz toben. Dafür gab es tosenden Beifall und die Dresdner dürfen sich außerordentlich über seine Residenz in der kommenden Saison bei der Staatskapelle Dresden freuen. Manfred Honeck leistete mit den Pittsburghern bei Liszt eine saubere Begleitarbeit; auf das Löwenparkett von Trifonov traute sich das Orchester mit Bedacht nicht, um ihm stattdessen sichere Basis zu gewähren.

Zuvor hatten die US-Amerikaner das Konzert mit Joseph Haydns 93. Sinfonie D-Dur eingeleitet, ein Repertoire, das einem amerikanischen Orchester nicht unbedingt als vertraut zugeschrieben wird. Im Albertinum lag dann auch die größte Schwierigkeit darin, die Sinfonie leicht und luftig zu musizieren, doch Manfred Honeck hatte - mit wienerischen Auftakten und viel dynamischer Transparenz - wenig Probleme, die Charaktere der Musik zu treffen. Das gelang vor allem gut, weil viel Musizierfreude im Orchester zu spüren ist, die Haydn natürlich zugute kommt. Mit dem Abschlusswerk konnte das Pittsburgh Symphony Orchestra dann die Trumpfkarte ausspielen.

Natürlich ist die 4. Sinfonie f-Moll von Peter Tschaikowsky immer ein Glanzstück, aber sie offenbart eben auch besondere Qualitäten eines Orchesters. Was die Amerikaner hier an Spielkultur, Aufmerksamkeit für Honecks motivierendes Dirigat und knackiger Bläserattacke im Tutti zeigten, war außergewöhnlich stark und die Interpretation war in allen vier Sätzen mitreißend intensiv. Mit einem Satz aus dem Ballett "Dornröschen" von Tschaikowsky und dem Galopp aus "Maskerade" von Aram Chatschaturjan verabschiedete sich das Pittsburgh Symphony Orchestra aus Dresden. Ein Kammerensemble des Orchesters musizierte am Sonntag in der Gedenkstätte Theresienstadt und erinnerte an vergessene Werke entarteter Komponisten - schön, dass die Musiker neben den großen Konzerten einer Tournee solch wichtigen Initiativen nachgehen.

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